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#1

Fastenzeit - Begrifferklärung

in Wort- und Begrifferklärungen 28.02.2020 08:34
von Blasius • 3.856 Beiträge




"Die Fastenzeit ist der Herbst des geistlichen Lebens, in dem man die Früchte ernten und für das ganze Jahr sammeln soll. Tun Sie alles, ich bitte Sie um reich zu werden an diesen kostbaren Schätzen, die nichts Ihnen rauben oder verderben kann."


(DASal 5,107)
"Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst. Das sind die einleitenden Gesänge der ganzen Fastenzeit; das sind die beiden Enden des Weges der Bußfertigen: der Ausgangspunkt von der Asche, der Zielpunkt zum Himmel von der Armseligkeit zu den Schätzen."
(DASal 9,136)
"Während der Bußzeit, z.B. in der Fastenzeit kleidet man sich einfacher, auf einer Hochzeit erscheint man in festlicher Kleidung, bei einer Beerdigung im Trauergewand. Hat man Audienz bei hohen Persönlichkeiten, so kleidet man sich entsprechend, zu Hause ist man einfacher angezogen."
(DASal 1,171)
"Spiridion, ein Bischof des christlichen Altertums, nahm zur Fastenzeit einen halbverhungerten Pilger auf. Er hatte gerade nur Pökelfleisch im Haus, ließ es kochen und setzte es dem Fremden vor. Dieser wollte trotz des Hungers nichts essen. Spiridion aß nun als erster davon, obwohl bei ihm keine Notlage gegeben war. Er tat es aus Liebe, um durch sein Beispiel die Bedenken des Pilgers zu zerstreuen. So sieht die liebevolle Freiheit eines Heiligen aus."
(DASal 5,64)
"Ich kann während der Fastenzeit entweder aus Liebe fasten, um Gott zu gefallen, oder aus Gehorsam, weil es die Kirche anordnet, oder aus Mäßigkeit, oder aus Fleiß, um besser studieren zu können, oder aus Klugheit, um notwendige Ersparnisse zu machen, oder aus Keuschheit, um meinen Leib zu bändigen, oder aus Ehrfurcht vor Gott, um besser beten zu können. Wenn ich will, kann ich alle diese Absichten auf einmal haben und aus all diesen Gründen fasten, doch muss ich da sehr auf der Hut sein, die Beweggründe in die richtige Reihenfolge zu bringen."
(DASal 4,266)
"Hört in dieser Fastenzeit das Wort Gottes, genießt es in der Eucharistie, fastet, gebt Almosen, besucht die Armen: das sind die großen Werke. Und was sind die kleinen? Enthaltet euch des Vergnügens unnützer Unterhaltungen, überflüßigen Schmuckes; beherrscht die geringsten Leidenschaften; verrichtet oft kleine aber sehr häufige Stoßgebete, sagt ein gutes Wort, demütigt euch, usw."
(DASal 9,139)
"Glauben Sie mir, meine liebe Tochter, ich habe vor mehr als drei Monaten daran gedacht, Ihnen zu schreiben, dass wir in dieser Fastenzeit gut daran täten, auf den modischen gebauschten Rock zu verzichten. Tun wir es also, da Gott es auch Ihnen eingibt; Sie werden auch ohne diesen nicht aufhören, in den Augen Ihres Bräutigams und Ihrer Äbtissin gut dazustehen. Nach dem Beispiel unseres hl.Bernhard soll man recht nett und sauber sein, aber nicht auffallend und herausgeputzt. Die wahre Einfachheit ist Gott immer recht und angenehm."
(DASal 5,137)
"Mut, meine Schwester, meine Tochter, bringen Sie Ihr Herz in dieser heiligen Fastenzeit recht in Glut."
(DASal 5,138)
"Meine liebe Tochter, Ihr Geist war aber in diesen zwei bis drei Tagen der Fastenzeit ganz verwickelt. Das wundert mich keineswegs, denn Sie haben einen so empfindsamen und eifersüchtig über Ihre Entschlüsse wachenden Geist, dass Sie alles, was ihm gegen den Strich geht, deutlicher empfinden wie nichts sonst; und ich habe ihnen schon tausendmal gesagt, meine liebe Tochter, dass wir in unseren Aufgaben nicht so übergenau sein dürfen."
(DASal 5,166)
"Ich weiß nicht, wo Sie dem Leib nach in dieser Fastenzeit sein werden; dem Geist nach hoffe ich, dass Sie in der ... durchbohrten Seite unseres teuren Heilands sein werden. Ich werde wohl trachten, dort oft mit Ihnen zu verweilen; Gott in seiner höchsten Güte möge uns die Gnade dazu erweisen. ... Wie gut ist doch der Herr, meine liebe Tochter! Wie liebenswert sein Herz! Bleiben wir dort in seiner heiligen Wohnstatt; möge dieses Herz immerdar in unseren Herzen leben, möge dieses Blut ständig in den Adern unserer Seelen aufwallen."
(DASal 5,202)
"In der nahen Fastenzeit werde ich mir gewiss äußerste Mühe geben, recht viele Seelen für Ihn zu gewinnen, der sein hochheiliges Leben am Kreuz verlieren wollte, um sie alle zu gewinnen. Aber wollesn Sie, dass ich Ihnen meine Meinung darüber sage? Ich habe sehr Angst, zu großer Gescheitheit zu begegnen."
(DASal 6,202)
"Besonders in der Fastenzeit, in der wir uns um die Buße bemühen, müssen wir auf härtere und häufigere Angriffe gefasst sein als zu jeder anderen Zeit. Sie ist die Zeit unserer geistlichen Ernte; das lässt die feindlichen Streitkräfte zu Felde ziehen, um uns daran zu hindern. Man muss ernsthaft kämpfen."
(DASal 9,97)
"Erinnern Sie sich daran, was ich oft sage: Solange wir zugleich zwei Fastenzeiten halten wollen, werden wir niemals auch nur eine gut halten. Halten wir also diese, als ob sie unsere letzte wäre, und dann werden wir sie gut halten."
(DASal 5,107)
"Ich strebe dem Ende der Fastenzeit zu, indem ich das Beste gebe, was ich kann."
(DASal 8,183)
"O meine ganz teure Tochter, da stehen wir nun am Ende der heiligen Fastenzeit und feiern die glorreiche Auferstehung. Ach, wie sehr wünsche ich doch, dass wir mit unserem Heiland auferstanden seien!"
(DASal 5,141)

