Glückseligste und schönste Jungfrau Maria, die du voll von Barmherzigkeit bist, ich empfehle dir meine Seele und meinen Leib, meine Gedanken, meine Werke, mein Leben und meinen Tod. Meine Gebieterin, hilf mir und stärke mich gegen die Angriffe des Teufels. Erlange mir wahre und vollkommene Liebe, damit ich deinen geliebten Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, aus ganzem Herzen und nach ihm dich über alle Dinge liebe. O Meine Königin und Mutter, mache durch deine mächtige Vermittlung, dass ich diese Liebe bis zu meinem Tod bewahre, worauf du mich alsdann ins Vaterland der Seligen führen wollest. Amen.
Zu Gott
Gib uns, allmächtiger Gott, die Gnade, dass wir, Dich immer besser erkennend, unsere eigene Nichtigkeit vollkommen einsehen, und nie durch die Wissenschaft zum Stolz und Irrtum, sondern allezeit zur Demut und Wahrheit geführt werden, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
An diesem Tag hat der griechische Kaiser Alexander Commenus durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau im Jahr 1120 über die Perser einen namhaften Sieg erhalten.
Der heilige Thomas von Aquin, ein Nachkomme aus dem edlen Geschlecht der Grafen von Aquin in Mittelitalien, gilt als einer der größten Gottesgelehrten aller Zeiten. Als er 1274 im Alter von erst fünfzig Jahren starb, hinterließ er über zwanzig dicke Bücher. Diese hatte er so gut und treffend geschrieben, dass auf ihnen zusammen mit der Heiligen Schrift heute noch die gesamte katholische Glaubenslehre wie auf einem festen und sicheren Fundament begründet ist.
Thomas war erst fünf Jahre alt, als ihn die Eltern zur Erziehung in das berühmte Benediktinerkloster auf dem Cassinoberg zwischen Rom und Neapel brachten, wo zu jener Zeit sein Onkel Sinnibald Abt war. Vater und Mutter, kluge Leute, hatten im Herzen den stillen Wunsch, ihr Sohn solle später des Onkels Nachfolger in der Leitung des mächtigen Klosters werden. Es kam aber anders. Nachdem Thomas seine Studien abgeschlossen hatte, trat er in den Bettelorden der Dominikaner ein. Die Eltern und Geschwister waren entsetzt über diesen Schritt, denn da stürzten mit einem Schlag alle ehrgeizigen Zukunftspläne zusammen. In ihrer Wut bemächtigten sie sich des jungen Ordensmannes, rissen ihm das Ordenskleid in Fetzen vom Leib und hielten ihn ein ganzes Jahr lang im Turm eines ihrer Schlösser gefangen. Thomas ließ sich dadurch jedoch in seinem Sinn nicht irremachen.
Die Freiheitsberaubung des jungen Ordensmannes durch die eigene Familie hat in der damaligen Welt viel Staub aufgewirbelt, so dass schließlich sogar Papst und Kaiser eingriffen, bis endlich wenigstens die Mutter Verstand annahm und dem Eingekerkerten zur Flucht verhalf. Thomas begab sich daraufhin nach Paris und nach Köln am Rhein. Dort wollte er unter der Leitung des heiligen Albert des Großen, des angesehensten Gelehrten seiner Zeit, die unterbrochenen Studien vollenden. Damals trug sich auch die folgende Begebenheit zu.
Thomas, der ein Riese von Gestalt war, etwas dickleibig und im Auftreten unbeholfen und schwerfällig, der wenig sprach und ohne Hintergedanken wie ein Kind jedem traute, galt anfangs als ein Dummkopf, der von den Mitschülern gerne geärgert wurde. Einmal rief ihm ein Mitschüler scherzend zu: „Thomas, komm, komm schnell! Schau, da fliegt ein Ochse durch die Luft!“ Thomas hastete herbei und suchte mit seinen Augen fieberhaft den Himmel ab. Da lachten ihn natürlich alle aus. Nur der Gehänselte lachte nicht, sondern sagte im heiligen Ernst: „Eher sollte man glauben, dass ein Ochse durch die Luft fliegt, als dass der Mund eines Christen lügt.“ So streng urteilte ein Heiliger über eine Lüge, die nicht einmal eine Sünde ist; denn solange man eine Lüge fühlen kann, ist sie nicht sündhaft. Schöner und geradliniger ist es allerdings, wenn man überhaupt nicht lügt, auch nicht aus Scherz.
Aus der Studienzeit von Köln wird vom heiligen Thomas noch eine andere Geschichte berichtet. Einmal musste er nämlich, als die Reihe an ihn kam, während des Essens bei Tisch vorlesen, wie es in den Klöstern üblich ist. Plötzlich schellte der Obere und tadelte den Vorleser, weil er ein Wort falsch ausgesprochen habe. Thomas berichtigte sofort den gerügten Fehler, obwohl er wusste, dass sich der Obere in diesem Fall irrte. Als ihm nachher die Mitschüler sagten, das hätte er nicht tun dürfen, weil er doch im Recht und der Vorgesetzte im Unrecht war, entgegnete der Heilige: „Es liegt nicht viel daran, ob ein Wort richtig oder falsch ausgesprochen wird, wohl aber liegt sehr viel daran, dass man gehorsam ist.“ Da können sich an Thomas jene ein Beispiel nehmen, die, meist zu Unrecht, klüger sein wollen als die Eltern und Lehrer.
Aus dem scheinbar einfältigen Studenten Thomas von Aquin ist später, wie bereits erwähnt, einer der tiefsinnigsten Gottesgelehrten aller Zeiten geworden, dessen Ruhm bis heute noch die Welt erfüllt. Als es dann mit ihm zu Ende ging, fragte ihn im Angesicht des Todes ein Mitbruder: „Thomas, nun sage uns noch das eine! Was ist dir bei all deinem Wissen das Unbegreiflichste gewesen?“ Auf diese Frage gab der Gelehrte eine ganz schlichte Antwort, die jedes Kind versteht, denn er erwiderte: „Das, was ich nie verstanden habe, ist die Tatsache, dass sich ein Mensch abends zur Ruhe legt mit einer schweren Sünde auf dem Herzen. Das habe ich wirklich nie begreifen können.“
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Der berühmteste Gelehrte und Kirchenlehrer stammte aus dem lombardischen Adelsgeschlecht der Grafen von Aquino. Er wurde 1225 in Roccasecca geboren und schon mit fünf Jahren zur Erziehung in das Benediktinerkloster Montecassino gebracht. 1236 setzte er an der Universität in Neapel seine Studien fort und entschloss sich 1243, in den Dominikanerorden einzutreten.
Seine Brüder, die seinen Entschluss, Mönch zu werden, nicht billigten, entführten ihn und hielten ihn auf der väterlichen Burg gefangen. Durch List und mit Hilfe einiger Dominikaner konnte Thomas aus dieser Haft entkommen. Im selben Jahr schickte sein Orden ihn zum Studium an die berühmte Pariser Hochschule.
Von dort zog er 1248 mit seinem Lehrer Albertus Magnus an die neugegründete Universität in Köln. Nach vier Jahren intensiver Studien begann er mit philosophisch-theologischen Vorlesungen seine eigene Lehrtätigkeit in Paris. Von Papst Urban IV. gerufen, leitete er von 1259-1269 die Ordensschulen in Orvieto, Viterbo und Rom; ab 1269 lehrte er wieder in Paris. In dieser wissenschaftlich sehr fruchtbaren Zeit entstand auch seine bedeutsamste Schrift: „Summa theologiae“, die als das Hauptwerk der Scholastik gilt.
1272 kehrte er nach Neapel zurück und reiste zwei Jahre später auf Wunsch Gregors X. zum Konzil nach Lyon. Unterwegs starb er am 7. März 1274 im Zisterzienserkloster Fossanova.
„Zwei seiner Brüder, Landulph und Raynald, welche bei der Armee des Kaiser Friedrich II. dienten, hatten von dieser Reise Kunde erhalten; sie ließen daher alle Wege so sorgfältig bewachen, dass Thomas bei Acqua-Pondente gefangen und ihnen ausgeliefert wurde. Sie versuchten ihn zur Ablegung des Kleides, das er trug, zu bewegen; allein der junge Novize erklärte standhaft, dass ihn nichts dahin bringen könne. Sie brachten ihn daher in seinem Ordenskleid auf das Schloss Monte San Giovanni, das seiner Familie gehörte. Seine Mutter war hoch erfreut, ihn bei sich zu haben, und schmeichelte sich mit dem Gedanken, dass man ihn schon allmählich zur Wahl eines anderen Standes überreden werde. Unter dem Vorwand, dass er ohne die Einwilligung seiner Eltern über seine Freiheit verfügt habe, versuchte sie ihn zu bereden, er gehe nicht den Weg, der ihm von der Vorsehung bestimmt sei. Sie folgerte sodann, dass er sich umsonst auf den Ruf des Himmels stütze, weil dieser dem Gesetz nicht widersprechen könne, welches die Kinder verpflichte, nichts ohne die Zustimmung der Eltern zu tun. Die Mutter brachte noch andere Gründe vor, denen sie durch Bitten, Tränen und Liebkosungen neue Kraft zu geben wusste. Man weiß, wie beredt die Natur in solchen Umständen ist. Thomas blieb nicht ungerührt bei dem Schmerz seiner Mutter; allein dieses Gefühl wusste er in den Schranken der Pflicht zu halten. Er antwortete ihr mit bescheidener und ehrfurchtsvoller Festigkeit, er habe alles wohl erwogen, sein Beruf komme gewiss von Gott und er sei entschlossen, demselben, was es ihn auch kosten möge, zu folgen. Die Gräfin, da sie ihre Hoffnung vereitelt sah, geriet in heftigen Zorn, machte ihrem Sohn die bittersten Vorwürfe, ließ ihn in enge Verwahrung bringen, und erlaubte nur seinen zwei Schwestern, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen.
Man stelle sich die Anstürme vor, welche Thomas von Seiten seiner Schwestern zu bestehen hatte. Sie griffen seine Standhaftigkeit mit allen Mitteln an, welche die Zärtlichkeit zu erfinden vermag. Sie schilderten ihm vor allem in den lebhaftesten Farben den Schmerz der trostlosen Mutter, der durch nichts als seine Rückkehr geheilt werden könne. Der Heilige, stets unerschütterlich, antwortete nur durch ergreifende Reden über die Verachtung der Welt und die Liebe zur Tugend.
Unterdessen kamen Landulph und Raynald vom Heer zurück und fanden bei ihrer Ankunft ihre Mutter ganz in Trostlosigkeit versunken, Thomas aber eben noch so fest entschlossen wie vorher. Diese Lage, die sie vielleicht nicht erwarteten, brachte sie auf Ideen, welche die Menschlichkeit sowohl als auch die Religion missbilligten. Die erste gewalttätige Handlung, die sie an ihm verübten, war, dass sie ihn in den Schlossturm sperrten. Sein Ordenskleid zerrissen sie in Stücke, überhäuften ihn mit Schmähungen und fügten ihm tausend andere Misshandlungen zu. Da nichts imstande war, den Heiligen zu erschüttern, benützten sie ein Mittel, das ihnen nur der Geist der Finsternis eingeben konnte. Sie führten eine der schönsten Buhlerinnen des Landes in sein Gemach und versprachen ihr eine große Belohnung, wenn sie ihn verführen würde. Diese Unglückselige bot alles auf, was eine solche Frau durch List und Unverschämtheit vermag. Thomas, obgleich bestürzt über die Gefahr, in welcher er seine Unschuld ausgesetzt sah, verlor den Mut nicht. In demütigem Misstrauen zu sich selbst, rief er den Gott der Reinheit um Beistand an. Dann ergriff er einen glühenden Brand, ging auf die schändliche Buhlerin los und jagte sie mit dieser Waffe zum Zimmer hinaus.
Es verflossen ein oder sogar nach einigen Schriftstellern zwei Jahre und Thomas war noch im Schloss eingekerkert. Papst Innozenz IV. und Kaiser Friedrich II., die von der grausamen Verfolgung, welche er leiden musste, Nachricht erhielten, verwendeten sich mit vieler Anteilnahme für dessen Befreiung. Sie ließen bei seiner Mutter und seinen Brüdern für ihn sprechen, so dass diese endlich auch zu menschlicheren Gesinnungen zurückkehrten. Die Gräfin schien sogar nicht abgeneigt, heimlich die Flucht ihres Sohnes zu begünstigen. Die Dominikaner von Neapel, von ihrer Denkweise benachrichtigt, schickten einige Ordensbrüder verkleidet in das Schloss Monte San Giovanni; diese fanden sich zur bestimmten Stunde am Turm ein, empfingen den Heiligen, den seine Schwester in einem Korb hinabließ, in ihre Arme, und führten ihn freudevoll in ihr Kloster. Thomas legte im folgenden Jahr die Gelübde ab. Der Tag, an dem er Gott das Opfer seiner Freiheit darbrachte, schien ihm der schönste seines Lebens; er brachte ihn zu in den Übungen der innigsten Frömmigkeit. Indessen missbilligten es seine Mutter und seine Brüder laut, dass er die Gelübde abgelegt habe; sie unterschoben ihm niedrige Beweggründe, und brachten ihre Klagen vor den Heiligen Stuhl. Der Papst berief sogleich den jungen Ordensmann nach Rom, um seine Berufung zum Klosterstand zu prüfen. Seine Antworten befriedigten ihn auf das vollkommenste, und seine Tugenden setzten ihn in Erstaunen. Er billigte dessen gewählte Lebensweise und erlaubte ihm, darin zu beharren. Seit dieser Zeit ward unser Heiliger nicht mehr durch seine Familie beunruhigt.
Da unterdessen der Dominikanergeneral Johannes Teutonius eine Reise nach Paris machte, nahm er unseren Heiligen mit sich. Danach schickte er ihn nach Köln, wo Albert der Große Theologie lehrte. Thomas wohnte den Vorträgen dieses trefflichen Lehrers bei und widmete alle Zeit, die ihm die Religionspflichten übrig ließen, den höheren Wissenschaften. An seiner Lernbegierde hatte aber Ruhmsucht nicht den mindesten Anteil, und die außerordentlichen Fortschritte, welche er bald machte, wusste seine Demut zu verbergen. Aus demselben Beweggrund beobachtete er auch ein strenges Stillschweigen, welches aber seine Mitschüler als Stumpfsinn ansahen. Man nannte ihn daher spottweise den stummen Ochsen, oder den großen Ochsen aus Sizilien. Es ereignete sich sogar einmal, dass sich einer seiner Mitschüler anbot, ihm den Lehrvortrag zu erklären, um ihm dessen Verständnis zu erleichtern. Thomas nahm mit innigem Dankgefühl das Angebot an, obgleich er damals schon Lehrer der andern hätte sein können. Eine solche Demut war um so verdienstvoller vor Gott, als studierende Jünglinge sonst geneigt sind, ihre Fähigkeiten glänzen zu lassen, und ihre Überlegenheit gegenüber anderen zu zeigen. Allein Gott, der seine Diener umso mehr zu verherrlichen weiß, als sie von aller Ruhmbegierde entfernt sind, fügte es, dass man bald in dem Heiligen einen großen und durchdringenden Geist, der mit vielen Kenntnissen und einer gründlichen Beurteilungskraft ausgestattet war, erkannte. Als ihn Albert über sehr dunkle Gegenstände fragte, antwortete er mit solcher Richtigkeit und Kürze, dass alle Zuhörer in Verwunderung gerieten und Albert selbst vor Freude entzückt, ausrief: „Wir nennen Thomas den stummen Ochsen, allein seine Gelehrsamkeit wird einst brüllen, dass man ihn auf der ganzen Erde hören wird.“
Zahlreiche Attribute werden dem Heiligen zugeordnet. Dargestellt wird er im weißen Dominikanerhabit mit Skapulier und Kapuze, ein offenes Buch haltend. Kelch und Monstranz in seinen Händen sollen an seine innige Frömmigkeit, an seine Hymnen und an das Fronleichnamsoffizium, das er verfasst hat, erinnern. Die Taube am Ohr ist das Symbol für seine übernatürliche Erleuchtung, und die Lilie in seiner Hand deutet auf sein engelgleiches reines Leben hin. Mitra und Stab zu seinen Füßen zeigen an, dass er alle kirchlichen Ämter und Würden abgewiesen hat. Sein ganz besonderes Kennzeichen ist jedoch ein Stern oder ein Edelstein oder eine Strahlensonne, die er auf der Brust trägt.
Thomas von Aquin ist der Patron aller katholischen Hochschulen, der studierenden Jugend, der Buchhändler und Bleistiftfabrikanten. Er schützt die Keuschheit und hilft gegen Blitz und Sturm.
Weil der bisherige Festtag, der 7. März, wegen der Fastenzeit oft nicht gefeiert werden konnte, wurde der Gedenktag auf den 28. Januar verlegt.
