1. Die innerliche Einsprechung ist ein Stern, der unseren Geist erleuchtet und ihn zu Jesus führt. Sie ist die Stimme Gottes in unserem Gewissen, die uns belehrt, ermahnt und bedroht. Sie ist ein Anhauch des Heiligen Geistes, ein Strahl seines Lichtes, eine Wirkung seiner Liebe, ein Samenkorn des Paradieses zu Früchten des ewigen Lebens, ein Keim der Ewigkeit. Sie ist eine Gnade, die Jesus durch sein Blut uns erworben hat. Sind wir aber zu dieser innerlichen Mahnung taub, so widerstreben wir dem Heiligen Geist, sündigen mit vorsätzlicher Bosheit, vergraben gleich jenem bösen Knecht das Talent unseres Herrn, und gefährden unser ewiges Heil.
2. Wären die heiligen Weisen dem Stern nicht gefolgt, so wären sie in den heidnischen Finsternissen und den Schatten des Todes verblieben. Folgst aber du der Einsprechung nicht, die deinen Geist erleuchtet und dein Herz zur Bekehrung drängt, so wirst du in deinen Sünden sterben. Denn verschmähst du die Stimme Gottes, so schweigt er. Hat er gerufen und du kommst nicht, so entfernt er sich. Hat er lange an deinem Herzen angepocht und du tust ihm nicht auf, so weicht er von dir. Und gerecht ist es allerdings, dass er die Seele verschmäht, die ihn verschmähte, und sie endlich bestraft, nachdem er ihren Trotz lange mit großer Geduld ertragen hat.
3. Wie lange schon pocht Gott an deinem Herzen! Wie lange schon ruft er dir zu, sucht, bittet und ermahnt dich, von jener Sünde abzustehen, dein Leben zu bessern, und der Stimme seiner Gnade Gehör zu geben? Zittere, dass sein gerechter Zorn plötzlich erwacht, dass das Reich der Gnade und Liebe, wohin du nicht eingehen willst, von dir hinweggenommen, dass sein Geist nicht mehr zu deinem Herzen sprechen, dass die Stimme deines Gewissens schweigen, und dass Gott dich verlassen wird. Nein, mein Gott, nicht länger werde ich deinem innerlichen Ruf widerstehen. Gehorchen will ich dir und deinen heiligen Willen tun. Preis dir, dass du, ungeachtet meines Undanks, mich noch nicht verlassen hast, und mich noch barmherzig ermahnst und bedrohst. 1. Samuel 3,9: "Rede, Herr, denn dein Diener hört."
Allerreinste Jungfrau Maria, allerliebste Jungfrau Maria, mach, das dein Name von heute an für mich der Lebensatem sei. O meine Gebieterin, stehe mir immer bei, wenn ich dich anrufe, denn in allen Versuchungen, die über mich kommen, in allen meinen Nöten will ich nie müde werden, dich anzurufen, und immer die Worte zu wiederholen: Maria! Maria! Amen.
Zu Jesus Christus
Herr, Du hast uns in Deiner Barmherzigkeit einen Tisch bereitet, an dem wir uns gegen die Macht unserer Feinde stärken können. Gib und erhalte in uns den geistlichen Hunger nach diesem Himmelsbrot, das Du selber bist, der Du lebst und herrschst mit Gott dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Valentin
Wir bitten Dich, o Herr, schone Deine Diener durch die glorreichen Verdienste Deines heiligen Bischofs und Beichtigers Valentin, damit wir durch seine Fürbitte von allen Übeln befreit werden, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Raymund
O Gott, der Du den heiligen Raymund zu einem treuen Diener des Sakramentes der Buße erwählt und durch die Meeresfluten wunderbar geführt hast, gib, dass wir durch seine Fürbitte würdige Früchte der Buße tun und das ewige Heil erlangen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
7. Januar - Der heilige Valentin,
Bischof, ermahnte und predigte mit unermüdlichem Eifer und ausharrender Geduld den Einwohnern von Passau; - jedoch vergebens, sie wollten ihn nicht hören, misshandelten ihn zuletzt, und nötigten ihn, ihre Stadt ganz zu verlassen.
Wie gefährlich ist es, taub für die Aufforderungen der göttlichen Gnade zu sein, wie schrecklich, wenn auch wir durch Missbrauch oder gar gänzliche Vernachlässigung der Gnadenmittel, die uns so häufig, besonders in der Kirche dargeboten werden, Gott zwingen würden, uns sie wieder zu entziehen! Welche Verantwortung!
Prüfe dich hierüber, - und erinnere dich, dass Gott ein liebevoller Vater ist, wie Er etwa in der Parabel vom verlorenen Sohn dargestellt wird, der das verirrte, aber reumütig zurückkehrende Kind mit Freuden aufnehmen, und wieder unter den besonderen Schutz der Mutter Gottes stellen wird!
Bete um treuen Empfang der verliehenen Gnadenmittel.
Gott will den Tod des Sünders nicht,
Denn im Himmel soll er schau`n sein Angesicht.
Andenken an die seligste Jungfrau
Die Rückkehr Jesu Christi aus Ägypten, da er von seiner heiligsten Mutter und dem heiligen Joseph nach Nazareth überbracht worden ist, wurde auf den heutigen Tag gesetzt.
An den Namen des heiligen Reinhold knüpfen sich viele alte Sagen, die von seinem seltenen Heldenmut und seinen berühmten Taten ein ruhmreiches Zeugnis geben. Hier soll nur erzählt werden, was die Bollandisten, auf zuverlässige Zeugnisse gestützt, als echten Kern aus der Schale der Poesie gelöst haben.
