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#31

RE: Thomas von Kempen, von der Nachfolge Christi

in Zitate von Heiligen 23.03.2016 08:54
von Blasius • 2.514 Beiträge

Zweites Buch



Anleitung zum geistlichen Leben


KAPITEL 4


Lauterer Sinn und einfältige Absicht

1. Einfalt und Reinheit sind Schwingen deiner Seele.
2. Von der Einfalt und Reinheit der Absicht erzählen alle Geschöpfe.
3. Einfalt und Reinheit erfreuen den Menschen und wandeln ihn um.

1. Zwei Flügel tragen den Menschen über das Irdische hinauf: Einfalt und Lauterkeit.
Einfalt soll unseren Willen erfüllen, Lauterkeit unser Empfinden. Die Einfalt will nur
Gott, die Lauterkeit ergreift und verkostet ihn.

2. Kein gutes Werk wird dir schwerfallen, wenn du innerlich frei bist von
ungeordneter Neigung. Suchst du nichts anderes als Gottes Wohlgefallen und des
Nächsten Nutzen, wirst du innere Freiheit genießen. Wäre dein Herz in Ordnung,
dann würde jedes Geschöpf ein Spiegel des Lebens und ein Buch heiliger Lehre für
dich sein. Kein Geschöpf ist so klein und nichtig, daß es die Güte Gottes nicht
spiegelte. Wärest du innerlich gut und rein, du würdest alles ohne Schwierigkeiten
sehen und gut begreifen. Ein reines Herz durchdringt Himmel und Hölle.

3. Wie einer innerlich ist, so beurteilt er seine Umgebung. Gibt es eine Freude in der
Welt, dann genießt sie der Mensch des lauteren Herzens. Und wenn es irgendwo
Trübsal und Angst gibt, so weiß ein schlechtes Gewissen am besten davon zu
erzählen. Wie das Eisen im Feuer den Rost verliert und ganz glühend wird, so verliert
der Mensch, der sich restlos zu Gott wendet, seine Lauheit. Er wird in einen neuen
Menschen verwandelt. Wenn der Mensch anfängt, lau zu werden, dann fürchtet er
auch die geringe Mühe und nimmt gern den äußeren Trost entgegen. Beginnt er aber,
sich selbst ernstlich zu überwinden und mannhaft den Weg Gottes zu wandeln, dann
hält er für gering, was ihn früher schwer dünkte

KAPITEL 5

Achten auf sich selbst


1. Bist du blind für dich selbst?
2. Lerne dich selbst kennen, über andere schweige.
3. Gott allein sei der große Gedanke deines Lebens.

1. Wir dürfen uns selbst nicht viel trauen, da es uns oft an der Gnade gebricht und an
der rechten Einsicht. Nur ein mattes Licht brennt in uns, und dieses winzige Licht
bringen wir noch durch unsere Nachlässigkeit schnell zum Erlöschen. Oft nehmen
wir es gar nicht einmal wahr, daß wir innerlich so blind sind. Oft handeln wir
schlecht, und, was noch schlimmer, wir entschuldigen uns. Zuweilen treibt uns die
Leidenschaft, und wir halten es für Eifer. Wir tadeln geringe Fehler an andern, und
über unsere größeren Fehler gehen wir hinweg. Sehr schnell empfinden wir, was
andere uns zu ertragen geben, und legen es auf die Waage; was aber andere von uns
hinzunehmen haben, das beachten wir nicht. Wer sein eigenes Verhalten recht und
gut abwägt, hat keine Ursache, über andere hart zu urteilen.

2. Der innerliche Mensch stellt die Sorge um sich selbst allen anderen Sorgen vor.
Wer sorgsam auf sich selbst achtet, schweigt gern von anderen. Niemals wirst du
innerlich und fromm sein, wenn du nicht über die anderen schweigst und ein
besonderes Augenmerk auf dich selbst richtest. Siehst du nur auf dich und auf Gott,
wird dich die Außenwelt wenig bewegen. Wo bist du, wenn du nicht bei dir selbst
bist? Und bist du überall gewesen, was hast du bei Vernachlässigung deiner selbst
gewonnen? Sollst du Frieden und wahre Eintracht haben, mußt du alles hintansetzen
und dich allein vor Augen haben. Du wirst sehr gut voranschreiten, wenn du dich von
aller zeitlichen Sorge trennst. Und viel wirst du verlieren, wenn du den Erdendingen
zuviel Wert beilegst.