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St. Thomas von Aquin
Dem Orden des hl. Dominikus gebührt der Ruhm, unter die Schar seiner Mönche den größten Gottesgelehrten aller Zeiten und Nationen zu zählen, einen Mann, der viel genannt wurde, da durch eine Verfügung des Heiligen Vaters Pius X. seine Werke neuerlich allen Theologiestudierenden dringendst zum intensivsten Studium anempfohlen wurden, da sie hervorragenderweise geeignet sind, den Priestern jene tiefe philosophische Bildung zu geben, die nötig ist, um den modernen Irrtümern gewappnet entgegentreten zu können. Dieser Mann ist Thomas von Aquin, geb. 1226, gest. 1274.
Thomas war der Sohn des Grafen von Aquin, Herrn von Loretto und Bebastro, der aus königlichem Geblüt stammte und mit Kaiser Friedrich II. verschwägert war. Auf dem Schloss Roccasicca wuchs der Junge bis zu seinem 5. Lebensjahr heran, dann wurde er in die Klosterschule der Mönchsburg Monte Cassino gebracht, um hier die Grundbildung in allen Wissenschaften zu empfangen. Schon da erkannten seine Erzieher, dass dieses Kind von Gott mit ganz außergewöhnlichen Talenten und Gnadenvorzügen bedacht sei. Nach sechs Jahren erklärten sie, dass der Junge in Monte Cassino nichts mehr zu lernen habe, dass der Zwölfjährige für die Hochschule reif sei. Der Graf holte seinen Sohn heim, er sollte einige Zeit die Freiheit und die Freuden der Jugend genießen. Alles war alsbald über Thomas entzückt. Seine Liebenswürdigkeit und Anmut, seine Sanftmut und Frömmigkeit gewann ihm aller Herzen. Auch am väterlichen Schloss, wo es an Festen und Zerstreuungen nicht fehlte, studierte er weiter und schien überhaupt dem höfischen Treiben wenig Gefallen abzugewinnen. Zwei Jahre später bezog Thomas die Universität in Neapel. Hier ging er bereits ganz andere Wege als die übrigen Studenten, die ihn umsonst zu ihrem tollen Leben zu gewinnen versuchten. Die Zeit teilte er sich in Studium und Gebet und nichts liebte er mehr, als vor einem Tabernakel die Liebe und Weisheit des Heilandes zu betrachten. Die Erholungszeit verbrachte der junge Mann gerne in einem neugegründeten Dominikanerkloster, dessen innigfromme, hochgelehrte Priester ihn ungemein anzogen. Und doch kam es aller Welt unerwartet, als es eines Tages hieß, der Sohn des Grafen von Aquin ist Novize eines Bettelordens geworden. Ohne Wissen der Eltern, deren Einwilligung er nie erhalten hätte, aber in vollster Überzeugung eines gottgewollten Berufes, hatte Thomas den entscheidenden Schritt getan. Um ihn vor Verfolgung zu schützen, sandten die Oberen den jungen Mann über Rom nach Paris. Doch unterwegs lauerten ihm seine zwei Brüder auf, die im kaiserlichen Heer dienten, und brachten ihn gefangen nach Roccasicca. Eltern und Geschwister versuchten durch alle Mittel, durch Güte wie auch durch Misshandlung seinen Sinn zu ändern – umsonst! So flammend sprach er von der Liebe Gottes und den ewigen Gütern, dass er dadurch sogar seine älteste Schwester, die bereits verlobt war, zu dem Entschluss brachte, sich gleich ihm Gott zu weihen. Diese Schwester war es auch, die ihn nach zwei Jahren rettete, indem sie ihn in einem Korb vom Gefangenenturm in die Tiefe ließ, wo ihn Dominikaner erwarteten. Bald darauf legte Thomas die heiligen Gelübde ab. Die Eltern klagten nun ihren unbotmäßigen Sohn beim Heiligen Vater an, der Thomas kommen ließ und seinen Beruf prüfte. Er erkannte klar die Heiligkeit und Unschuld des Verfolgten, nahm sich seiner an und seit der Zeit beunruhigte ihn seine Familie nicht mehr. – So ist es immer: schenkt Gott jemand wirklich einen hohen Beruf und türmen sich Berge vor dem Ziel, der den Beruf gibt, gibt die nötige Kraft und räumt die Hindernisse beiseite, wenn es Zeit ist.
Nun reiste der junge Ordensmann nach Köln, um die Vorträge des weltberühmten Dominikaners Albertus Magnus zu hören. Später folgte er diesem Meister der Scholastik nach Paris. Unermüdlich studierte Thomas unter der großartigen Anleitung und der Meister sah bald in ihm den Stern, der seine eigene Wissenschaft überstrahlen würde. Nicht kleinere Fortschritte machte er in der Heiligkeit. Stieß er im Studium auf Schwierigkeiten, so eilte er zum Tabernakel oder unter das Kreuz. Im Gebet fand er alle Erleuchtung, das demütige Gebet war die Quelle seines erhabenen Wissens. So erklärte Thomas später einmal, er habe weniger aus Büchern als zu Füßen des Gekreuzigten gelernt.
Mit 22 Jahren wurde Thomas zum Lehrer in Köln ernannt und empfing bald darauf die heilige Priesterweihe. Das heiligste Sakrament des Altares ist fortan der Mittelpunkt in des Heiligen innerem und äußerem Leben. Thomas ist ein Heiliger der Eucharistie. Bei der heiligen Messe flossen immer reichlich seine Tränen. Stundenlang, auch des Nachts, kniete er, in Liebe und Anbetung versunken, vor einem Tabernakel. Was er da dachte und fühlte, das legte er in seinen Schriften über die heilige Eucharistie nieder, das quoll wohl auch als Hymne von seinen Lippen, und wer diese heiligen Gesänge heute hört, meint, sie seien den Engeln im Himmel abgelauscht worden. So der Hymnus aus der Messe am Gründonnerstag: „Pange lingua gloriosi . . . Preiset, Lippen, das Geheimnis“, dessen letzte zwei Strophen „Tantum ergo . . .“ und „Genitori, Genitoque . . .“ bei jedem feierlichen Segen angestimmt werden. Dann die herrliche Sequenz von der Fronleichnamsmesse, die das Geheimnis der heiligen Eucharistie in ganzer Vollständigkeit und schlichter Erhabenheit besingt: „Lauda Sion, Salvatorem . . . Deinem Heiland, deinem Lehrer . . .“, dann die zwei Lobgesänge von der Fronleichnamsprozession: „Sacris Solemniis juncta sint gaudia . . . Lasset am heiligen Fest heut uns fröhlich sein . . .“, „Verbum supernum prodiens . . . Das ew`ge Wort im Himmel hoch . . .“ und endlich der „Hymnus zum heiligsten Sakrament“, dem ein Teilablass verliehen ist, so er nach der heiligen Kommunion gebetet wird. Dieses weniger bekannte, innigfromme Lied lautet:
„In Demut bet` ich dich, verborgne Gottheit, an,
Die du den Schleier hier des Brotes umgetan.
Mein Herz, das ganz in dich anschauend sich versenkt,
Sei ganz dir untertan, sei ganz dir hingeschenkt.
Gesicht, Gefühl, Geschmack betrügen sich in dir,
Doch das Gehör verleiht den sicheren Glauben mir.
Was Gottes Sohn gesagt, das glaub` ich hier allein,
Es ist der Wahrheit Wort, und was kann wahrer sein?
Am Kreuzesstamme war die Gottheit nur verhüllt,
Hier hüllt die Menschheit auch sich gnädig in ein Bild;
Doch beide glaubt mein Herz und sie bekennt mein Mund,
Wie einst der Schächer tat in seiner Todesstund`.
Die Wunden seh` ich nicht, wie Thomas einst sie sah;
Doch ruf` ich: Herr, mein Gott, du bist wahrhaftig da!
Wascht alle Sünder rein, stellt alle schuldenfrei.
O Jesu, den verhüllt jetzt nur mein Auge sieht,
Wann stillst das Sehnen du, das in der Brust mir glüht,
Dass ich enthüllet dich anschau` von Angesicht
Und ewig selig sei in deiner Glorie Licht? – Amen.“
Von Köln weg, wo der junge Lehrer hohe Berühmtheit erlangt hatte, kam er als Lehrer der Theologie nach Rom. Hier wie dort gewann er die weitesten Massen durch seine unvergleichlichen, zündenden Predigten. Auch seine Angehörigen durfte er Gott zuführen. Neben dem anstrengenden Beruf eines Hochschullehrers schrieb Thomas unermüdlich Werke über Philosophie und Theologie, in denen er sein gotterleuchtetes Wissen niederlegte. Bis zu seinem Ende blieb Thomas so demütig, dass er alle Ehrenstellen, die ihm vom Papst angetragen wurden, zurückwies.
Über seine Werke war er oft unruhig, ob sie doch – alle die 18 Folianten – nichts gegen die katholische Lehre enthielten. Gott selbst gab ihm Antwort. Als er einst in Neapel vor einem Kruzifix betete, fiel er in Extase und hörte die Worte: „Thomas, du hast gut von mir geschrieben; welche Belohnung begehrst du dafür?“ Da erwiderte der Heilige: „Keine andere, als dich, o Herr!“ – Und der große Lohn kam bald. Von übergroßer Geistesarbeit geschwächt, begann Thomas zu kränkeln. Der Papst sandte ihn als Verteidiger der katholischen Lehre gegen die Griechen zum Konzil von Lyon (1274). Unterwegs erkrankte der Heilige so heftig, dass er in der Zisterzienser-Abtei in Fossa Nuova die Fahrt unterbrechen musste. Als er die Pforte durchschritt, sagte er: „Hier ist der Ort meiner Ruhe für alle Zeit!“ Schnell schwanden trotz der besten Pflege seine Lebenskräfte und nach einer allgemeinen Beichte und der mit der Andachtsglut eines Heiligen empfangenen heiligen Wegzehrung verschied der Fürst der Gottesgelehrten sanft und leicht.
Er wurde 1567 von Pius V. zum Doctor ecclesiae (Kirchenlehrer) und 1880 von Leo XIII. zum „Patron der studierenden Jugend und der Schulen“ ernannt. Er heißt auch „Doctor angelicus“ – der englische Kirchenlehrer – da er durch eine besondere Gnade keine Anfechtungen gegen seine Unschuld zu leiden hatte.
Karl X. (1757-1836) König von Frankreich 1824-1830. Der Comte d'Artois. Der zukünftige König Karl X. von Frankreich mit seiner Schwester Marie Clothilde (1759-1802). Die zukünftige Königin von Sardinien.
Versailles, der Ort der Lust für Frankreichs Könige, für uns Deutsche vormals die Erinnerung an eine große Tat der Geschichte, jetzt aber das Schreckzeichen drückender Schmach, hat mit seinem glänzenden Schein die Wiege der Maria Clotilde, des bourbonischen Königskindes, umsponnen, ihrem irdischen Lebensweg aber auch nur den trügerischen Glanz von Glück verheißen. Der Glaube und seine Kraft brachte ihr allein das wahre Glück. Ihr Vater war der Kronprinz Ludwig, Sohn König Ludwigs XV. von Frankreich, die Mutter, ausgezeichnet an Geist und Herzen, war eine Prinzessin von Sachsen, Maria Josepha, so dass Clotilde mütterlicherseits deutschen Blutes war. Inmitten eines durch seine Sittenlosigkeit verrufenen Hofes waren beide Eltern fromm und tugendhaft und sorgten durch eine gleich ausgezeichnete Erzieherin, dem Kind von zartester Jugend an die Keime der Religion ins Herz zu legen und die Tugenden zu pflegen. Bereitwilligen Herzens und mit ehrfurchtsvollem Gehorsam ging die kleine Prinzessin, die mit kindlicher Einfalt einen reifen Ernst und hohen Scharfsinn vereinigte, auf die vortrefflichen Lebensgrundsätze und Lehren ein, die ihr geboten wurden. Furcht vor jedem Schatten der Sünde, Abscheu vor dem Müßiggang, Gewöhnung an eine feste Lebensordnung. Sinn für Wohltun, Bescheidenheit, Unterwerfung des eigenen Willens unter dem anderer, Gleichgültigkeit gegen irdische Größe, die nur ein Geschenk ist, von Gott zu seiner Ehre und zum Wohl des Nächsten verliehen: das waren die Linien, die ihrem Leben die Richtung wiesen und sie zu der wahren Größe des Menschen führten, zur Heiligkeit.
Um die Zeit des siebenten Lebensjahres, in dem sie zum ersten Mal das Sakrament der Beichte und dann auch die Firmung mit zarter Andacht und hohem Verständnis für ihre Bedeutung empfing, sollte sie schon die Bitterkeit der Erdentrübsale kosten und den ersten harten Schlag empfinden, von denen das Leben dieser frommen Tochter des heiligen, auch schwer heimgesuchten Königs Ludwig IX. betroffen wurde. Der Vater, Dauphin Ludwig, starb nach großen, standhaft erduldeten, langwierigen Leiden im Dezember 1765. Eineinhalb Jahre darauf folgte ihm die Mutter. Ein doppelter, unersetzlicher, unsagbar herber Verlust für das tief empfindende Herz der Prinzessin, deren überlegener Geist die Größe des Schicksalsschlages schon zu erfassen vermochte. Nur allein die Lehren der Religion, die schon tiefe Wurzeln in ihrem Gemüt geschlagen hatten, ließen sie den Schmerz überwinden. Nicht wenig hatte das fürstliche Kind und ihre weise Erzieherin, Gräfin von Marsan, unter dem Spott und den Stichelreden mancher Höflinge zu leiden, die eine freiere, weniger fromme Erziehung gewünscht hätten. Aber mit größter Sorgfalt und Umsicht wusste sie allen drohenden Gefahren zu begegnen. Ein schon bejahrter, anscheinend musterhafter Lehrer ließ sich einmal gegenüber der schon heranwachsenden Prinzessin ein nicht ganz ehrbares Wort entschlüpfen. Sogleich war sie bemüht, den Mann zu entfernen, aber unter so völliger Wahrung seines guten Rufes, dass man die wahre Ursache ihrer Abneigung nicht entdeckte.
Hätte Clotilde frei der Neigung ihres Herzens folgen dürfen, so würde sie am liebsten dem Beispiel ihrer Tante Marie Louise gefolgt sein, die im demütigen Bußkleid der heilgen Theresia dem gekreuzigten Erlöser Gefolgschaft gelobt hatte. Allein ihr königlicher Bruder, Ludwig XVI., hatte andere Absichten, denen sich mit tugendlichem Gleichmut, unter Aufopferung ihrer eigenen Wünsche, zu unterwerfen sie für ihre Pflicht hielt. Sie wurde, im sechzehnten Lebensjahr, mit dem Kronprinzen von Piemont, Karl Emanuel, im August 1775 in der Kapelle zu Versailles vermählt, und zwar seitens des Bräutigams durch Stellvertretung. Ihr Gemahl war sehr religiös und stimmte in Grundsätzen und Gesinnung ganz mit ihr überein. Als sie nach Turin kam, fühlte sich der Kronprinz bei der ersten Begegnung mit ihr von der Anmut und Tugend, die aus Clotilde hervorleuchteten, so angezogen, dass er sich äußerte, sie habe alles Vorteilhafte, das man von ihr gesagt hätte, weit übertroffen.
Ihr Lebensplan im Ehestand war der eines vollkommen christlichen Lebenswandels. Gleich beim Erwachen erhob sie ihr Herz zu Gott. Nach geraumem Gebet wohnte sie einer Privatmesse in der Hauskapelle bei. Nachdem sie sich dann der Hofsitte gemäß gekleidet hatte, wobei ihre Gedanken nicht dem Putz, sondern einem geistlichen Buchfolgten, das man ihr vorlesen musste, ging sie mit der ganzen königlichen Familie zur Kirche, um öffentlich dem heiligen Messopfer beizuwohnen. In der Folgezeit kommunizierte sie, der Sehnsucht ihres Herzens folgend, drei bis viermal in der Woche, bei großen Festen oder neuntägigen Andachten mehrere Tage hintereinander. Im Laufe des Tages widmete sich dann die Prinzessin stillen Handarbeiten, in denen sie sehr geschickt war, und den mannigfachen Pflichten, die ihr hoher Stand erforderte. Aber, ohne hierin etwas zu versäumen, zog sie sich doch immer wieder zum Gebet zurück. Meist betete sie kniend, ohne Betschemel oder Rücklehne auf dem bloßen Boden, bisweilen mit gekreuzten Armen. So sehr war sie dabei in Gott versunken, dass man sie aufrütteln musste, wenn jemand sie zu sprechen wünschte. Sie war also ohne Zweifel zum beschaulichen Gebet erhoben. Wurde sie gerufen, so ließ sie keinen Augenblick warten und zeigte keinen Missmut über die Unterbrechung. Hatte sie aber die nötigen Befehle gegeben, so nahm sie ganz gesammelt ihr Gebet wieder auf. Unter Tags wiederholte sie oft Stoßgebete und verlor auch dann die Gegenwart Gottes nicht aus dem Auge, wenn sie wie immer beschäftigt war oder mit ihrem Gemahl zur Erholung sich erging. Täglich betete sie das kirchliche Brevier und war in der lateinischen Sprache so gut bewandert, dass sie die Erhabenheit der Psalmen verstand und ihre Lehren tief auf sich wirken ließ. Nicht minder genau kannte sie auch die Rubriken des Missale, die Vorschriften des kirchlichen Messbuches.
