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#101

RE: FASTENZEIT - Zur Entwicklung der christlichen Fastenpraxis

in Für Gäste: Fragen zum Forum / Beiträge 26.02.2020 08:01
von Blasius • 3.854 Beiträge





Benedikt XVI.
Papst von 2005-2013


Generalaudienz vom 21. Februar 2007 (© Libreria Editrice Vaticana)

Die Fastenzeit, ein Weg zur wahren Freiheit

Seit den Ursprüngen wird daher die Fastenzeit als eine Zeit der unmittelbaren Vorbereitung auf die Taufe gelebt, die in der Osternacht feierlich gespendet werden soll. Die ganze Fastenzeit war ein Weg hin zu dieser großen Begegnung mit Christus, zu diesem Eintauchen in Christus und dieser Erneuerung des Lebens. Wir sind schon getauft, aber die Taufe ist in unserem Alltagsleben oft nicht sehr wirksam. Darum ist auch für uns die Fastenzeit ein neues „Katechumenat“, in dem wir erneut unserer Taufe entgegengehen, um sie wieder neu zu entdecken und zutiefst wieder zu erleben, um wieder wirklich Christen zu werden. Die Fastenzeit ist also eine Gelegenheit, um wieder neu Christen „zu werden“, durch einen ständigen Prozess des inneren Wandels und des Fortschreitens in der Erkenntnis und in der Liebe Christi.

Die Umkehr geschieht nie ein für allemal, sondern sie ist ein Prozess, ein innerer Weg während unseres ganzen Lebens. Dieser Weg der dem Evangelium entsprechenden Umkehr darf sich gewiss nicht auf eine besondere Periode des Jahres beschränken: Es ist ein Weg, der jeden Tag zu gehen ist, der den ganzen Bogen der Existenz, jeden Tag unseres Lebens umfassen muss. […] Umkehren: Was heißt das wirklich? Umkehren heißt Gott suchen, mit Gott gehen, die Lehren seines Sohnes, Jesu Christi, willig befolgen. Umkehren ist nicht ein Bemühen um Selbstverwirklichung, denn der Mensch ist nicht der „Architekt“ seines eigenen ewigen Schicksals. Wir haben uns nicht selbst gemacht. Deshalb ist die Selbstverwirklichung ein Widerspruch und für uns auch zu wenig. Wir haben eine höhere Bestimmung. Wir könnten sagen, dass die Umkehr gerade darin besteht, sich nicht als „Schöpfer“ seiner selbst zu betrachten und so die Wahrheit zu entdecken, denn wir sind nicht die Urheber von uns selbst. Umkehr besteht darin, frei und mit Liebe zu akzeptieren, dass wir in allem von Gott, unserem wahren Schöpfer, abhängig sind, dass wir von der Liebe abhängig sind. Das ist nicht Abhängigkeit, sondern Freiheit.

SIEHE AUCH: DIE FASTENZEIT

Liebe Grüße, Blasius


zuletzt bearbeitet 26.02.2020 08:58 | nach oben springen

#102

RE: FASTENZEIT - Zur Entwicklung der christlichen Fastenpraxis

in Für Gäste: Fragen zum Forum / Beiträge 27.02.2020 07:46
von Blasius • 3.854 Beiträge



Hl. Franz von Sales (1567-1622)
Bischof von Genf und Kirchenlehrer

Geistliche Gespräche, 15. Gespräch II,2.6.11; III.2
(in: Werke des hl. Franz von Sales, Eichstätt 2002, Band II, S. 210.213–214.219.221)

Der Verzicht auf sich selbst

Wir lieben uns selber auch auf verschiedene Weise, denn unsere Selbstliebe ist sowohl eine Tat- als auch eine Gefühlsliebe. Die Tatliebe beherrscht die Großen, die Machthungrigen, die Geldgierigen, die Besitz um Besitz zusammenraffen und nie genug haben. Andere lieben sich wieder eher mit einer mehr sentimentalen Liebe, sie gehen sehr zärtlich mit sich um und tun nichts, als sich verhätscheln, verpäppeln und pflegen. Immer sind sie voller Angst, dass ihnen etwas schaden könnte. Es ist geradezu ein Jammer! […]

Seelische Verweichlichung ist noch unausstehlicher als körperliche. Leider wird sie gerade von geistlichen Personen am meisten gepflegt und großgezogen; sie möchten ohne Anstrengung mit einem Schlag heilig sein; ja, sie möchten sogar verschont bleiben von allen Kämpfen, welche das Niedere in unserer Seele mit seinem Widerstreben gegen alles, was der Natur entgegen ist, heraufbeschwört. […]

Unseren Widersprüchen widersprechen, unseren Neigungen abgeneigt sein, unsere Gefühle unterdrücken, auf unsere eigene Meinung verzichten – das alles kann die gefühlvolle, sentimentale Liebe, die wir für uns hegen, nicht zulassen, ohne Ach und Weh zu schreien. Und das ist die Ursache, dass wir untätig bleiben. […]

Auch trüge ich lieber ein kleines Strohkreuz, das mir auf die Schultern gelegt würde, ohne dass ich es wählte, als ein großes Kreuz, das ich mir mit großer Mühe selber aus dem Wald geholt und an dem ich recht schwer schleppen müsste. Ich glaube, dass ich dem lieben Gott wahrscheinlich mit dem Strohkreuz lieber bin als mit dem anderen großen, das ich mir mit vieler Plage und vielen Schweißtropfen selber gezimmert habe. Denn dieses selbstgewählte Kreuz tragen, ist eine größere Befriedigung für die Eigenliebe, die ein großes Gefallen an dem hat, was sie sich selber zurechtlegt, während es ihr nicht gefällt, sich einfach führen und leiten zu lassen.

SIEHE AUCH: 1.  STAUB BIN ICH UND ASCHE – GEBET AM BEGINN DER FASTENZEIT-Franz von Sales


Liebe Grüße Blasius


zuletzt bearbeitet 27.02.2020 09:17 | nach oben springen

#103

RE: FASTENZEIT - Zur Entwicklung der christlichen Fastenpraxis

in Für Gäste: Fragen zum Forum / Beiträge 07.03.2020 09:06
von Blasius • 3.854 Beiträge



Die heilige Fastenzeit
29 FEBRUAR, 2020


von Franz Spirago

Als Christus 30 Jahre alt war, ließ er sich von Johannes im Jordan taufen und fastete hier­auf 40 Tage in der Wüste, wo er vom Teufel versucht wurde (Mt 4).



Christus war 30 Jahre alt, als er zu lehren anfing (Lk 3,23). Alle apostolischen Männer zogen sich in die Einsamkeit zurück, bevor sie öffentlich auftraten, so z. B. Moses, Johannes der Täufer und die Apostel vor dem Pfingstfeste. Durch sein Fasten und seinen siegreichen Kampf mit dem Teufel wollte Christus als der neue Adam für den sündhaften Genuss der verbotenen Frucht im Paradies und für den Fall Adams in der Versuchung Genugtuung. Die Zahl 40 kommt oft in der Religion vor; sie ist die Zahl der Buße.



Zur Erinnerung an das Fasten Christi setzte die Kirche die 40-tägige Fasten­zeit ein. In den ersten christlichen Jahrhunderten begann man an einzelnen Orten das 40-tägige Fasten schon am 70. Tage vor Ostern, an anderen Orten am 60., wieder an anderen am 50. Tage vor Ostern. Man ließ aber an einzelnen Wochentagen das Fasten aus, sodass die ganze Fastenzeit doch nur 40 Tage dau­erte. Daher die Bezeichnung Septuagesima, Sexagesima, Quinquagesima (= der siebzigste, sechzig­ste, fünfzigste Tag) für jene drei Sonntage, die unserem 40-tägigen Fasten vorausgehen. Jetzt beginnt die 40-tägige Fastenzeit überall mit dem Aschermittwoch, dem 46. Tag vor Ostern.



Da die sechs Sonntage in der Fastenzeit keine Fasttage sind, so dauert die Fastenzeit doch nur 40 Tage. „Aschermittwoch“ sagen wir, weil an diesem Tage der Priester den Gläubigen Asche auf die Stirne streut mit den Worten: „Gedenke, o Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst.“ Durch diese Worte, die Gott nach dem Sündenfalle Adams gesprochen hat (Gen 3,19), und durch die Asche will und die Kirche lebhaft an den Tod und das Grab erinnern und uns dadurch zu bußfertiger Gesinnung bewe­gen. Die Asche wird genommen von den verbrannten Palmen, die am Palmsonntage des vorausge­gangenen Jahres geweiht worden sind, um uns so die Nichtigkeit aller irdischen Freude und Herrlichkeit noch deutlicher vorzustellen.



Die Fastenzeit dauert vom Aschermittwoch bis zum Beginn des Osterfe­stes. In dieser Zeit sollen sich die Erwachsenen nur einmal täglich sättigen (3. Kirchen­gebot) und alle Christen sollen lärmende Lustbarkeiten vermeiden (5. Kirchengebot) und das Leiden Christi betrachten. (Daher die Fastenpredigten und das Verhängen der Altar­bilder.) Der Priester liest an den Sonntagen die hl. Messe im violetten Messgewande, um uns zur Buße zu ermahnen.



Statt mit den Worten „Ite missa est“ entlässt er bei der Messe das Volk mit „Bene­dicamus Domino“ (= Lobet den Herrn). Damit soll gesagt sein: „Vergesset nicht darauf, in dieser Zeit eifrig zu beten.“. Die drei Tage vor dem Aschermittwoch (oder überhaupt die Zeit vom Dreikönigs­feste bis zum Aschermittwoch) nennt man Fasching, welches Wort wahrscheinlich von Fastenschank, Verabreichung des üblichen Fastentrunkes, herkommt. (Das Wort „Bastschang“ findet sich bereits 1283 in einer Weberordnung der Stadt Passau.) Die drei Faschingstage vor dem Aschermittwoch heißen auch Karneval, vom lateinischen caro vale = Fleisch lebe wohl, oder von carrus navalis (Schiffs­wagen), da die Germanen besonders in der Nähe des Meeres und der Flüsse beim Einzug des Frühlings mit einem auf Räder laufenden Schiffe im feierlichen Umzug herumfuhren. (Sebastian Brand spielt in seinem „Narrenschiff“ darauf an.)