3. Nichts sei dir groß, nichts erhaben, nichts angenehm und willkommen als Gott
allein und was von Gott kommt. Erachte alles für eitel, was ein Geschöpf dir an Trost
bietet. Eine Seele, die Gott liebt, verschmäht alles, was weniger ist als Gott. Gott
allein, der Ewige, Unermeßliche, der alles erfüllt, ist der Seele Trost und des Herzens
wahre Freude.


http://www.gottliebtuns.com/doc/Thomas%2...e%20Christi.pdf

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zuletzt bearbeitet 23.03.2016 08:56 | nach oben springen

#32

RE: Thomas von Kempen, von der Nachfolge Christi

in Zitate von Heiligen 24.03.2016 14:40
von Blasius • 2.514 Beiträge

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Zweites Buch




Anleitung zum geistlichen Leben

KAPITEL 6

Die Freude eines guten Gewissens

1. Das gute und das schlechte Gewissen.
2. Dein gutes Gewissen: dein wahrer, innerer Wert.
3. Das gute Gewissen gründet uns in Gott.

1. "Der Ruhm eines guten Menschen ist das Zeugnis eines guten Gewissens" (2 Kor
1, 12). Sorge für ein gutes Gewissen, und du wirst immer Freude haben. Ein gutes
Gewissen kann sehr viel ertragen und ist mitten im Ungemach voller Freude. Ein
böses Gewissen ist immer furchtsam und unruhig. Sanft wirst du ruhen, wenn "dein
Herz dir keine Vorwürfe macht" (vgl. 1 Joh 3,21). Freue dich nur dann, wenn du
Gutes getan hast. Die Bösen verkosten niemals wahre Freude, sie kennen keinen
inneren Frieden; denn, so spricht der Herr: "Es gibt keinen Frieden für die Frevler"
(Jes 48,22; 57,21). Und wenn sie sagen: "Wir haben Frieden (vgl. 1 Thess 5, 3), es
wird kein Unglück über uns kommen" - (Mi 3,11), und: Wer will es wagen, uns zu
schaden? glaub es ihnen nicht. Denn plötzlich wird der Zorn Gottes hereinbrechen,
ihre Taten werden zu nichts, und "ihre Gedanken werden vergehen" (Ps 146,4).

2. In der Trübsal sich rühmen fällt dem, der die Liebe hat, nicht schwer; denn das ist
nichts anderes als ein "sich Rühmen im Kreuze des Herrn" (vgl. Gal 6, 14). Kurz
währt der Ruhm, den Menschen geben und empfangen. Dem Ruhm der Welt ist stets
die Trauer als Begleiterin gegeben. Die Ehre der Guten ruht in ihrem Gewissen, nicht
im Munde der Menschen. Die Freude der Gerechten ist aus Gott und in Gott, und ihre
Fröhlichkeit quillt aus der Wahrheit. Wen es nach dem wahren, ewigen Ruhm
verlangt, kümmert sich nicht um den zeitlichen. Wer aber zeitlichen Ruhm sucht oder
ihn nicht von Herzen verachtet, ist der Geringschätzung des himmlischen Ruhmes
überführt. Eine große Ruhe des Herzens besitzt, wer sich weder aus dem Lobe noch
aus dem Tadel etwas macht. Leicht zufrieden und beruhigt ist, wer ein reines
Gewissen hat. Du bist nicht heiliger, wenn du gelobt, und nicht schlechter, wenn du
getadelt wirst. Wie du bist, so bist du, und kein Wort macht dich größer, als du nach
dem Zeugnis Gottes bist. Wenn du darauf achtest, was du innerlich bist, wird es dich
nicht kümmern, was die Menschen über dich reden. "Der Mensch sieht ins Gesicht,
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Gott aber ins Herz" (vgl. 1.Sam 16, 7). Der Mensch achtet auf die Taten, Gott aber
wägt die Absichten. Immer recht handeln und wenig von sich halten ist das
Kennzeichen einer demütigen Seele. Von keinem Geschöpf Trost empfangen wollen
ist das Merkmal großer Lauterkeit und innerer Zuversicht.