So ganz in Gott lebend, widmete doch die Ehrwürdige auch ihrem Gatten, dem Fürsten, ihre ganze Sorgfalt, erforschte mit zarter Klugheit seine Wünsche, pflegte ihn in mehreren langen Krankheiten, die ihn befielen, als aufmerksamste und teilnehmendste Wärterin. Kein Opfer war ihr zu schwer. Mit Klugheit und Umsicht leitete sie ihn zur religiösen Würdigung seiner Leiden an und stellte ihm die Tugend der Geduld und Ergebung in den Willen Gottes als liebenswürdig dar. Mit zartester Liebe erwiderte der Fürst die hohe Teilnahme seiner Gattin. Er schenkte ihr in allen Lebensverhältnissen sein vollstes Vertrauen und nannte sie in Verehrung seine Mutter und Ratgeberin, seine Trösterin und geistliche Führerin. Den Schwiegereltern und übrigen Gliedern der königlichen Familie begegnete sie mit größter Ehrfurcht, Liebe und Ergebenheit. Den Untergebenen aber war sie in mütterlicher Liebe und Besorgnis zugetan. Hatte sie zu befehlen, so bediente sie sich eher bittender als gebieterischer Worte. Ihrer Sorgfalt, Sanftmut und Überredungsgabe verdankte das ganze königliche Haus den Frieden und die Einigkeit, sodass sie vollauf den Namen Engel oder Friedensengel rechtfertigte, den man ihr gab.
Mit Schmerzen sah die Fürstin, dass es ihr nicht vergönnt sei, dem Hause Savoyen einen Erben zu geben. Sie wäre bereit gewesen, sagte sie, alle Leiden zu erdulden, wenn es Gott gefiele, den Wünschen der königlichen Familie und des Volkes in dieser Hinsicht geneigt zu sein. Nachdem aber das Fürstenpaar nach sechsjähriger Ehe ohne Hoffnung blieb, lebte es, von den gleichen gegenseitigen Gesinnungen beseelt und vom Verlangen nach der christlichen Vollkommenheit erfüllt, künftighin nur jener reinen, geistigen Liebe, die im Bund der göttlichen Liebe die Herzen einigt. Sie banden sich jedoch in kluger Vorsicht durch kein Gelübde. Allmählich, besonders in späteren Jahren, suchte sich die Ehrwürdige von der Hofetikette loszumachen, um in heiliger Freiheit auf den Wegen des Herrn größere Fortschritte zu machen. Ihren königlichen Pflichten bei Hoffestlichkeiten oder Vorstellungen entzog sie sich aber nicht und war dabei bemüht, ihr ganzes Benehmen nach den strengsten Regeln der Höflichkeit und des Anstandes zu regeln. Bei Theatervorstellungen, denen sie anwohnen musste, war ihr Geist nicht auf der Bühne, sondern ganz mit der Erinnerung an Gott beschäftigt. Der Wandel in der ständigen Gegenwart Gottes, dieses sichere Merkmal der Heiligkeit, zeichnete gerade auch unsere fromme Fürstin in besonderer Weise aus. Die Armen und Notleidenden, die Kranken in den Spitälern, selbst solche, die an ekelhaften Krankheiten litten, besuchte sie, so weit es nur möglich war, persönlich, unterstützte sie jedenfalls durch Mittelspersonen aufs mildtätigste. Sie tat aber nichts ohne den Willen ihrer Schwiegereltern und ihres Gemahls. Konnte sie aber einmal deren Einwilligung zur Ausübung ihrer guten Werke nicht finden, so war sie ganz ergeben und ersetzte das gute Werk durch Gebet. Ist nicht auch das ein Zeichen der echten Frömmigkeit Clotildens, dass sie gerne ihre eigenen Neigungen, auch die teuersten, dem Gehorsam und der Pflicht unterwarf?
„Ego autem orabam – Ich aber bin Gebet“ (Psalm 109). Wahre Religiosität und Gottvereinigung haben Clotilde auf den Berg der Verklärung getragen. Das Leben führte sie aber auch über die Bitterkeit des Ölbergs zur Höhe. „Domine, vim patior – Herr, ich leide Gewalt, tritt für mich ein“ (Jesaja 38,14), das mochte der andere himmelanführende Herzensruf sein. „Ihr ganzes Leben war eine ununterbrochene Kette von Leiden und Schmerzen aller Art, so dass sie beständig Gelegenheit hatte, ihr unerschütterliches Vertrauen, ihre Geduld und ihre Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes an den Tag zu legen,“ so urteilt ihr Seelenführer während der letzten neun Lebensjahre im Seligsprechungsprozess. Die härtesten Trübsale machten, wie schon ihre Jugendpfade, so noch mehr die späteren Lebenswege zu einem beständigen Martyrium. Um dies zu verstehen, braucht man nur zu bedenken, dass ihre irdische Pilgerschaft von den Gräueln der französischen Revolution umschattet war. Ihr Bruder, der König Ludwig XVI., und ihre Schwester Elisabeth endeten auf dem Blutgerüst. Ihr Neffe, der Kronprinz, starb durch die grausame Behandlung der Revolutionsmänner eines frühen Todes. Entsetzliche Schläge, die die christliche Dulderin gottergeben trug. „Das Opfer ist gebracht,“ antwortete sie als ihr Gatte die Hinrichtung ihrer Schwester mit den Worten meldete: „Gott fordert ein großes Opfer.“ Eine auf diesen Tag festgesetzte Bußprozession machte sie in Andacht und ruhiger Gelassenheit mit, wenngleich der herbste Schmerz sich in ihrem Antlitz abdrückte.
Maria Clotilde selbst, von der der Kardinal-Erzbischof von Turin nach Entdeckung einer Verschwörung behauptete, sie, „die Fürstin habe das ganze Land gerettet“, musste, an der Site Karl Emanuels IV., 1796 Königin geworden, all die Bedrängnisse, Verängstigungen und Gefahren, mit denen damals Staat und Krone umgeben waren, aufs bitterste kosten. „Sie haben wohl Recht,“ schrieb sie einem erfahrenen Mann, „den Hof einen Kalvarienberg zu nennen; denn er ist es in der Tat. Desto besser, wenn wir einen rechten Gebrauch davon machen und einst aus diesem Schmerzensreich in das schöne Paradies übergehen, nach dem sich mein Gemahl und ich immer gesehnt haben.“ Im dritten Regierungsjahr brach auch in Piemont das Revolutionsgewitter los. Die französische Republik beraubte das Königspaar aller Besitzungen auf dem Festland und zwang es, nach Sardinien sich zurückzuziehen. Die Beschwerden, Verdemütigungen, Verspottungen auf der Reise waren unsägliche. Kaum eine Unterkunft konnten sie bisweilen erhalten oder nur die allerschlechteste. Es herrschte große Kälte, der König ohnehin krank, litt auf der Überfahrt zur See überdies noch heftig an der Seekrankheit. Immer war es die Königin, die nie den Mut und die Besonnenheit verlor und die persönlich die sorgsamste Krankenpflegerin war. Dem Willen Gottes ganz ergeben, wiederholte sie bei den schrecklichsten Unglücksfällen das tiefe Wort: „Wir finden alles in Gott, und nichts mangelt dem, der ihn besitzt.“ Ein großer Trost war es ihr auch und „der vollkommenste Ersatz für all ihr Missgeschick“, unterwegs den in der Kartause bei Florenz gefangen gehaltenen Bekennerpapst Pius VI. zu sehen.
Nur ein halbes Jahr blieb das Königspaar in Sardinien. Chlotilde leitete im Auftrag des kranken Königs mit viel Weisheit die Staatsgeschäfte, schützte nach Kräften die Religion und war treu besorgt, den geistigen und leiblichen Bedürfnissen ihrer Untertanen zu entsprechen. Das vortreffliche Beispiel des Königspaares, das anhaltend den öffentlichen Gottesdienst, die Predigten und Katechesen besuchte, brachte die besten Früchte hervor. Als aber ein Hoffnungsstrahl auf Wiedererlangung des Königsthrones in Piemont aufleuchtete, begaben sie sich nach Florenz zurück. Nach acht Monaten nahmen jedoch die öffentlichen Ereignisse wieder eine solche Wendung, dass die Königin und ihr schwergeprüfter Gatte abermals gezwungen waren, eiligst die Stadt zu verlassen. Verbannten gleich hatten sie keine bleibende Stätte mehr. Mehrmals wechselten sie ihren Aufenthalt zwischen Rom und Neapel. Wieviel Ungelegenheiten und bittere Erfahrungen waren damit verbunden! Die heldenhafte Frau wollte alles für sich allein tragen und ihrem Gatten das Schlimmste ersparen. Hinwiederum wollte der himmlische Vater die fromme Dulderin in nichts schonen, um sie ganz zu vollenden. Zeitweilig hatte sie die Bitternis der Trockenheit und Trostlosigkeit zu leiden. „Ich finde meinen Gott nicht mehr,“ klagte sie ihrem Seelenführer, „Sie können nicht glauben, mit welchem Widerwillen ich die geringste geistliche Übung verrichte. Nur mit der größten Mühe schreite ich vorwärts.“ Unter Tränen maß sie sich demütig die Schuld hieran bei. Aber „Gott, der sie auf dem dornenvollen Pfad der Trübsal führen wollte, ließ sie nicht lange in Verlassenheit, ohne ihr seine Barmherzigkeit zu zeigen. Er handelte wie ein mitleidiger Vater, teilte ihr seine Gnaden mit und belebte dadurch wieder ihren Eifer in Erfüllung der schweren Pflichten; denn sonst würde sie unfehlbar haben erliegen müssen.
Und die ehrwürdige Dienerin Gottes harrte aus. Hatte ihr die Ewige Stadt mit ihren vielen heiligen Stätten viel edle Herzensfreude gebracht, so traf sie in Neapel das kostbare Ende. Gott ließ der lebenslänglichen Kreuzträgerin noch auf dem Sterbebett innere Erleuchtungen und eine große Seelenwonne zuteilwerden. „O, diese Ruhe! Wie süß ist dieser Friede, wie schön der Himmel! Zum Himmel, zum Himmel!“ so rief sie, die Hände faltend aus. Als der König ihr durch den Beichtvater schonend sagen ließ, dass er seinerseits bereit sei, das Opfer der Trennung zu bringen, und dass er ergeben bleiben wolle, antwortete sie in Entzücken: „O, mein Vater, welcher Trost, welche Freude! Nun bleibt mir nichts mehr zu wünschen übrig als das Paradies!“ Diesem Geistlichen, der ihr geraten hatte, sich an eine damals im Ruf der Heiligkeit gestorbene Dienerin Gottes, Marie Gabriele, zu wenden, gestand die Königin hernach auch: „Gabriele hat Ihnen gefolgt. Sie ist zu mir gekommen und wir haben alles miteinander ausgemacht . . . Aber, mein Vater, hienieden ist man nicht fähig, die Dinge jener Welt zu begreifen.“ Sie verschied am 7. März 1802 – die Grabinschrift soll das Datum des 17. März tragen – im Alter von 42 Jahren. Der Arzt kündete dem König die Auflösung mit den Worten an: „Ich freue mich mit Euerer Majestät, dass ein Engel zum Himmel aufgeflogen ist!“
„Das ist eine Heilige! Eine Heilige ist gestorben! Sie ist glücklich, sie ist im Paradies!“ So urteilte auch das Volk bei dem einfach gehaltenen, durch gewaltige Menschenmassen aber erhebenden Leichenzug. Der Ruf wuchs immer mehr. Als wunderbare Gebetserhörung auf Anrufen Chlotildens sich ereigneten, unterschrieb Papst Pius VII., der die Dienerin Gottes persönlich hochachten gelernt hatte, im Jahr 1808 das Dekret zur Einsetzung einer Kommission, durch die Maria Chlotilde als ehrwürdig erklärt wurde. König Karl Emanuel IV. trat schließlich in den Orden der Gesellschaft Jesu ein.
„Die Religion ist nur für das Volk,“ so haben schon Mächtige sich übermütig ausgesprochen. „Religion ist Opium für das Volk“, schrieb Karl Marx einst auf. „Die Vornehmen und Reichen können leicht fromm leben,“ so glauben hinwiederum die mit der Not des Lebens Ringenden urteilen zu müssen. Dies Lebensbild einer Königin lehrt, dass Frömmigkeit Pflicht auch der Höchststehenden ist, dass aber gerade auch die Schwerheimgesuchten, ob hoch oder nieder, sich den Trost der Religion sichern sollen und durch Leid am ehesten zur Vollendung gelangen können. Religiosität, Gottvereinigung in Gebet und Leiden schafft Gotteskinder, wahre Abbilder Christi, erlesene Persönlichkeiten, harmonische Seelenschönheit.
Hier haben wir es mit zwei großen Heiligen zu tun, die wir zwar verehren, aber kaum nachahmen können. So hoch stehen sie durch ihre Glaubenskraft und durch ihren Bekennermut über uns. Perpetua und Felizitas gehören in der Tat zu den glorreichsten Blutzeugen Christi.
Perpetua war eine vornehme und hochgebildete junge Frau von zweiundzwanzig Jahren und Mutter eines kleinen Kindes. Felizitas dagegen gehörte dem Sklavenstand an, war ebenfalls verheiratet und schenkte im Kerker kurz vor dem Martertod einem Mädchen das Leben.
Perpetua und Felizitas waren noch nicht getauft, aber im Glauben unterrichtet, als im Jahr 202 die fünfte der zehn römischen Christenverfolgungen sie überraschte. Die beiden Frauen erhielten, weil sie des Christentums verdächtig waren, zunächst Hausarrest. Gleich kam Perpetuas Vater, der kein Christ war, zu seiner Tochter und flehte sie an, sich nicht als Christin anzugeben, um wenigstens im Interesse ihres Kindes das Leben zu retten. Auf ein Gefäß im Zimmer zeigend, sagte Perpetua: „Vater, siehst du den Krug da? Kann man behaupten, dass der Krug kein Krug ist?“ „Nein, das kann man nicht.“ Also kann auch ich mich nicht anders nennen als das, was ich bin, nämlich eine Christin.“ So sprach die Heldin Perpetua.
Nachdem dann die beiden mutigen Frauen in der Zeit des Hausarrestes heimlicherweise die heilige Taufe empfangen hatten, warf man sie einige Tage später in einen düsteren Kerker. Die Gefängniszelle war überfüllt, die Hitze unausstehlich und der Gefangenenwärter grausam. Über Felizitas aber kamen gerade damals die Schmerzen, die über jede Mutter kommen, wenn sie einem Kind das Leben schenkt. Es war so arg, dass die junge Frau laut aufstöhnte. Trotzdem verspottete sie der herzlose Wächter und sagte verachtend zu ihr: „Wie wirst du erst schreien, wenn du den wilden Tieren vorgeworfen wirst!“ Da richtete sich die Gequälte auf und gab dem Spötter die schöne Antwort: „Wisse, jetzt leide ich selbst, dann aber wird ein anderer in mir sein, der für mich leidet, weil ich zu seiner Ehre leide.“ Felizitas wollte damit sagen, dass ein Christ, wenn er für den Glauben leidet, durch die Gnade reichlich gestärkt wird und deswegen alle Qualen aushalten kann.
Nachdem Felizitas ihrem Kind im Kerker das Leben geschenkt hatte, nahm eine andere Christin, dadurch hochgeehrt, das Mädchen zu sich und hat es großgezogen. Die beiden Heldinnen aber wurden dem Richter vorgeführt, und weil sie sich weder durch gute noch durch böse Worte bewegen ließen, vom Glauben abzufallen, lautete das Urteil auf Tod.
So kam das glorreiche Ende. Vor Tausenden von herzlosen Zuschauern wurden die beiden Frauen einer wilden Kuh vorgeworfen, die sie auf die Hörner nahm und böse zurichtete. Mit zerfetzten Kleidern und tiefen Wunden lagen die Frauen auf dem Schlachtfeld Christi. Mit letzter Kraft richtete sich Perpetua auf und zog das Gewand, das zerrissen war, zurecht, mehr besorgt um ihre Scham als um ihren Schmerz.