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Liebe Grüße, Blasius


zuletzt bearbeitet 28.02.2020 08:35 | nach oben springen

#2

RE: Fastenzeit - Begrifferklärung

in Wort- und Begrifferklärungen 05.04.2020 09:16
von Blasius • 3.856 Beiträge



Zum Palmsonntag

Annecy, 12. April 1615 (OEA IX,65-72; DASal 9,234-239)

Es bleibt mir noch eine Einteilung im Gebet zu erklären, sowohl im Geistesgebet wie im mündlichen. Wir wenden uns in zweifacher Weise an Gott, um ihn zu bitten. Beide hat Unser Herr empfohlen und unsere heilige Mutter Kirche geboten. Wir bitten nämlich Gott das eine Mal unmittelbar, ein andermal mittelbar, so wenn wir die Antiphonen Unserer lieben Frau beten, das Salve Regina und andere. Wenn wir unmittelbar beten, üben wir das kindliche Vertrauen, das sich auf Glaube, Hoffnung und Liebe stützt. Wenn wir mittelbar und durch die Vermittlung eines anderen bitten, üben wir die heilige Demut, die aus unserer Selbsterkenntnis hervorgeht. Wenn wir uns unmittelbar an Gott wenden, berufen wir uns auf seine Güte und seine Barmherzigkeit, auf die wir unser ganzes Vertrauen setzen; wenn wir aber mittelbar beten, Unsere liebe Frau, die Heiligen und die seligen Geister um ihren Beistand bitten, tun wir das, um von der göttlichen Majestät besser aufgenommen zu werden, und dann berufen wir uns auf seine Erhabenheit und Allmacht und auf die Ehrfurcht, die wir ihm schulden.

Ich möchte der letzten Predigt noch ein Wort hinzufügen über die äußere Ehrfurcht, die wir beim Gebet haben müssen. Unsere Mutter Kirche bestimmt genau, welche Haltung wir nach ihrem Wunsch beim Rezitieren des Offiziums einnehmen sollen: einmal stehen, einmal sitzen, dann knien; einmal das Haupt bedeckt, einmal unbedeckt. Alle diese Verhaltensweisen sind aber nichts anderes als Gebete. Alle Zeremonien der Kirche sind erfüllt von tiefem Sinn; die frommen, demütigen und einfältigen Seelen empfangen sehr viel Trost bei ihrem Anblick. Sagt mir doch, was nach eurer Meinung die Zweige bedeuten, die wir heute in Händen halten? Doch nichts anderes, als daß wir Gott bitten, er möge uns siegen lassen durch das Verdienst und den Sieg, den Unser Herr am Baum des Kreuzes errungen hat.

Beim Gottesdienst müssen wir darauf achten, die Haltung einzunehmen, die in unseren Meßbüchern angegeben ist. Welche Ehrfurcht aber müssen wir in unseren persönlichen Gebeten wahren? Wir stehen genau so vor Gott wie bei den gemeinsamen Gebeten, wenn wir auch bei den gemeinsamen wegen der Erbauung des Nächsten besonders sorgfältig darauf bedacht sein müssen. Die äußere Ehrfurcht trägt viel zur inneren bei. Wir haben verschiedene Beispiele dafür, daß wir uns auch beim persönlichen Gebet in großer äußerer Ehrfurcht halten müssen. Hört den hl. Paulus (Eph 3,14): Ich beuge mein Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, sagt er für uns alle. Und seht ihr nicht, daß unser Erlöser selbst sich zu Boden warf, als er zu seinem Vater betete (Mt 26,39; Mk 14,35)?

Noch dieses Beispiel: Ihr wißt sicher, daß der große hl. Paulus der Einsiedler viele Jahrzehnte in der Wüste lebte. Als ihn der hl. Antonius aufsuchte, traf er ihn im Gebet. Er sprach mit ihm und entfernte sich wieder. Als er ihn aber das nächste Mal besuchen kam, fand er ihn in derselben Haltung wie beim ersten Mal: das Haupt erhoben, die Augen zum Himmel gerichtet, die Hände gefaltet, auf beiden Knien liegend. Nachdem der hl. Antonius schon lange gewartet hatte, begann er sich zu wundern, daß er ihn nicht seufzen hörte, wie er es gewöhnlich getan hatte. Er blickte auf, und als er ihm ins Gesicht schaute, erkannte er, daß er tot war. Es sah so aus, als ob sein Leib, der im Leben so viel gebetet hatte, auch nach seinem Tod noch betete. Mit einem Wort, der ganze Mensch muß beten. David sagt, daß sein ganzes Gesicht betete (Ps 27,8), daß seine Augen so aufmerksam auf Gott gerichtet waren, so daß sein Augenlicht ganz geschwächt war (Ps 69,4) und sein Mund geöffnet wie der Schnabel eines Vögelchens, wenn es merkt, daß seine Mutter kommt, es zu atzen. In jedem Fall aber ist jene Haltung die beste, die uns die größte Aufmerksamkeit ermöglicht. Ja selbst das Liegen ist gut und scheint selbst zu beten. Seht ihr nicht den heiligen Mann Ijob auf seinem Misthaufen liegend ein so vorzügliches Gebet verrichten, daß es von Gott gehört zu werden verdiente (Ijob 42,9f)? Nun, das sei nur nebenbei gesagt.

Sprechen wir nun vom Geistesgebet; und wenn es euch recht ist, will ich euch durch einen Vergleich mit dem Tempel Salomos zeigen, daß es in der Seele vier Schichten gibt. In diesem Tempel gab es erstens einen Vorhof, der für die Heiden bestimmt war, damit sich niemand von der Anbetung entschuldigen konnte. Deshalb war dieser Tempel der göttlichen Majestät wohlgefälliger, da es kein Volk gab, das ihm nicht an diesem Ort seine Huldigung erweisen konnte. Die zweite Abteilung war für die Juden bestimmt, Männer und Frauen, wenn man auch später eine Trennung einführte, um Anstößiges zu verhindern, das entstehen konnte, wenn sie beisammen waren. Weiter aufsteigend gab es dann die Abteilung für die Priester und schließlich die höchste Abteilung, bestimmt für die Kerubim und ihren Herrn. Hier stand die Bundeslade und hier offenbarte Gott seinen Willen; sie wurde das Allerheiligste genannt.