Um uns von übertriebenen Lustbarkeiten an diesen Tagen abzuhalten und Gott für die vielen Beleidigungen, die ihm in diesen Tagen zugefügt werden, Genugtuung zu leisten, setzt die Kirche das Allerheiligste aus und verrichtet das sogenannte 40-stündige Gebet. Die vielen Torheiten, die vor dem Aschermittwoch aufgeführt werden (namentlich Maskenzüge und Maskentänze) stammen aus den Zeiten des Heidentums. Die Heiden feierten nämlich im Monat Februar, wo der Tag wieder auffallend zunimmt, das neue Jahr oder die Wiederkehr des angeblich auf einem Wagen einherfahrenden Sonnengottes.



Am 5. Sonntag in der Fastenzeit werden die Kreuze verhüllt, um zu versinnbildlichen, dass sich Christus vor seinem Leiden verbergen musste, um nicht schon früher getötet zu werden (Joh 11,54). Der genannte Sonntag heißt Passionssonntag (Leidenssonn­tag), weil sich die Kirche von ganz besonders der Betrachtung des Leidens Christi hingibt. Deshalb lässt sie auch in der Woche vor Ostern viermal die Passion, das ist die Leidensgeschichte Christi, nach den vier Evangelien vorlesen und außerdem Trauermetten, d. i. Gesänge, die sich auf das Leiden Christi beziehen, abhalten.

QUELLE: DISTRIKT DEUTSCHLAND

https://fsspx.de/de/news-events/news/die...fastenzeit-6881


SIEHE AUCH:

Fastenzeit - Begrifferklärung


Aschermittwoch / Fastenzeit


Liebe Grüße, Blasius


zuletzt bearbeitet 07.03.2020 09:11 | nach oben springen

#104

RE: FASTENZEIT - Zur Entwicklung der christlichen Fastenpraxis

in Für Gäste: Fragen zum Forum / Beiträge 23.03.2024 20:50
von Blasius • 3.854 Beiträge




Zum Palmsonntag



Es bleibt mir noch eine Einteilung im Gebet zu erklären, sowohl im Geistesgebet wie im mündlichen. Wir wenden uns in zweifacher Weise an Gott, um ihn zu bitten. Beide hat Unser Herr empfohlen und unsere heilige Mutter Kirche geboten. Wir bitten nämlich Gott das eine Mal unmittelbar, ein andermal mittelbar, so wenn wir die Antiphonen Unserer lieben Frau beten, das Salve Regina und andere. Wenn wir unmittelbar beten, üben wir das kindliche Vertrauen, das sich auf Glaube, Hoffnung und Liebe stützt. Wenn wir mittelbar und durch die Vermittlung eines anderen bitten, üben wir die heilige Demut, die aus unserer Selbsterkenntnis hervorgeht. Wenn wir uns unmittelbar an Gott wenden, berufen wir uns auf seine Güte und seine Barmherzigkeit, auf die wir unser ganzes Vertrauen setzen; wenn wir aber mittelbar beten, Unsere liebe Frau, die Heiligen und die seligen Geister um ihren Beistand bitten, tun wir das, um von der göttlichen Majestät besser aufgenommen zu werden, und dann berufen wir uns auf seine Erhabenheit und Allmacht und auf die Ehrfurcht, die wir ihm schulden.

Ich möchte der letzten Predigt noch ein Wort hinzufügen über die äußere Ehrfurcht, die wir beim Gebet haben müssen. Unsere Mutter Kirche bestimmt genau, welche Haltung wir nach ihrem Wunsch beim Rezitieren des Offiziums einnehmen sollen: einmal stehen, einmal sitzen, dann knien; einmal das Haupt bedeckt, einmal unbedeckt. Alle diese Verhaltensweisen sind aber nichts anderes als Gebete. Alle Zeremonien der Kirche sind erfüllt von tiefem Sinn; die frommen, demütigen und einfältigen Seelen empfangen sehr viel Trost bei ihrem Anblick. Sagt mir doch, was nach eurer Meinung die Zweige bedeuten, die wir heute in Händen halten? Doch nichts anderes, als daß wir Gott bitten, er möge uns siegen lassen durch das Verdienst und den Sieg, den Unser Herr am Baum des Kreuzes errungen hat.

Beim Gottesdienst müssen wir darauf achten, die Haltung einzunehmen, die in unseren Meßbüchern angegeben ist. Welche Ehrfurcht aber müssen wir in unseren persönlichen Gebeten wahren? Wir stehen genau so vor Gott wie bei den gemeinsamen Gebeten, wenn wir auch bei den gemeinsamen wegen der Erbauung des Nächsten besonders sorgfältig darauf bedacht sein müssen. Die äußere Ehrfurcht trägt viel zur inneren bei. Wir haben verschiedene Beispiele dafür, daß wir uns auch beim persönlichen Gebet in großer äußerer Ehrfurcht halten müssen. Hört den hl. Paulus (Eph 3,14): Ich beuge mein Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, sagt er für uns alle. Und seht ihr nicht, daß unser Erlöser selbst sich zu Boden warf, als er zu seinem Vater betete (Mt 26,39; Mk 14,35)?

Noch dieses Beispiel: Ihr wißt sicher, daß der große hl. Paulus der Einsiedler viele Jahrzehnte in der Wüste lebte. Als ihn der hl. Antonius aufsuchte, traf er ihn im Gebet. Er sprach mit ihm und entfernte sich wieder. Als er ihn aber das nächste Mal besuchen kam, fand er ihn in derselben Haltung wie beim ersten Mal: das Haupt erhoben, die Augen zum Himmel gerichtet, die Hände gefaltet, auf beiden Knien liegend. Nachdem der hl. Antonius schon lange gewartet hatte, begann er sich zu wundern, daß er ihn nicht seufzen hörte, wie er es gewöhnlich getan hatte. Er blickte auf, und als er ihm ins Gesicht schaute, erkannte er, daß er tot war. Es sah so aus, als ob sein Leib, der im Leben so viel gebetet hatte, auch nach seinem Tod noch betete. Mit einem Wort, der ganze Mensch muß beten. David sagt, daß sein ganzes Gesicht betete (Ps 27,8), daß seine Augen so aufmerksam auf Gott gerichtet waren, so daß sein Augenlicht ganz geschwächt war (Ps 69,4) und sein Mund geöffnet wie der Schnabel eines Vögelchens, wenn es merkt, daß seine Mutter kommt, es zu atzen. In jedem Fall aber ist jene Haltung die beste, die uns die größte Aufmerksamkeit ermöglicht. Ja selbst das Liegen ist gut und scheint selbst zu beten. Seht ihr nicht den heiligen Mann Ijob auf seinem Misthaufen liegend ein so vorzügliches Gebet verrichten, daß es von Gott gehört zu werden verdiente (Ijob 42,9f)? Nun, das sei nur nebenbei gesagt.

Sprechen wir nun vom Geistesgebet; und wenn es euch recht ist, will ich euch durch einen Vergleich mit dem Tempel Salomos zeigen, daß es in der Seele vier Schichten gibt. In diesem Tempel gab es erstens einen Vorhof, der für die Heiden bestimmt war, damit sich niemand von der Anbetung entschuldigen konnte. Deshalb war dieser Tempel der göttlichen Majestät wohlgefälliger, da es kein Volk gab, das ihm nicht an diesem Ort seine Huldigung erweisen konnte. Die zweite Abteilung war für die Juden bestimmt, Männer und Frauen, wenn man auch später eine Trennung einführte, um Anstößiges zu verhindern, das entstehen konnte, wenn sie beisammen waren. Weiter aufsteigend gab es dann die Abteilung für die Priester und schließlich die höchste Abteilung, bestimmt für die Kerubim und ihren Herrn. Hier stand die Bundeslade und hier offenbarte Gott seinen Willen; sie wurde das Allerheiligste genannt.

In unserer Seele gibt es die erste Schicht; das ist eine bestimmte Erkenntnis, die wir durch die Sinne gewinnen. So erkennen wir durch unsere Augen, ob ein Gegenstand grün, rot oder gelb ist. Dann aber gibt es eine Stufe oder Schicht, die schon etwas höher ist, nämlich eine Erkenntnis, die wir durch die Überlegung gewinnen. Wenn z. B. ein Mensch an einem Ort mißhandelt wurde, wird er durch Überlegung herauszufinden versuchen, wie er vermeiden kann, an diesen Ort zurückzukehren. Die dritte Schicht ist die Erkenntnis, die wir durch den Glauben haben. Die vierte, das Allerheiligste, ist die feine Spitze unserer Seele, die wir Geist nennen. Da diese feine Spitze stets auf Gott gerichtet ist, dürfen wir uns nicht verwirren lassen.

Die Schiffe auf dem Meer haben alle einen Kompaß, dessen Nadel, vom Magnet angezogen, stets auf den Polarstern zeigt. Selbst wenn das Schiff nach Süden fährt, zeigt die Kompaßnadel dennoch unablässig nach dem Nordpol. So scheint es auch manchmal, als ob sich die Seele ganz nach der Sünde wende, so sehr ist sie von Zerstreuungen beunruhigt; die feine Spitze der Seele aber schaut unablässig auf Gott, der ihr Pol ist. Selbst die fortgeschrittensten Menschen haben manchmal so große Versuchungen, selbst gegen den Glauben, daß es ihnen scheint, die ganze Seele stimme zu, so verwirrt ist sie. Sie haben nur noch diese feine Spitze, die widersteht; und dieser Teil unserer Seele ist es, der das Geistesgebet vollzieht, denn obwohl alle anderen Fähigkeiten und Kräfte der Seele von Zerstreuungen erfaßt sind, betet der Geist in seiner feinen Spitze.