Reinhold stammte aus der höchst angesehenen und reich begüterten Familie der Karolinger. Wer hätte nicht von seinem ritterlichen Vater Haimon gehört? Der hatte vier Söhne, deren Heldentaten in Liedern besungen wurden. Wie aber ein Stern an Klarheit die anderen überstrahlt, so übertraf Reinhold an Edelmut und Reinheit der Sitten nicht nur seine Brüder, sondern auch alle seine Zeitgenossen. Von seinen frühesten Jahren wuchs er mehr und mehr in der Erkenntnis und Liebe Gottes.
Von der Weisheit Gottes erleuchtet, verließ er sein irdisches Besitztum, um die dauernden Güter des Himmels zu gewinnen. Deshalb ging er nach Köln, nahm das Ordensgewand und widmete sich ganz der Liebe desjenigen, dessen Dienst Herrschaft ist. Dort leuchtete er bald durch so viele herrliche Tugenden, dass er von allen geliebt und von Gott mit der Wundergabe begnadigt wurde. In seiner Klause heilte er die Kranken, gab den Lahmen gesunde Glieder, den Tauben das Gehör und den Blinden das Augenlicht wieder. Augenzeugen berichteten, dass er durch sein Gebet einen Toten erweckte und ihn in Gegenwart vieler seiner trauernden Mutter zurückführte. Einen Jungen, der viele Jahre am Fieber gelitten hatte, heilte er so vollständig, dass er noch am selben Tag Gott lobend und mit Freuden nach Hause zurückkehrte.
Zu jener Zeit wütete unter dem Volk der Provinz die Pest. In ihrer höchsten Not wandten sich die Heimgesuchten an den heiligen Reinhold, warfen sich ihm zu Füßen und baten mit Tränen, er möge das Volk von jener schrecklichen Krankheit befreien. Der Heilige flehte sofort demütigst zum Herrn, dass er jenen Barmherzigkeit angedeihen lasse, denen das Bild des Todes schon aufgeprägt war. Gott erhörte seinen demütigen Diener und gab dem kranken Volk die erwünschte Gesundheit zurück. Alle dankten Gott, der sie auf die Fürbitte des Heiligen gerettet und die schreckliche Krankheit verscheucht hatte. Überall verbreiteten sie die Tugenden und Verdienste des heiligen Reinhold und sangen später alljährlich sein Lob.
Der Gottesmann Reinhold wurde später auf Befehl seines Abtes zum Steinmetzmeister gemacht. Da er aus Eifer für die Ehre Gottes mehr, als die übrigen Gesellen arbeitete und sie streng und öfters an ihre Pflicht erinnerte, hassten und beneideten sie ihn und verschworen sich heimlich gegen sein Leben. Der Diener Gottes hatte die Gewohnheit, häufig die Klöster und Kirchen in der Nähe und Ferne zu besuchen und unterwegs den Armen Almosen zu spenden. Diesen Umstand benutzten die lasterhaften Menschen, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und nach Räuberart ihm aufzulauern und ihn heimlich zu ermorden. Der Heilige durchschaute ihren Mordplan und bereitete sich zum Tod, wie zu einem königlichen Festmahl. Den Räubern ging er wie seinen Freunden entgegen, um als Märtyrer zum Himmel emporzusteigen. Die gottlosen Männer überfielen ihn, schlugen ihm mit Hämmern den Schädel ein, beraubten ihn seiner Kleider und warfen den Leichnam in ein tiefes Wasser in der Nähe des Rheins. So fand der ausgezeichnete Märtyrer die Palme des Martertums. Himmlische Heerscharen trugen seine Seele unter Jubelgesängen zur ewigen Freude. Der Abt und seine Mönche suchten den Vermissten lange vergebens.
Der Herr wollte den Leib seines treuen Dieners nicht länger verborgen sein lassen. Eine Frau lag schon mehrere Jahre auf dem Krankenbett und alle ärztliche Hilfe erwies sich als fruchtlos. In einer Nacht nahmen die Schmerzen derart überhand, dass sie den Tod erwartete und zu Gott flehte, er möge ihrem Leben ein Ende bereiten. Nach Mitternacht fiel sie in einen Schlaf und im Traum sah sie einen hell glänzenden Mann, der zu ihr sagte: „Gehe zum Wasser, in dem der von den Steinmetzen gemordete heilige Reinhold liegt, dort wird es besser mit dir werden.“ Und er zeigte ihr die Stelle. Als die Frau erwachte, erzählte sie ihren Traum. Man trug die Kranke zu dem bezeichneten Ort. Sogleich erschien der heilige Leichnam an der Oberfläche des Wassers und gab der Frau die Gesundheit zurück. Sie erhob sich sofort von ihrem Krankenbett, half mit, den Leichnam herauszuziehen, und trug in demselben Bett, in dem sie hergebracht war, mit den übrigen Trägern den heiligen Leichnam zum Kloster.
Nach langer Zeit wandte sich die Stadt Dortmund an den Erzbischof von Köln, um die Reliquien eines Heiligen zu erhalten, damit das Land beruhigter und sicherer vor den Feinden würde. Um dem Begehren zu willfahren, berief der Bischof die Geistlichkeit der Stadt zu sich und befragte sie, welchen Heiligen er Dortmund schicken solle. Nach langem Zweifeln setzte der Herr vor der Kirche den heiligen Märtyrer Reinhold im Sarg aus. Da der verblendete Geist der Menschen noch zweifelte und den heiligen Leib in die Kirche zurücktrug, wiederholte sich die Erscheinung des Heiligen vor der Kirche öfters, so dass das Volk klar erkannte, dass nach Gottes Willen diese Reliquien für Dortmund bestimmt seien. Deshalb kam die Geistlichkeit mit dem Volk überein, legte den heiligen Märtyrer Reinhold in einen schön geschmückten Schrein, und eine ungeheure Volksmenge begleitete die heiligen Reliquien von Köln noch drei Meilen weit. In Dortmund kamen die heiligen Überreste am 7. Januar um das Jahr 1060 an und fanden ihre Ruhestätte in der prächtigen Kirche, die nach dem Namen des Heiligen St. Reinholdikirche genannt wurde. Das gläubige Volk verehrte ihn als Patron ihrer Kirche und ihrer Stadt, und der Herr wirkte durch die Fürbitte seines treuen Dieners viele Wunder: Blinde wurden sehend, Aussätzige gereinigt, gichtbrüchige Glieder geheilt zum Lobe Gottes und zur Ehre des heiligen Märtyrers Reinhold.