3. Wer für sich kein äußeres Zeugnis begehrt, gibt zu verstehen, daß er sich gänzlich
Gott allein anheimgegeben hat. Denn "nicht, wer sich selbst empfiehlt, ist bewährt,
sondern wen Gott empfiehlt", sagt der hl. Paulus (2 Kor 10, 18). Im Inneren mit Gott
wandeln und im Äußern keinem Trieb verhaftet sein: das macht den innerlichen
Menschen aus.


KAPITEL 7

Die uneingeschränkte Liebe zu Jesus

1. Die ungeteilte Liebe zu Jesus ist dein festester Halt im Leben.
2. Auf die Liebe der Menschen ist kein Verlaß.

1. Selig, wer begreift, was es ist um die Liebe zu Jesus und um die Verachtung seiner
selbst um Jesu willen. Man muß das, was man liebt, verlassen um dessentwillen, den
man einzig liebt; denn Jesus will allein über alles geliebt sein. Die Liebe zum
Geschöpf ist trügerisch und unstet, die Liebe zu Jesus treu und unerschütterlich. Wer
dem Geschöpfe anhängt, fällt mit dem Hinfälligen, wer aber Jesus umfängt, bleibt
stark in Ewigkeit. Liebe den wie deinen Freund, der, wenn sich alle von dir
zurückziehen, dich nicht verläßt. Er duldet nicht, daß du am Ende zugrunde gehst.
Von allem mußt du dich einmal trennen, ob du willst oder nicht. Halte dich im Leben
und im Sterben an Jesus und überlaß dich seiner Treue, der, wenn alle versagen, dir
allein helfen kann. Es ist die Art deines Geliebten, daß er keinen anderen duldet; er
will dein Herz allein besitzen und wie ein König auf seinem ihm eigenen Throne
herrschen. Wenn du es verständest, dich von jedem Geschöpf loszulösen, würde
Jesus gern bei dir wohnen wollen.

2. Du kannst fast alles als verloren betrachten, was immer du nicht auf Jesus, sondern
auf Menschen gebaut hast. Setz dein Vertrauen doch nicht auf ein schwankes Rohr
und stütze dich nicht darauf. Jeder Mensch gleicht dem Grase, wie eine Grasblüte
fällt all seine Herrlichkeit ab (Jes 40,6.7). Du siehst dich bald betrogen, wenn du die
Menschen nur nach ihrer äußeren Erscheinung beurteilst. Wenn du nämlich deinen
Trost und Vorteil nur in anderen suchst, wirst du oft nur Schaden erleiden. Suchst du
in allem Jesus, so wirst du ihn auch sicher finden. Suchst du aber dich selbst, so wirst
du dich selbst finden, doch zu deinem Verderben. Denn wenn der Mensch nicht Jesus
sucht, schadet er sich selbst weit mehr, als die ganze Welt und alle Feinde es
vermögen.


http://www.gottliebtuns.com/doc/Thomas%2...e%20Christi.pdf
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zuletzt bearbeitet 24.03.2016 14:45 | nach oben springen

#33

RE: Thomas von Kempen, von der Nachfolge Christi

in Zitate von Heiligen 24.03.2016 21:59
von Blasius • 2.514 Beiträge

Zweites Buch




Anleitung zum geistlichen Leben

KAPITEL 8

36 Vertraute Freundschaft mit Jesus

1. Jesu gnadenvolle Gegenwart in dir: dein Trost, deine Kraft.
2. Die Kunst, mit ihm verbunden und vertraut zu bleiben.
3. Liebe ihn allein und die anderen nur in ihm.
4. Um das zu können, lös dich mit Gottes Gnade von allem los.