Nun, im Geistesgebet gibt es vier Teile; der erste ist die Betrachtung, der zweite die Beschauung, der dritte sind die Herzenserhebungen, der vierte die einfache Gegenwart Gottes. Der erste Teil geschieht durch die Betrachtung in der Weise: wir wählen ein Geheimnis, z. B. Unseren Herrn am Kreuz; wenn wir ihn uns vorgestellt haben, erwägen wir seine Tugenden: seine Liebe gegen seinen Vater, die ihn den Tod erdulden läßt, den Tod am Kreuz (Phil 2,8), viel mehr um ihm zu gefallen, als um ihm nicht zu mißfallen; seine große Sanftmut, Demut und Geduld, mit der er so große Schmähungen erduldete; schließlich seine große Liebe gegen jene, die ihn töteten, indem er inmitten der größten Schmerzen für sie betete (Lk 23,34). Wenn wir das alles erwogen haben, wird unser Gemüt bewegt zum glühenden Verlangen, ihn in seinen Tugenden nachzuahmen. Dann gehen wir dazu über, den ewigen Vater zu bitten, daß er uns seinem Sohn gleichförmig mache(Röm 8,29).

Die Betrachtung geschieht so, wie es die Bienen machen, wenn sie den Honig sammeln. Sie sammeln den Honig, der vom Himmel auf die Blüten fällt, nehmen ein wenig vom Saft der Blüten selbst und tragen ihn in den Bienenkorb. So verkosten auch wir die Tugenden Unseres Herrn eine nach der anderen, um dadurch zur Nachahmung angeregt zu werden. (Dann schauen wir sie alle zusammen mit einem Blick in der Beschauung.) Gott betrachtete bei der Schöpfung (vgl. Tr. 6,5). Seht, wie er, nachdem er den Himmel geschaffen hat, sagt, daß er gut war. Ebenso tat er, nachdem er die Erde geschaffen, die Tiere und schließlich den Menschen. Er fand alles gut, indem er eines nach dem anderen betrachtete; als er aber alles zusammen sah, was er geschaffen, sagt er, daß alles sehr gut war (Gen 1,10-25.31).

Nachdem die Braut im Hohelied (5,9-16) ihren Vielgeliebten gepriesen hat wegen der Schönheit seiner Augen, seiner Lippen, kurz nacheinander aller seiner Glieder, schließt sie folgendermaßen: Wie schön ist mein Vielgeliebter, wie liebe ich ihn; er ist mein Allerliebster! Das ist die Beschauung. Denn wenn wir Geheimnis um Geheimnis erwägen, wie gut Gott ist, kommen wir dahin, wie es mit den Stricken unserer Schiffe geht: wenn man sehr kräftig rudert, erhitzen sich die Stricke derart, daß sie Feuer fangen, wenn man sie nicht anfeuchtet. Unsere Seele dagegen, die sich den zu lieben erwärmt, den sie als so liebenswert erkannt hat, schaut fortwährend auf ihn, weil sie sich immer mehr daran erfreut, ihn so schön und so gut zu sehen.

Der Bräutigam im Hohelied (5,1 nach Sept. und Vätern) sagt: Komm, meine Vielgeliebte, denn ich habe meine Myrrhe gesammelt, ich habe mein Brot gegessen und meine Honigscheibe, ich habe meinen Wein mit meiner Milch getrunken. Kommt, meine Vielgeliebten, eßt und berauscht euch, meine Teuersten. Diese Worte stellen uns die Geheimnisse vor Augen, die in den nächsten Wochen gefeiert werden. Ich habe meine Myrrhe gesammelt und mein Brot gegessen; das geschieht im Tod und in der Passion des Erlösers. Ich habe meine Honigscheibe gegessen; das geschieht, wenn er seine Seele wieder mit dem Leib vereinigt. Zum Schluß fügt der Bräutigam hinzu: meinen Wein mit meiner Milch. Der Wein versinnbildet die Freude seiner Auferstehung, die Milch seinen freundlichen Umgang. Er hat sie beide zugleich getrunken, denn er bleibt vierzig Tage nach seiner Auferstehung auf der Erde (Apg 1,3), sucht seine Jünger auf, läßt sie seine Wundmale berühren und ißt mit ihnen. Wenn er aber sagt: Eßt, meine Vielgeliebten, will er damit sagen: betrachtet. Ihr wißt doch, damit man das Fleisch schlucken kann, muß man es zuerst kauen und zerkleinern und oftmals im Mund von einer Seite auf die andere schieben. So müssen wir es auch mit den Geheimnissen Unseres Herrn machen: man muß sie zergliedern und mehrmals in unserem Verstand hin- und herbewegen, bevor wir unseren Willen erwärmen und zur Beschauung kommen. Der Bräutigam schließt dann: Berauscht euch, meine Teuersten. Was will das heißen? Ihr wißt wohl, daß man den Wein nicht zu kauen gewohnt ist; man schluckt ihn nur. Das versinnbildet uns die Beschauung, bei der man nicht kaut, sondern nur schluckt. Du hast genug betrachtet, wie gut ich bin, scheint der göttliche Bräutigam zu seiner Vielgeliebten zu sagen: schau mich an, und du wirst dich daran ergötzen zu sehen, daß ich es bin.

Der hl. Franziskus verbrachte eine Nacht damit zu wiederholen: Du bist „mein Alles“. Er sprach diese Worte in der Beschauung, als wollte er sagen: Ich habe dich Stück für Stück betrachtet, mein Herr, und habe gefunden, daß du überaus liebenswert bist; nun schaue ich dich an und sehe, daß du „mein Alles“ bist. Der hl. Bruno begnügte sich mit den Worten: „O Güte!“ Der hl. Augustinus: „O alte und neue Schönheit!“ Du bist alt, weil du ewig bist, aber du bist neu, weil du eine neue Wonne in mein Herz gebracht hast. Das waren einige Worte über die Beschauung.

Kommen wir zum dritten Teil des Geistesgebetes, der in den Herzenserhebungen besteht. Davon kann sich niemand entschuldigen, weil sie im Kommen und Gehen bei den Beschäftigungen geschehen können. Ihr sagt mir, daß ihr nicht die Zeit habt, um zwei oder drei Stunden zu beten. Wer spricht denn davon? Empfehlt euch am Morgen Gott, beteuert, daß ihr ihn nicht beleidigen wollt, dann geht an euer Tagewerk mit dem Entschluß, gleichwohl häufig euren Geist zu Gott zu erheben, selbst in Gesellschaft. Wer kann euch daran hindern, auf dem Grund eures Herzen mit ihm zu sprechen? Es ist ja nicht nötig, daß ihr geistigerweise oder mündlich mit ihm sprecht. Sagt kurze aber feurige Worte. Jenes, das der hl. Franziskus wiederholt sagte, ist ausgezeichnet, denn es war ein Wort der Beschauung, weil es andauerte wie ein Fluß, der beständig fließt. Es ist wahr, es wäre nicht gut, wenn man zu Gott sagte: Du bist mein Alles, dabei aber etwas anderes wollte als ihn, denn die Worte müssen mit der Gesinnung des Herzens übereinstimmen. Aber zu Gott sagen: Ich liebe dich, obwohl wir kein starkes Gefühl der Liebe haben, das dürfen wir nicht unterlassen, weil wir es doch wollen und ein großes Verlangen haben, ihn zu lieben.

Ein gutes Mittel, uns in diesen Herzenserhebungen zu üben, besteht darin, das Vaterunser nacheinander herzunehmen, indem man für jeden Tag einen Satz wählt. Ihr habt z. B. heute genommen: Vater unser, der du im Himmel bist. Sagt also beim ersten Mal: Mein Vater im Himmel; eine Viertelstunde später könnt ihr sagen: Wenn du mein Vater bist, wann werde ich ganz deine Tochter sein? So könnt ihr von einer Viertelstunde zur anderen euer Gebet fortsetzen. Die heiligen Väter, die in der Wüste lebten, in Wahrheit die Ordensleute der Frühzeit, waren so sorgsam bedacht, diese Gebete und Herzenserhebungen zu machen, daß der hl. Hieronymus davon berichtet: Wenn man sie besuchte, hörte man den einen sagen: Mein Gott, du bist alles, was ich ersehne; einen anderen: Wann werde ich ganz dein sein, mein Gott? Wieder einer wiederholte: Gott, eile mir zu helfen (Ps 70,1). Man vernahm schließlich eine überaus angenehme Harmonie ihrer verschiedenen Stimmen. Ihr werdet mir aber sagen: Wenn man diese Worte mündlich ausspricht, warum nennen Sie das ein Geistesgebet? Weil es auch geistigerweise verrichtet wird und weil es vor allem aus dem Herzen kommt.

Der Bräutigam sagt im Hohelied (4,9 nach Sept.), daß seine Vielgeliebte ihm das Herz entzückte durch eines ihrer Augen und durch eines ihrer Haare, das auf ihren Hals herabfällt. Diese Worte sind ein Köcher voll überaus lieblicher Anregungen. Hier ist eine recht liebenswerte: Wenn ein Mann und eine Frau in ihrem Hauswesen Aufgaben haben, die sie zwingen, sich zu trennen, und sie begegnen sich zufällig, dann schauen sie einander im Vorbeigehen kurz an, aber nur mit einem Auge, weil sie einander von der Seite begegnen und man es nicht gut mit zwei Augen tun kann. So will dieser Bräutigam sagen: Obwohl meine Vielgeliebte sehr beschäftigt ist, unterläßt sie es doch nicht, mich mit einem Auge anzuschauen und mir durch diesen Blick zu versichern, daß sie ganz die Meine ist. Sie hat mein Herz entzückt durch eines ihrer Haare, das auf ihren Hals herabfällt, d. h. durch einen Gedanken, der aus ihrem Herzen kommt.