Thema von Blasius im Forum Kirchenväter / Kirchen...
„Da fielen sie nieder und huldigten ihm“
1. Predigt zum Fest der Erscheinung des Herrn
Gott wollte nicht nur auf die Erde hinabsteigen, sondern auch gesehen werden; er wollte nicht nur geboren, sondern auch erkannt werden. Weil Gott also auf diese Weise sichtbar geworden ist, wird der heutige Tag festlich begangen; es ist der strahlende Tag der Erscheinung. Heute sind nämlich die Weisen aus dem Orient gekommen und haben die aufgegangene Sonne der Gerechtigkeit gesucht, Ihn, von dem gelesen wird: „Siehe, ein Mann, Aufgang ist sein Name“ (Sach 6,12). Heute haben sie das neugeborene Kind der Jungfrau angebetet und sind dem neuen Stern, der sie führte, gefolgt. Ist nicht auch hier für uns ein großer Trost, wie in jenem Wort des Apostels, von dem wir gesprochen haben? Jener nannte das Kind Gott, diese sagen es nicht mit dem Wort, sondern durch die Tat. Was tut ihr, ihr Weisen, was tut ihr? Ihr betet ein Kind an, das an der Brust der Mutter liegt, in einer ärmlichen Hütte, in schäbigen Windeln? Ist es also Gott? „Der Herr ist“ doch „in seinem heiligen Tempel, der Herr hat im Himmel seinen Thron“ (Ps 10,5), und ihr sucht ihn in einem niedrigen Stall, auf dem Schoß seiner Mutter? Was tut ihr, dass ihr auch Gold darbringt? Ist das Kind also ein König? Und wo ist der Königspalast, wo der Thron, wo das Gefolge des Hofstaates? Ist etwa der Königspalast ein Stall, der Thron eine Krippe und der Hofstaat Josef und Maria? Wie konnten weise Männer so töricht werden, dass sie ein kleines Kind anbeten, das weder durch sein Alter noch durch die Armut seiner Eltern der Beachtung wert ist? Töricht sind sie geworden, um weise zu werden, und der Geist hat sie das gelehrt, was später der Apostel ausgesprochen hat: „Wer weise sein will, werde töricht, um weise zu sein (1 Kor 3,18), denn da auf dem Weg der Weisheit die Welt in ihrer Weisheit Gott nicht erkennen konnte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verkündigung die zu retten, die glauben“ (1 Kor 1,21). […] Sie treten in einen Stall und finden ein in Windeln gewickeltes kleines Kind […] sie fallen nieder, sie verehren es wie einen König, sie beten es an wie einen Gott. Aber sicher hat der, der sie hergeführt hat, sie auch selbst unterwiesen, und der sie durch den Stern als äußeres Zeichen ermahnt hat, hat sie auch im Inneren des Herzens belehrt.
Sämtliche Werke lat./dt., übers. v. Josef Schwarzbauer, Tyrolia-Verlag Innsbruck 1996, Bd. 7, S. 329 ff.)
1. Betrachte die Wunder deines Herrn, des allmächtigen Kindes, das in der Krippe weint. Sieh, wie der Glanz seiner göttlichen Majestät selbst durch die Armut und Demut dieses verlassenen Stalles hindurchstrahlt. Ein Erzengel kommt vom Allerhöchsten zur Jungfrau gesandt, die er zur Mutter seines Eingeborenen erwählte. Der ungeborene Täufer Johannes hüpft im Mutterleib vor Freude über die Gegenwart seines ebenfalls noch ungeborenen Herrn auf. Himmlische Heerscharen verkündigen frommen Hirten seine Geburt. Und indes Israel seinen Herrn verstößt, geht ein neuer Stern am Himmel auf und beruft ferne Könige und Weise, ihn anzubeten. Wo ist ein irdischer König, dessen Geburt durch solche Wunder verherrlicht wird?
2. Sieh, schon nahen diese Fremdlinge aus den Heiden der heiligen Stadt. Ein Stern hat ihre äußerlichen, das Licht Gottes ihre innerlichen Augen erleuchtet, den neugeborenen König Israels zu suchen. Eigens sendet Gottes Vorsehung diese Heiden, die schlummernden Juden aus ihrem Todesschlaf zu wecken, und ihnen zu verkündigen, ihr seit Jahrhunderten erwarteter Messias ist endlich geboren. Folgen sie ihnen etwa jubelnd nach Bethlehem? Was für eine schreckliche Blindheit und Gleichgültigkeit. Herodes erschrickt, und - wer sollte es glauben? - das ganze Volk mit ihm. Der grausame Kindermord dieses Wüterichs steht selbst in den Schriften der Römer aufgezeichnet, der Wahrheit des Ereignisses Zeugnis zu geben.
