
Wie Gott verloren und wiedergefunden wird
Mein Heiland, geh mit mir nicht ins Gericht,
Wenn ich aus angeborener Schwäche fehle.
Ach, trauernd suche ich dein Angesicht.
Denn fiel ich auch, liebt doch dich meine Seele.
1. Verloren wird Gott durch die Sünde. Wiedergefunden wird er durch die Buße. Die Todsünde bricht das Band der Liebe, die uns mit Gott vereint, und vertreibt ihn aus der Seele, in der sie herrscht. Zerknirschung aber, Seufzer und Tränen helfen uns ihn abermals zu finden. Suchen müssen wir ihn wie die jungfräuliche Mutter ihren göttlichen Sohn: schmerzlich, eifrig, demütig und andächtig. Auch müssen wir nicht ablassen, ihn zu suchen, bis wir ihn endlich gefunden haben. Vergeblich jedoch suchen wir ihn in der großen Welt, in Gesellschaften, unter Freunden und Verwandten. Er wird nur im Tempel, nur bei gottesfürchtigen Menschen gefunden. Wann, wo und wie suchst du ihn?
2. Die lässliche Sünde bricht zwar das Band der Liebe nicht, doch schwächt sie die Vereinigung. Gott weicht nicht gänzlich von der Seele, die durch solche Sünden ihn beleidigt. Aber er leitet und tröstet sie nicht mehr wie früher, und entzieht ihr seinen besonderen Schutz. Dadurch aber versinkt sie in Kaltsinn, verliert seine heilige Gegenwart aus den Augen, und neigt sich allmählich zu schwereren Sünden. Verloren wird seine heilige Gegenwart durch Zerstreuung der Sinne und des Geistes, durch den Lärm der Leidenschaften, durch den Umgang mit der Welt, durch eitle Begierden und Vorwitz. Wiedergefunden aber wird sie durch Entfesselung von den Geschöpfen, durch Einsamkeit und innerliche Sammlung.
3. O liebevoller Jesus, wo ist die Zeit, da du in meinem Herzen wie in deiner Wohnstätte, wie in einem freundlichen Wonnegarten wohntest. Ach, wie selig war damals meine Seele. Wie überaus wohl war mir in deiner liebevollen Gegenwart. Wie glühte mein Herz nach deinen lieblichen Worten. Wo bist du, Geliebter meiner Seele? Verlassen hast du mich, oder vielmehr verloren habe ich dich. Wie in einer öden Wildnis irre ich nun, die kein Tau des Himmels benetzt. Du Quell des lebendigen Wassers, wann wirst du meine lechzende Seele wieder mit deinem Trost erquicken? Suchen will ich dich, und nicht nachlassen, bis ich dich wiedergefunden habe. "Ich fand ihn, den meine Seele liebt. Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los." (Hohelied 3,4)
https://www.marianisches.de/heilige-des-tages/