Wir wollen jetzt nicht mehr vom vierten Teil des Geistesgebetes sprechen. Wie glücklich werden wir sein, wenn wir je in den Himmel kommen! Denn dort werden wir betrachten, indem wir alle Werke Gottes im einzelnen betrachten und erwägen; und wir werden finden, daß alle gut sind. Wir werden die Beschauung haben und alle zusammen sehr gut finden. Und wir werden ewig unser Herz zu ihm erheben. Dort wünsche ich euch alle zu sehen. So sei es.


Annecy, 12. April 1615 (OEA IX,65-72; DASal 9,234-239)

https://www.franz-sales-verlag.de/fsvwik.../ZumPalmsonntag

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#105

RE: FASTENZEIT - Zur Entwicklung der christlichen Fastenpraxis

in Für Gäste: Fragen zum Forum / Beiträge 28.03.2024 21:17
von Blasius • 3.854 Beiträge



Zum Karfreitag


Der große heilige Apostel Paulus, der Prediger des Kreuzes Unseres Herrn, berichtet (Apg 17,22f), daß er eines Tages durch die Stadt Athen ging und sein Blick zufällig auf einen Altar fiel, der die Aufschrift trug: Dem unbekannten Gott. Er sagt: Zufällig sah ich mit meinen Augen einen Altar, dem unbekannten Gott geweiht. Das nahm er zum Anlaß, den Athenern zu verkünden, wer dieser unbekannte Gott ist, den sie verehrten. Vielgeliebte, teuerste Athener, sagte ihnen der große Prediger des Kreuzes, dieser Gott, den ihr noch nicht kennt, den ich euch eben jetzt kennen lehren will, ist kein anderer als Gott, der ewige Vater, der seinen Sohn auf die Erde herabsandte, damit er unsere menschliche Natur annehme. Obwohl er Gott war wie sein Vater, in Natur und Wesen ihm gleich, hat er dennoch in der menschlichen Natur den Tod erlitten, ja den Tod am Kreuz (Phil 2,8), um dem gerechten Gott, seinem Vater, Genugtuung zu leisten; der war mit Recht gegen die Menschen erzürnt wegen der Sünde unserer Stammeltern, eine Sünde, die ohne Zweifel allen den ewigen Tod brachte. Wie die meisten Menschen jener Zeit anerkannten die Athener mehrere Götter, doch schließlich bekannten sie, daß unter diesen einer war, den sie nicht kannten.

Der große Apostel nahm also diese Aufschrift zum Anlaß, ihnen eine ausgezeichnete Predigt zu halten und sie mit bewundernswerten Ausdrücken den Gott erkennen zu lehren, den sie noch nicht kannten. Meine sehr teuren Schwestern, da ich hier kurze Zeit zu euch sprechen soll, habe ich bei meiner Erwägung die Augen auf die Inschrift gerichtet, die ich nicht auf dem Altar der Athener, sondern auf dem unvergleichlichen Altar gesehen habe, auf dem unser Erlöser und Meister sich für uns Gott, seinem Vater geopfert hat als überaus wohlgefälliges Opfer von unvergleichlicher Lieblichkeit. Dieser Altar ist nichts anderes als das Kreuz, das seither stets als überaus kostbar und anbetungswürdig verehrt wurde. Als ich nun über die Inschrift nachdachte, die auf ihm angebracht ist, glaubte ich nach dem Vorbild des Predigers des Kreuzes keinen anderen Gegenstand als Grundlage nehmen zu dürfen für das, was ich euch zu sagen habe. Nicht daß ich zu euch sprechen wollte über einen unbekannten Gott, denn dank seiner Güte kennen wir ihn; gewiß könnte ich aber von einem verkannten Gott sprechen. Wir werden euch also diesen Gott nicht kennen lehren, sondern euch lehren, ihn, der für uns gestorben ist, als ganz liebenswürdig anzuerkennen.

Wie nützlich ist doch diese Anerkennung! Denn wahrhaftig, um nur einiges zu nennen: Abraham, Isaak und Jakob hätten eine gewisse Entschuldigung gehabt, wenn sie die göttliche Majestät nicht anerkannt hätten, da sie ihn nicht so klar erkannten wie wir. Wir sind unentschuldbar, denn wir haben von Gott selbst erfahren, wer er ist, durch den göttlichen Mund Unseres Herrn, der mit seinem Vater der gleiche Gott ist, wie wir gesagt haben. Die Christen werden unentschuldbar sein (Röm 1,20), wenn sie ihn nicht aus ganzem Herzen geliebt und ihm gedient haben, denn sie wurden so gut belehrt, wie liebenswert er ist und wie sehr er sie geliebt hat, indem er sein Leben für sie hingab (vgl. Gal 2,20; Eph 5,2).

Nun habe ich nicht die Absicht, meine lieben Schwestern, zu euch darüber zu sprechen, unter wieviel Schmach und Schmerzen, Bitterkeit und Angst, Schimpf, Beleidigung und Verachtung unser göttlicher Meister den Tod erlitten hat; ich will euch auch keine Beschreibung der bitteren Grausamkeit geben, mit der die Juden ihn ans Kreuz schlugen. Ihr wißt ja, ich habe euch immer zu verstehen gegeben, daß dies die weniger wichtige Erwägung über die Passion unseres Erlösers ist und jene, bei der ihr weniger verweilen sollt, weil die Regung des Mitleids über sein Leiden weniger nützlich ist. Er scheint uns das selbst einprägen zu wollen, als er zu den Frauen, die ihm folgten, sagte, sie sollten nicht über ihn, sondern über sich selbst weinen (Lk 23,27f). Wenn wir Tränen haben, weinen wir ganz einfach, denn wir können sie über keinen würdigeren Gegenstand vergießen. Aber bleiben wir nicht dabei stehen, gehen wir zu nützlicheren Erwägungen über, wie sie das Leiden unseres Erlösers erfordert.

Ich greife also mein Vorhaben wieder auf und erwäge die Inschrift, die über das Kreuz gesetzt ist. Wie bewundernswert ist sie doch! Wenn ich sie erwäge, bin ich ganz ergriffen! Jesus von Nazaret, König der Juden (Joh 19,19). Wer hätte je annehmen können, daß so heilige Worte durch den erbärmlichen Mund eines derart schlechten Menschen ausgesprochen würden, wie Pilatus es war? Sie waren dennoch sehr wahr, und Unser Herr hat sie in seiner Passion bestätigt, wie wir im Verlauf unserer Predigt sehen werden. Es ist bemerkenswert, welch schöne Worte die Juden beim Tod unseres Erlösers gesagt haben, obgleich sie das nicht beabsichtigten, sondern sie böswillig in schlechter Absicht sagten. Welch schönere und der Wahrheit besser entsprechende Aussage hätte man machen können als die des Schlechtesten unter allen Menschen, des erbärmlichen Kajaphas: Es ist notwendig, daß ein Mensch stirbt (nämlich der Vortrefflichste aller Menschen), aus Furcht, daß andere zugrundegehen, als daß alle zugrundegehen (Joh 11,49f). Und die Juden: Sein Blut werde ausgegossen über uns und unsere Kinder (Mt 27,25). Das geschah in der Person vieler von ihnen, so durch die Bekehrung der Apostel und der anderen Jünger, die ihre Kinder waren. Als Pilatus die Inschrift des Kreuzes geschrieben hatte, sagte er: Was ich geschrieben habe, ist geschrieben (Joh 19,22); damit bekräftigte er diese Wahrheit.

Was aber wollen diese geheimnisvollen Worte besagen? 1. Jesus bedeutet soviel wie Erlöser; 2. von Nazaret, der blütenreichen, blühenden Stadt; 3. wird gesagt, daß Unser Herr König war: drei Eigenschaften, die ihm in höchstem Maß zukamen.

Zunächst: er ist Erlöser. Wie wahr ist das! Er ist Heiland nicht nur der Menschen, sondern auch der Engel. Alle empfangen das Heil von der göttlichen Güte und empfangen es kraft des Todes und Leidens Jesu Christi; denn von Ewigkeit faßte er diesen Gedanken voll Erbarmen (Jer 29,11; 31,3), für alle zu sterben. Man muß aber bekennen, daß die Menschen im Tod und Leiden Unseres Herrn einen Grund unausprechlichen Trostes haben; denn wenn er auch der Retter der Engel ist, so ist er doch nicht ihr Erlöser, wohl aber der Menschen. Als die Engel gesündigt hatten, wurden sie sogleich in ihrer Bosheit verhärtet infolge der freien Wahl des Bösen, die sie trafen, und dessen, was Gott mißfallen konnte. So gab es für sie von da an keine Hoffnung mehr, sich davon freimachen zu können. Seit sie die Sünde gewählt hatten, waren sie deren Sklaven (Joh 8,34; Röm 6,16; 2 Petr 2,19). Sie waren der Verworfenheit in einem Maß verfallen und verhaftet, daß es ihnen nie mehr möglich sein wird, sich von ihr zu lösen. Unglücklicher Weise machten sie von ihrer Willensfreiheit gegen den göttlichen Willen Gebrauch; deshalb wurde dieser freie Wille für immer den Qualen der Hölle unterworfen. Als aber der Mensch von der verbotenen Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse (Gen 2,17; 3,6) gegessen hatte, beschloß Unser Herr, d. h. die zweite göttliche Person der heiligen Dreifaltigkeit, diesen armen Menschen um den Preis seines überaus kostbaren Blutes zu erlösen und die menschliche Natur anzunehmen, die er untrennbar mit seiner göttlichen Person vereinigte, um leiden und sterben zu können, wie er es getan hat.