Nachdem im Zirkus das wilde Tier von den beiden Frauen abgelassen hatte, wurden sie schließlich enthauptet. Es ereignete sich dieser glorreiche Sieg am 6. März 203 zu Karthago in Nordafrika. Der Ruhm dieser beiden christlichen Heldinnen wird nie erblassen.
Dieser Heilige erhielt wegen seiner außerordentlichen Demut und seiner gänzlichen Unwissenheit in allen menschlichen Wissenschaften den Beinamen der Einfältige. Er war ein armer Tagelöhner, der in der Welt Gott bis in sein sechzigstes Lebensjahr treu gedient hatte, und sich dann erst in die Einsamkeit zurückzog wegen seiner lasterhaften Frau, die er auf einem Ehebruch ertappte. Voll von dem Gedanken, sich Gott ohne allen Rückhalt zu weihen, verließ er sein Haus und vergrub sich in die Wüste. Nach einer Reise von acht Tagen langte er endlich an dem Ort an, wohin sich der heilige Antonius zurückgezogen hatte. An diesen Heiligen wandte er sich mit der inständigen Bitte, unter die Zahl seiner Schüler aufgenommen und auf den Weg des Heils geführt zu werden.
Antonius schlug ihm sein Begehren ab. Er sagte ihm, er sei zu alt, um die strenge Lebensweise der Einsiedler ertragen zu können, und gab ihm daher der Rat, in sein Haus zurückzukehren und bei seinem Stand zu bleiben, wo er sich ja auch heiligen könne, wenn er alle seine Handlungen mit steter Richtung auf Gott ausübe. Nach dieser Ermahnung verschloss er seine Tür. Paulus ließ sich aber nicht zurückweisen. Er wartete an der Tür des Heiligen, wo er strenges Fasten mit anhaltendem Gebet vereinigte. Antonius, schließlich gerührt durch den frommen Eifer des Bittenden, öffnete ihm nach vier Tagen seine Tür und nahm ihn, nachdem er seinen Gehorsam auf mehrfache Weise geprüft hatte, unter die Zahl seiner Jünger auf. Er schrieb ihm eine Lebensordnung vor, nach der er unermüdlich arbeiten sollte seine Leidenschaften zu zähmen, seine Sinne und seinen Willen abzutöten, die Neigungen seines Herzens immer mehr zu läutern und das Feuer der göttlichen Liebe in sich zu entzünden. Er lehrte ihn die wahre Weise zu beten, verbot ihm vor Sonnenuntergang zu essen, und empfahl ihm, sich nie ganz zu sättigen. Paulus befolgte genau die Weisungen seines Lehrers und gelangte in kurzer Zeit zu einer großen Vollkommenheit. Hier nur einige Beispiele für seinen Gehorsam, um zu zeigen, zu welchem hohen Grad er in dieser Tugend gelangte.
Eines Tages, da er irgendeine Arbeit vollendet hatte, missbilligte sie der heilige Antonius und befahl ihm, es anders zu machen. Er gehorchte ohne ein Wort zu erwidern und ohne Nahrung zu begehren, obgleich er seit sieben Tagen noch nichts gegessen hatte. Ein anderes Mal sagte ihm der heilige Antonius, er solle Brot in Wasser einweichen, denn das Brot der Einsiedler war sehr hart und trocken. Als alles zum Mahl bereitet war, befahl er ihm, statt ihn essen zu lassen, Psalmen mit ihm zu singen. Nach vollbrachtem Gesang hieß er ihn sich zur Ruhe zu begeben, rief ihn aber wieder um Mitternacht auf, um mit ihm zusammen zu beten. Paulus bestand alle diese Prüfungen mit einer bewunderungswürdigen Geduld, und unterhielt sich mit Gott bis drei Uhr des folgenden Nachmittags. Am Abend aß er und sein Meister jeder ein Brot. Worauf ihn Antonius fragte, ob er ein zweites essen will: „Ich will wohl, wenn du selbst noch eins isst.“ „Aber ich bin Einsiedler“, sagte Antonius. „Und ich will es werden“, erwiderte Paulus. Hierauf fingen sie wieder an zu beten, sangen zwölf Psalmen, und verrichteten noch mehrere andere Gebete. Dann gestatteten sie dem Körper einige Ruhe bis Mitternacht, wo sie wieder dieselbe Andachtsübung begannen.
Dies waren aber nicht die einzigen Prüfungen, in denen der heilige Antonius seines Schülers Gehorsam bewährt fand. Eines Tages, da mehrere Einsiedler gekommen waren, ihn um Rat zu fragen, hieß er ihn Honig ausgießen, der in einem Gefäß war, und ihn dann wieder zurück gießen, ohne Verunreinigungen hineinzubringen. Ein anderes Mal beschäftigte er ihn einen ganzen Tag mit Wasserziehen, das er ihm sogleich wieder auszugießen befahl. Bald gab er ihm die Weisung seine Körbe auseinanderzureißen und von neuem zu machen, sein Kleid aufzutrennen und wieder zusammen zu nähen. Paulus hatte schließlich gar keinen Willen mehr und handelte in allem nach dem des heiligen Antonius.
Nachdem nun Antonius von der frommen Stimmung seines Schülers auf diese Weise sich ganz versichert und ihn vollkommen in den Pflichten des Einsiedlerlebens unterrichtet hatte, schickte er ihn in eine Zelle, die er ihm eine Stunde von den Seinigen erbauen ließ. Da besuchte er ihn von Zeit zu Zeit und sah mit Freude, wie treu er alle seine Vorschriften befolgte. Er hatte auch einen so hohen Begriff von ihm, dass er ihn seinen anderen Schülern als ein vollendetes Muster zur Nachahmung vorstellte. Die Kranken und Besessenen, die er selbst nicht heilen konnte, schickte er zu ihm, indem er wusste, dass dieser fromme Einsiedler von Gott eine größere Wunderkraft, als er selbst empfangen habe, und Paulus erhielt auch jedes Mal ihre Genesung durch ein glühendes und vertrauensvolles Gebet. Mehr als dies weiß man von seinem Leben nicht. Er starb einige Zeit nach dem Jahr 330. Die Griechen und Lateiner verehren ihn am 7. März.
1. Wenn wir das glorreiche Ziel unserer Pilgerschaft glückselig erreichen wollen, so hüten wir uns sorgfältig vor dem Laster der Unmäßigkeit, die das Gemüt verfinstert und der Unzucht alle Pforten öffnet. Dazu ermahnt unser göttlicher Führer uns mit den sehr ernsten Worten: "Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht." (Lukas 21,34) Die Lust beim Essen ist ein Mittel, machen wir also das Mittel nicht zum Zweck. Sie ist eine Arznei gegen unsere Schwäche, sehr oft aber wird sie ein Reiz zur Sünde. Schämen fürwahr sollte sich der Mensch, dass sogar viele vernunftlose Tiere hier mit einem Beispiel ihm vorangehen.
2. Notwendigkeit und Vernunft müssen bei Speise und Trank unsere Richtschnur sein. Sehen wir also zu, dass wir nicht vom Notwendigen zum Überflüssigen und Übermäßigen übergehen. Was viele tun, die die Grenzen der Vernunft überschreiten, und sie sogar durch Übermaß schwächen, so dass sie durch die Speisen, die Gottes Güte uns gegeben hat, den Leib zu nähren, ihre Seele töten. So schwer ist dieses Laster, dass der Apostel von solchen Menschen spricht, ihr Bauch sei ihr Gott. Ja diesem Götzen opfern Christen täglich Vermögen, Gesundheit, Vernunft, Gewissen und Seligkeit.
3. So sehr verabscheut Gott dieses Laster, dass er es oft furchtbar bestraft. Aus Unmäßigkeit wurden die Kinder Israels des Manna überdrüssig und verlangten nach Fleisch, und "noch hatten sie ihre Gier nicht gestillt," spricht der Prophet, "noch war die Speise in ihrem Mund, da erhob sich gegen sie Gottes Zorn; er erschlug ihre Führer und streckte die jungen Männer Israels nieder." (Psalm 78,30+31) Und wie viele Schwelger essen und trinken sich noch täglich den plötzlichen Tod. Aber noch schrecklicher sind die Strafen, die Gott diesem Laster in der künftigen Welt bestimmte. Dort leidet nun jener reiche Prasser ewigen Hunger, und nicht ein Tropfen Wassers wird ihm gereicht, seinen brennenden Durst zu mildern. Möchten wir je um solchen Preis eine so niedrige Lust erkaufen. "Seid nüchtern und wachsam!" ruft der Apostel, "Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann." (1. Petrus 5,8)
O Mutter der Barmherzigkeit, siehe, wir bringen dir unsere Herzen dar, die dereinst in der Taufe durch das Blut Jesu Christi gewaschen und gereinigt, die aber später durch die Sünde von neuem befleckt worden sind. Wir bringen sie dir dar, damit du sie von neuem reinigen wollest. Mach, dass wir uns wahrhaft bessern, erlange uns die Liebe Gottes, die Beharrlichkeit und den Himmel. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte der heiligen Koleta
O Gott, der Du der heiligen Koleta den Mut gegeben hast, bei ihren Unternehmungen zu Deiner Ehre so viele Schwierigkeiten zu besiegen, verleihe uns auf ihre Fürbitte die Gnade, alle Schwierigkeiten in Deinem Dienst zu überwinden, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Die selige Koleta sah die heiligste Mutter Gottes für die Urheberin ihrer Reform an, denn als sie ganze Tränenbäche wegen der Lauigkeit vieler Seelen im St. Clara-Orden vergoss, kam es ihr, wie sie sagte, vor, als sehe sie die seligste Jungfrau samt dem heiligen Franziskus, wie sie Koleta Christus dem Herrn als ein taugliches Werkzeug für solche Verbesserung dargeboten habe. Der Erfolg hat diese Erscheinung bewährt.
Die heilige Rosa, die von ihrer Vaterstadt Viterbo in Italien den Beinamen hat, war die Tochter eines frommen Ehepaares und diente von zarter Kindheit an dem Herrn mit einer Vollkommenheit, an der sich große Diener Gottes erbauten. Alle Eitelkeiten der Welt ekelten sie an. Sie unterzog sich als schwaches Mädchen schon den strengsten körperlichen Bußübungen und widmete sich inständig dem Gebet, besonders dem der Betrachtung. Der Herr gab sein Wohlgefallen an der ausgezeichneten Tugend der kleinen Rosa dadurch auffallend zu erkennen, dass er auf ihr Gebet eine verstorbene Anverwandte wieder ins Leben zurückrief. Ihr Anblick allein forderte jeden, der ihr begegnete, zur Liebe jungfräulicher Reinheit auf, die sie als den höchsten Schatz ganz unbefleckt bewahrte. Ihre Liebe zu den Armen hatte etwas Außerordentliches. Als sie eines Tages zur Winterszeit ihnen heimlich Brot bringen wollte, das sie sich vom Munde abgespart hatte, begegnete ihr der Vater und befahl, ihm zu zeigen, was sie so verborgen trage. Sie öffnete das Tuch, und anstatt des Brotes zeigten sich die schönsten Rosen. Voll Sehnsucht nach der heiligen Einsamkeit wählte sie sich ein abgelegenes Kämmerlein des Hauses zum Aufenthalt, schloss sich dort wie in einen Kerker ein und verrichtete unausgesetzt harte Bußwerke und heiße Gebete, um von Gott für die Kirche den Frieden zu erflehen, der durch Kaiser Friedrich II. auf betrübende Weise gestört wurde. Durch die anstrengende Abtötung verfiel sie in eine lebensgefährliche Krankheit, in der sie durch eine Erscheinung der allerseligsten Jungfrau begnadet wurde und den Auftrag erhielt, in den dritten Orden des heiligen Franziskus zu treten. Sie tat dies sogleich nach der Genesung und trug nach Kräften bei, dass viele Menschen von ihren Verirrungen zurückkehrten und sich an das sichtbare Oberhaupt der Kirche fest und treu anschlossen, weshalb sie mit der ganzen Verwandtschaft vom Kaiser aus der Stadt vertrieben wurde und erst nach dessen Tod, den sie im prophetischen Geist genau vorausgesagt hatte, wieder dahin zurückkehren konnte. Im Alter von 16 Jahren suchte sie die Aufnahme im Nonnenkloster zur heiligen Maria von den Rosen nach, wurde jedoch wegen ihrer Dürftigkeit abgewiesen. „Was ihr der Lebenden versagt, werdet ihr der Gestorbenen gerne bewilligen“, sprach sie zu den Nonnen, und kehrte ruhig und getrost in ihr Kämmerlein zurück, wo sie noch gegen zwei Jahre als würdige Braut Jesu verlebte, bis sie voll der Verdienste in ihrem 18ten Lebensjahr gottselig entschlief. Dreißig Monate nach der Beerdigung wurde auf Befehl des Papstes Alexander IV., der sich gerade zu Viterbo aufhielt, ihr Leichnam erhoben, noch vollkommen erhalten und beugsam gefunden, und dann in der Kirche jenes Klosters, das ihr die Aufnahme verweigert hatte, nachher aber nach ihr benannt wurde, mit größter Feierlichkeit beigesetzt. Sie starb um das Jahr 1252.
Die ausgezeichneten und leuchtenden Tugenden des heiligen Thietmar sind mehr dem Himmel bekannt, als der Erde, denn aus seinem Leben ist uns nur wenig überliefert, aber dieses Wenige reicht hin, uns eine hohe Verehrung zu diesem Heiligen einzuflößen.
Thietmar war von Geburt ein Bayer und zeichnete sich durch ein umfangreiches Wissen und durch große Frömmigkeit derart aus, dass er nach dem Tod des Bischofs Anno, des Grafen von Blankenburg, im Jahre 1185 zu dessen Nachfolger auf dem Bischofsstuhl zu Minden ernannt wurde. Anfangs regierte er in Ruhe und Frieden, als aber nach dem Tod Kaiser Heinrichs IV. der Herzog Philipp von Schwaben und Otto, der Sohn Heinrichs des Löwen, sich um die Kaiserkrone stritten, wurde Westfalen und das ganze Römische Reich in Mitleidenschaft gezogen. Diese Streitigkeiten begannen im Jahr 1198 und setzten sich unter mancherlei Wechselfällen fort bis 1207, wo nach vielen beklagenswerten Verwüstungen Philipp unter dem Mordstahl fiel.
In dieser bewegten Zeit führte Thietmar die Herrschaft der Kirche von Minden mit solcher Umsicht, Treue und Festigkeit, dass er zu den ausgezeichnetsten und heiligsten Bischöfen Westfalens gezählt werden muss. Seine Gefühle und Neigungen zügelte er mit dem Zaum der Vernunft, so dass er den Menschen abgelegt zu haben schien. Seine besondere Sorge im Hirtenamt ging dahin, dass er sein Leben nicht nur von jedem Fehler rein erhielt, sondern auch mit dem Glanz der vorzüglichsten Tugenden schmückte, denn er wusste, dass auch die Bischöfe das Wort des heiligen Bernhard angehe: „Bedenke, dass du sein musst ein Bild der Gerechtigkeit, ein Spiegel der Heiligkeit, ein Muster der Frömmigkeit, ein Bekenner der Wahrheit, ein Verteidiger des Glaubens, ein Lehrer der Völker, ein Führer der Christen.“
Seinem Leib gestattete Thietmar auch im vorgerückten Alter nicht viel, ja er quälte ihn durch häufiges Fasten und Enthaltung von Speise und Trank so sehr, dass er vor der Zeit aufgerieben wäre, wenn ihn Gott nicht auf wunderbare Weise gestärkt hätte. Als er einst am Karfreitag den heiligen Dienst vollendet hatte und diesen Tag nach seiner alten Gewohnheit bei Wasser und Brot fasten wollte, obgleich seine herabgekommenen Körperkräfte eine solche Strenge nicht mehr ertragen konnten, verwandelte sich das aus dem Brunnen geschöpfte Wasser in Wein. Er wies diesen köstlichen Trank zurück und verlangte Wasser. Wieder und wieder verwandelte sich das frisch geschöpfte Wasser in Wein. Der heilige Bischof meinte, der Diener betrüge ihn, stand deshalb vom Tisch auf, beobachtete den Diener genau und ließ von neuem vor seinen Augen Wasser aus dem Brunnen schöpfen, damit keine Täuschung unterlaufen könnte. Als er wieder bemerkte, dass sich das Wasser in Wein verwandelt habe, nahm er den Trank als eine Himmelsgabe mit tiefster Gemütsbewegung und dankte Gott, dass er ihn trotz seiner Unwürdigkeit mit einem so wunderbaren Getränk gestärkt habe.
Während der Amtsführung Thietmars und ohne Zweifel unter seiner tätigen Beihilfe gründete sein Blutsverwandter Simon, Propst an der Kathedralkirche zu Minden, das Nonnenkloster in Neudorf. Nachdem er 21 Jahre unter schwierigen Zeitverhältnissen sein bischöfliches Amt ruhmvoll und segensreich geführt hatte, starb der heilige Thietmar am 6. März 1206 und wurde in der Domkirche begraben, wo viele Wunder sein Andenken verherrlichten.