3. Was tut ihr, weise Fürsten? Wen betet ihr an in dieser elenden Hütte? Den eingeborenen Sohn Gottes, den alle Propheten verkündigten. Der seine Geburt durch einen neuen Stern am Himmel kund gibt. Der die stolzen Schriftgelehrten der Synagoge mitten im Licht blendet. Vor dem der Gottlose selbst auf dem Thron erbebt, und der seine Anbeter mit dem Licht und der Wonne himmlischen Trostes erfüllt. Wirkt er aber so als ein neugeborenes Kind: was wird erst geschehen, wenn er im Glanz seiner Majestät zum Weltgericht erscheint? Selig dann jene, die unter dem Schleier des Glaubens ihn anbeteten, und Wehe allen seinen ungläubigen Verächtern. Psalm 49,2: "Hört dies an, ihr Völker alle, vernehmt es, alle Bewohner der Erde."
Du liebes Jesuskind, Du bist in Deinem Leben nie so reich gewesen, als heute, da Du einen königlichen Schatz besitzt. Deswegen komme ich arm und bedürftig zu Dir, und begehre demütig um Gottes Willen ein Almosen. Gib mir etwas von dem Gold Deiner göttlichen Liebe, von dem Weihrauch Deiner Heiligkeit und Andacht und von den Myrrhen der Bitterkeit Deines Leidens, damit ich Dir und Deiner jungfräulichen Mutter ähnlich und würdig werde, an der ewigen Seligkeit einst teilzunehmen. Amen.
Zu den heiligen Drei Königen
Ihr heiligen Drei Könige, Melchior, Kaspar und Balthasar, bittet für mich, auf dass ich bei den Gefahren dieses Lebens dem himmlischen Licht des heiligen Glaubens und der göttlichen Gnade allzeit so bereitwillig folge, damit ich zu Christus Jesus, dem ich in der heiligen Taufe ewige unverbrüchliche Treue geschworen habe, sicher hingelange in der seligen Ewigkeit.
6. Januar - Die heiligen drei Könige
verließen, vom Geist Gottes getrieben, ohne Zögern ihr Vaterland, und machten sich unter Leitung des Sterns auf den Weg, um den neugeborenen König anzubeten, den sie in Jerusalem suchten.
Widerstehe doch nie der Stimme Gottes! Oft ist es eine einzige Einsprechung, deren Befolgung oder Vernachlässigung viele neue Gnaden nach sich zieht, oder auf lange Zeit uns ihrer beraubt. Einem Armen, der das empfangene Almosen treu benützt, wie gerne und reichlich gibt man ihm wieder! Wird es Gott nicht auch so mit uns machen?
Prüfe dich, ob dir nichts einfällt, wodurch dir Gott schon öfters zum Herzen gesprochen hat, z.B. in der Predigt, durch den Beichtvater, bei Lesung eines geistlichen Buches etc. und zwinge dich ab heute doch, dieser inneren Stimme zu folgen, ehe der Herr vielleicht zu deinem größten Verderben schweigt.
Bete darum, keine Einsprechungen Gottes zu vernachlässigen.
Der Stimme Gottes folge treu,
dann bleibst du von jedem Irrweg frei!
Andenken an die seligste Jungfrau
Die herrliche Kirche zu Aachen, die Kaiser Karl der Große zur Ehre der seligsten Jungfrau hatte erbauen lassen, wurde an diesem Tag im Jahr 804 vom Papst Leo III. in Gegenwart des Kaisers und der Vornehmsten des Reiches eingeweiht. Was weiter die göttliche Mutter bei der Anbetung der Drei Könige, und bei Verwandlung des Wassers in der Hochzeit zu Kana für einen Anteil gehabt hat, ist aus dem Evangelium bekannt.
„Als die Heiligen Drei Könige von den Juden unterwiesen wurden, wo ihr König sollte geboren werden, und darauf mit ihrem Gesinde gen Bethlehem zogen und der Stern wieder vor ihnen herging, da kamen sie an die Stätte, wo der Engel den Hirten in der Christnacht erschienen war. Da fanden sie die Hirten, und die Hirten sagten ihnen, wie die Engel Gottes zu ihnen gesprochen hätten in der Christnacht, und von dem Licht, das sie umschien, und wie sie das Kind gesehen hätten. Das hörten die Herren gar gern und behielten auch die Worte wohl, beschenkten auch die Hirten reichlich und ritten fröhlich weiter und kamen gen Bethlehem. Da hielten sie still und legten ihr stattlich Gewand an und bereiteten sich, dass sie Königen gleich sahen. Als sie nun an die Straße kamen, an deren Ende die geringe Hütte lag, da blieb der Stern stehen und ging nicht weiter, sondern senkte sich herab mit solchem Glanz, dass die ganze Hütte, und alle, die darinnen waren, von dem Schein erleuchtet wurden. Dann stieg er wieder in die Höhe, stand unbeweglich und sein strahlender Glanz verblieb in der Hütte.
An dem Tag, da die drei Könige dem Kind das Opfer brachten, da war Jesus ein Kind von dreizehn Tagen und lag in der Krippe in geringe Tücher gewickelt. Maria, seine Mutter, war voll von Gestalt und bräunlich von Angesicht und mit einem blauen schlechten Mantel bekleidet. Die drei Könige aber waren herrlich gekleidet, und Melchior, der König von Nubien und Arabien, der dem Kind Gold opferte, war von Gestalt der kleinste, Balthasar, der König von Saba, der ihm Weihrauch opferte, war der mittelste, und Kaspar, der König von Tharsis, der ihm Myrrhen darbrachte, war der größte von Gestalt und war ein Mohr.