Wie lieblich und erfreulich, mehr als man sagen kann, ist dieser Gedanke! Welche Freude, welche Rührung des Herzens, welches Labsal muß diese Wahrheit im Menschen bewirken, daß Unser Herr sein Erlöser und Retter ist und daß er sein Leben von ihm erhält! Ihm ist das Leben dazu gegeben, damit er es jedem schenke und damit alle es von ihm empfangen, wie er es vom Vater hat (Joh 5,24-26; 6,58). Es ist nicht das Leben des Leibes, wovon wir zu sprechen beabsichtigen, daran kann niemand zweifeln, sondern das geistliche Leben. Unser Herr besaß nun nicht ein gewöhnliches, kleines Leben, sondern ein überreiches Leben (Joh 10,10), damit jeder Mensch daran teilhaben und leben kann aus diesem gleichen Leben, nämlich dem der Gnade, das ganz vollkommen und ganz liebenswürdig ist. Um uns aber dieses Leben zu erwerben, hat Unser Herr es für uns erkauft um den Preis seines Blutes (1 Kor 6,20; 1 Petr 1,18f) und das seine hingegeben. Also ist unser Leben nicht das unsere, sondern das seine; wir gehören nicht mehr uns, sondern ihm. Da er uns erkauft hat, sind wir seine Sklaven. Welch glückliche Sklaverei! Wir dürfen also nicht mehr für uns leben, sondern für ihn (2 Kor 5,15). Welche Macht hat dieser Zusammenhang, uns zu veranlassen, daß wir uns ganz dem Dienst dieser himmlischen Liebe weihen, durch die wir so liebevoll begünstigt worden sind, wenn ich es zu sagen wagen darf, sogar mehr als die Engel.

Sehen wir nun, auf welche Weise sich Unser Herr in seinem Tod und Leiden wahrhaft als Erlöser und Retter der Menschen erwies. Als die treulosen Juden ihre unerhört barbarische Grausamkeit gegen das überaus sanfte Lamm (Jer 11,19) fast gestillt und ihn ans Kreuz geschlagen hatten, da stieß ihr elender Mund mehrere abscheuliche Gotteslästerungen gegen die göttliche Majestät aus. Als Antwort auf diese ungerechten und unwürdigen Gotteslästerungen rief unser Erlöser die göttlichen Worte: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk 23,34). Mein Gott, wie bewundernswert sind diese Worte! Ich bitte euch, bedenkt die Herzensgüte unseres Meisters und seht, zu welchen Mitteln die Liebe greift, um das Ziel ihrer Absichten zu erreichen, nämlich die Ehre Gottes und das Heil des Nächsten. Mein Vater, rief unser teurer Erlöser, als wollte er sagen: Ich bin dein Sohn; erinnere dich, daß du mein Vater bist und mir deshalb nichts abschlagen darfst. Und um was bittet er? Um nichts für sich, denn er hat sich selbst vergessen. Er leidet mehr, als man sich je vorstellen kann; er denkt aber trotzdem nicht an sich und an das, was er erduldet. Er tut genau das Gegenteil von uns; wenn wir einen Schmerz haben, können wir nur daran denken und vergessen fast alles andere; ja sogar Zahnschmerzen lassen uns alles um uns herum vergessen, so sehr lieben wir uns selbst und sind wir dem armseligen Leib verhaftet.

Die Menschen denken fast ihr ganzes Leben lang daran, was sie bei ihrem Tod machen müssen, wie sie ihren letzten Willen gut aufsetzen, damit er recht verstanden wird für das, was sie ihren Kindern oder anderen hinterlassen, die ihr Vermögen erben sollen. Deshalb machen viele ihr Testament bei voller Gesundheit, da sie fürchten, die Macht des Todesleidens könnte sie der Möglichkeit dazu berauben, ihre Absichten bei ihrem Tod zu bekunden. Unser Herr aber wußte, daß er sein Leben hingeben und es bewahren konnte, wie es ihm gefiel (Joh 10,17f); er schob es bis zu seinem Tod auf, sein Testament zu machen; ein Testament, das er versiegelte und verschloß, bevor es geschrieben und verkündet wurde.

Um zu zeigen, daß das Geschriebene ihr Wille ist und daß sie verlangen, es soll so geschehen, verschließen die Menschen das Testament mit ihrem Siegel, das sie aber erst anbringen, wenn alles vollendet ist. Der Erlöser wollte sein Testament erst am Kreuz und kurz vor seinem Tod verkünden; trotzdem drückte er ihm sein Siegel auf und verschloß es vor allem anderen. Sein Siegel ist nichts anderes als er selbst, wie er Salomo in seiner Person der frommen Seele sagen ließ: Drücke mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie einen Stempel auf deinen Arm (Hld 8,6). Er brachte dieses heilige Siegel an, als er das allerheiligste und anbetungswürdigste Sakrament des Altares einsetzte, das er sein neues Testament nennt (Mt 26,8; Lk 22,20; 1 Kor 11,25). Dieses Sakrament enthält in sich die Gottheit und Menschheit zugleich und vollkommen die heilige Person Unseres Herrn.

Durch die heilige Kommunion legte und drückte er sich also wie ein heiliges Siegel und ein überaus liebenswürdiger Stempel auf unser Herz. Dann machte er sein Testament und tat seinen letzten Willen am Kreuz kund, kurz bevor er starb, damit alle Menschen, die seine Miterben (Röm 8,17) im Königreich seines himmlischen Vaters sein sollen, ganz genau unterrichtet sind, sowohl darüber, was sie tun müssen, wie über seine unvergleichliche Liebe zu ihnen. Er vergißt sich selbst, um zuerst an sie zu denken, so groß ist seine Liebe; erst dann kommt er auf sich zurück.

Sein Testament, meine Lieben, ist nichts anderes als die göttlichen Worte, die er am Kreuz sprach. Ganz eingenommen von der Liebe, die er zu den Sündern hegte, wollte er also seinen himmlischen Vater besänftigen, indem er ihn Vater nannte: Mein Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Welch unvergleichlicher Beweis vollkommener Liebe! Liebet einander, wie ich euch geliebt habe (Joh 13,34; 15,12; vgl. Mt 5,44f; Lk 10,37), hatte er oft gesagt, als er dem Volk oder den Aposteln predigte, so daß es schien, als liege ihm nichts anderes so am Herzen, als ihnen diese hochheilige Liebe einzuprägen. Jetzt aber gibt er dafür ein ganz und gar unvorstellbares Beispiel: er entschuldigt sogar jene, die ihn gekreuzigt und mit geradezu barbarischer Wut beschimpft haben, und er sucht Gründe, um zu erreichen, daß sein Vater ihnen verzeihe, und das sogar, während sie sündigen und ihn schmähen. Wie armselig sind wir dagegen; denn zur Not können wir eine Beleidigung zehn Jahre, nachdem sie uns zugefügt wurde, vergessen. Ja, es gab sogar solche, die nicht einmal in der Todesstunde jene nennen hören und ihnen vergeben wollten, von denen sie irgendein Unrecht erfahren hatten. O Gott, wie groß ist unser Elend! Wir können unseren Feinden kaum verzeihen, und Unser Herr liebte sie so innig und bat so inständig für sie!

Diese so bewundernswerte Bitte trug solche Früchte, daß einige von ihnen sich bekehrten: die einen sogleich; nachdem sie gehört hatten, was die menschliche Natur völlig überstieg, bekannten sie, daß er wahrhaftig der Sohn Gottes war (Mt 27,34; Mk 15,39). Die anderen glichen einem Hirsch; wenn er getroffen ist, sucht er dennoch den Todeskampf weit genug von dem Ort entfernt, wo er den tödlichen Stoß empfing. Unser göttlicher Meister hatte von seinem himmlischen Vater erwirkt, daß er aus der Höhe viele Pfeile in die Herzen jener abschoß, für die er bat. Das geschah ganz so, wie er gewünscht hatte. Trotzdem übergaben viele ihr Leben nicht sogleich, sondern trugen die Wunde von diesen göttlichen Pfeilen als innere Gewissensbisse bis zum Pfingstfest. An diesem Tag bekehrten sich auf die erste Predigt des hl. Petrus an die 3000 Menschen (Apg 2,41). Unter ihnen waren zweifellos manche von denen, die beim Tod Unseres Erlösers zugegen waren. Diese Bekehrung ist das Verdienst des bewundernswerten Gebetes, das er an seinen himmlischen Vater richtete, selbst inmitten der Schmach und Bosheiten, die seine Feinde ihm zufügten.

Diese entarteten, unglücklichen Menschen stießen gegen seine göttliche Majestät und gegen die seines Vaters unerträgliche Gotteslästerungen aus wie diese: Wenn er allmächtig ist, wie er sagt, und auf seinen Vater vertraut, der ihn gesandt hat, soll er ihn jetzt anrufen, daß er ihn rette; wenn er will, daß wir an ihn glauben, dann rette er sich jetzt selbst; er sagt, daß er den Tempel in drei Tagen wieder herstellen wird, und ähnliche wahrhaft teuflische Worte (Mt 27,39-43; Mk 15,29-33; Lk 23,35-37). Zur selben Zeit, sage ich, sendet Unser Herr Seufzer des Mitleids zu Gott und Worte, die süßer als Honig (Ps 119,103) und Zucker sind, damit er ihnen ihre Freveltaten verzeihe und ihnen seine Gnade schenke. Seht also, daß Unser Herr gerechterweise Erlöser genannt wird.