1. Ist Jesus da, ist alles gut, und nichts erscheint schwierig; ist er aber fern, so ist alles hart. Spricht Jesus nicht in uns, ist aller Trost nichts wert. Spricht Jesus aber nur ein Wort, so empfinden wir tiefen Trost. Stand Maria Magdalena nicht sofort auf von der Stelle, wo sie weinte, als Martha ihr sagte: "Der Meister ist da und ruft dich" (Joh 11, 28)? Glückselige Stunde, wenn Jesus von den Tränen weg zur Freude des Geistes ruft! Wie trocken, wie hart bist du ohne Jesus! Wie töricht und eitel, wenn du außer Jesus noch etwas verlangst! Ist das nicht ein größerer Schaden, als büßtest du die ganze Welt ein? Was kann die Welt dir bieten ohne Jesus? Ohne Jesus sein ist eine entsetzliche Hölle, mit Jesus sein ein liebliches Paradies. Wenn Jesus mit dir ist, kann kein Feind dir schaden. Wer Jesus findet, findet einen wertvollen Schatz, ja ein Gut über alle Güter. Wer Jesus verliert, verliert allzuviel, ja mehr als die ganze Welt. Bettelarm ist, wer ohne Jesus lebt, überaus reich hingegen, wer gut mit ihm steht.

2. Eine große Kunst ist es zu verstehen, wie man mit Jesus umgeht, und eine große Klugheit ist es zu wissen, wie man ihn an sich fesselt. Sei demütig und friedfertig, und Jesus wird mit dir sein. Sei hingegeben und ruhig, und Jesus wird bei dir bleiben. Du kannst ihn schnell verjagen und seine Gnade verlieren, du brauchst dich nur ins Äußere zu verlieren. Bist du ihm aber entflohen und hast du ihn verloren, wohin willst du dich dann flüchten, wen zum Freunde erwählen? Ohne Freund kannst du nicht wohl leben; und wenn Jesus nicht dein Freund vor allen Freunden ist, wirst du tieftraurig und trostlos. Du begehst eine Torheit, wenn du auf einen anderen vertraust und bei ihm Freude suchst. Eher mache dir die Welt zum Feinde, als daß du Jesus beleidigst. Unter allen, die dir lieb sind, sei Jesus allein der, den du mit Vorzug liebst.

3. Alle soll man lieben um Jesu willen, Jesus aber um seiner selbst willen. Jesus Christus allein darf man in einzigartiger Weise lieben; denn er allein übertrifft alle Freunde an Gutheit und Treue. Um seinetwillen und in ihm sind dir alle Freunde und Feinde teuer. Für sie alle bete, daß jeder ihn erkennt und liebt. Wünsche niemals, besonders gelobt und geliebt zu werden; denn das kommt Gott allein zu, der seinesgleichen nicht hat. Entsage auch dem Wunsche, daß sich einer mit dir in seinem Herzen beschäftige, und auch du gib dem liebevollen Gedanken an einen anderen nicht zuviel Raum, sondern Jesus sei in dir und in jedem guten Menschen.

4. Sei innerlich rein und frei und laß dich von keinem Geschöpf gefangennehmen. Biete Gott allein ein von allem losgelöstes, reines Herz dar, dann "wirst du Ruhe finden und schauen, wie lieb der Herr ist" (Ps 34, 9; 46,11). Aber niemals wirst du das erreichen, wenn seine Gnade dir nicht zuvorkommt und dich einwärts zieht, damit du, aller Dinge ganz und gar ledig, allein mit dem Alleinen verbunden seiest. Denn sobald sich die Gnade Gottes dem Menschen mitteilt, vermag er alles. Verläßt sie ihn aber, dann ist er arm und schwach und wie den Geißelhieben überantwortet. 37 Das darf ihn allerdings nicht niederwerfen und zur Verzweiflung bringen, vielmehr muß er gleichmütig zum Willen Gottes stehen und alles, was ihn überkommt, zur Ehre Jesu ertragen. Denn auf den Winter folgt der Sommer, auf die Nacht der Tag, auf den Sturm die große heitere Stille.