Auch ist zu wissen, dass die drei Könige große Schätze und köstliche Kleider mit sich führten aus ihren Landen, denn alle Gezierde, die der große Alexander nach seinem Tod hinterließ, und was die Königin von Saba dem König Salomo brachte, und alles was König Salomo Gott zu Ehren machen ließ, das war alles den drei Königen anheimgefallen, denn ihre Vorfahren hatten den Tempel zu Jerusalem zerstört, und nun führten es die drei Könige bei sich und meinten, sie wollten es dem neuen König verehren. Als sie aber in das arme Hüttlein kamen, da Jesus lag, da war darin so unaussprechlich große Klarheit, dass sie standen wie in einer Glut, und wussten nicht vor Schrecken woran sie waren. Also griffen sie geschwinde in ihre Säcke, und was ihnen zuerst in die Hände kam, das opferten sie und vergaßen aller Herrlichkeit, die sie mit sich brachten. Melchior opferte dreißig goldene Pfennige und einen goldenen Apfel, wie es ihm in die Hände fiel; Balthasar opferte Weihrauch, Kaspar Myrrhen, und was die liebe Maria zu ihnen sprach, das vergaßen sie allzumal, dass sie nichts behielten, als dass sie sich zu jeglichem König gar demütiglich neigte und sprach: „Gedanket sei Gott“.
Der goldene Apfel, den König Melchior opferte mit den dreißig goldenen Pfennigen, war des großen Königs Alexander gewesen, und er hatte ihn so gefüge machen lassen, dass er ihn mit einer Hand umgreifen konnte. Denn Alexander hatte die ganze Welt bezwungen und hielt sie in seiner Hand, und dessen zur Urkunde hatte er den Apfel machen lassen, weil die Welt rund ist, und meinte, dass er der Welt so gewaltig wäre als des Apfels. Und da der Apfel dem Kind in die Hand gegeben ward, da ward er zu Asche, zum Zeichen, dass alle irdische Gewalt vor Gott eitel ist und in Staub zerfällt.
Als nun die Herrn ihr Opfer löblich vollbracht hatten, da bereitete man die Kost für sie und ihr Gesinde, und als sie gegessen hatten, da legten sie sich nieder mit ihren Dienern und schliefen den Tag und die Nacht, und in der Nacht erschien ihnen der Engel Gottes im Schlaf und warnte sie, dass sie nicht zurück zögen zu Herodes. Das beschlossen sie gemeinsam zu tun, und fuhren einen anderen Weg heim in ihr Land, und auf dem Weg brachten sie zwei Jahre zu, ehe sie nach Hause kamen; auch mussten sie unterwegs in Herbergen einkehren, essen, trinken und schlafen, alles nach menschlicher Weise, denn der Stern schien ihnen nicht mehr. Wo sie aber Nachtruhe hielten, da sagte sie dem Volk des Landes, wie alles ergangen war, und also ward ihre Ausfahrt und Wiederkunft bekannt und offenbar durch alle Lande, dass es nie konnte vergessen noch getilgt werden, obwohl es dem König Herodes und den Juden sehr zuwider war. Und obwohl sie zwei Jahre unterwegs waren, ehe sie die Heimat erreichten, doch gebrach ihnen nichts von alledem, was sie unterwegs bedurften, denn sie hatten große Vorräte mit sich geführt und kamen gesund miteinander zu dem Berg Vaus, wo der Stern zuerst erschienen war.
Als nun die Heiligen Drei Könige alle Dinge wohl bestellt und Land und Leute versorgt hatten, da blieben sie beieinander in der Stadt Stulla, die unter dem Berg Vaus liegt und lebten danach nicht mehr zwei Jahre. Eines Tages, nicht lange vor Weihnachten, erschien über der Stadt ein schöner Stern, der nie zuvor gesehen wurde. Die drei Könige verstanden wohl, dass ihr Ende nahte, und Gott sie zu sich nehmen wollte in das ewige Leben, und ließen ein schönes Grab machen wie sie des wohl würdig waren. Und als sie das Weihnachtsfest schön und löblich begangen hatten, danach auf den achten Tag, da König Melchior Messe gehalten, da starb er und war hundertsechzehn Jahre alt. Da nahmen die zwei andern Könige seinen Leichnam und bestatteten ihn mit großen Ehren zur Erde. Danach am fünften Tag, am Erscheinungsfest des Herrn, als Balthasar der König von Saba Messe gehalten hatte, da starb er am zwölften Tag und war hundertzwölf Jahre alt. Da wurde er von dem überlebenden König neben Melchior in dasselbe Grab bestattet. Sieben Tage nachher starb auch Kaspar, der dritte König, nachdem er Messe gehalten, und war hundertneun Jahre alt. Da wurde auch er von dem Volk mit großen Ehren bestattet, und als er ins Grab gesenkt wurde, da rückten die beiden ersten voneinander und ließen ihren Gesellen zwischen sich liegen. Da sahen alle, die gegenwärtig waren, wie die Herren einander lieb gehabt im Leben, so sollten sie nun auch im Tod nicht geschieden werden. Der Stern aber, der vor ihrem Tod erschienen war, blieb unbeweglich über der Stelle stehen, bis sie hinweggeführt wurden, wie danach gesagt wird.“
Nachdem Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahr 1164 Mailand erobert hatte, übergab er seinem Kanzler, dem Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, die Reliquien der Heiligen Drei Könige. Der Legende gemäß sollen sie zunächst durch die heilige Helena nach Konstantinopel gebracht worden und von dort nach Mailand gelangt sein.
Für diese wurde um 1181 von Nikolaus von Verdun und einheimischen Kölner Goldschmieden ein kostbarer Gold-Email-Schrein geschaffen, über dem wiederum der Kölner Dom als ihre Königskathedrale und zugleich als Wiedergabe des himmlischen Jerusalem sich erheben sollte.