Doch abgesehen davon, daß er den Sündern Gnade gewährt, erbittet er sie von seinem himmlischen Vater mit einer so erfinderischen Liebe, daß er ihn nicht Gott und Herr nennt, wie wir sehen werden, daß er es später tun wird, wenn er für sich spricht. Er sagt vielmehr mein Vater zu ihm, denn er weiß wohl, daß dieses zärtliche Wort, in herzlicher Liebe ausgesprochen, ehrfürchtiger ist als mein Herr und er deshalb eher erhört wird. Anscheinend beginnt er sein Gebet damit, um das väterliche Herz zu gewinnen, daß er den armen Sündern verzeihe, für die er sich zum Gewährsmann und Bürgen gegenüber der göttlichen Gerechtigkeit macht. Es ist, als habe er sagen wollen: Mein Vater, vergib diesen armen Sündern, selbst denen, die mich kreuzigen, denn ich bin da, um für sie zu bezahlen. Ich bitte nicht um Schonung für mich, denn ich bin auf den Zahltisch des Kreuzes gestiegen, um für alle ihre Schulden Genugtuung zu leisten. Damit du nichts von ihnen forderst und damit deine Güte ihnen vergibt, will ich mein Blut bis auf den letzten Tropfen vergießen, obwohl ein einziger ausreichend wäre. Ich nehme es bereitwilligst auf mich, die Forderungen deiner Gerechtigkeit zu erfüllen. Räche an mir ihre Sünden, den Sündern aber vergib, denn das ist mein Wille. O Gott, welche Güte und welche Milde des Herzens unseres überaus gütigen Erlösers!

Das erste Vermächtnis in seinem Testament war, den Sündern seine Gnade zu schenken, durch die sie dann zu seiner Herrlichkeit gelangen könnten, zu der niemand gelangen kann ohne seine Gnade und ohne die Verdienste seines Leidens. Nachdem er also bereits gezeigt hat, daß er sehr zu Recht Erlöser genannt wird, da er den Sündern seine Gnade schenkt, verspricht er dem guten Schächer, der bußfertig war, seine Herrlichkeit (Lk 23,39-43). Am Rande muß aber bemerkt werden, daß einer der Schächer sich bekehrte, der andere nicht. Wir werden gerechterweise bestraft für unsere Missetaten, sagt der gute Schächer, denn wir waren stets böse und schlecht und haben große Diebereien verübt. Auf diese Weise bekannte er seine Sünden. Wir könnten das ebenso jedesmal tun, wenn wir irgendeine Trübsal erleiden. Wir werden mit Recht bestraft, müßten wir sagen, indem wir aus der Not eine Tugend machen und unsere Sünden bekennen. Aber ach, wir benehmen uns wie der andere Schächer, der in seiner Verhärtung verharrte und Gott noch im Sterben lästerte.

Nachdem der gute Schächer sein Bekenntnis gemacht hatte, erbat er sogleich die Lossprechung: Ach, Herr, fügte er hinzu, gedenke meiner, wenn du in deinem Reich sein wirst. Darauf antwortete unser teurer Erlöser gütig: Heute noch wirst du bei mir im Paradies sein. Soviel man weiß, war dies das erstemal, daß er dies versprach. Welch liebliches und liebenswertes Wort: Heute wirst du bei mir sein. Groß war stets die Liebe Unseres Herrn zu den Bußfertigen. Kurz zuvor hatte er gebeten, daß den Sündern Gnade zuteil werde; nun schenkt er den Büßern die Herrlichkeit. Die Gnade macht die Sünder bußfertig, und nur sie sind der Herrlichkeit würdig. Der Himmel ist fast ausschließlich von Bußfertigen erfüllt. Da sind nur Unsere liebe Frau, der hl. Johannes der Täufer, der hl. Josef und einige andere, die von der Sünde frei waren; ihnen kam die Gnade zuvor und bewahrte sie davor, daß sie sündigten. Die allerseligste Jungfrau stand einzigartig über allen anderen, denn sie wurde nicht nur vor der Erbsünde und der persönlichen Sünde bewahrt, sondern auch vor ihrem Schatten, indem sie nicht einmal Unvollkommenheiten beging, so klein sie auch sein mochten.

Das Paradies ist ganz geschmückt mit Büßern, und wie wir gesehen haben, findet man dort sonst fast nichts. Die Märtyrer waren Büßer, indem sie ihr Blut vergossen, in dem sie gewaschen wurden wie in einem Bad der Buße. Alle Martern, die sie erduldeten, waren nichts anderes als Akte der Buße. Die Jungfrauen waren Büßer, ebenso die Bekenner. Mit einem Wort, keiner kam in den Himmel ohne Buße und ohne sich als Sünder zu bekennen, außer jene, von denen wir gesprochen haben. Alle ohne Ausnahme bedurften der Verdienste des Blutes, das Unser Herr vergossen hat. Ich glaube, es verbreitete so vorzügliche Düfte und Wohlgerüche vor der Majestät des ewigen Vaters wie vor den Menschen, daß es fast unmöglich war, es nicht anzuerkennen als das Blut nicht eines bloßen Menschen, sondern eines Gott-Menschen.

Nach meiner Meinung war dieses hochheilige Blut wie Weihrauch; wenn man ihn auf das Feuer legt, verbreitet er rings um sich einen duftenden Rauch, ja läßt diesen Rauch in die Höhe steigen. Ebenso verbreitete das Blut Unseres Herrn Wohlgerüche nach allen Seiten (vgl. Eph 5,2), als es bis zum letzten Tropfen aus seinem hochheiligen Leib zur Erde floß. Dieser kostbare Duft erreichte auch den guten Schächer, der von so großer Lieblichkeit erfüllt wurde, daß er sich augenblicklich bekehrte und das gnadenvolle Wort zu hören verdiente: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Von diesem Paradies wollte unser Erlöser nicht sprechen, bis er jetzt so nahe daran war, dort einzutreten, und schon an seiner Pforte stand. Ist es nicht ein echtes Zeichen, daß Unser Herr wahrhaftig unser Erlöser ist, da er so unbedingt die Herrlichkeit verspricht, daß er es nicht aufschiebt, sie zu schenken, sondern heute sagt? O Wort voll Trost für die bußfertigen Sünder! Doch was seine Güte für den guten Schächer getan hat, wird sie auch für alle anderen Kinder des Kreuzes tun, d. h. für die Christen. Glückliche Kinder des Kreuzes, denn sobald ihr bußfertig seid und eure Sünden bereut, habt ihr die Gewißheit, daß unser Erlöser im gleichen Augenblick euer Retter sein und euch die Herrlichkeit schenken wird.

Dennoch bleibt ihm noch manches Vermächtnis in seinem göttlichen Testament zu machen. Wie, sagt ihr mir: gibt es noch etwas anderes? Was, meine lieben Schwestern? Da ist eine gewisse geistliche Zärtlichkeit, die er seinen liebsten Freunden schenken mußte; eine Zärtlichkeit, die nichts anderes ist als ein ganz einzigartiges Mittel, die erworbene Gnade zu bewahren und zu einem höheren Grad der Herrlichkeit zu gelangen. Da er also mit Augen voll Mitleid auf seine gebenedeite Mutter schaute, die mit seinem Lieblingsjünger am Fuß des Kreuzes stand, wollte er ihr nicht die Gnade schenken oder erbitten, denn die besaß sie schon in höchstem Grad, noch weniger wollte er ihr die Herrlichkeit versprechen, denn die war ihr ganz sicher; er schenkte ihr vielmehr eine bestimmte Herzenseinheit und zärtliche Liebe für den Nächsten. Diese gegenseitige Liebe ist eines der größten Geschenke, die seine Güte den Menschen gemacht hat.

Doch welche Liebe? Eine mütterliche Liebe. Frau, sagt er, sieh deinen Sohn (Joh 19,26). Gott, welcher Tausch! Statt des Sohnes der Diener, statt Gott das Geschöpf! Trotzdem weigert sie sich nicht, denn sie weiß sehr wohl, daß sie in der Person des hl. Johannes alle Kinder des Kreuzes als ihre Kinder empfängt und daß sie ihnen eine liebevolle Mutter sein wird. Unser göttlicher Meister lehrt uns dadurch: wenn wir teilhaben wollen an seinem Testament und an den Verdiensten seines Todes und Leidens, müssen wir alle einander lieben mit einer zärtlichen und überaus herzlichen Liebe des Sohnes zur Mutter und der Mutter zum Sohn, die in gewisser Hinsicht größer ist als die der Väter.

Man muß darauf hinweisen, daß Unsere liebe Frau am Fuß des Kreuzes stand. Hier haben jene sehr unrecht, die meinen, sie sei vom Schmerz so überwältigt gewesen, daß sie ohnmächtig wurde. Das trifft ohne Zweifel nicht zu; sie blieb vielmehr fest und standhaft, wenn auch ihr Schmerz der größte war, den je eine Frau über den Tod ihres Kindes empfand, weil es nie eine gab, die so viel Liebe hatte wie sie zu Unserem Herrn, nicht nur, weil er ihr Gott war, sondern auch, weil er ihr überaus teurer und liebenswerter Sohn war.

Groß war die Standhaftigkeit der seligsten Jungfrau und des Lieblingsjüngers. Deshalb wurde er mit dem Geschenk ausgezeichnet, das seine Güte ihm mit seiner heiligen Mutter machte, der liebenswürdigsten Mutter, die man sich vorstellen kann. Diese Tugend der Standhaftigkeit und der Großmut des Geistes liebte Unser Herr stets mehr als viele andere. Die Liebe Unserer lieben Frau war wahrhaftig stärker und zärtlicher, als man sagen kann, folglich ihr Schmerz beim Tod und Leiden Jesu Christi heftiger als jeder andere. Wie aber diese Liebe dem Geist gemäß war, gelenkt und geleitet von der Vernunft, so bewirkte sie auch keine ungeordnete Regung in dem Schmerz, den sie empfand, als sie sich ihres Sohnes beraubt sah, der ihr unvergleichlichen Trost brachte. Die glorreiche Mutter blieb also fest, standhaft und dem Wohlgefallen Gottes vollkommen unterworfen; er hatte bestimmt, daß Unser Herr für das Heil und die Rettung der Menschen starb.