In unserer Seele gibt es die erste Schicht; das ist eine bestimmte Erkenntnis, die wir durch die Sinne gewinnen. So erkennen wir durch unsere Augen, ob ein Gegenstand grün, rot oder gelb ist. Dann aber gibt es eine Stufe oder Schicht, die schon etwas höher ist, nämlich eine Erkenntnis, die wir durch die Überlegung gewinnen. Wenn z. B. ein Mensch an einem Ort mißhandelt wurde, wird er durch Überlegung herauszufinden versuchen, wie er vermeiden kann, an diesen Ort zurückzukehren. Die dritte Schicht ist die Erkenntnis, die wir durch den Glauben haben. Die vierte, das Allerheiligste, ist die feine Spitze unserer Seele, die wir Geist nennen. Da diese feine Spitze stets auf Gott gerichtet ist, dürfen wir uns nicht verwirren lassen.

Die Schiffe auf dem Meer haben alle einen Kompaß, dessen Nadel, vom Magnet angezogen, stets auf den Polarstern zeigt. Selbst wenn das Schiff nach Süden fährt, zeigt die Kompaßnadel dennoch unablässig nach dem Nordpol. So scheint es auch manchmal, als ob sich die Seele ganz nach der Sünde wende, so sehr ist sie von Zerstreuungen beunruhigt; die feine Spitze der Seele aber schaut unablässig auf Gott, der ihr Pol ist. Selbst die fortgeschrittensten Menschen haben manchmal so große Versuchungen, selbst gegen den Glauben, daß es ihnen scheint, die ganze Seele stimme zu, so verwirrt ist sie. Sie haben nur noch diese feine Spitze, die widersteht; und dieser Teil unserer Seele ist es, der das Geistesgebet vollzieht, denn obwohl alle anderen Fähigkeiten und Kräfte der Seele von Zerstreuungen erfaßt sind, betet der Geist in seiner feinen Spitze.

Nun, im Geistesgebet gibt es vier Teile; der erste ist die Betrachtung, der zweite die Beschauung, der dritte sind die Herzenserhebungen, der vierte die einfache Gegenwart Gottes. Der erste Teil geschieht durch die Betrachtung in der Weise: wir wählen ein Geheimnis, z. B. Unseren Herrn am Kreuz; wenn wir ihn uns vorgestellt haben, erwägen wir seine Tugenden: seine Liebe gegen seinen Vater, die ihn den Tod erdulden läßt, den Tod am Kreuz (Phil 2,8), viel mehr um ihm zu gefallen, als um ihm nicht zu mißfallen; seine große Sanftmut, Demut und Geduld, mit der er so große Schmähungen erduldete; schließlich seine große Liebe gegen jene, die ihn töteten, indem er inmitten der größten Schmerzen für sie betete (Lk 23,34). Wenn wir das alles erwogen haben, wird unser Gemüt bewegt zum glühenden Verlangen, ihn in seinen Tugenden nachzuahmen. Dann gehen wir dazu über, den ewigen Vater zu bitten, daß er uns seinem Sohn gleichförmig mache(Röm 8,29).

Die Betrachtung geschieht so, wie es die Bienen machen, wenn sie den Honig sammeln. Sie sammeln den Honig, der vom Himmel auf die Blüten fällt, nehmen ein wenig vom Saft der Blüten selbst und tragen ihn in den Bienenkorb. So verkosten auch wir die Tugenden Unseres Herrn eine nach der anderen, um dadurch zur Nachahmung angeregt zu werden. (Dann schauen wir sie alle zusammen mit einem Blick in der Beschauung.) Gott betrachtete bei der Schöpfung (vgl. Tr. 6,5). Seht, wie er, nachdem er den Himmel geschaffen hat, sagt, daß er gut war. Ebenso tat er, nachdem er die Erde geschaffen, die Tiere und schließlich den Menschen. Er fand alles gut, indem er eines nach dem anderen betrachtete; als er aber alles zusammen sah, was er geschaffen, sagt er, daß alles sehr gut war (Gen 1,10-25.31).

Nachdem die Braut im Hohelied (5,9-16) ihren Vielgeliebten gepriesen hat wegen der Schönheit seiner Augen, seiner Lippen, kurz nacheinander aller seiner Glieder, schließt sie folgendermaßen: Wie schön ist mein Vielgeliebter, wie liebe ich ihn; er ist mein Allerliebster! Das ist die Beschauung. Denn wenn wir Geheimnis um Geheimnis erwägen, wie gut Gott ist, kommen wir dahin, wie es mit den Stricken unserer Schiffe geht: wenn man sehr kräftig rudert, erhitzen sich die Stricke derart, daß sie Feuer fangen, wenn man sie nicht anfeuchtet. Unsere Seele dagegen, die sich den zu lieben erwärmt, den sie als so liebenswert erkannt hat, schaut fortwährend auf ihn, weil sie sich immer mehr daran erfreut, ihn so schön und so gut zu sehen.

Der Bräutigam im Hohelied (5,1 nach Sept. und Vätern) sagt: Komm, meine Vielgeliebte, denn ich habe meine Myrrhe gesammelt, ich habe mein Brot gegessen und meine Honigscheibe, ich habe meinen Wein mit meiner Milch getrunken. Kommt, meine Vielgeliebten, eßt und berauscht euch, meine Teuersten. Diese Worte stellen uns die Geheimnisse vor Augen, die in den nächsten Wochen gefeiert werden. Ich habe meine Myrrhe gesammelt und mein Brot gegessen; das geschieht im Tod und in der Passion des Erlösers. Ich habe meine Honigscheibe gegessen; das geschieht, wenn er seine Seele wieder mit dem Leib vereinigt. Zum Schluß fügt der Bräutigam hinzu: meinen Wein mit meiner Milch. Der Wein versinnbildet die Freude seiner Auferstehung, die Milch seinen freundlichen Umgang. Er hat sie beide zugleich getrunken, denn er bleibt vierzig Tage nach seiner Auferstehung auf der Erde (Apg 1,3), sucht seine Jünger auf, läßt sie seine Wundmale berühren und ißt mit ihnen. Wenn er aber sagt: Eßt, meine Vielgeliebten, will er damit sagen: betrachtet. Ihr wißt doch, damit man das Fleisch schlucken kann, muß man es zuerst kauen und zerkleinern und oftmals im Mund von einer Seite auf die andere schieben. So müssen wir es auch mit den Geheimnissen Unseres Herrn machen: man muß sie zergliedern und mehrmals in unserem Verstand hin- und herbewegen, bevor wir unseren Willen erwärmen und zur Beschauung kommen. Der Bräutigam schließt dann: Berauscht euch, meine Teuersten. Was will das heißen? Ihr wißt wohl, daß man den Wein nicht zu kauen gewohnt ist; man schluckt ihn nur. Das versinnbildet uns die Beschauung, bei der man nicht kaut, sondern nur schluckt. Du hast genug betrachtet, wie gut ich bin, scheint der göttliche Bräutigam zu seiner Vielgeliebten zu sagen: schau mich an, und du wirst dich daran ergötzen zu sehen, daß ich es bin.