Der erste Apostel des Schwabenlandes ist der heilige Fridolin.
Er stammte aus einem berühmten Adelsgeschlecht Südschottlands, erhielt früh einen gründlichen Unterricht in den Wissenschaften, entsagte allem irdischen Reichtum und Ansehen, wurde Priester und zog predigend durch die Städte und Dörfer seiner Heimat. Seine Bemühungen waren mit Segen gekrönt und überall fand er Liebe und Bewunderung. Da Fridolin befürchtete, dass so viel Lob den Ehrgeiz und Hochmut in ihm erwecken könnte, so verließ er seine Heimat, um in einem fremden Land Gottes Ehre und der Menschen Heil zu fördern.
Nach längerer Wanderung nahm er seinen Aufenthalt zu Poitiers in Frankreich, wo einst der große Kirchenvater Hilarius gelebt und gewirkt hatte. Das Kloster lag seit der Völkerwanderung in Trümmern und selbst die Reliquien des Heiligen waren unter den Trümmern begraben. Fridolin wünschte nichts mehr, als die Wiederauffindung der Reliquien und die Wiederherstellung der Kirche des heiligen Hilarius. Nach langem, inbrünstigem Gebet kündigte ihm der Heilige in einer nächtlichen Erscheinung die baldige Erfüllung seines Wunsches an. Der Bischof unterstützte bereitwillig seine eifrigen Bemühungen, ernannte ihn zum Abt des verfallenen Klosters, und beide baten den König Chlodwig I. um Unterstützung ihres Unternehmens. Der König gewährte ihre Bitte und beschenkte sie reichlich. Friedolin war so glücklich, die Reliquien des heiligen Hilarius im Schutt zu finden und Kirche und Kloster wieder herzustellen.
Nachdem Fridolin geraume Zeit dem Kloster zu Poitiers vorgestanden hatte, erschien ihm der heilige Hilarius und forderte ihn auf, das in Poitiers begonnene Werk seinen zwei Neffen zu überlassen, er selbst soll mit einem Teil der gefundenen Reliquien nach Alemannien wandern, dort sei eine vom Rhein umflossene Insel das von Gott bestimmte Ziel seiner apostolischen Reisen.
Unter Trauer und Klagen des Volkes und der Mönche verließ Fridolin die Stadt, kam an die Mosel und erbaute das Hilariuskloster Helera (jetzt Eller bei Cochem). Darauf ging er nach dem Elsass und gründete zu Straßburg ebenfalls eine Hilariuskirche. Nach langem Umherwandern in Burgund und der Schweiz, wo er überall das Wort Gottes verkündigte und eine blühende Christengemeinde unter dem Schutz des heiligen Hilarius (abgekürzt Glarus) gründete, fand er endlich die ersehnte Rheininsel an der Stelle, wo jetzt Säckingen liegt. Die Bewohner benutzten die Insel als Weideplatz für ihr Vieh. Während Fridolin einen Platz für die Kirche und das Kloster suchte, fassten die Leute Argwohn, die Fremden möchten ihre Herden stehlen, fielen mit Stöcken über sie her und jagten sie fort.
Fridolin flüchtete sich zum Frankenkönig, der ihm durch eine Schenkungsurkunde die Insel überwies und jedem mit dem Tod drohte, der dem Missionar feindlich entgegentrete. Mit diesem Sicherheitsbrief versehen, kehrte der Heilige mit einigen Jüngern zurück und begann den Bau eines Klosters. Bei einem wohlhabenden Mann jener Gegend suchte er Obdach, aber die Frau des Mannes verweigerte ihm der schlechten Zeiten wegen die Unterkunft. Während Fridolin die Zankrede über sich ergehen ließ, kam der gütige Hausherr Wacher herbei, gebot seiner Frau Schweigen und nahm Fridolin gütig auf. Kurz darauf gebar die Frau ein Töchterlein, zu dem der Fremdling als Pate bestellt wurde trotz des Widerspruches der Frau. Je mehr sie aber Fridolin kennen lernte, desto höher achtete sie ihn, ja sie bat ihn sogar, dass er ihre heranwachsende Tochter unterrichte. – Diese Tochter war die erste, die in das später dort errichtete Frauenkloster eintrat und ihre väterliche Mitgift für das Kloster verwandte.
Nach dem Tod des Königs Dietrich bereiteten die Bewohner des linken Rheinufers dem Abt Fridolin neue Schwierigkeiten und beanspruchten die Insel, die sie bei niedrigem Wasserstand watend erreichen konnten, als ihr Eigentum. Sie bestellten aus ihrer Mitte Schiedsrichter, von denen Fridolin kein günstiges Urteil hoffen durfte. Vertrauensvoll legte er seine Sache in Gottes Hand, kniete in der Nacht vor dem Urteilsspruch am Ufer nieder und betete, Gott möge den Strom auf die linke Seite wenden. Als am anderen Morgen die Richter und das Volk erschienen und die wunderbare Veränderung sahen, erkannten sie, dass Fridolin von Gott gesandt sei, baten ihn um Verzeihung und behandelten ihn fortan mit Ehrerbietigkeit.
Nachdem die Hindernisse überwunden waren, baute Fridolin zwei Klöster für Mönche und Nonnen, nahm Novizen auf, sorgte für strenge Zucht und pflegte den Geist der Frömmigkeit und Tugend bei seinen Untergebenen durch Wort und Beispiel. Wie die vormals wüste Insel sich in einen anmutigen, fruchtbaren Garten verwandelte, so wuchs die ausgestreute Saat des göttlichen Wortes herrlich in den Seelen der Landesbewohner weit und breit, denn Fridolin durchpilgerte den Schwarzwald, Baden und Württemberg um das Christentum überallhin zu verbreiten. Das Volk wallfahrtete gern zum Kloster Fridolins, manche ließen sich dort nieder und so entstand die Stadt Säckingen. Das Kloster Fridolins war das erste in Schwaben und wurde eine Pflanzschule der christlichen Lehre für weite Kreise.
Für den Unterhalt der Gründung hatte der kinderlose Ursus von Glarus Fridolin zum Erben seines Vermögens eingesetzt. Nach Ursus Tod wollte dessen Bruder Landolt das Vermächtnis nicht anerkennen, obwohl er es früher getan hatte. Fridolin forderte sein Recht, aber der Richter verlangte vom Kläger lebende Zeugen für die Gerechtigkeit seiner Ansprüche. Fridolin versprach sie ihm. Er eilte nach Glarus, ließ in Gegenwart vieler Menschen das Grab des Ursus öffnen und befahl dem Toten im Namen Gottes aufzustehen. Ursus richtete sich sogleich auf und ging mit Fridolin zum Gericht. Todesschrecken durchschauerte alle, als der Auferstandene mit hohler Stimme sprach: „Bruder Landolt, warum raubst du mein Eigentum, das ich mit deiner Zustimmung dem Abt Fridolin geschenkt habe?“ Landolt erwiderte zitternd: „Verzeihe mir, bester Bruder! Nicht nur dein Eigentum will ich vollständig zurückgeben, sondern auch mein ganzes Vermögen dazu.“ Er hielt Wort. Gott preisend führte Fridolin den Toten zu seiner stillen Gruft zurück und wirkte ungehindert Großes und Unvergängliches, bis er hochbetagt sein Leben am 6. März 540 beschloss. Durch die Fürbitte des Heiligen geschahen viele Wunder, und zahllose Menschen pilgerten zu seinem Grab in Säckingen. Der Kanton Glarus verehrt ihn dankbar als seinen Landespatron und führt im Wappen sein Bild, das ihn als Pilger im Mönchsgewand auf sprossenden Rosen wandernd darstellt, ein passendes Sinnbild für seine vielseitige Wirksamkeit, da er nicht nur die Wildnis in blühendes Land verwandelte, sondern auf die Herzen roher und heidnischer Völker zu den schönsten Blüten christlicher Tugenden heranbildete. Der heilige Fridolin gibt uns einen schlagenden Beweis, wieviel ein einziger Mensch zu erreichen vermag, wenn eine flammende Gottesliebe sich mit mächtiger Tatkraft und unbeugsamer Ausdauer verbindet.
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Wie erschrak das anwesende Volk, als auf das Gebet des heiligen Fridolin die Totengruft des Ursus sich öffnete, die modernde Leiche neues Leben erhielt und an der Hand des Heiligen zum Gerichtshof eilte, um Zeugnis für die Wahrheit abzulegen! Wie entsetzte sich Landolt, als er seinen längst verstorbenen Bruder leibhaftig vor sich stehen sah und aus seinem Mund die bittersten Vorwürfe wegen seiner Ungerechtigkeit hörte! Weit grauenvoller wird das Weltgericht werden, wo sich auf den Schall der Posaune alle Gräber öffnen und alle Völker aller Zeiten vor dem Richterstuhl des Allgerechten und Allwissenden erscheinen müssen, wo die Sünden eines jeden Menschen offenbar werden vor der ganzen Welt und das Endurteil gesprochen wird. Stellen wir uns dieses Weltgericht unserem Geist vor!
1. Betrachte mit frommer Aufmerksamkeit den hohen Wert der göttlichen Gnade, denn nichts ist uns notwendiger, die ewige Seligkeit zu erlangen. Gibt es aber je etwas, das wir so sehr vernachlässigten, als dies himmlische Licht? Höheren Wert hat die Gnade, als alle Schätze der Welt, ja als die ganze Schöpfung des Himmels und der Erde. Denn nur ein Wort kostete es den Allmächtigen, und die Schöpfung stand im Dasein. Die Gnade aber, die uns zur Seligkeit führt, ist die Frucht des Todes seines Eingeborenen. Und diese göttliche Frucht wird nicht nur oft unnütz für uns, sondern wir wandeln diese so höchst wirksame Arznei unseres Heils durch unsere Verachtung in die Ursache unserer Verdammnis um.
2. Wir verachten aber diese himmlische Gabe, wenn wir taub und fühllos zu den geheimen Strafreden unseres Gewissens sind, wenn wir diese heilsamen Vorwürfe ersticken, wenn wir Gottes drängenden Mahnungen das Ohr unseres Herzens, dem lebendigen Licht, wodurch er seinen Willen uns kund gibt, das Auge unseres Geistes verschließen, und seine heiligen Einflößungen in den Wind schlagen. Hüten wir uns vor diesem Frevel, vor dieser Verachtung und Beleidigung der Gnade, denn oft folgt dieser Empörung die Strafe Gottes auf dem Fuß nach. Er entfernt sich von der ungelehrigen Seele, und lässt sie in gänzlicher Blindheit und Taubheit versinken.
3. Willst du den unendlichen Wert dieser göttlichen Gnade erkennen, so blicke im Geist hinab in die Kerker der ewigen Gerechtigkeit. Dort heulen nun ewig die Verworfenen, dass sie diese Gnade verachteten, die Gott in der Zeit ihnen angeboten hatte, dass sie ihr Herz ihr starrsinnig verschlossen, und diese vergebliche Reue ist ihre Verzweiflung, sie ist jener entsetzliche Wurm, der ewig an ihnen nagt. Wenn du ernsthaft darüber nachdenkst: würdest du je den drängenden Ermahnungen deines Gottes widerstehen? Und wie lange schon drängt dich seine Gnade, zu tun, was du bis zur Stunde noch nicht ausgeführt hast? Zittere vor diesem schrecklichen Kaltsinn, und eile noch heute seiner Stimme zu folgen. "Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht!" (Psalm 95,7+8)
Siehe, Mutter meines Gottes, meine einzige Hoffnung, allerseligste Jungfrau Maria, siehe zu deinen Füßen einen elenden Sünder, der dich um Gnade bittet. Die ganze Kirche, alle Gläubigen nennen dich die Zuflucht der Sünder, - so bist du denn also auch meine Zuflucht. Du musst machen, dass ich selig werde. Du weißt, wie sehr dein Sohn unsere Seligkeit wünscht. Jesus will, dass ich dich um Hilfe bitte, um seiner und deiner Ehre willen. Weil du seine Mutter bist, will er, dass nicht nur sein Blut, sondern dass auch deine Fürbitte mir helfen soll, selig zu werden. Er selbst weist mich an dich, damit du mir beistehst. O Maria, ich nehme denn also meine Zuflucht zu dir, ich vertraue auf dich. Du bittest für so viele, bitte auch für mich. Sage Gott, dass du meine Seligkeit verlangst, alsdann werde ich gewiss selig werden. Sage ihm, dass ich dir angehöre und das genügt mir. Amen.
Zu Gott
Gib uns, o Gott, eine reine Liebe zu Dir, und weder Leiden, noch Freuden dieser Erde werden unsere Herzen bewegen, sondern nur Du wirst der einzige Gegenstand unserer Wünsche und unseres Strebens sein. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Johann Joseph
O Gott, der Du die Buße und Demut Deines Dieners Johann Joseph so hoch verherrlicht hast, wir bitten Dich, lehre uns nach seinem Beispiel, mittelst seiner Verdienste und auf seine Fürbitte hin, die Sinnlichkeit und Weichlichkeit zu überwinden und unser Leben zu verachten und zu verlieren, damit wir unsere Seele erretten und das ewige Leben erlangen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Am heutigen Tag im Jahr 887 wurde die Stadt Paris von der Belagerung der heidnischen Normänner durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau und anderer Stadt-Patrone, zu denen das ganze Volk mit dem Bischof Gozelinus ihre Zuflucht genommen haben, glücklich befreit. Der Mönch Abbon, ein Jünger des Aimoinus, hat diese Befreiung in Versen besungen, und dankbar der seligsten Jungfrau zugeschrieben.
Er wurde in der Stadt Ischia von frommen Eltern aus dem adeligen Geschlecht von Calosirto geboren. Er sah und hörte von seinen Eltern und den Menschen, mit denen seine Eltern ihn und seine 6 Geschwister umgeben hatten, nur Gutes. Darum war die Erziehung dieser 7 Kinder so gesegnet, dass 6 von ihnen in einen Orden eintraten. Von früher Kindheit an liebte Johann Joseph das Gebet, das Stillschweigen und die Einsamkeit. Er hatte sich im hinteren Teil des Hauses ein Zimmerchen gewählt und blieb dort einsam in der Zeit, die er nicht in der Kirche oder Schule zubrachte. Er lernte da seine Schulaufgaben und verwendete die übrige Zeit zum Gebet und zur Lesung frommer Bücher. Das heiligste Altarsakrament besuchte er so oft er nur konnte und fastete zur Ehre Mariens jeden Samstag und an allen Vorabenden ihrer Festtage bei Wasser und Brot - und das bereits im Alter von 10 bis 12 Jahren. Nie aß er etwas außerhalb der Mahlzeiten und war streng gegen sich selbst mit Geißeln und Bußgürteln, die er sich selbst anfertigte. Er traf sich niemals mit Kindern in seinem Alter, weil er wusste, dass da die Unschuld nicht lange unverletzt bleibt. Seine Liebe zu Gott erfüllte den Jungen mit Eifer, andere zu unterrichten, an alles Gute zu erinnern und vor Sünden, als dem größten Übel, zu warnen. Den Armen, die er zärtlich liebte, gab er alle guten Speisen, all sein Taschengeld und alles, was er als Geschenk erhielt. Mit 14 Jahren hielt er täglich schon lange Betrachtungen.
In diesem Alter empfand er auch schon ein inniges Verlangen, in ein Kloster eines strengen Ordens zu gehen, und er betete viel, damit ihm Gott zu erkennen gebe, in welches er gehen sollte. Er betete in dieser Absicht auch eine eigene neuntägige Andacht. In diesen Tagen kamen Franziskaner von der strengen Art, die der heilige Peter von Alcantara eingeführt hatte, nach Ischia und in das Haus des Herrn von Calosirto. Da lernte der fromme Sohn sie und ihre Lebensart kennen und war ganz begierig darauf, in diesen Orden einzutreten. Doch wollte er vorher seiner Berufung ganz sicher sein und reiste mit Einwilligung seiner frommen Eltern selbst nach Neapel, um sich mit erleuchteten Männern darüber zu beraten. Sobald er aber vom Willen Gottes überzeugt war, verließ er ohne zu warten die Welt mit allen ihren Hoffnungen und trat, noch nicht 16 Jahre alt, in das Kloster der Franziskaner ein. Da er sich seinen Klosternamen selbst wählen durfte, wählte er den Namen Johann, weil er am 24. Juni eingekleidet wurde, den Namen Joseph, weil er diesen Heiligen besonders verehrte, und den Zunamen „vom Kreuz“, weil er Kreuz und Leiden schon damals liebte. Das raue Ordenskleid, das er erhielt, schätzte er mehr als Purpur, nannte es sein Hochzeitskleid und zog es bis zu seinem Tod, 65 Jahre lang, nicht mehr aus.