Dargestellt werden sie als Könige mit ihren Geschenken, Gold, Weihrauch und Myrrhe, bei der Anbetung des Kindes; ursprünglich galten sie als Magier, als „Weise aus dem Morgenland“, die sich als Vertreter ihrer heidnischen Religionen dem Christentum unterwarfen. Im 12. Jahrhundert symbolisierten sie die Lebensalter; Kaspar den Greis, Melchior den Mann und Balthasar den Jüngling. Ungefähr ab 1300 wird der Jüngling als Mohr dargestellt. Diese Komposition lässt die Möglichkeit zu, dass diese drei Männer zu Vertretern der damals bekannten Erdteile werden, nämlich Kaspar als Europäer, Melchior als Asiat und Balthasar als Afrikaner.
Sie sind die Patrone der Stadt und des Erzbistums Köln sowie der Wallfahrer und der Reisenden. Spielkartenfabrikanten und Kürschner haben sich unter ihren Schutz gestellt.
Fürbittend werden sie angerufen gegen einen plötzlichen Tod und gegen Epilepsie.
* * *
Es war am Vigiltag vor Erscheinung des Herrn. Eine fromme Klosterfrau, die selige Veronika von Binasko (* 1445 in Binasko bei Mailand; + 13. Januar 1497 zu Mailand; Nonne und Mystikerin; Papst Leo X. erlaubte 1517 die Verehrung von Veronika Negroni von Binasco als Selige), kniete im Kirchlein von St. Martha in Mailand beim heiligen Messopfer. Es währte nicht lange, da wurde sie den Sinnen entrückt. Ein Engel führte sie im Geist gen Osten: ihr Auge sollte das Geheimnis des nahenden Festes schauen . . .
Weite Länderstrecken musste Veronika durchwandern, bis sie in die Heimat der heiligen Dreikönige kam. Sie hörte den Engel des Herrn an drei verschiedenen, weit entlegenen Orten die Freudenbotschaft verkünden, der Heiland der Welt sei geboren. Die Weisen möchten sich aufmachen und ihn anbeten.
Als es Abend geworden war, sah Veronika die drei Weisen an einem Ort beisammen. Sie hörte, wie sie miteinander sprachen. Ein jeder erzählte, was er gesehen und vom Engel gehört habe über die Geburt des neuen, großen Königs. „Wer wird unser Führer sein?“ fragten sie sich. Endlich beschlossen sie, gemeinsam die Reise anzutreten, um den neuen König anzubeten.
Die verzückte Jungfrau sah sodann, wie sie allerlei Vorbereitungen trafen, um mit königlicher Pracht aufzutreten. Sie sah, wie die Könige Dromedare bestiegen, gewaltig große und wild dreinschauende Tiere. Die drei Könige waren von stattlicher Gestalt und trugen golddurchwirkte Gewänder, die bis zu den Knien reichten.
Und sieh, ein Stern, hellleuchtender als die anderen, ging ihnen voran. Die Könige folgten ihm. Da sie aber den Stern erblickten, hatten sie eine übergroße Freude und sprachen: „Das ist das Zeichen des großen Königs!“
Veronika folgte dann unter Führung des Engels den heiligen Dreikönigen, die auf ihren Dromedaren eilig dahinzogen, weithin durch die Lande. Eine große Gefolgschaft von Männern und Tieren mannigfacher Art begleitete die Könige . . .
Unterdessen war der Festtag selbst angebrochen. Es war Zeit zur Heiligen Messe. Veronika begab sich zum Klosterkirchlein. Kaum hatte sie das heiligste Sakrament durch eine Kniebeugung angebetet, als sie wieder in Verzückung fiel.
Sie wurde im Geist nach Jerusalem versetzt. Dort herrschte König Herodes. Die Kunde läuft eben durch die Stadt, drei Könige aus dem Morgenland seien angekommen. Herodes geht ihnen entgegen. Als er aber von den Weisen vernimmt, ein neuer König sei geboren, da bäumt sich sein Stolz und Neid auf. Doch tief im Herzen verbirgt er seine Wut; nach außen bekundet er Freude über die Geburt des neuen Königs. Veronika sieht sodann, wie man sich im Königshof rüstet, wie Tische hergerichtet, Speisen zubereitet werden, um die fremden Könige gebührend zu ehren. Herodes und seine erlauchten Gäste setzen sich zu Tisch und sprechen vieles über den neugeborenen König . . .
Unterdessen hat im Kirchlein die Heilige Messe begonnen. Veronika kommt wieder zu sich, folgt andächtig der Opferhandlung und empfängt gemeinsam mit den Schwestern die heilige Kommunion. Dann fällt sie wieder in Verzückung.
Da sieht sie, wie die drei Weisen von Herodes sich verabschieden: „Geht und forscht sorgfältig nach dem Kind“, hört sie ihn sprechen, „und wenn ihr es gefunden habt, dann meldet es mir, damit auch ich komme, es anzubeten!“ Nach diesen Worten des Königs ziehen sie von dannen.
Als sie auf der Weiterreise waren, hörte Veronika, wie sie sich fragten: „Wohin sollen wir nun gehen? Wir haben den Stern verloren?“
Doch alsbald war der Stern wieder da, den sie im Osten gesehen hatten, und ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stillstand, wo das Kind war.
Als die Weisen den Stern wiedersahen, waren sie voll übergroßer Freude. Schon von fern sahen sie, wie der Stern stillhielt. Da stiegen sie von ihren Reittieren und nahmen ihre Geschenke zur Hand. Ihre Gefolgschaft ließen sie zurück und gingen allein zu dem Ort hin, wo zu ihrer Verwunderung der Stern stillstand.