Der hl. Franziskus verbrachte eine Nacht damit zu wiederholen: Du bist „mein Alles“. Er sprach diese Worte in der Beschauung, als wollte er sagen: Ich habe dich Stück für Stück betrachtet, mein Herr, und habe gefunden, daß du überaus liebenswert bist; nun schaue ich dich an und sehe, daß du „mein Alles“ bist. Der hl. Bruno begnügte sich mit den Worten: „O Güte!“ Der hl. Augustinus: „O alte und neue Schönheit!“ Du bist alt, weil du ewig bist, aber du bist neu, weil du eine neue Wonne in mein Herz gebracht hast. Das waren einige Worte über die Beschauung.

Kommen wir zum dritten Teil des Geistesgebetes, der in den Herzenserhebungen besteht. Davon kann sich niemand entschuldigen, weil sie im Kommen und Gehen bei den Beschäftigungen geschehen können. Ihr sagt mir, daß ihr nicht die Zeit habt, um zwei oder drei Stunden zu beten. Wer spricht denn davon? Empfehlt euch am Morgen Gott, beteuert, daß ihr ihn nicht beleidigen wollt, dann geht an euer Tagewerk mit dem Entschluß, gleichwohl häufig euren Geist zu Gott zu erheben, selbst in Gesellschaft. Wer kann euch daran hindern, auf dem Grund eures Herzen mit ihm zu sprechen? Es ist ja nicht nötig, daß ihr geistigerweise oder mündlich mit ihm sprecht. Sagt kurze aber feurige Worte. Jenes, das der hl. Franziskus wiederholt sagte, ist ausgezeichnet, denn es war ein Wort der Beschauung, weil es andauerte wie ein Fluß, der beständig fließt. Es ist wahr, es wäre nicht gut, wenn man zu Gott sagte: Du bist mein Alles, dabei aber etwas anderes wollte als ihn, denn die Worte müssen mit der Gesinnung des Herzens übereinstimmen. Aber zu Gott sagen: Ich liebe dich, obwohl wir kein starkes Gefühl der Liebe haben, das dürfen wir nicht unterlassen, weil wir es doch wollen und ein großes Verlangen haben, ihn zu lieben.

Ein gutes Mittel, uns in diesen Herzenserhebungen zu üben, besteht darin, das Vaterunser nacheinander herzunehmen, indem man für jeden Tag einen Satz wählt. Ihr habt z. B. heute genommen: Vater unser, der du im Himmel bist. Sagt also beim ersten Mal: Mein Vater im Himmel; eine Viertelstunde später könnt ihr sagen: Wenn du mein Vater bist, wann werde ich ganz deine Tochter sein? So könnt ihr von einer Viertelstunde zur anderen euer Gebet fortsetzen. Die heiligen Väter, die in der Wüste lebten, in Wahrheit die Ordensleute der Frühzeit, waren so sorgsam bedacht, diese Gebete und Herzenserhebungen zu machen, daß der hl. Hieronymus davon berichtet: Wenn man sie besuchte, hörte man den einen sagen: Mein Gott, du bist alles, was ich ersehne; einen anderen: Wann werde ich ganz dein sein, mein Gott? Wieder einer wiederholte: Gott, eile mir zu helfen (Ps 70,1). Man vernahm schließlich eine überaus angenehme Harmonie ihrer verschiedenen Stimmen. Ihr werdet mir aber sagen: Wenn man diese Worte mündlich ausspricht, warum nennen Sie das ein Geistesgebet? Weil es auch geistigerweise verrichtet wird und weil es vor allem aus dem Herzen kommt.

Der Bräutigam sagt im Hohelied (4,9 nach Sept.), daß seine Vielgeliebte ihm das Herz entzückte durch eines ihrer Augen und durch eines ihrer Haare, das auf ihren Hals herabfällt. Diese Worte sind ein Köcher voll überaus lieblicher Anregungen. Hier ist eine recht liebenswerte: Wenn ein Mann und eine Frau in ihrem Hauswesen Aufgaben haben, die sie zwingen, sich zu trennen, und sie begegnen sich zufällig, dann schauen sie einander im Vorbeigehen kurz an, aber nur mit einem Auge, weil sie einander von der Seite begegnen und man es nicht gut mit zwei Augen tun kann. So will dieser Bräutigam sagen: Obwohl meine Vielgeliebte sehr beschäftigt ist, unterläßt sie es doch nicht, mich mit einem Auge anzuschauen und mir durch diesen Blick zu versichern, daß sie ganz die Meine ist. Sie hat mein Herz entzückt durch eines ihrer Haare, das auf ihren Hals herabfällt, d. h. durch einen Gedanken, der aus ihrem Herzen kommt.

Wir wollen jetzt nicht mehr vom vierten Teil des Geistesgebetes sprechen. Wie glücklich werden wir sein, wenn wir je in den Himmel kommen! Denn dort werden wir betrachten, indem wir alle Werke Gottes im einzelnen betrachten und erwägen; und wir werden finden, daß alle gut sind. Wir werden die Beschauung haben und alle zusammen sehr gut finden. Und wir werden ewig unser Herz zu ihm erheben. Dort wünsche ich euch alle zu sehen. So sei es.

http://www.franz-sales-verlag.de/fsvwiki.../ZumPalmsonntag

SIEHE AUCH:
DIE FASTENZEIT (14)

Liebe Grüße, Blasius


zuletzt bearbeitet 05.04.2020 16:06 | nach oben springen

#3

RE: Fastenzeit - Begrifferklärung

in Wort- und Begrifferklärungen 05.03.2024 04:45
von Blasius • 3.856 Beiträge



Zum Mittwoch der 3. Fastenwoche
(Entwurf)Grenoble, 01. März 1617 (OEA VIII,320-324; DASal 9,175-177)

Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Alten?(Mt 15,2)

Der Herr tadelt hier die Heuchler, daß sie ängstlich auf bestimmte Überlieferungen pochen und solche geschaffen haben, die im Widerspruch zum Wort Gottes stehen. Er lehrt also im Gegenteil, daß gut jene Überlieferungen sind, die dem Wort Gottes nicht widersprechen, vielmehr mit ihm übereinstimmen. Bei dieser Gelegenheit will ich euch eine kurze Belehrung über die Überlieferung geben.