Der neue Novize bewährte sich schon am Anfang seines geistlichen Lebens als ein Muster der Abtötung und Vereinigung mit Gott und war strenger gegen sich als alle seine Mitbrüder. Umso nötiger fand es sein Novizenmeister, ihn zu prüfen. Darum legte er ihm die schwersten Übungen der Demut und Selbstverleugnung auf. Johann Joseph übernahm sie mit Freude und bewies, dass er diese Tugenden, die Grundlagen aller wahren Frömmigkeit, mit Gottes Gnade schon lange sich erworben habe. Seine Oberen ließen ihn, nachdem er sich durch die feierlichen drei Gelübde Gott und dem Orden schon geopfert hatte, noch drei Jahre im Noviziat, damit sein Beispiel auch andere Ordensneulinge entzünden möge. Er wählte sich nach Jesus, unserem allgemeinen Urbild, den heiligen Franz von Assisi und den heiligen Peter von Alcantara zu besonderen Vorbildern. Wie dieser, trug er oft den ganzen Tag Steinchen im Mund, um sich an das Stillschweigen zu gewöhnen. Er schlief schon damals nur drei Stunden jede Nacht. Er trank keinen Wein und aß kein Fleisch und keinen Fisch mehr, nichts mehr, das dem Gaumen gut schmeckte, und übte andere Strengheiten. Aber bei allen seinen Abtötungen hielt er sich genau an den Willen seiner Oberen und unterließ nie das Mindeste von den gewöhnlichen Ordensübungen. Diese Abtötungen belohnte ihm Gott mit himmlischem Trost, besonders im Gebet und in den Betrachtungen.
Um diese Zeit erhielten die Franziskaner zu Piedimonte, einem Flecken in Terra di Lavoro, ein Marienkirchlein mit einem schlechten Haus, das die Väter Serviten verlassen hatten. Da mussten sie nun ein Kloster bauen und dieser Bau wurde dem jungen Bruder Johann Joseph übertragen. Er führte den Bau genau nach der Vorschrift des heiligen Peter von Alcantara: jede Zelle wurde 7 Fuß lang, 6 breit und 8 hoch. Der demütige Bauführer machte zugleich den Handlanger und verrichtete die schwersten Arbeiten, ungeachtet der harten Bußwerkzeuge, mit denen sein Leib ausgerüstet war, so dass oft das Blut zur Erde rann. Als das Kloster gebaut war, herrschten in demselben beständige Einsamkeit, lange Betrachtungen, langes Chorgebet und eine sehr strenge Lebensart. Und Bruder Johann Joseph tat es auch den frömmsten Vätern zuvor. Jetzt fing Gott auch schon an, ihn mit außerordentlichen Gnaden auszuzeichnen. Er hatte sich durch seine harten Arbeiten und Abtötungen eine solche Brustschwäche zugezogen, dass er Blut spuckte. Lange hielt er dieses Leiden geheim, weil er sich des Leidens freute. Allein da er dem Chor und anderen Verrichtungen nicht mehr nachkommen konnte, bat er Gott unter Mariens Fürbitte um Hilfe, und seine Brust wurde in einem Augenblick so gestärkt, dass er im ganzen Leben keinen Anfall von diesem Übel mehr hatte. Auch wurde er schon um diese Zeit (was in der Folge öfter geschah) verzückt und in der Luft schwebend gesehen, denn da man ihn im ganzen Kloster gesucht hatte, sahen ihn endlich seine Mitbrüder in der Kirche so hoch erhoben, dass er mit dem Haupt das Gewölbe berührte.
Gerne wäre der Selige in diesem Kloster und in diesem Stand eines einfachen Klosterbruders immer geblieben, vergessen von der ganzen Welt, allein seine Vorgesetzten wollten, dass er Priester werde und er gehorchte. Um sich auf das Amt der Seelsorge besser vorbereiten zu können, baute der Selige in einem Wäldchen, das an das Kloster stieß, bei einem Kirchlein 5 Einsiedeleien, in welche sich die Brüder nachher oft zurückzogen, um sich nach harten Arbeiten für das Heil der Seelen im Geist zu erneuern und wieder für neue Arbeiten zu stärken. War die Strenge im Kloster schon groß, so übertrifft es fast unsere Vorstellungen, wie streng sie hier gebraucht wurde. Das Wäldchen war mit einer Mauer umgeben, damit niemand sich den Einsiedlern nahen, und ihre Geistesversammlung stören konnte. Den ganzen Tag hörte man nicht ein Wort, nur an gewissen Tagen kamen sie zusammen, um sich von göttlichen Dingen zu unterreden und gegenseitig ihren Eifer noch mehr zu entflammen.
Johann Joseph war einer der ersten, der hier wohnte, ehe er die heilige Priesterweihe empfing. Fest in der Wissenschaft der Heiligen gegründet und vom Feuer des Heiligen Geistes durchglüht, fing der Selige seine Arbeiten im Weinberg des Herrn an. Aber bald musste er dieses Kloster und seine neuen Arbeiten verlassen und öfter Novizenmeister und Guardian, einmal auch Definitor und Provinzial werden. Als Novizenmeister bildete er seine Ordensneulinge mehr durch sein Beispiel, als durch Worte, hielt sie aber mit allem Eifer zu großer Strenge an. Einst starb einer seiner Novizen, der am meisten strenge Abtötungen geübt hatte. Johann Joseph geriet nun in Furcht, ob er von seinen Anfängern, die erst aus der weichlichen Welt in den Orden gekommen sind, nicht mehr Strenge forderte, als ihre Kräfte tragen konnten. Sein zartes Gewissen wurde hart bedrängt, bis ihm der gestorbene Novize erschien und ihm dankte, dass er ihn aus dem tiefen Schlamm seiner Sünden herausgezogen und die Seligkeit des Himmels erringen half, und ihn ermunterte, seine Novizen auf dem Weg der Liebe und Strenge weiter zu leiten wie bisher. Als Guardian (Oberer des Klosters) übte er noch alle Arten der Demut: er fegte das ganze Kloster, grub den Garten um, trug Holz und Wasser in die Küche und verrichtete andere niedrige Dienste im Haus. Öfter zog er sich nach Piedimonte, wo er dreimal Guardian war, in die Einsamkeit der Einsiedelei zurück, um sich ruhiger mit Gott zu vereinigen. Gott half ihm, solange er dieses Amt führte, in Not öfter auf eine wunderbare Weise. In einem Jahr großer Teuerung war einmal alles Brot unter die Armen verteilt: Der Guardian wusste es und empfahl seine Brüder dem Herrn. Da der Chor kaum vollendet war, brachte eine unbekannte Person Brot, so viel man brauchte. Ein anderes Mal fand man in gleicher Not an der Pforte Brot in einem Korb, obwohl man im neugefallenen Schnee keinen Fußtritt bemerkte. So geschah es auch einige Male mit dem Wein und dem Gemüse. Als Provinzial (Oberer aller Klöster dieses Ordens in dem Land) bemühte er sich die vorgeschriebene Strenge in allen seinen Klöstern zu erhalten. Er untersuchte alle und machte alle Reisen mit bloßen Füßen, obwohl diese mehrere offene Wunden hatten. Er nahm nirgends eine Erfrischung an und machte in jedem Kloster die niedrigsten Verrichtungen und Bußwerke mit. Die Tugend und Zufriedenheit seiner Mitbrüder von innen und die Achtung der Menschen gegenüber dem Orden von außen nahm unter seiner Amtsführung immer mehr zu.
Um den Ämtern, die er so sehr fürchtete, zu entgehen, wendete er sich nach Rom und erhielt ein päpstliches Breve, dass er aller Ämter enthoben und nie mehr gewählt werden soll. Nun vermehrte er noch seine Strengheiten, so als wenn er bisher noch nichts getan hätte. Doch da er nun schon 24 Jahre lang nichts Warmes gegessen hatte, drohte ihm eine Wassersucht. Der Arzt stellte seine Gesundheit zwar wieder her, schrieb ihm aber vor, dass er das Heilbad in seiner Vaterstadt Ischia besuchen, täglich eine warme Suppe essen und kein Wasser mehr trinken sollte. Dieser Verordnung zufolge, aß er jetzt jeden Tag eine warme Suppe, der er aber durch Zusatz von Wermut und durch Einstreuung von Asche allen Geschmack wegnahm. Weil ihm der Arzt verbot, Wasser zu trinken, und seine Liebe zur Armut ihm verbot, Wein zu trinken, trank er nun gar nicht mehr bis zu seinem Tod – 30 Jahre lang. Eine erstaunliche Abtötung in einem so warmen Land. Da er nun mehr Ruhe hatte, arbeitete er desto mehr in der Seelsorge. Er war unermüdlich im Beichtstuhl und bekehrte viele große und verhärtete Sünder. Er brachte ganze Tage und Nächte am Krankenbett zu. Er wurde von allen Seiten um Rat gefragt, stiftete überall Frieden, wo dieser gestört war, und wurde von mehreren Bischöfen gerufen, damit er in vielen Frauenklöstern den Eifer, der ausgegangen war, wieder entfachte. Er entflammte alle Herzen zur Tugend und leitete viele zur Vollkommenheit.
Sein Leben war ein Lieben und seine Liebe war eine stille Vereinigung mit Gott. Er kam in die Kirche zum hochwürdigsten Gut, sooft er konnte, blieb da, solange er konnte, und entfernte sich immer nur mit Schmerz. Er unterwies viele Jungen in der lateinischen Sprache und legte in ihre Herzen einen tiefen Grund von Gottesfurcht, um sie für die Studien vorzubereiten. Täglich gab er den Kranken das, was eigentlich ihm als Speise zubereitet wurde, und trug als Guardian dem Bruder Pförtner auf, keinen Armen ungespeist und ungetröstet gehen zu lassen. Er betete viel für jede Not des Nächsten und jedes Anliegen der Kirche, besonders für Sünder und Sterbende. Öfter erwies ihm Gott auf sein Bitten hin die Gnade, dass die Kranken gesund wurden und er dafür ihre Krankheiten erhielt.
Voll des christlichen Kindersinnes war er gehorsam, ohne eigenen Willen, wie ein Kind, obgleich seine späteren Oberen früher seine Novizen oder Untergebenen gewesen sind. Ebenso gehorsam war er in seinen Krankheiten den Hausbrüdern, die ihn zu bedienen hatten. Die Armut liebte er wie seine Mutter. Sein Habit, den er 65 Jahre lang trug, war voller Flecke. Als ihn ein Fürst fragte, warum er so geflickt daher gehe, sagte er: „Jeder nach seinem Stand. Eure Durchlaucht tragen Stickereien von Gold und Seide: des Bettlers Stickerei sind Flecke.“ Aber seine Keuschheit war ohne einen Flecken und seine Zurückgezogenheit so groß, dass er die Augen niemals erhob. Er war die lautere Demut und dabei sehr einfallsreich, seine Tugenden und seine höheren Gaben zu verbergen. Zu allen armen Kranken ging er mit Freude, aber keine Einladung und kein Bitten konnte ich dazu bewegen, den Vizekönig und seine Gemahlin zu besuchen. Er fürchtete nämlich, dadurch an der Demut einen Schaden zu erleiden. Wenn er als Provinzial reiste, durfte sein Begleiter nie sagen, dass er der Provinzial, sondern nur, dass sie arme Franziskaner wären.
Seine Buße und Abtötung dient, wenn schon nicht ganz zur Nachahmung, doch ganz sicher zur Beschämung unserer Weichlichkeit und Lauigkeit. Sich zu geißeln war schon in früher Jugend seine gewöhnliche Übung, in reiferen Jahren und im Alter schlug er noch unbarmherziger auf seinen Leib los. Von seinem zwanzigsten bis in sein vierzigstes Jahr trug er ein Kreuz mit eisernen Spitzen auf seiner Brust, ein noch größeres mit zwei Reihen von Nägeln trug er auf dem Rücken, mit einer Schnur von Rosshaaren verbunden. Später musste er es seiner Krankheit wegen weglassen. Dann trug er einen Bußgürtel, wie ein Reibeisen, den er noch bei seinem Tod am Leib trug. Ähnliche Bußgürtel hatte er mehrere, die er wechselte, damit sein Leib sich nicht an eine Marter gewöhnte. Dafür hatte er von Gott reichlich Gnade, Wunder zu wirken und künftige Dinge vorauszusagen. Man hat sogar Beispiele, dass er an zwei Orten zugleich war.
Die letzten Jahre konnte er nicht mehr ausgehen. Da war denn sein Beruf, für die Kirche Gottes und für einzelne Stände und Glieder der Kirche zu leben und zu leiden. Und diesem heilsamen Beruf entsprach er mit aller Treue, empfing jede Woche öfters die heiligen Sakramente und bereitete sich mit allem Eifer auf seinen Tod vor, der am 5. März 1734, im 80. Jahr seines Alters, erfolgte. Im Jahr 1789 wurde er in die Zahl der Seligen eingeschrieben und 1839 heiliggesprochen.
Der heilige Lucius wurde am Ende des zweiten Jahrhunderts geboren und war ein Sohn des Porphyrius Lucinus. In Hinsicht seines Geburtsortes sind die Kirchengeschichtsschreiber nicht einig. Nach einigen und selbst nach dem römischen Martyrologium, soll er in Rom an der appischen Landstraße, nach anderen aber zu Lucca geboren sein und deswegen ein Römer genannt werden, weil er von Jugend an sich in Rom aufgehalten habe. Mit unermüdlichem Eifer und ausgezeichnetem Erfolg bildete er sich in den Heilswissenschaften und wurde schließlich zum Priester geweiht. Seine Tätigkeit für die Verherrlichung Gottes und für die Wohlfahrt der Kirche Jesu beweist die große Ehrfurcht und das allgemeine Zutrauen, das er sich bei den Gläubigen und besonders bei der Geistlichkeit in Rom erworben hatte, denn einstimmig wählten sie ihn nach dem Tod des heiligen Papstes Cornelius zu dessen Nachfolger am 19. Oktober im Jahr 253. Lucius verwaltete sein Amt mit apostolischer Wachsamkeit und Treue und war wegen seiner Frömmigkeit und gründlichen Gelehrsamkeit allgemein beliebt. Er verfolgte mit Strenge das Laster der Unmäßigkeit und führte selbst ein armes, abgetötetes Leben. Alle seine Einkünfte wies er zur Linderung des Elends der Notleidenden an und jeder Betrübte fand bei ihm Trost, jeder Verlassene Hilfe. Zur Beförderung des Seelenheils und damit den Gläubigen zu jeder Zeit das Wort Gottes gepredigt werden könnte, weihte er für die Kirche in Rom sieben Bischöfe, die zugleich die Obliegenheit auf sich hatten, den jeweiligen Oberhirten der Kirche mit Rat und Tat in der heiligen Amtsführung zu unterstützen. In Hinsicht der Ordnung und Feierlichkeit beim Gottesdienst machte er die trefflichsten Verordnungen, und er war der erste, der den Diakonen die noch jetzt übliche Levitenkleidung – Dalmatik – zu tragen erlaubte. Der tätige Eifer des heiligen Papstes zur Verbreitung und Erhaltung der Kirche Christi blieb den Feinden des Lichtes und der Wahrheit nicht lange verborgen und sie bewirkten während der Verfolgung des Kaisers Valerian, dass er in das Elend verwiesen wurde. Weil er aber von der heiligen Vorsehung dazu auserwählt war, mit seinem Blut für die Wahrheit Zeugnis zu geben, kam er aus der Verbannung wieder zurück, ermunterte noch einige Zeit die Gläubigen zur Standhaftigkeit im Glauben, bekämpfte unerschrocken die Irrlehre der Novatianer und wurde dann erneut gefangen gesetzt und, da er durch keine Marter zum Abfall gebracht werden konnte, enthauptet am 4. März 255. Er regierte die Kirche Gottes nur ein Jahr, vier Monate und sechzehn Tage. Aber auch in dieser kurzen Zeit hatte er sich nach dem Zeugnis des heiligen Cyprian unsterbliche Verdienste erworben.
1. Gleichwie die Erde aus sich selbst nur Dornen und Disteln trägt, also bringt leider auch unsere Seele aus sich selbst nur Dornen der Sünde und Disteln böser Begierlichkeit hervor. Selten lassen das Gewirr der Welt und die Verhältnisse des Lebens gute Gedanken in unserem Herzen aufkommen. Daher auch sind die meisten Menschen zur Erde gebeugt, und wühlen nur in der Erde. Indessen sind wir hier nur im Vorübergehen, und werden in sehr kurzer Zeit in unsere ewige Heimat eingehen. Ist es daher nicht die größte aller Torheiten, wenn wir unser Herz an diese Erde heften, nur Vergängliches suchen und lieben, und niemals über unsere erhabene Bestimmung nachdenken, noch unserer ewigen Zukunft uns versehen?