http://www.gottliebtuns.com/doc/Thomas%2...e%20Christi.pdf

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zuletzt bearbeitet 24.03.2016 22:08 | nach oben springen

#34

RE: Thomas von Kempen, von der Nachfolge Christi

in Zitate von Heiligen 25.03.2016 09:00
von Blasius • 2.514 Beiträge

Zweites Buch



Wege zum inneren Leben

KAPITEL 9

Wenn du trostlos und verlassen bist

1. Der ruhige Verzicht auf den Trost ist etwas Großes.
2. Der Verzicht auf den Trost ist schwierig, aber ein Zeichen echter Christusliebe.
3. Trost und Entbehrung des Trostes fehlen in keinem Heiligenleben.
4. Beides formt den wahren Christen.

1. Es ist nicht schwer, menschlichen Trost zu verachten, wenn uns der göttliche gegeben ist. Groß ist es, ja sehr groß, auf menschlichen und göttlichen Trost verzichten zu können und zur Ehre Gottes gern die Verbannung des Herzens zu ertragen, in keiner Weise sich selbst zu suchen und auf die eigenen Verdienste zu sehen. Was ist es Großes, heiter und andächtig zu sein beim Kommen der Gnade? Alle begrüßen diese Stunde. Wirklich, eine angenehme Fahrt, wenn die Gnade Gottes uns trägt! Was Wunder, wenn der, der vom Allmächtigen getragen und vom höchsten Führer geleitet wird, gar keine Last spürt? Wir haben gern etwas Trost, und nur schwer entäußert sich der Mensch seiner selbst. Der heilige Märtyrer Laurentius siegte mit seinem Presbyter über die Welt, weil er den Reiz der Welt verachtete und um der Liebe Christi willen gern ertrug, daß ihm Papst Sixtus, den er über alles liebte, genommen wurde. Mit der Liebe zum Schöpfer überwand er die Liebe zum Menschen, und dem irdischen Trost zog er das göttliche Wohlgefallen vor. So lern auch du den Verzicht auf einen unentbehrlichen, lieben Freund und nimm es nicht gar zu schwer, wenn er dich im Stich läßt. Du weißt, daß wir uns alle einmal voneinander trennen müssen.

2. Viel und lange muß der Mensch mit sich selbst kämpfen, bis er lernt, sich selbst völlig zu besiegen und seine ganze Liebe auf Gott zu lenken. Solang der Mensch auf sich selbst baut, gibt er leicht seinem Verlangen nach Menschentrost nach. Wer aber Christus wahrhaft liebt und eifrig nach Tugend strebt, verfällt nicht auf Tröstungen und verlangt nicht nach solchen fühlbaren Andachtszuständen. Lieber nimmt er um Christi willen neben strengen Übungen noch harte Arbeiten auf sich. Wenn Gott dir aber geistlichen Trost gewährt, so nimm ihn mit Dank an. Sieh aber in ihm ein Geschenk Gottes, nicht dein Verdienst. Überhebe dich nicht, freue dich nicht zu sehr 38 und hüte dich vor eitler Anmaßung. Sei vielmehr um der Gabe willen um so demütiger, vorsichtiger und gewissenhafter in allen deinen Handlungen; denn jene Stunde geht vorüber, und die Versuchung wird folgen. Ist der Trost dir entzogen, verzweifle nicht gleich. Ertrage es in Demut und Geduld und warte auf die himmlische Heimsuchung. Denn Gott hat die Macht, dir noch mehr Trost wiederzuschenken.