Die ganze christliche Lehre ist ursprünglich und in sich Überlieferung. Denn der Urheber der christlichen Lehre war Christus der Herr. Aber er hat 1. selbst überhaupt nichts geschrieben, außer das Wenige, als er die Ehebrecherin lossprach; er wollte aber nicht, daß wir wissen, was er schrieb, deshalb hat er es in den Sand geschrieben (Joh 8,8). Er hat 2. auch niemand beauftragt zu schreiben, außer was er den Bischöfen Kleinasiens mitteilen wollte (Offb 1,11). Deshalb nannte er 3. seine Lehre nicht „Eugraphium“ (die frohe Schrift), sondern Evangelium (frohe Botschaft) und gab den Auftrag, sie vor allem durch die Predigt zu verbreiten. Er hat nämlich nie gesagt: Schreibt das Evangelium der ganzen Schöpfung, sondern verkündet (Lk 16,15).

4. Deshalb sagte er nicht, daß der Glaube durch das Lesen entsteht, sondern durch das Hören. So sagt er selbst (Lk 10,16 u. ö.): Wer euch hört, der hört mich; Mt 13,9.43: Wer Ohren hat zu hören, der höre. Deshalb sagt der Vater (Mt 17,5): Ihn sollt ihr hören. Ebenso sagt der Apostel (Röm 10,17f; Ps 19,5): Der Glaube kommt vom Hören, das Hören aber vom Wort Gottes. Ihr Schall drang in alle Länder. – 5. So sagt der hl. Paulus (2 Thess 2,14) auch: Haltet fest an den Überlieferungen, die ihr empfangen habt, sei es mündlich oder durch unseren Brief. Und 1 Tim 6,20: Timotheus, bewahre das anvertraute Gut, meide die Neuerungen eitler Reden und die Einwände der fälschlich so genannten Erkenntnis. Die Häretiker deuten das anvertraute Gut als die Gnade Gottes, die Timotheus empfangen hat, um seines Amtes gut zu walten. Wie unvernünftig und falsch das ist, zeigen die folgenden Worte. Paulus stellt das anvertraute Gut den Neuerungen eitler Rede und den Einwänden der fälschlich so genannten „Erkenntnis“ gegenüber. Dazu sind die Väter zu hören; sehr schön Vinzenz von Lerin, Judas in seinem Brief (3f): Geliebteste, ich habe es mir zum Anliegen gemacht, euch über euer gemeinsames Heil zu schreiben, und ich hielt es für notwendig, euch zu schreiben und euch anzuflehen, daß ihr euch mit aller Kraft einsetzt für den Glauben, der ein- für allemal den Heiligen überliefert wurde; denn es haben sich gewisse Leute eingeschlichen ... Auf jedes Wort legt er Nachdruck: supercertari, sich anstrengen, nicht nur kämpfen, sondern hart und tapfer kämpfen, mehr als kämpfen; semel, nicht zweimal, stets ganz der gleiche Glaube, überliefert, überliefert.

Nun werden aber in der ganzen Lehre zwei Teile unterschieden, entsprechend dem Wort des hl. Paulus: sei es mündlich oder durch unseren Brief. Nun zweifelt niemand daran, daß der beste und notwendigste Teil der Lehre schließlich niedergeschrieben wurde; ein Teil jedoch wurde nicht schriftlich, sondern gleichsam von Hand zu Hand überliefert. Da fällt mir die Begebenheit 1 Kön 3,16-28 ein: Die Frau, der das Kind, d. h. die christliche Lehre gehört, will nicht, daß es zerstükkelt wird. Die katholische Kirche will das ganze Wort Gottes: die Schriften und die Überlieferungen. Die Sekten dagegen wollen immer, daß es zerstückelt wird. So lehnen gegenwärtig Kaspar Schwenckfeld und die Libertiner die heiligen Schriften ab, die Calvinisten die Überlieferung. Das ist ein Kennzeichen fast aller, daß sie einen Teil annehmen und einen Teil ablehnen: Gestalt, Zeichen, aber nicht die Sache; Anrechnung, nicht Gnade; Glaube, keine Werke; Nachlassen, nicht Vergebung (der Sünden); Verwaltung, kein Bischofsamt, unmittelbares Gebet, kein mittelbares.

Aber, sagen sie, genügen die heiligen Schriften nicht allein? Sind sie nicht ausreichend und mehr als das? Gewiß möchte ich nicht behaupten, wie gewisse sehr berühmte und gelehrte Männer, daß sie nicht genügten. Sie selbst genügen vollständig, aber wir sind nicht hinreichend fähig, die katholische Lehre nur aus den heiligen Schriften, allein für sich genommen, zu schöpfen. Hatten denn nicht alle Irrlehrer die heiligen Schriften, ja sogar die Juden und andere? Und doch glaubten sie nicht und sind dem Irrtum verfallen. Also sind die Überlieferungen notwendig; denn die Lehre nur unter der Eingebung des Heiligen Geistes schöpfen zu wollen, ist unsinnig und wir hätten „soviel Meinungen als Köpfe“. Deshalb muß man das anvertraute Gut (depositum) sehen, dem ein- für allemal den Heiligen überlieferten Glauben folgen, auf die Kirche als dessen Hüterin hören. Sie besitzt ja die Lehre nicht als ihre eigene Erfindung, sondern als treu gehütetes Gut. Die Kirche genügt, weil sie uns die heiligen Schriften gibt; die Überlieferung genügt, weil sie die heiligen Schriften empfiehlt; die heiligen Schriften genügen, weil sie die Kirche und die Überlieferungen empfehlen. Die Kirche ist wie eine Taube, die zwei Flügel hat: die Heilige Schrift und die Überlieferung.

Die Kirche bedarf der Überlieferung, 1. daß sie uns die Existenz bestimmter heiliger Schriften lehre. Denn woher sollte die Gewißheit kommen, wenn nicht vom Zeugnis der Kirche, die diese Überlieferung empfangen hat? So gibt entweder die Heilige Schrift keinen Glauben oder die Überlieferung gibt den Glauben.