2. Willst du dein glorreiches Ziel nicht verfehlen, so musst du notwendig der Betrachtung der Dinge dich hingeben, die allein dich dahin führen. Diese Betrachtung war die tägliche Nahrung aller auserwählten Seelen, und zwar sogar schon im Alten Bund. Der Patriarch Isaak hielt seine Betrachtung im freien Feld (Genesis 24). Oftmals spricht David von seinen Betrachtungen. Ein anderer König aber spricht: "Betrachten werde ich gleich der Taube. Meine Augen wurden durch oftmaligen Aufblick zum Himmel geschwächt." (Jesaja 38,14) Dies taten Könige, die mit der Regierung eines großen Reiches beschäftigt waren. Und du findest keine Zeit, über das einzig Notwendige, über das Leben deines Herrn, über ewige Wahrheiten nachzudenken?
3. Unterlass daher an keinem Tag, wenigstens eine Viertelstunde frommer Betrachtung zu weihen. Ganz wunderbar sind die Früchte dieser Betrachtung. Sie führen zur Erkenntnis Gottes und deiner selbst, entfesseln das Herz allmählich von der Erde, zeigen die Torheiten und die Vergänglichkeit der Welt, erwecken Verlangen nach Tugenden, machen mit den heiligen Geheimnissen unseres Heils uns vertraut, und entzünden eine lebendige Sehnsucht nach dem himmlischen Vaterland. Woher so vieles Elend auf dieser Welt? Höre den Propheten: "Das ganze Land ist verödet, doch keiner nimmt sich das zu Herzen." (Jeremia 12,11) "Herr, ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache." (Psalm 63,7) "Wäre nicht dein Gesetz meine Freude, ich wäre zugrunde gegangen in meinem Elend. Nie will ich deine Befehle vergessen; denn durch sie schenkst du mir Leben." (Psalm 119,92-93)
O liebreiche Mutter, habe Erbarmen mit mir und lass nicht zu, dass mich dein Sohn wegen meiner Undankbarkeit und wegen des Missbrauchs seiner Güte verwirft. Erlange mir die Gnade, dass ich von heute an mein Herz los mache von den Eitelkeiten der Welt, jede Sünde sorgfältig meide, das Geschäft meines Heils in Ordnung bringe und im Dienst Gottes bis zum Ende verharre. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte der heiligen Kunigunde
O Gott, der Du der heiligen Kunigunde die Eitelkeit alles Irdischen zu erkennen gegeben hast, gib uns auf ihre Fürbitte, dass auch wir das Leere aller Dinge in der Welt recht erkennen, und nur nach dem Himmlischen streben, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zum Heiligen Geist
Göttlicher Geist der Liebe, entzünde in uns ein heiliges Feuer, das unsere Herzen von aller Selbstsucht reinigt, und für die wahre Gottes- und Menschenliebe empfänglich macht, die Jesus durch sein Wort und sein Leben uns lehrte, damit wir ihn hier vollkommen nachahmen, und jenseits auch ewig mit ihm vereinigt werden mögen. Amen.
Luxemburg, früher Lützelburg genannt, ist nicht nur eine sehr schöne, sondern auch eine sehr alte Stadt. Mitten darin findet man, an einem Abhang gelegen, die letzten Überreste eines Turmes aus grauer Zeit. Weil die Ruine in ungeheurer Vergrößerung ziemlich Ähnlichkeit mit einem eingestürzten Zahn aufweist, heißt sie im Volksmund „der hohle Zahn“. Dort stand vor über tausend Jahren das Stammschloss der mächtigen Grafen von Luxemburg. Dort wurde Kunigunde als die Tochter des Grafen Siegfried geboren, wurde fein und vornehm erzogen, und als sie mit der Zeit zu wunderbarer Schönheit erblühte und ins heiratsfähige Alter kam, stellten sich bei ihr mehr Freier ein, als sie Finger an beiden Händen hatte.
Die schöne luxemburgische Grafentochter brauchte also nur zu wählen, und man kann nicht sagen, dass ihr die Wahl eine Qual bereitete. Mit sicherem Griff zog sie aus der Menge der Bewerber sofort den besten heraus, den Bayernherzog Heinrich, der nach außen hin zwar etwas rau tat, inwendig aber wie reines Gold war. Der heilige Erzbischof Willigis traute das fürstliche Paar, und kurze Zeit später krönte der gleiche Willigis in Paderborn Heinrich zum deutschen König und Kunigunde zur Königin. Das geschah im Jahr 1002, und zwölf Jahre später empfingen beide in Rom aus der Hand des Papstes die Kaiserkrone. Damit war die Grafentochter aus dem Felsenhorst in Luxemburg zur höchsten Frau in Deutschland emporgestiegen. Zwanzig Jahre lang zierte eine Heilige den deutschen Kaiserthron. Wo aber Heilige leben und wirken, da gedeiht das Gute zu hundertfältiger Frucht.
Es ist das unbestrittene Verdienst der heiligen Kaiserin Kunigunde, dass sich an ihrer Seite auch der Gemahl zum Heiligen entwickelte; denn Heinrich wurde später als einziger aus allen deutschen Kaisern von der Kirche heiliggesprochen.
Kunigundes und Heinrichs Heiligkeit zeigte sich aber weniger in dicken Gebetbüchern mit großen Kreuzzeichen als vielmehr in christlichen Werken. Landauf und landab wanderte das heilige Kaiserpaar pflichtgemäß von Stadt zu Stadt durch ganz Deutschland. Während Heinrich als Herrscher und oberster Richter überall nach dem Rechten sah und für Frieden und Eintracht unter dem Volk sorgte, ging Kunigunde in die Spitäler und Schulen und übte mit königlicher Freigebigkeit die Nächstenliebe. Von dem hohen Sinn der Kaiserin legt auch die Tatsache ein glänzendes Zeugnis ab, dass sie im deutschen Land an die tausend Kirchen entweder neu errichtete oder wiederherstellte. Kunigunde war nicht nur von Herzen gläubig, sondern auch durch die Tat.
Da es aber manche Menschen lieben, das Strahlende schwarz zu machen und das Große in den Staub zu ziehen, wagten sich auch an die hohe, heilige Kaiserin Verleumder heran und bezichtigten sie in hinterhältiger Weise der Treulosigkeit gegen den Gemahl. Und der glaubte sogar eine Zeitlang dem gemeinen Geschwätz. Das waren bittere Tage und Wochen für die beiden heiligen Ehegatten. Kunigunde betete viel und forderte schließlich von sich aus zum Beweis ihrer Unschuld ein Gottesurteil, wie es damals Sitte war. Man legte zehn glühende Pflugscharen nebeneinander, und die Kaiserin schritt mit bloßen Füßen darüber hinweg, ohne sich auch nur im Geringsten zu verbrennen. Da galt ihre Unschuld als erwiesen. Als aber der Kaiser daraufhin die Verleumder zum Tod verurteilte, setzte sich Kunigunde so lange für sie ein, bis ihnen Heinrich Leben und Freiheit zurückschenkte. Auf diese Weise übte die heilige Kaiserin christliche Rache, die nach dem Vorbild des gekreuzigten Heilandes darin besteht, dass man allen Feinden von Herzen verzeiht.
Die heilige Kunigunde überlebte den heiligen Gemahl noch um viele Jahre, die sie in christlicher Trauer um ihn und in Werken der Nächstenliebe verbrachte, bis auch sie die irdische Krone mit der weit kostbareren Himmelskrone vertauschen durfte. Nach dem Tod des Kaisers im Jahre 1024 legte sie im Kloster zu Kauffungen, nicht weit von Kassel in Hessen, das sie einige Jahre zuvor zum Dank für die Genesung in einer schweren Krankheit erbaut hatte, ihre Krone zu den Füßen Jesu nieder und verschenkte ihre reichlichen Güter zum Trost der Armen, zur Stiftung der Bistümer und zur Zierde der Kirchen. Fünfzehn Jahre brachte sie in diesem Kloster noch zu, ohne jemals eine leitende Stelle anzunehmen. Sie lebte allein für ihre gekreuzigte Liebe unter Beten, Betrachten und Handarbeiten. Sie verrichtete die geringsten Dienste und besuchte und pflegte sorgfältig die Kranken. Wer nicht arbeitet, so pflegte sie mit dem Apostel zu sagen, der soll auch nicht essen. Schließlich fiel sie in eine schwere Krankheit und verlangte sogleich die heiligen Sakramente. Als sie kurz vor ihrem Tod ein kostbares, von Gold schimmerndes Tuch zur Bedeckung ihres Leichnams bemerkte, sprach sie noch mit halb gebrochener Stimme: „Hinweg mit diesem Tuch, es ist ein fremder Schmuck! Durch kostbare Kleider bin ich mit einem irdischen Bräutigam, durch geringe Gewänder aber mit dem himmlischen vermählt worden. Nackt und bloß kam ich aus dem Leib meiner Mutter und ebenso arm will ich wieder zu Staub werden.“ Sie starb am 3. März 1040.
Auf ihr Verlangen wurde sie ohne allen Prunk in ihrem armen Ordenskleid zu Bamberg neben ihrem Gemahl begraben. Papst Innocenz III. nahm sie im Jahr 1200 in die Zahl der Heiligen auf.
Der St.-Kunigunden-Tag ist für Bamberg hoher Festtag. An eben diesem Tag hat auch ein anderes reichbegnadetes Kind des Frankenlandes seinen Geburtstag für das himmlische Vaterland, die Dominikanerin Maria Columba Schonath. Mit Katharina Emmerich, der gnaden- und leidensreichen Augustinernonne von Dülmen, teilt diese nicht weniger merkwürdige Dominikanernonne vom Heilig-Grab-Kloster in Bamberg ganz wesentliche Einzelzüge und Lebensumstände. Beide haben ein Leben des Kreuzes, der Erniedrigung und der Sühne geführt und die schwersten Leiden und Bußwerke für die Mitwelt, für die Sünder, die Sterbenden, die armen Seelen auf sich genommen. Beide haben darum auch als vorläufige Belohnung ihrer Treue besondere Gnadengaben erhalten, durften in geheimnisvoller Weise mit den Himmlischen in Verkehr treten und in gleich mystischer Art mit an dem Leiden und Sterben Christi teilnehmen. Katharina Emmerich, die bekanntlich die Gabe hatte, ihr sonst ganz unbekannte Personen zu schauen, hatte in ihren Gesichten tatsächlich auch Kenntnis von ihrer fränkischen Leidensgefährtin. Sie sagt von ihr: „Ich sah die Dominikanerin Columba Schonath von Bamberg unbeschreiblich demütig, schlicht und einfältig. Ich sah sie mit ihren Zeichen, d.i. den Wundmalen, alles arbeiten und tun. Ich sah sie in ihrer Zelle betend auf dem Gesicht liegen wie tot. Ich sah sie auch in dem Bett und dass ihre Hände bluteten und Blut auch von der Stirn unter dem Schleier hervorlief. Ich habe sie das Abendmahl nehmen sehen, und wie die Gestalt eines kleinen leuchtenden Kindes auf der Hand des Priesters zu ihr ging. Ich habe auch Gesichte gesehen, die sie gehabt hatte. Dieses sehe ich vor oder neben ihr in einem Bild vorgehen, während ich sie liegend oder betend sehe. Ich sah sie ein Cilicium (Bußhemd) und auch eine Kette um den Leib tragen, bis es ihr verboten wurde . . .“ So spricht die eine gottgeliebte Seherin über ihre gleichgeartete Mitschwester. Da ist es erklärlich, wenn jetzt, da die Dülmer Stigmatisierte durch den bevorstehenden Abschluss des kirchlichen Prozesses mit der Ehrenkrone der Seligen geschmückt werden soll, auch die Erinnerung an die Bamberger durch Erforschung und Aufsuchen geschichtlicher Akten und Herausgabe einer neuen zuverlässigen Lebensbeschreibung geweckt wird. Im Scheßlitzer Juraland hat man schon immer das Andenken der heiligmäßigen Dominikanerin geehrt, während an der Stätte ihrer Ruhe in Bamberg manch fromme Verehrer Hilfe und Trost suchen und gefunden haben.
Das am 11. Dezember 1730 im Dorf Burgellern geborene Müllerskind Maria Anna Schonath nahm in der Einsamkeit der unverfälschten Natur jene Gefühlstiefe in sich auf, die zur Erfassung des Übernatürlichen geeignet macht. Schon in der Schulzeit erschien ihm das Jesuskindlein im Schlaf und tröstete die Kleine in ihren kindlichen Kümmernissen. Eine kernig-fromme Mutter behütete Mariannens Jugend. Am Vorabend der ersten heiligen Kommunion des Kindes stand die Mutter bis in die Nacht hinein am Bett der Glücklichen, sie auf die hohe Gnade vorbereitend. Von dem inneren Glück dieses Tages gestand Marianne später selbst: „Mein Herz wurde mir wie von einem Feuer entzündet; vor Freude konnte ich mich den ganzen Tag nicht fassen.“ Gehorsam, Kindesliebe, Ehrfurcht vor den Vorgesetzten und inniger Gebetsverkehr mit Gott ließen in dem Kind eine echte Frömmigkeit erblühen. Prüfung im Leid sollte es schon frühzeitig läutern und vorbehaltlos in die Hände des göttlichen Hirten führen. Mariannens teuerstes Vorbild unter den Irdischen, die geliebte Mutter, starb mit dem mütterlichen Segen und der sorglichen Mahnung an ihre Kinder auf den Lippen: „Habt nur Gott vor Augen, so wird euch nichts fehlen! Er wird keinen verlassen, der ihm zu gefallen sucht.“ Und Marianne erkannte dies alsobald in herrlichster Weise. Als sie, die Schafe auf einsamen Wiesengrund hütend, unter Tränen dem heißen Wunsch nachhing, bald mit dem geschiedenen Mütterlein in der Ewigkeit wieder vereint zu werden, gewahrte sie im Gesicht eine lichte Wolke, die, sich öffnend, ihre lichten Strahlen auf das Feld ergoss. Ein Kindlein mit einem Schäferstab erschien ihr und redete sie an: „Willst du mich lieben und mir treu bleiben bis an das Ende deines Lebens, so will ich dich führen zu meinen Schäflein, zu denen, die mir nachfolgen und weiden auf dem Weg des Kreuzes und Leidens.“ Das sollte der mystisch begnadeten Jungfrau wunderbarer Lebensberuf sein: als Opferlamm dem himmlischen Lamm schon auf Erden zu folgen auf den verborgenen, vom Himmelstau befruchteten Auen des Sühneleidens. Nach einigen Jahren machte sie an den Stufen des Altares dem Heiland das Versprechen, keinem anderen Bräutigam auf der Welt gehören zu wollen als ihm. Und die starkmütige Jungfrau hielt treu, was sie gelobt, gegen alle Anfechtungen. Ebenso treu blieb ihr der ewige Bräutigam mit zahlreichen, außerordentlichen Gunstbezeigungen. Endlich, nachdem sie Jahre hindurch an verschiedenen Klosterpforten vergeblich angeklopft hatte, fand sie im Heilig-Grab-Kloster zu Bamberg Aufnahme, wie ihr das der heilige Ordensstifter Dominikus selber in einem Gesicht gezeigt hatte. Während des Probejahres legte sie überraschende „Beweise der Frömmigkeit, Gottergebenheit und Unschuld an den Tag und machte immerwährende Fortschritte auf dem Weg der religiösen Vervollkommnung“. Am 24. September 1754 legte die gottselige Jungfrau als Laienschwester Maria Columba die heiligen Gelübde ab. Ein langersehntes Ziel war erreicht. Ein neues eröffnete sich ihr, die Gottesschule körperlichen und seelischen Leidens, gleich wunderbar ob der himmlischen Geduld der mystischen Kreuzträgerin wie der herrlichen, übernatürlichen Belohnungen des grundgütigen Kreuzesbräutigams.
Anfänglich befiel Schwester Columba eine große körperliche Schwäche in allen Gliedern, wobei sie oft bewusstlos wurde. Als sie einmal in solchem Zustand die Treppe hinabfiel, erlitt sie eine Verschlimmerung der ganzen gesundheitlichen Verhältnisse. Monatelang lag sie darnieder. Frostanfälle schüttelten sie stundenlang, Fieberhitze hinwiederum peinigte den Körper wie mit Feuerqualen. An einem Karfreitag, wo sie zwei solcher Fieberstürme auszuhalten hatte und geduldig dem Gottessohn sich aufopferte, sah sie, im Geist entrückt, den heiligen Dominikus, der ihr das Kreuz entgegenhielt mit den Worten: „Küsse die Wunden des Herrn; das soll dein Trost sein!“ Sie tat es. Da hörte sie weiter die Stimme des Heiligen: „Öffne deinen Mund; hier kannst du deinen Durst löschen!“ Aus des Heilandes Seitenwunde fiel ein Blutstropfen auf ihre Zunge. Den ganzen Tag fühlte sie weder Durst noch Schmerz. Doch das Leiden mehrte sich wieder. Blutbrechen und Erstickungsgefahr setzten ein, die schmerzende linke Seite brach auf und verursachte eine handgroße Wunde, die Columba verheimlichte. Zahlreiche Geschwüre zeigten sich am Arm. Trotzdem versuchte die Leidensträgerin immer wieder zu arbeiten. Der Arzt war machtlos gegen die Übel und erklärte, die Kranke würde eines schmerzlichen Todes sterben müssen. Doch nachdem der treue Beschützer, der Heilige „mit dem Stern auf der Stirn“, ihr wiederum erschienen und sie gesegnet hatte, wurde sie von diesem Leiden gänzlich befreit.