3. Denen, die Gottes Wege kennen, ist das nicht neu noch fremd. Selbst die großen Heiligen und die alten Propheten haben einen solchen Wechsel erfahren. Darum sprach einer, den die Gnade trug, das Wort: "Ich sprach, als ich von der Gnade überfloß, das Wort: Ich werde in Ewigkeit nicht wanken" (Ps 30, 7). Was er aber in sich erlebte, als ihn die Gnade verlassen hatte, fügte er mit den Worten hinzu: "Du hast dein Antlitz von mir abgewendet, und ich geriet in Verwirrung" (Ps 30, 8). Gleichwohl verzweifelte er in dieser Lage nicht, er bat Gott nur um so inständiger und sprach: "Zu dir, O Herr, zu meinem Gott flehe ich" (Ps 30,9). Endlich erntet er die Frucht seiner Bitten und bezeugt, daß er erhört ist: "Der Herr hat mich erhört und sich meiner erbarmt; der Herr ist mein Helfer geworden" (Ps 30,11). Aber worin? "Du hast meine Trauer in Freude verwandelt und mich mit Freude umgürtet" (Ps 30, 12). Wenn es so den großen Heiligen erging, dann sollten wir arme und schwache Menschen nicht verzweifeln, falls wir bald in Glut, bald in Kälte stehen. Denn der Geist Gottes kommt und geht, wie er will. Deshalb sprach der selige Ijob: "Du kommst über ihn beim Morgengrauen und stellst ihn plötzlich auf die Probe" (Ijob 7, 18). Worauf kann ich also bauen? Auf wen darf ich mein Vertrauen setzen, wenn nicht einzig und allein auf die große Barmherzigkeit Gottes und die Erwartung der Gnade des Himmels? Denn mögen auch gute Menschen um mich sein, fromme Brüder und treue Freunde, heilige Bücher und schöne Schriften, traute Lieder und Hymnengesänge, alles dieses hilft mir nur wenig und schmeckt mir nicht recht, wenn ich von der Gnade verlassen und meiner eigenen inneren Armut überlassen bin. Dann gibt es kein besseres Heilmittel als Geduld und Selbstverleugnung im Willen Gottes.

4. Ich habe noch nie einen so frommen, innerlichen Menschen gefunden, der nicht zuweilen die Entziehung der Gnade oder eine Abnahme des glühenden Eifers erfahren hätte. Kein Heiliger wurde so hoch erhoben und so hell erleuchtet, der nicht früher oder später Versuchungen erlitten hätte. Denn keiner ist würdig, in die erhabene Beschauung Gottes einzutreten, der nicht von Gott durch Trübsale geprüft wäre. Die Versuchung pflegt das Vorzeichen einer nachfolgenden Tröstung zu sein. "Wer siegt", heißt es, "dem. werde ich zu essen geben vom Baume des Lebens" (Offb 2,7). Die geistliche Tröstung wird gegeben, daß der Mensch mehr Kraft zum Ertragen der Leiden erhalte. Und es folgt wieder die Versuchung, damit sich der Mensch nicht des Guten wegen überhebe. Der Teufel schläft nicht, und der Leib ist noch nicht tot; deshalb rüste dich ständig zum Kampfe; denn zu deiner Rechten und Linken stehen die Feinde, die nimmer ruhen.


http://www.gottliebtuns.com/doc/Thomas%2...e%20Christi.pdf

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zuletzt bearbeitet 25.03.2016 09:01 | nach oben springen

#35

RE: Thomas von Kempen, von der Nachfolge Christi

in Zitate von Heiligen 26.03.2016 19:19
von Blasius • 2.514 Beiträge

Zweites Buch

Wege zum inneren Leben

KAPITEL 10

Dankbarkeit für Gottes Gnade


1. Hasche nicht nach ihr.
2. Danke für sie.
3. Führe sie auf Gott zurück und bleibe demütig.
4. Sei auch für die kleinste Gabe dankbar.