2. Damit wir die Zahl der kanonischen Bücher kennen. Denn der hl. Paulus schrieb z. B. einen Brief an die Gemeinde von Laodizea (Kol4,16), und er wird weitergegeben. Man sagt aber, daß er auch an Seneca geschrieben habe. Ferner erwähnt Judas in seinem Brief (14,15) eine Weissagung Henochs. Dazu bemerken die Genfer: „Diese Weissagung Henochs steht nicht in der Bibel, sondern wurde mündlich von den Vätern an die Kinder weitergegeben, wie vieles andere auch.“ So sagt der Apostel (Hebr 5,11): Darüber hätten wir Großes zu sagen, aber es ist nicht in Worten auszusprechen, weil ihr unfähig geworden seid zu hören. Pastor Hermes, Evangelium der Nazarener, des Thomas.

3. Um den Sinn der Heiligen Schrift festzustellen. Denn Irrlehren entstehen, „wenn die echten Schriften nicht recht verstanden werden“ (Augustinus).

https://www.franz-sales-verlag.de/fsvwik...er2-Fastenwoche


zuletzt bearbeitet 05.03.2024 05:03 | nach oben springen

#4

RE: Fastenzeit - Begrifferklärung

in Wort- und Begrifferklärungen 07.03.2024 07:19
von Blasius • 3.856 Beiträge






Zum Donnerstag der 3. Fastenwoche
(Entwurf) Grenoble, 2. März 1617 (OEA VIII,325-329; DASal 9,117-179)

Jesus ging von der Synagoge in das Haus des Simon. Die Schwiegermutter Simons wurde von einem schweren Fieber heimgesucht (Lk 4,38).

Nun müssen wir kurz behandeln, was gestern von der Überlieferung ungesagt blieb. Das liegt keineswegs außerhalb unseres Gegenstandes, denn unter den kirchlichen Überlieferungen ist die von der Ehelosigkeit der Priester eine der bedeutendsten. Über sie mußte am Anfangn des heutigen Evangeliums unbedingt gesprochen werden. Doch laßt uns Gott bitten.

Ich glaube, ihr habt bemerkt, daß ich meine Ausführungen nicht ausgedehnt habe auf die Überlieferungen, auf denen die Religion überhaupt beruhte bis auf Mose, der als erster etwas aufgezeichnet hat; ebenso nicht auf die Überlieferungen, die es bei den Hebräern gab, denn das wäre zu lang gewesen. Ich habe also die Predigt auf die christliche Lehre beschränkt, von der ich sagte, daß sie am Anfang nicht geschrieben, sondern überliefert wurde. Und wenn sie auch später aufgeschrieben wurde, so doch nur unvollständig. Das zwingt uns zuzugeben, 1. daß wir heilige Schriften besitzen, denn nur durch die Überlieferung wissen wir, daß wir sie haben.

2. daß wir sie in dieser Zahl haben. Denn woher anders als durch die Überlieferung wissen wir, daß der Brief an die Gemeinde von Laodizea und der Brief an Seneca keine echten Paulusbriefe sind? Dann sagt der Apostel selbst (Hebr 5,11): Darüber hätten wir Großes zu sagen, aber es ist nicht in Worten auszusprechen. Was ist aus diesem großen Wort, aus dieser langen Rede geworden? Wir Katholiken wissen genug. Das versteht sich von der Gestalt Christi im Sakrament des Altares; fast das ganze Altertum handelt davon.

3. um den Sinn der Heiligen Schrift zu ermitteln. Denn nur durch die Überlieferung können wir je die Hartnäckigkeit der Häretiker überwinden; deshalb hassen sie ja die Überlieferung. Gewiß hätten die Arianer tausend Jahre an ihrer falschen Lehre festgehalten, hätte man nicht durch die Überlieferung die Autorität der Väter und der Apostel anführen können. Es gibt wirklich nur mehr wenig, was man nicht aus den heiligen Schriften belegen könnte, wenn man die Überlieferung zu Hilfe nimmt. Legt man sie nicht zugrunde, dann kann man fast nichts sicher belegen. Vgl. die Lehre des Epiphanius ...

4. Für die Form, die Zahl, die Materie und den Ritus der Sakramente. Deshalb sagt der Apostel (1 Kor 11,34): Das übrige werde ich regeln, wenn ich komme. Dabei hatte er vieles schriftlich angeordnet.

5. Für die Gesetze, z. B. für die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, über das Osterfest, die Fastenzeit, daß nach einiger Zeit der Genuß von Blut und Ersticktem erlaubt wurde (vgl. Apg 15,20). Die Genfer Bibel: Was Ersticktes und Blut betrifft, war der Genuß nicht etwas in sich Unerlaubtes, aber er war zeitweise durch ein Gebot verwehrt. Das Verbot galt nicht zur Zeit Tertullians, wie man in seiner Apologetik (c. IX) sehen kann (dort findet man eine schöne Bemerkung über den Kindermord). Die Ehelosigkeit der Priester seit der frühesten Zeit aus tausend Gründen.

6. Unterschiede zwischen den kirchlichen Überlieferungen. Alle sind dennoch so in Ehren zu halten, wie die Kirche lehrt.

7. Man muß feststellen, daß keine Überlieferung je zu den heiligen Schriften in Widerspruch stand, denn sie stammen vom gleichen Gott; vielmehr stimmen sie mit ihnen überein. Deshalb kann man auch von den Überlieferungen sagen: Forscht in den Schriften; sie geben Zeugnis (Joh 5,39) für die Überlieferungen und für die unfehlbare Autorität der Kirche. Sie fügen nichts hinzu, sondern erklären, wie man aus dem Myrrhen und Balsambaum den Saft nicht mit einem Messer aus Stahl gewinnt, sondern mit Glas, Stein, Knochen, Elfenbein oder einem anderen Holz; wie die Bienen Honig aus Blüten saugen. Die Häretiker gewinnen (aus der Schrift) Galle und Gift wie Spinnen. Nicht daß sie Gift enthielte, vielmehr verwandeln sie ihren Sinn in Gift. Lk 16,29: Sie haben Mose und die Propheten; auf die sollen sie hören. Hören bedeutet aber gehorchen; dem gehorchen, der spricht. Auf Mose hören heißt, auf die Lehre hören, die die Bücher Moses darlegen.

Bleiben wir also mit Christus im Haus des Simon und Andreas. Hier heilt Christus die Fieberkranken. Es ist eine fremdartige Hitze, die unnatürlich ist. Ach, wie viele Fieberkranke sehe ich, die mir den Puls, die Augen, die Zunge zeigen!