Unterdessen meldete der Engel des Herrn der Jungfrau und Mutter, dass die Könige angekommen seien, um das Kindlein Jesus anzubeten. Als die heiligen Dreikönige eintraten, erhob sich die Jungfrau und Mutter. Die Könige neigten sich ehrfurchtsvoll vor ihr. Dann setzte sich die Jungfrau und nahm das Jesuskind, das in ein Linnengewand gehüllt war, auf den Schoß. Die Füße des Kindleins waren bloß. In der Nähe standen Josef und ein Diener. Bevor die Weisen zum Kindlein traten, um es anzubeten, machten sie dreimal die Kniebeugung. Vorher unterhandelten sie, wer es zuerst anbeten solle. Da trat der Jüngste vor, küsste die Füße des Kindleins, nahm die Krone vom Haupt und legte sie dem Kindlein zu Füßen. Und das Jesuskindlein segnete ihn. Das alles sah Veronika in der Verzückung.
Als die Dreikönige aus dem Morgenland ihre Anbetung vollendet hatten, brachten sie Gaben dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Josef nahm die Geschenke in Empfang. Der Engel Gottes eröffnete Veronika den tieferen Sinn dieser geheimnisvollen Gaben.
Nachdem die drei Weisen die geheiligte Stätte verlassen hatten, blieben sie nur eine Nacht lang in einer benachbarten Herberge. Veronika sah im Geist den Engel des Herrn, wie er im Schlaf den Königen erschien und sie warnte, zu Herodes zurückzukehren. Sie zogen deshalb auf einem anderen Weg heimwärts.
Veronika wurde hierauf vom Engel Gottes im Geist an den Ort geführt, wo sich Herodes aufhielt. Er und sein ganzer Hofstaat schienen sehr zornig darüber zu sein, dass die Weisen nicht mehr zu ihm zurückgekehrt waren. Er ließ durch Ausrufer allen ankündigen, wer die drei Könige aufspüre und sie ihm vorführe, werde mit reichen Geschenken bedacht werden . . .
In frommem Schauen verbrachte Veronika so den ganzen Tag. Im Chor der Kirche hatten die Schwestern unterdessen bereits den größten Teil der Vesper gesungen, als die verzückte Seherin zu sich kam und ihrer äußeren Sinne wieder mächtig war.
Nach alter, frommer Ansicht kamen die Leiber der heiligen Dreikönige in späteren Jahrhunderten über Konstantinopel nach Mailand. Als Kaiser Friedrich Rotbart diese Stadt eroberte, schenkte er die Dreikönigsreliquien seinem Kanzler Reinold von Dassel. Der brachte sie am 23. Juli 1164 in seine Bischofsstadt Köln am Rhein. Dort ruhen sie seitdem in einem kunstvollen, kostbaren Schrein, überwölbt vom herrlichsten Dom Deutschlands.
1. Wer das rastlose Treiben und die unermüdlichen Anstrengungen der Kinder dieser Welt mit erleuchteten Augen des Glaubens betrachtet, kann sich nicht erwehren, über ihre sonderbare Verblendung zu seufzen. Allen Fleiß und Scharfsinn bieten sie auf, neue Erfindungen und Einrichtungen zu ersinnen, wodurch sie zu Reichtum, Ehre und zu Mitteln gelangen, ihre Begierden zu sättigen. Und als klug und weise rühmen sie diejenigen unter ihnen, denen dies auf vorzügliche Weise gelingt. Indessen dienen alle diese Dinge nur dazu, die Not und die Armseligkeiten dieses Lebens zu lindern, denn sie sind nur Mittel. Sie aber halten sie in ihrer Verblendung für das Ziel selbst, nämlich für die Glückseligkeit des Lebens.
2. Lebten unter den Sterblichen dieser Erde auch solche, die unsterblich wären, sicher würden sie dann zu den ersten sprechen: Ihr kurzsichtigen Toren, wie bemüht ihr euch euer kurzes Leben hindurch um Erfindungen und Verschönerungen, da ihr nur so wenige Jahre euch hier aufhaltet. Überlasst uns diese Dinge, die wir ewig hier bleiben, und seid vielmehr um solche Dinge besorgt, die ihr in das Haus eurer künftigen Ewigkeit mitnehmt. Je mehr ihr von den sogenannten Gütern und Lüsten dieser Erde euch fern haltet, um so leichter auch wird euch der Abschied von dieser Erde werden, wo ihr keine bleibende Stätte habt.
3. "Die wahre Weisheit kommt von oben herab!" Sie ist himmlisch und führt allein zum Himmel. Sie ist nicht auf die verdorbene, sondern auf die erlöste Natur gegründet. Sie allein auch ist erhaben und unwandelbar, wie Gott selbst, von dem sie ausgeht. Sie ist überaus hellsehend, denn sie sieht Gott und die Ewigkeit, und betrachtet alle Dinge dieser Welt als Mittel, die, weise verwendet, zu dem wahren Ziel, zur unendlichen Glückseligkeit führen. Weise wirst du nur dann sein, wenn du diese Weisheit erlernst, die unendlich hoch über der Weisheit dieser Welt steht. 1. Korinther 3,19a: "Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott."
Gebenedeite Jungfrau Maria, gib kund deine Milde der Welt, gib kund deine Gnade, die du bei Gott gefunden hast. Erbitte durch dein heiliges Gebet: Gnade dem Schuldigen, Genesung dem Kranken, Kraft dem Kleinmütigen, Trost dem Betrübten, und Hilfe dem mit Gefahr Bedrohten. Auch mir, deinem Diener, der ich deinen liebsten Namen anrufe, spende durch dich, mildeste Königin, seine Gnade dein Sohn, unser Herr und Gott Jesus Christus, der in Ewigkeit gepriesen sei. Amen.