Nach einiger Zeit vollster Gesundheit traten andere Leiden ganz mystischer Art auf. Am Freitag, den 30. September 1763, erschien der begnadeten Seherin der göttliche Heiland als Schmerzensmann. Columba, tief erschüttert über den sich ihr bietenden Anblick, bemitleidete zu innerst den armen Herrn. Plötzlich verspürte sie an ihrem Haupt die heftigsten Schmerzen. Eine unsichtbare Dornenkrone wurde um es gewunden, so dass eine starke Geschwulst ihr Stirn und Schläfen zermarterte. Nach zwei Wochen, wieder an einem Freitag, sah sie in der Vision den blutschwitzenden Heiland am Ölberg. In der Besorgnis, es möchten wiederum an ihrem Körper äußerlich sichtbare Leidensspuren auftreten und ihr Verlegenheit vor den Mitschwestern bereiten, bat sie dringend den Herrn, ihr keine auffallenden Leiden zu geben. Da erhielt sie die Antwort: „Ich habe nicht meinen, sondern den Willen meines Vaters erfüllt. So sollst auch du gehorsam sein und dich ganz meiner Führung überlassen.“ Wie unbegreiflich, o Herr, ist dein Erbarmen mit den armen Menschenkindern! Wie gar schwer aber erscheint gerade inmitten der wunderbarsten Gnadenflut der Gehorsam, wenn er der Demut und Verborgenheit zu widerstreiten scheint. Schier regelmäßig, meist an Freitagen, litt nun die Hochbegnadete die einzelnen Begebenheiten der heiligen Passion des Herrn mit durch. Einmal kam es ihr vor, als würde ihr Herz von Lanze und Schwert durchstochen und endlich aus dem Leib gerissen. Sie sah den Heiland vor sich, der zwei Herzen in den Händen hielt und sprach: „Mein Herz ist verwundet mit Liebe und Schmerzen. Willst du mir gleichförmig werden, so musst du auch hierin mir folgen.“ Von einem feurigen Strahl aus Jesu Herzen wurde das ihrige getroffen, worauf es der Herr wieder in ihre Seite setzte. Nach dieser Vision fühlte sie in ihrem Innern eine so übermäßige Hitze, als ob ihr Leib in Flammen läge.
Der 9. Dezember 1763, wieder ein Freitag, brachte der duldenden Leidensbraut das „Glanzgeschmeide“ des himmlischen Bräutigams. In der Vision durfte sie den furchtbaren Vorgang der Kreuzigung Christi schauen. Jeder Hammerschlag ging ihr durch Mark und Bein. In stummem Entsetzen lag sie da – ein Bild des Leidens, ein Abbild des Gekreuzigten selbst. Seufzend krümmte sie den Leib und die Arme; von ihrem Mund rangen sich laute Wehrufe. Als Columba nach dreistündigem Leidenskampf die Arme seitwärts ausstreckte, sah sie aus den Händen des Erlösers je einen blutigen Strahl ihr blitzartig in die Hände schießen, die sie im gleichen Augenblick durchbohrt fühlte. Mit krampfhaft zusammengezogenen Fingern wand sie sich zuckend vor den anwesenden Augenzeugen, die an Händen und Füßen der Ekstatischen die blutigen Malzeichen erblickten. Gegen Nachmittag 1 Uhr drang ihr ein blitzender Speer in die Seite, so dass sie laut rief: „O dieser Stich, er hat mein Herz durchdrungen!“ Als Columba um 3 Uhr zu sich kam und die Male an ihren Händen wahrnahm, versteckte sie diese in Beschämung unter der Bettdecke. Doch war die Stigmatisation zu gut von vielen Zeugen gesehen worden und wurde auch nachher an verschiedenen Tagen unzweifelhaft gesehen, worüber genaue Aufzeichnungen gemacht wurden. Zudem ergoss sich aus den Wundmalen regelmäßig an Freitagen reichlich Blut, wovon gar oft der Boden gerötet wurde. Gewöhnlich konnte Columba an solchen Tagen nicht die geringste Nahrung zu sich nehmen. Die Lebensmöglichkeit der Dulderin bei solchen Blutverlusten schien ans Wunderbare zu grenzen. Gar oft auch verbreiteten die Wundmale einen süßen Duft, was sie in peinlichste Verlegenheit versetzte. Da ihr überdies die Neugierde und Beurteilung der Mitwelt sehr lästig und ihrer Seelenruhe und Demut gefährlich zu sein schien, bat sie oftmals Gott, er möchte ihr die Wundmale nehmen, wobei sie gerne die Schmerzen als Geschenk seiner göttlichen Liebe behalten wollte. Wegen dieser Bitte empfing sie in einer Vision vom 2. Mai 1766 vom lieben Heiland Vorwürfe: „Du willst dich schämen, meine Zeichen zu tragen? Nicht deinetwegen, sondern der Welt wegen sollen sie offenbar werden, wann und wie ich will. Deine Bitte wird dir gewährt werden, noch nicht in diesen Jahren. Vieles wirst du noch zu leiden haben; doch sieh mich an, der unschuldig alle Schmach, Pein und Schmerzen getragen hat, und lass nicht ab, für das Heil der Seelen zu wirken.“
Damit hat der gütige Heiland selber den Beruf und die ganze Bedeutung der stigmatisierten Jungfrau von Bamberg ausgesprochen. In die Schar der gezeichneten Brautseelen Christi berufen, sollte sie eine Brücke schlagen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, den Sündern hier den glücklichen Übergang, den armen Seelen dort den Ausgang aus den Peinen der Läuterung schaffen, durch eigene Sühneleiden, in engster Verbindung mit Christi Leiden. Qualvoll waren die Peinen, ganz unbegreiflich qualvoll, die Columba litt. Sie wurde von den armen Seelen geradezu umdrängt; alle wollten ihre Hilfe und drückten in allerlei Gestalten, Erscheinungen und Lichtern ihr heißes Begehren aus. Sie sah den fürchterlichen Ort des Reinigungsfeuers, aber auch die durch ihre Hilfe befreiten Seelen, wie sie von den Engeln in die Höhen des Himmels erhoben wurden.
Für dieses selbstlose, liebreiche Eingehen auf Christi Sühneleiden empfing die gottselige Kreuzesbraut vom Herrn die wunderbarsten Gnadengaben. Als sie einmal den Tod des Herrn im Geist schaute und miterlebte, erging von den schmerzverzerrten Lippen des Herrn die eindringliche Frage an Sie: „Suchst du wirklich in diesem Leben keinen anderen Trost als den meinigen?“ Die hochherzige Seele antwortete voll Demut: „Mit deiner Gnade begehre ich nichts, als mit dir zu leiden.“ Für dieses Gelöbnis wurde ihr herrlicher Lohn zuteil. Der Gekreuzigte löste seine Durchbohrte Hand vom Kreuzesbalken, segnete seine auserwählte Jüngerin und sprach auf ein Kruzifix deutend: „Dies soll dein Trost sein, wenn du von allen verlassen sein wirst. Ich will es dir mit einem Zeichen hinterlassen, dass du in allen Schmerzen des Leibes und der Seele dich dessen erinnern kannst. Behalte es, solange du lebst!“ Als nachher eine anwesende Schwester das Kreuz von seinem Standort herabnahm, da Columba im ekstatischen Zustand meinte, das Kruzifix habe Blut geweint, musste die Schwester wahrheitsgetreu feststellen, dass aus den Augen und der Seite des Bildes Blut geflossen war. An dem Tuch, mit dem die Seherin es abwischte, fand sich frisches Blut. Diese merkwürdigen Blutungen stellten sich noch öfter ein und sind vielfach bezeugt. Am 11. Oktober 1764 blutete der Bildkörper an der ganzen Oberfläche so stark, als würde ein lebendiger Leib gegeißelt. Später geschah es einmal, dass sich das Kreuz, obwohl es in einem großen Postament feststeckte, der innig betenden zuneigte. Erschrocken fing sie es auf und drückte lange das kostbare Kleinod an ihr brennendes Herz. Der Herr aber gab ihr die Verheißung: „Wenn du treu bleibst, so will ich die zur Martyrin meiner Liebe machen.“ Das wunderbare Kreuz ist noch heute die herrlichste Zier des Chores der Englischen Fräulein in Bamberg.
Was würden der gottseligen Ordensfrau diese und noch viele andere auffallende Gnadenerweise Gottes, die zum Heil der Mitwelt, für sie mehr zur Prüfung gegeben waren, ihr genützt haben, wenn sie nicht in ihrem Tugendleben sich in vorzüglicher Weise bewährt hätte? Heroisch war ihre Geduld im Leiden. Demut und Gehorsam, diese unerlässlichen Erfordernisse der Heiligkeit, besaß sie in hohem Grad. Was kostete es der Dienerin Gottes, die nichts sehnlicher wünschte, als „verborgen zu sein vor der ganzen Welt“, für große Überwindung, ihre außerordentlichen Zustände im Auftrag der Oberen zu offenbaren und aufzuschreiben! In all die peinlichen Untersuchungen und harten Prüfungen der geistlichen Behörden, in die Missachtung und Verkennung übelwollender Mitmenschen „schickte sie sich in strenger Unterwürfigkeit, Demut und Glaubensstärke, und kein Mangel war an ihrem Verhalten zu finden“. So sagt ein amtliches Urteil. Als ihr auf höhere Weisung auch das blutende Kruzifix genommen werden sollte, sprach sie das schöne Wort: „Dieses Kreuz kann man von mir trennen, nicht aber ihn, den ich im Herzen trage und den ich im allerheiligsten Altarsakrament anbete.“ Ja, ihr einziger Lebensunterhalt war ein wahrhaftes, stetiges Wandeln in Gottes Gegenwart, ein ständiges Vereinigtsein mit dem unbegreiflichen Schöpfer der Welt. Columbas Sinnen und Trachten war wie gefesselt von ihm mit unsichtbaren Ketten. Das Jesuskindlein, das die Beglückte einmal in ihrem Herzkämmerlein schaute, als sie ans Krankenbett gebunden war, sagte ihr: „Im Garten deines Herzens, wo du mich eingeschlossen siehst, da sollst du dich aufhalten und dahin sollst du gehen! Da sollst du durch deine Leiden und deine Schmerzen die Dornen dieses Zaunes herausreißen und durch das Verdienst deines Leidens den Garten mit Rosen bepflanzen, bis du damit fertig, im himmlischen Rosengarten mit mir völlig vereint wirst.“
Am 3. März 1787 rüstete sich die engelreine Taube (lateinisch Columba) zum Flug in die ewige Heimat. Nachdem sie den Herrn nochmals unter Brotsgestalt empfangen hatte, erlitt sie unter bitteren Schmerzen, ihrem gekreuzigten Meister ähnlich, einen dreistündigen Todeskampf. Auf ihren Wunsch betete man die Gebete zu Ehren der heiligen fünf Wunden. Während der Worte: „ . . . durch die heilige Wunde deiner rechten Hand, erbarme dich unser, o Jesus,“ streckte die Sterbende den rechten Arm aus, und es floss Blut aus der rechten Handwunde. Desgleichen ergoss sich jeweils Blut aus den übrigen Wundmalen. Beim Gedächtnis der Seitenwunde Jesu krachte ihre Seite unter weithin hörbarem Geräusch. Es war, als ob wirklich eine Lanze zwischen die Rippen in ihren Leib eindringen würde. Im gleichen Augenblick, früh 4 Uhr, ging ihre opfergeschmückte, hochgemute Seele ihrem vielgeliebten himmlischen Bräutigam entgegen, der sie eingereiht haben wird in die Jungfrauenschar, die ihm folgend das ewig neue Lied singt, das nur die zu singen vermögen, die ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen haben.
Möge es unserer Zeit, einer Zeit der schweren Prüfung unseres Volkes, beschieden sein, zu erreichen, was jene frühere mit ihrer Scheu vor dem Übernatürlichen versäumte, den Seligsprechungsprozess dieses leidensstarken Kindes unseres Volkes zum Erfolg zu führen. Das Seligsprechungsverfahren wurde am 15. Mai 1999 vom Bamberger Erzbischof Dr. Karl Braun eröffnet.
1. "Es gibt eine Sünde, die zum Tode führt," spricht der Jünger der Liebe, "und es gibt eine Sünde, die nicht zum Tode führt". (1. Johannes 6,16) Die erste stürzt, wenn sie nicht durch Buße getilgt wird, die Seele unfehlbar in den ewigen Tod. Die zweite aber stürzt sie in schwere Krankheiten. Liebst du also das Leben, so flüchte nicht nur vor dem Tod, sondern auch vor den Krankheiten, die zum Tode führen. Sage nicht, eine kleine Lüge, eine Überschreitung der Mäßigkeit, eine Spottrede und Ähnliches seien eben keine Todsünden. Eine Seele, die Gott liebt, fasst nicht sowohl den Umfang des Verbotes, als den ins Auge, der da verbietet.
2. Ein sehr schweres Übel ist diese Sünde. Bringt sie auch die Seele nicht um Gottes Gnade, so betrübt sie doch den Heiligen Geist. Sie tilgt zwar die Liebe nicht, wohl aber die Kraft und den Eifer der Liebe, wodurch dann das Gemüt träge, weniger fröhlich und eifrig zu guten Werken, und schwächer wird, geistige Kämpfe zu bestehen. Daher auch sagen die Gottesgelehrten einstimmig, die lässliche Sünde bahne der Todsünde den Weg. Denn drängt in diesen Stunden eine lockende Gelegenheit, oder erhebt sich der Sturm einer heftigen Versuchung, dann entsteht die Gefahr, dass ein also geschwächter Mensch in die Todsünde fällt, und nicht wenige Menschen verloren auch bei solchen Gelegenheiten das Leben der Gnade.
3. Unser Herz ist ein Spiegel Gottes. Je reiner es ist, um so mehr nimmt es die Strahlen der göttlichen Klarheit in sich auf. Die Todsünde ist gleich dem Unflat, der diesen Spiegel so gänzlich überzieht, dass er durchaus unfähig wird, diesen himmlischen Glanz aufzunehmen. Die lässliche Sünde aber bedeckt gleich dem Staub das glänzende Angesicht dieses Spiegels, so dass er die Strahlen der göttlichen Sonne nur matt in sich aufnimmt. Je weniger aber die Seele Gott in sich schaut, um so weniger auch liebt sie ihn, und um so weniger scheut sie sich, ihn zu beleidigen. Wer also kann noch gering ein Feuer nennen, das so tiefe Wunden brennt! Psalm 139: "Herr, richte meine Schritte nach deinem Wort aus, und lass keine Ungerechtigkeit über mich herrschen."
Heiligste aller Heiligen, o Maria, du Abgrund der Gnade, die du voll von Gnade bist, stehe einem Elenden bei, der durch seine eigene Schuld die Gnade Gottes verloren hat. Ich weiß es, dass du Gott so lieb bist, dass er dir nichts abschlagen kann. Ich weiß, dass es dir lieb ist, wenn du deine große Macht zur Hilfe der elenden Sünder verwenden kannst. Zeige also, wie du bei Gott in Gnaden stehst, und erlange mir so große Erkenntnis und so brennende Liebe Gottes, dass ich aus einem Sünder in einen Heiligen verwandelt und von allen irdischen Neigungen losgeschält ganz und gar von der Liebe Gottes entzündet werde. Bewirke dies, meine Königin, denn du kannst es bewirken. Tue es aus Liebe zu Gott, der dich so mächtig, so erhaben und so barmherzig gemacht hat. Amen.
Zu Gott
Entflamme, o Herr, unsere Herzen mit dem Feuer deines Heiligen Geistes, damit wir Dir unseres reinen Herzens wegen gefallen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Zum Gedächtnis der von den Christen im Jahr 1310 an Mariä Himmelfahrt unter Anführung des ersten Herzogs von Savoyen eroberten Insel Rhodus wurde im Jahr 1420 vom Herzog in Savoyen Amadäus VI. ein Ritterorden errichtet, der das Bildnis der Mutter Gottes am Halsband trägt, und jährlich an Mariä Himmelfahrt in der dazu erbauten Kirche sich versammelt.