Die Tradition und die Heilige Schrift verhalten sich zueinander wie das Hervorgegangene und das Hervorgehen. Die Heilige Schrift hat den Vorzug, daß in ihr alles kanonisch ist, sogar die Interpunktion. Das zeigte sich, als die Arianer einen Punkt verrücken wollten: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war. Das Wort ... (vgl. Joh 1,1). Für diesen Punkt muß man zu sterben bereit sein. So muß man auch glauben, daß der Hund des Tobias einen Schwanz hatte (Tob 1,9). Da Sinn und Folgerung bei den Überlieferungen die gleichen sind, fügen sie den Worten nichts hinzu. Die Überlieferungen haben den Vorteil, daß sie von den Häretikern nicht verfälscht werden können.

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RE: Fastenzeit - Begrifferklärung

in Wort- und Begrifferklärungen 08.03.2024 20:27
von Blasius • 3.856 Beiträge



Zum Freitag der 3. Fastenwoche


Annecy, 18. März 1594 (OEA VII,146-152; DASal 9,46-50)

Es kommt die Stunde, und sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden. Solche Anbeter sucht der Vater. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn anbeten im Geist und in der Wahrheit (Joh 4,23f).

Hier haben wir eine der beachtenswertesten und kennzeichnendsten Stellen des Evangeliums. Gott selbst erklärt und gibt die Art an, wie wir ihm gut und wohlgefällig dienen sollen. Im übrigen ist diese Stelle ziemlich schwierig und wurde manchmal von den Gegnern der katholischen Kirche aufgegriffen, um den Glauben der Väter zu erschüttern. Gleichwohl sind in ihr mehrere wunderbare Geheimnisse zur Stärkung des Glaubens der Kirche und ihrer Wahrheit verborgen. Es sind dies Geheimnisse, die wir selbst niemals entdeckt hätten, wenn nicht Er, der sie zu unserem Heil geschaffen hat, sie uns durch seine Gnade sichtbar werden ließe. Bitten wir ihn also bei seinem Blut, daß er uns seiner Glorie und seiner Ehre teilhaftig mache, und gewinnen wir seine Mutter als Fürsprecherin; an sie richten wir nun den Gruß des Engels. Ave Maria.

Wenn der Jäger auf Hirsch und Hindin Jagd macht, erwartet er sie an einer Quelle, an die sie gewöhnlich zum Trinken kommen (denn diese Tiere haben einen besonders starken Durst), um sie zu fangen, wenn die Kälte des Wassers sie erschlaffen ließ, entsprechend dem Wort des Psalmisten (Ps 42,1): Wie der Hirsch nach der Quelle ruft, so sehnt sich meine Seele nach dir, mein Gott. So ging auch Unser Herr in der Begebenheit des heutigen Evangeliums zu einer Quelle, erwartete eine arme Sünderin, die in ihrer Sündhaftigkeit lechzte, um sie in meisterhafter Jagd zu fangen, nachdem er durch seine heiligen Worte die Regungen der Sünde und der Begierlichkeit in ihr betäubt hat. Doch hört in kurzen Worten den Hergang (Joh 4,1-19); dann wollen wir beim wichtigsten Punkt verweilen, der uns begegnet.

Die Jünger des Herrn tauften viele Menschen in Judäa, viel mehr, als der hl. Johannes der Täufer getauft hatte. Als Unser Herr bemerkte, daß die Pharisäer und Schriftgelehrten aus Mißgunst gegen ihn darüber aufgebracht waren, zog er weiter nach Galiläa, um dort mit seiner heiligen Predigt zu beginnen, da die Zeit seines Leidens noch nicht gekommen war und er zudem sah, daß er in Judäa keinen besonders großen Erfolg hatte. Er blieb in Kafarnaum, das an der Grenze von Sebulon und Naftali liegt, wie Jesaja (9,1) vorhergesagt: Früher war das Land von Sebulon und Naftali verachtet.

Zwischen Judäa und Galiläa lag nun Samaria. Dort war eine Stadt mit Namen Sichem, am Berg Garizim gelegen, einst berühmt als Hauptstadt des Königreichs Israel, die der abtrünnige Jerobeam erbaute (1 Kön 12,25). Abraham hatte hier einen Altar errichtet, als er nach seinem Auszug aus Mesopotamien hierher kam, da ihm dieses Land versprochen worden war (Gen 12,6f; 13,14f). Jakob schlug hier sein Zelt auf, als er aus Mesopotamien zurückkam, und kaufte einen Teil des Feldes von Hamor (Gen 33,18f). Hier wurde Dina geschändet, wurde der Sohn des Königs und viele Männer von den Söhnen Jakobs erschlagen (Gen 34). Sichem war eine Asylstadt (1 Chr 6,67) Hier wurde Josef auf einem Grundstück begraben, das Hamor gehörte und Josef zum Erbe gegeben wurde (Jos 24,32).

Hier war ein Brunnen, den Jakob gegraben hatte, und hier war Josef begraben. Als Unser Herr müde und erschöpft vom Weg, den er hinter sich hatte, hier ankam, setzte er sich am Brunnen nieder: Jesus aber, müde vom Weg, setzte sich an den Brunnen. So also, wie er war, müde und erschöpft, setzte er sich wie jeder andere Mensch. Seht ihr nicht die Güte des Herrn, die Liebe dieses Jägers, der eilt, um die Seele als Beute zu gewinnen, obgleich er müde ist und sozusagen gezwungen, sich auszuruhen? Seht unsere Nachlässigkeit: wir sind schon entrüstet über die geringste Mühe der Welt, die wir auf uns nehmen müssen, um uns selbst zu retten. Unser Herr war nicht ohne Grund müde; er war lange gewandert, und ohne Zweifel zu Fuß, denn das Evangelium sagt: Es war um die sechste Stunde und fast Mittagszeit. Die Juden teilen nämlich den Tag in zwölf Stunden ein, ebenso die Nacht.