Wir müssen weitergehen, denn ich habe nicht die Zeit, lange bei diesem Gegenstand zu verweilen, obwohl es mir Freude gemacht hätte, über dieses heilige Zartgefühl zu Ende zu sprechen, d. h. über die herzliche und zärtliche Liebe, die wir nach dem Willen unseres teuren Meisters zueinander haben sollen. Unser Herr wurde also Erlöser genannt, und mit vollem Recht, weil er es selbst bestätigt hat und weil er es am Kreuz in besonderer Weise verwirklicht hat, wie wir sagten. Denn wenn auch alles, was er im Lauf seines sterblichen Lebens getan hat, geschah, um uns zu erlösen, und in der Absicht, seinem himmlischen Vater für uns Genugtuung zu leisten, so wird dennoch das, was er in seinem Tod und Leiden wirkte, als dessen Zusammenfassung das Werk unserer Erlösung schlechthin genannt.

Er erwies sich aber nicht nur als würdig des Namens Jesus, sondern auch jenes des Nazareners. Das ist der zweite Punkt unserer Predigt und das zweite Wort der Inschrift, die ich über dem Altar des Kreuzes gesehen und erwogen habe, der nicht dem unbekannten Gott geweiht ist, sondern dem verkannten. Der gütige Erlöser unserer Seelen hat gewollt, daß man ihn Jesus von Nazaret nannte, weil Nazaret blühende und blumenreiche Stadt bedeutet. Er selbst wollte im Hohelied(2,1) die Blume des Feldes und die Lilie der Täler genannt werden. Um uns nun zu zeigen, daß er nicht nur eine Blume, sondern ein Blumenstrauß war, zusammengesetzt aus einer Anordnung der schönsten und duftendsten Blumen, die man finden kann, deshalb wollte er den Namen Blühender am Baum des Kreuzes behalten. Aber sagt mir, war Unser Herr am Kreuz nicht eher eine verwelkte, verdorrte und verblühte Blume als eine blühende? Seht ihn doch, wie er es wagt, sich blühend zu nennen, obwohl er so erstarrt ist, ganz bedeckt und besudelt von ekelhaftem, übelriechendem Speichel, die Augen eingefallen und trüb, das Gesicht von Schlägen zerschunden, blaß und farblos durch die heftigen Schmerzen und weil er sein hochgebenedeites Blut vergossen hat. Mit einem Wort, die Todesschmerzen (Ps 18,5; 115,3) hatten sich bereits aller Teile seines Leibes bemächtigt.

Meine lieben Schwestern, groß und wunderbar schön sind die Blüten, die diese gesegnete Pflanze des Todes und Leidens aufblühen und sich entfalten ließ, solange er am Kreuz hing. Es würde zu lange dauern, euch alle zu schildern; deshalb werde ich mich damit begnügen, nur deren vier zu nennen. Ich werde sie nur im Vorbeigehen berühren und es dann jeder von euch überlassen, sie den Rest des Tages über zu betrachten, damit ihre überaus angenehmen Düfte eure Seelen durchduften können und sie mit dem Wohlgeruch eines heiligen Vorsatzes erfüllen, oft an ihnen zu riechen, wie es der Heiland für euren Fortschritt in der Vollkommenheit wünscht. Diese vier Blüten sind nichts anderes als vier von den bedeutendsten und notwendigsten Tugenden. Die erste ist die hochheilige Demut, die wie das Veilchen einen überaus lieblichen Duft beim Tod Unseres Herrn verbreitete; die zweite ist die Geduld, die dritte die Beharrlichkeit; die vierte ist eine überaus vortreffliche Tugend, nämlich der heilige Gleichmut.

Was die erste betrifft: hat denn Unser Herr während seines Leidens nicht nur die tiefste Demut geübt, die echteste und aufrichtigste, die man sich vorstellen kann, sondern die unvorstellbarste in allen Peinen und Erniedrigungen, die er erduldete? Hat er diese Tugend nicht sein Leben lang geübt? Sie war gewiß groß darin, daß er sich wohl nach Jerusalem nennen lassen konnte oder nach Betlehem, der Stadt, in der er geboren war und die seinem Vorfahren David gehörte, daß er es aber trotzdem nicht wollte. Damit wollte er zeigen, daß er seine Wahl im Gegensatz zu den Großen dieser Welt traf, die die ehrenvollsten Namen annehmen, die sie können. Er aber wählte den Namen der geringsten Stadt, den er annehmen konnte, denn er behielt als seinen Anteil stets die Erniedrigung, die Armut und Niedrigkeit.

Nun sagen uns die Evangelisten (Mt 27,45; Mk 15,33; Lk 23,44f): Sogleich nachdem unser Erlöser die ersten drei Worte gesprochen hatte, die wir erwähnten, kam eine Finsternis über die ganze Erde und die Sonne verfinsterte sich für die Dauer von drei Stunden. Nicht daß diese Finsternis natürlich gewesen wäre, sie trat auf außergewöhnliche Weise ein. Der Mond hatte seinen Lauf geändert und kam vor der Sonne zu stehen, woraus die Finsternis folgte. Dabei stelle ich mir vor, daß der Mond den Sternen einen besonderen Gefallen tat, damit sie die Ehre hatten, ihr Licht in Gegenwart der wahren Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,2) erstrahlen zu lassen, die ohne Zweifel verfinstert zu sein schien, so matt war ihre Farbe. Diese Blume war verwelkt durch die Todesschmerzen, die sie schon umgaben, so daß sie gestorben zu sein schien; denn die ganze Zeit über sprach der Erlöser kein Wort, sondern wahrte während drei Stunden tiefstes Schweigen. Daher kommt es, daß man in allen gut reformierten Klöstern stets einige Stunden des Schweigens angeordnet hat, um das Schweigen Unseres Herrn am Kreuz nachzuahmen.

Doch was denkt ihr, tat der gütige Erlöser unserer Seelen während dieses Schweigens? Er zog sich in sich selbst zurück und betrachtete das Geheimnis seiner Erniedrigung. Was ist denn die Demut anderes als ein Einkehren in uns selbst, um uns gründlich zu betrachten? Daß dem so ist, gibt er uns zu verstehen durch das, was er nachher sagt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22,1; Mt 27,46; Mk 15,34). Nachdem er nicht so sehr seine äußere, sondern vielmehr seine innere Armut betrachtet hatte, rief er dieses Wort vollkommener Demut aus und ließ seine Not, seine Erniedrigung und Verlassenheit erkennen. Trotzdem darf man das nicht so verstehen, als hätte der himmlische Vater ihn in der Weise verlassen, daß er seine väterliche Gunst für den überaus liebenswerten Sohn zurückgezogen hätte, denn das ist unmöglich, weil er mit der Gottheit verbunden und vereinigt war. Was aber das Bewußtsein dieser ganz heiligen Huld und Einheit betrifft, war es einzig auf die Spitze seines Geistes beschränkt, die übrige Seele war vollkommen den Peinen und Bedrängnissen aller Art ausgeliefert, so daß es ihn drängt zu sagen: Warum hast du mich verlassen? Während seines Lebens hatte er stets oder gewöhnlich irgendwelche Tröstungen empfangen. Manchmal zeigte er, daß er Freude empfand über die Bekehrung von Sündern, wie er zu den Aposteln sagte (Lk 15,4.10.32); in seinem Todesleiden aber hatte er keinerlei Trost. Alles gereichte ihm zur Bedrängnis, zur Qual und Bitterkeit. Groß war deshalb seine innere Armut, groß auch der Akt der Demut, daß er sie uns zu erkennen gab.

Und was denkt ihr, hat unser gütiger Erlöser während dieses langen Schweigens noch getan? Für mich steht es außer Zweifel, daß er alle Kinder des Kreuzes schaute, alle wahrhaft guten Menschen, im besonderen jene, die Nutzen aus seinem Tod und Leiden ziehen würden. Er betrachtete uns alle, eines nach dem anderen, und erwog die erforderlichen Mittel, um uns die Verdienste seines Leidens zuzuwenden. O Gott, welche Herzensgüte unseres Meisters, der uns so innig liebte! Uns, sage ich, und sogar jene, die die furchtbarste Sünde begingen, die ein Mensch je begehen kann. Es gibt ja keine größere Sünde, als Gott zu hassen, der in sich in keiner Weise hassenswert sein kann. Nein, dieser Haß kann sich nur im Herzen von Menschen finden, die rasend sind vor Verzweiflung und Wut infolge heftiger Schmerzen, die sie erleiden. Daher kommt es manchmal, daß sie Gott hassen und ganz unfähig sind, ihn zu lieben. Was aber die Juden betrifft, die Unseren Herrn kreuzigten, so war ihre Sünde ein Ungeheuer an Bosheit. Trotzdem hatte Unser Herr Gedanken der Liebe für sie, indem er die Mittel voraussah, die er ihnen geben wollte, um Nutzen aus seiner heiligen Passion zu ziehen.

Das gehört bereits zur zweiten Blüte, die wir zu betrachten unternommen haben, nämlich zur Geduld. Diese Geduld war so groß, mehr als man sagen kann; denn niemals hörte man eine Klage aus dem Mund des Erlösers kommen (Jes 53,7). Er gibt kein Zeichen, wie wir es tun, von der Größe seiner Schmerzen, um die Anwesenden zum Mitleid mit ihm zu bewegen. Seine Leiden waren unbeschreiblich. Ich gebe euch zu bedenken: er war mit Nägeln an das Kreuz geheftet, vom Kopf bis zu den Füßen derart zerschunden, daß er nur eine Wunde hatte, die sich über seinen ganzen Leib erstreckte (Jes 1,6); seine Glieder waren ganz verrenkt. Was seine inneren Leiden betrifft, waren sie unvergleichlich größer. Jenes Wort nun, das wir vorhin wiedergegeben haben, sagte er keineswegs, um sich zu beklagen, sondern nur, um uns zu lehren, wie wir uns mitten in unseren inneren Leiden, in Hilflosigkeit und innerer Verlassenheit an Gott wenden müssen und uns nur bei ihm beklagen; er allein soll unsere Bedrängnis sehen und wir sollen sie die Menschen so wenig wie möglich merken lassen.