1. Warum suchst du Ruhe, wo du doch zur Arbeit geboren bist? (vgl. Ijob 5,7).
Mache dich mehr auf die Übung der Geduld als auf Tröstungen, mehr auf das
Kreuztragen als auf Freude gefaßt. Wer in der Welt nähme nicht gern Tröstungen und
geistliche Freuden entgegen, wenn er sie immer haben könnte? Die geistlichen
Tröstungen übertreffen alle Freude der Erde und alle Sinnenfreuden. Denn alle
weltlichen Vergnügungen sind eitel oder unedel. Die geistigen Freuden allein
beglücken und adeln. Sie entsprießen den Tugenden und sind den reinen Seelen von
Gott eingegossen. Doch diese geistlichen Tröstungen kann niemand ständig nach
seinem Belieben genießen, da die Zeit der Versuchung schnell wiederkehrt.

2. Ganz stark aber stehen der himmlischen Heimsuchung die falsche Freiheit des
Geistes und das große Selbstvertrauen entgegen. Gott handelt gut, indem er uns die
Gnade der Tröstung schenkt, der Mensch aber handelt schlecht, wenn er nicht mit
Dank alles Gott zurückerstattet. Deshalb können die Ströme der Gnade uns nicht
zufließen: wir wissen dem Spender keinen Dank und lassen nicht alles zum Urquell
zurückfließen. Die Gnade ist nämlich immer dem zugedacht, der in würdiger Weise
für sie dankt, dem Hochmütigen aber wird genommen, was dem Demütigen
geschenkt zu werden pflegt. Ich will keinen Trost, der mir die Zerknirschung nimmt.
Ich begehre nicht nach einer Beschauung, die zum Hochmut führt. Denn nicht alles
Hohe ist heilig, nicht alles Angenehme gut, nicht jedes Verlangen rein, und nicht
alles, was als wertvoll gilt, ist Gott wohlgefällig. Aber gern nehme ich die Gnade an,
die mich demütiger und gottesfürchtiger macht und bereiter, mich selbst zu verlassen.

3. Wer durch das Geschenk der Gnade und durch die Zuchtrute der Entziehung der
Gnade belehrt wurde, wird nicht wagen, sich irgend etwas Gutes zuzuschreiben,
vielmehr wird er seine Armut und seine Blöße offen eingestehen. "Gib Gott, was
Gottes ist" (Mt 22, 21), und schreibe dir zu, was dein ist, d. h.: danke Gott für die
Gnade, dir allein aber sprich die Schuld und die dafür verdiente Strafe zu. Setz dich
immer zuunterst, und du wirst den obersten Platz erhalten; denn das Oberste besteht
nicht ohne das Unterste. Die größten Heiligen vor Gott sind in ihren Augen die
Geringsten. Je herrlicher ihr Ruhm, um so demütiger sind sie in ihren eigenen Augen.
Voll von Wahrheit und himmlischer Glorie, "begehren sie keinen eitlen Ruhm" (Gal
5, 26). In Gott gegründet und gefestigt, können sie sich nicht überheben. Die alles,
was sie Gutes empfangen haben, Gott zuschreiben, suchen von anderen keinen
Ruhm. Sie wollen einzig nur die Ehre, die von Gott kommt, und wünschen, daß Gott
in ihnen und in allen Heiligen über alles gelobt werde; nur dieses eine Begehren
kennen sie.

4. Sei also dankbar auch für das Kleinste, und du wirst des Größeren gewürdigt. Das
Geringste gelte dir für ein Größtes, und das meist Verachtete sei dir eine besondere
Gabe. Wenn du auf die Würde des Gebers siehst, wird dir kein Geschenk geringfügig
40
und wertlos erscheinen. Was Gott, der Allerhöchste, dir schenkt, kann nicht gering
sein. Auch wenn er Strafen und Schläge austeilt, muß man ihm danken, da er alles,
was er über uns kommen läßt, zu unserem Heile wendet. Wer Gottes Gnade behalten
will, sei dankbar für die empfangene Gnade und bleibe geduldig, wenn sie ihm
entzogen wird. Er bete, daß sie zurückkehre, sei behutsam und demütig, daß er sie
nicht verliere.

http://www.gottliebtuns.com/doc/Thomas%2...e%20Christi.pdf

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