Während nun der himmlische Jäger sich ausruht, siehe da kommt die arme, beklagenswerte Hindin zum Brunnen, die jedoch bald die glückliche und überglückliche Samariterin sein wird. Es kam eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Glückselige Samariterin, du kamst, um vergängliches Wasser zu holen, und du hast das unvergängliche Wasser der Gnade des Erlösers gefunden. Glücklich warst du, Rebekka; du kamst an die Quelle und fandest dort den Knecht Abrahams, der dich zu Isaaks Frau machte (Gen 24,15.51). Glücklicher noch bist du, Samariterin, die du jetzt zum Wasser kommst und dort Unseren Herrn findest, der dich aus einer Sünderin, die du warst, zu seiner Tochter und zu seiner Braut macht. Sieh die Gelegenheit, die Unser Herr ergreift, um diese Seele zu retten. Hier an der Quelle sagt er zu ihr: Da mihi bibere; gib mir zu trinken. Unser Herr bittet uns um Werke der Barmherzigkeit, damit er Gelegenheit findet, uns Gutes zu tun. Er verlangt den Trunk nicht, um zu trinken, sondern um die Samariterin das Wasser der Gnade trinken zu lassen. So beginnt er ein Gespräch mit ihr, da seine Jünger in die Stadt gegangen sind, um Nahrung zu kaufen. Discipuli enim ejus abierant in civitatem ut cibos emerent. Da er allein mit ihr redet, ist es auch leichter, sie zum Bekenntnis ihrer Sünde zu veranlassen, von der die Frau zu ihm spricht. So sagt die Samariterin zu ihm (denn sie hat noch nicht begonnen; Bernhard, De Gratia et Libero arbitrio XIII,1: „Die Anstrengungen unseres freien Willens sind vergeblich, wenn sie nicht unterstützt werden, und nichtig, wenn sie nicht angeregt worden sind.“). Sie sagt: Wie kannst denn du als Jude von mir einen Trunk erbitten, da ich eine Samariterin bin? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. Die Juden verachteten die Samariter, wie ich später zeigen werde. Diese Frau hielt ihm das vor, als sie sagte: Ihr Juden betrachtet die Samariter als Ausgestoßene; wie kannst du mich also um einen Trunk bitten? Sie weiß wohl, daß es kein verbotener Umgang ist, um ein wenig Wasser zu bitten, aber sie sagt es doch als Vorwurf.

Jesus antwortet ihr und sagt: Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wüßtest, wer zu dir sagt: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn wohl gebeten, und er würde dir lebendiges Wasser geben. Sieh, Unser Herr beginnt den Pfeil seiner göttlichen Liebe auf sie zu richten. Zwei Dinge: 1. Wenn du die Gabe Gottes kenntest, die der Vater der Welt gegeben hat: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben habe (Joh 3,16). 2. Und wer jener ist, der dich um einen Trunk bittet. Er ist ja jener, der gekommen ist, nicht um Gerechte zu berufen, sondern die Sünder zur Buße zu führen (Lk 5,32). Wenn du also beides erkannt hättest, die Gabe des Vaters, und daß ich diese Gabe bin (Joh 4,26).

Zwei weitere Dinge: Du hättest ihn vielleicht darum gebeten. 1. Vielleicht: der freie Wille. – 2. Du hättest ihn darum gebeten; du hättest es nicht von ihm erwartet. – Und nochmals zwei Dinge: 1. Er hätte dir gegeben; sich nicht geweigert wie du. – 2. Lebendiges Wasser: viel besseres als das, worum ich dich bitte.

Da sprach die Frau zu ihm: Herr, du hast nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief. Woher willst du also lebendiges Wasser nehmen? Wie verkennt sie die Absicht Unseres Herrn! Er spricht von der Gabe Gottes, und sie redet von der Erde. – 2. Unser Herr spricht von lebendigem Wasser, sie vom toten: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben? (Joh 6,53). Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat, der selbst daraus trank mit seinen Kindern und seinen Herden? Seht die List: Sie ist schon vom Erlöser erleuchtet; so wagt sie nicht zu sagen: „Nein, du bist es nicht“; sie fragt vielmehr: Bist du etwa? Indessen zeigt sie sehr wohl, daß es ihr schwerfällt zu glauben. Doch achtet darauf, welch ehrenvolles Andenken sie Jakob wahrt und wie sie nach und nach zutraulich wird: patre nostro, von unserem Vater Jakob; wir alle stammen vom gleichen Vater ab.

Jesus antwortet ihr und sagt: Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit keinen Durst mehr haben. Betrachten wir ein wenig den Unterschied zwischen beiden Arten von Wasser: das eine stillt den Durst, aber nicht für lange Zeit; das andere dagegen in Ewigkeit ... Es handelt sich hier um zwei verschiedene Arten von Durst: den des Leibes und den der Seele, denn die Wünsche sind ein Durst der Seele; von ihm sagt der Herr: Er wird nicht dürsten, und der Psalmist (Ps 42,2: Vulg. ant.): Meine Seele dürstet nach Gott, der lebendigen Quelle. Doch der Heilige Geist stillt dem, der ihn durch die Gnade empfängt, den Durst des Leibes und der Seele in dieser und in der anderen Welt. In dieser Welt: Ich erachte alles als Kehricht, damit ich Christus gewinne (Phil 3,7f); aber unvollkommen, denn er bleibt stets im Menschen: Ich fühle in meinen Gliedern ein Gesetz, das dem Gesetz meines Geistes widerstreitet (Röm 7,23). In der anderen Welt vollkommen: Ich werde gesättigt sein, wenn deine Herrlichkeit sichtbar wird (Ps 17,15). Die Wasser löschen den ewigen Durst nicht; das können nur die Wasser des Heiligen Geistes. Denken wir an die Parabel von Lazarus und dem unglücklichen Reichen (Lk 16,19-31). Doch das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer sprudelnden Quelle des ewigen Lebens. Das Wasser steigt ebensoviel, als es fällt. Er wird eure sterblichen Leiber auferwecken durch seinen Geist, der in euch wohnt (Röm 8,11) ... Die Frau sagt zu ihm: Herr, gib mir von diesem Wasser, damit ich nicht mehr dürste und nicht mehr hierher kommen muß, um Wasser zu schöpfen. Sie glaubt, daß Unser Herr größer ist als Jakob und daß er besseres Wasser gibt. Aber sie erbittet es für das Zeitliche, da sie noch nicht erleuchtet ist.

Jesus sagt zu ihr: Rufe deinen Mann. Sie antwortet: Ich habe keinen Mann. Da sagt ihr Jesus: Du hast richtig gesagt, daß du keinen Mann hast. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Du hast die Wahrheit gesagt. Die Frau sagt zu ihm: Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist. – Sündenbekenntnis. – Ich habe gesagt: Ich gestehe meine Ungerechtigkeit dem Herrn, und du hast mir die Bosheit meiner Schuld vergeben (Ps 32,5).


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