Wie groß aber war der Schmerz unseres Meisters, als er die abscheulichen Gotteslästerungen hörte, die seine Feinde gegen ihn und gegen seinen himmlischen Vater ausstießen, und als er sah, daß ihre Wut nicht gestillt werden konnte, soviel sie ihn auch quälten. Ohne Zweifel durchbohrte ihm dies das Herz noch mehr, als die Nägel seine Füße und seine hochgebenedeiten Hände durchbohrten. Wie groß muß überdies die Rührung gewesen sein, die ihm der Schmerz seiner hochheiligen Mutter verursachte, die er so innig liebte. Die Herzen des Sohnes und der Mutter schauten einander in beispiellosem Mitleid an, aber auch mit unvergleichlicher Großmut und Standhaftigkeit; denn sie beklagten sich nicht, sie wandten den Blick nicht voneinander ab, um ihr Leid weniger merken zu lassen, sondern sie sahen sich fest an. Mit einem Wort, wir können nicht beschreiben, wie groß die Schmerzen unseres Meisters in seinem Leiden waren.

Trotzdem beklagte er sich nie. Er sagte wohl, daß er Durst hatte (Joh 19,28); aber obwohl das wahr war, verlangte er doch nicht zu trinken, denn wonach er dürstete, das war das Heil der Seelen. Er tat dennoch zu unserer Belehrung einfach seine Not kund, wenn ihr es in diesem Sinn nehmen wollt. Danach machte er einen Akt größter Unterwerfung; denn als jemand einen Schwamm, der mit Essig getränkt war, auf die Spitze einer Lanze gesteckt hatte, um seinen Durst zu stillen, saugte er daran mit seinen hochgebenedeiten Lippen (Joh 19,29f). Sonderbar, ihm war nicht unbekannt, daß dies ein Trunk war, der seine Pein steigern wird; trotzdem nahm er ihn einfach, ohne irgendwie zu zeigen, daß es ihn kränkte oder daß er es nicht gut fand. Damit will er uns lehren, mit welcher Fügsamkeit wir nehmen müssen, was uns verordnet wird, wenn wir krank sind, selbst wenn wir im Zweifel wären, ob das unser Übel vergrößern könnte. Ebenso müssen wir es mit den Speisen machen, die uns vorgesetzt werden, ohne irgendwie zu zeigen, daß sie uns nicht schmecken oder daß wir Widerwillen dagegen haben.

Ach, wenn wir ein noch so geringes Übel haben, tun wir genau das Gegenteil von dem, was unser überaus gütiger Meister uns gelehrt hat, denn wir jammern und klagen unaufhörlich. Wir können anscheinend nicht genug Leute finden, um ihnen alle unsere Leiden im einzelnen zu schildern. So klein unser Übel auch sein mag, es ist unübertrefflich, und was die anderen leiden, ist nichts im Vergleich damit. Wir sind mißmutiger und ungeduldiger, als sich sagen läßt. Wir finden nichts so, daß es uns befriedigt. Es ist sehr erbärmlich zu sehen, wie wenig wir die Geduld unseres Erlösers wahren. Er vergaß seine Leiden und trachtete nicht danach, die Menschen auf sie aufmerksam zu machen, sondern begnügte sich damit, daß sein himmlischer Vater sie kannte (Mt 6,1-6.16-18) durch den Gehorsam, mit dem er sie ertrug, und dadurch, daß er seinen Zorn gegen die menschliche Natur besänftigte, für die er litt.

Ich gehe weiter und weise auf die dritte Tugend hin, die Unser Herr am Kreuz uns wie eine sehr angenehme Blüte vorstellt. Das ist die heilige Beharrlichkeit, eine Tugend, ohne die wir der Früchte seines Todes und Leidens nicht würdig sein können. Es ist ja nicht alles, gut zu beginnen, wenn man nicht ausharrt bis zum Ende (Mt 10,22; 24,13). Der Zustand, in dem wir uns am Ende unserer Tage befinden werden, wenn Gott den Faden unseres Lebens abschneidet, wird ja sicher der Zustand sein, in dem wir die ganze Ewigkeit bleiben (vgl. Ekkl 11,3). Glücklich wird also die Seele sein, die beharrlich ist, gut zu leben und das zu tun, wozu sie gesandt wurde, wie Unser Herr, der bis zu seinem Tod beharrlich alle Tugenden aus Gehorsam übte, wie der hl. Paulus (Phil 2,8) schreibt: Er war gehorsam bis zum Tod, d. h. sein ganzes Leben bis zum Tod. Deshalb sagt er am Ende sehr richtig: Alles ist vollbracht (Joh 19,30). Dieses Wort ist wundervoll: Alles ist vollbracht, d. h. es bleibt nichts mehr zu tun von dem, was mir aufgetragen wurde. Wie glücklich wären die Ordensmänner und Ordensfrauen, wenn sie am Ende ihres Lebens ganz wahrheitsgemäß mit dem Erlöser sagen könnten: Alles ist vollbracht, ich habe alles getan, was mir aufgetragen wurde, sei es durch die Regeln, sei es durch die Konstitutionen oder durch die Anordnungen der Vorgesetzten; ich habe getreu ausgeharrt in meinen Übungen, mir bleibt nichts mehr zu tun.

Aber vorzüglicher als jede andere ist die vierte Tugend, denn sie ist die Blüte der Liebe, der Duft der Demut, anscheinend das Verdienst der Geduld und die Frucht der Beharrlichkeit. Diese Tugend ist groß und verdient allein, von den liebsten Kindern geübt zu werden; das ist der überaus liebenswerte Gleichmut. Mein Vater, sagt unser gütigster Erlöser nach dem sechsten Wort, in deine Hände übergebe ich meinen Geist (Lk 78,46). Es ist wahr, wollte er sagen, alles ist vollbracht und ich habe alles erfüllt, was du mir aufgetragen hast (Joh 17,4); wenn es aber dein Wille ist, daß ich weiter an diesem Kreuz hänge, um noch länger zu leiden, bin ich damit trotzdem zufrieden. Ich gebe meinen Geist in deine Hände zurück, du kannst mit ihm ganz so verfahren, wie es dir gefällt. Meine lieben Schwestern, wir müssen es bei allen Gelegenheiten ebenso machen, sei es, daß wir leiden, oder sei es, daß wir uns freuen, und wir müssen wiederholen: Mein Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist, mache mit ihm alles, was dir gefallen mag. So müssen wir uns vom göttlichen Willen führen lassen, ohne uns je von unserem eigenen Willen einnehmen zu lassen.

Unser Herr liebt also mit besonders zärtlicher Liebe jene, die so glücklich sind, sich vollkommen seiner väterlichen Sorge zu überlassen, die sich von seiner göttlichen Vorsehung leiten lassen, wie es ihm gefällt. Sie geben sich nicht mit Überlegungen ab, ob die Wirkungen dieser Vorsehung ihnen nützlich, vorteilhaft oder abträglich sind. Sie sind überzeugt, daß uns von diesem väterlichen und sehr liebenswürdigen Herzen nichts geschickt werden kann und daß es nichts über uns kommen lassen wird, woraus es uns nicht Gutes ziehen ließe, wenn wir nur unser ganzes Vertrauen auf ihn setzen und aufrichtig sagen: In deine Hände empfehle ich meinen Geist; und nicht nur meinen Geist, sondern meine Seele, meinen Leib und alles, was ich habe, auf daß du damit verfährst, wie es dir gefallen wird.

Dabei wird sich erweisen, daß Unser Herr sehr vernünftiger und gerechterweise König genannt werden muß. Das ist die dritte Eigenschaft, die Pilatus ihm zuschrieb; von ihr wollte die Güte unseres Meisters, daß sie ihm bis jetzt zuerkannt wird. Er will ja, daß wir seinem Willen ganz und ohne Vorbehalt unterworfen bleiben. Unser teurer Erlöser setzt seine Seele aus (Jes 53,11f), d. h. er setzt sein Leben der Grausamkeit der Feinde der Menschen aus, um sie vor jedem Unglück zu bewahren und ihnen den Frieden wiederzuschenken, den sie durch die Sünde für immer verloren hatten. Um uns wieder in seine Gunst zu versetzen und uns seiner Barmherzigkeit würdig zu machen, hat er die Schläge der göttlichen Gerechtigkeit auf sich genommen. Diese Gerechtigkeit müßte sich an uns auswirken, weil wir allein es sind, gegen die sie mit Recht aufgebracht war. Überlegen wir also, ob er nicht mit Recht unser König genannt werden muß, da er solche Sorge trug, sein armes Volk vor allem Unglück zu schützen, und es gegen seine Feinde verteidigte.

Da er nun unser König ist, müssen wir alles seinem Dienst unterordnen, was wir haben. Wir schulden ihm unseren Leib, unser Herz und unseren Geist, damit er darüber verfüge als über sein Eigentum und wir sie nie im Gegensatz zu seinen göttlichen Gesetzen gebrauchen. Was aber sind die Gesetze unseres Königs? Was sind sie denn, meine lieben Schwestern? All das, wovon ich eben gesprochen habe. Er hat es zuerst befolgt, um uns ein Beispiel zu geben: die hochheilige Demut, Großmut, Geduld, Standhaftigkeit und unveränderliche Beharrlichkeit und schließlich die überaus liebenswürdige und vorzügliche Tugend des Gleichmuts. Er will, daß wir diese Tugenden von ihm lernen bei der Erwägung seines Todes und Leidens und er wünscht, daß wir ihm durch sie unsere Liebe und unsere Treue bezeigen, denn durch ihre Übung hat er uns die Größe und Glut seiner Liebe zu uns bewiesen, deren wir so unwürdig waren. Der Name Jesu sei gepriesen. Amen.

Annecy, 17. April 1620 (OEA IX,266-285; DASal 9, 313-328)


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zuletzt bearbeitet 28.03.2024 21:28 | nach oben springen


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