Zu Gott
O Gott, lass Dir die Fürbitten der heiligen Büßer gefallen, um die wir sie anrufen, und gib, dass wir, obwohl wir nicht ihre leibliche Strenge nachahmen, doch ihren Geist annehmen mögen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zu Gott
Erhebe unsere Herzen zu Dir, o Herr, damit wir in diesem Leben frei zu Dir hinstreben, und in Dir allein die wahre Freudenquelle suchen und finden, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zum heiligen Eduard
Heiliger Eduard, erlange mir die Gnade, dass ich jetzt für meinen Jesus so lebe, damit ich im Tod und am Letzten Gericht seinen Segen erhalte, und dann mit dir Jesus ewig lobe und preise. Amen.
5. Januar - Der heilige Fulgentius,
ein Bischof, lag mit den heftigsten Schmerzen auf seinem Sterbelager. Zwei Monate konnte er überhaupt nicht ruhen oder schlafen, dennoch hörte man keine Klage, nur die Worte: "Herr, gib jetzt Geduld, dann Gnade und Verzeihung!"
Klage auch du nicht so viel bei den Menschen, wenn dich Leiden und Bedrängnisse drücken, oder Gott durch Krankheit und Schmerzen dich heimsucht, oder wenn bittere Worte dir schwer fallen. Bete innerlich zu Gott, ergib dich ganz in seinen heiligen Willen. - Ein Kreuz besteht aus zwei Querbalken, wenn man sie aber nebeneinander legt, hört das Kreuz auf zu sein.
Prüfe dich, ob du nicht vielleicht selbst das Kreuz erschwerst, indem du deinen Willen dem göttlichen nicht fügen willst? - Gottes Wille und unser Wille müssen, wie die zwei Querbalken, nebeneinander liegen, also eins sein. - Sie es dir an: Die Heiligen freuen sich im Kreuz, verlangten sogar danach, so süß und leicht war es ihnen durch Gebet und Geduld.
Bete um die Gnade im Leiden mehr zu beten, als viel zu klagen.
Geduld hält fern das Klagen,
Will Leiden ruhig tragen.
Andenken an die seligste Jungfrau
An diesem Tag, wie Cäsarius und andere Schriftsteller berichten, ist durch die Fürbitte Mariä einem Priester die Zunge, die ihm die Albigensischen Ketzer herausgeschnitten hatten, wieder hergestellt worden.
„* im späten 4. Jahrhundert (389/390?) in Sis, an der Grenze zwischen Syrien und Kilikien, + 25.7. (oder 2.9.) 459. Als Sohn christlicher, begüterter Landleute hütete er die Herden der Eltern, wählte dann, durch die Bergpredigt mit den Seligpreisungen bewogen, den Mönchsstand, zunächst bei Asketen der Nachbarschaft, nach 2 Jahren im Eusebona-Kloster bei Tell´eda, begab sich 412 nach Telneschin. Dort ließ er sich für die Dauer der Fastenzeit einmauern, so im Ganzen 28-mal, ohne die geringste Nahrung. Drei Jahre später ließ er sich an einen benachbarten Felsen anschmieden. Seine Heiligkeit zog viel Volk an; es wollte ihn berühren und Stückchen seines ledernen Gewandes mitnehmen. Um dem zu entgehen, bezog er um 422 eine Säule, zuerst nur 3 m, zuletzt 20 m in der Höhe, jedem Wetter ausgesetzt; er wurde so der Begründer des Stylitentums. Auf ihr stand er die letzten 30 Jahre aufrecht, nur zum Gebet sich verneigend; an hohen Festtagen hielt er während der ganzen Nacht die Arme zum Himmel erhoben; 2 mal des Tages predigte er den Umstehenden und befasste sich anschließend mit den Nöten und Sorgen der einzelnen, in rührender Demut und Liebenswürdigkeit sich jedem widmend. Ein „Meer von Menschen“ strömte von überall her zu dem weltberühmten Styliten, alle kehrten mit reichem seelischen Nutzen zurück. Die Araber kamen zu Tausenden, um ihren Götzen abzuschwören. Auch Große der Welt und der Kirche holten seinen Rat ein. – Seine Gebeine wurden in Antiochien bestattet. Um die hochverehrte Säule erhob sich bereits Ende des 5. Jahrhunderts eine prächtige Kathedrale, Kalat Siman genannt (Simeonskastell oder -felsen). Fest 5. Januar im Abendland, 1. September in den Ostkirchen. Konnte auch Simeon wahrscheinlich nicht schreiben, dürften doch einige der unter seinem Namen gehenden Schriften echt sein.“
* * * * * * *
Aus: Leben der Väter und Märtyrer, von Alban Butler, 1. Band, Mainz 1823, ab S. 100:
„Der heil. Simeon, der Stylite.
Jahr 459.
Wegen seines außerordentlichen Lebens wurde der heil Simeon, nicht nur in dem ganzen römischen Reich, sondern selbst bei mehreren ungebildeten und ungläubigen Nationen, als eine Wundererscheinung angesehen. Die Perser, Meder, Araber, Äthiopier, Iberier und Scythen hegten die tiefste Ehrfurcht gegen ihn. Man sah Perserkönige, die es sich zur größten Ehre rechneten, seines Segens teilhaftig zu werden, während die römischen Kaiser ihn um seine Fürbitte bei Gott anflehten, und in den wichtigsten Angelegenheiten um Rat fragten. Allein wir dürfen eine hier notwendige Bemerkung nicht außer Acht lassen. – Seine wundervolle Lebensweise, die so sehr geeignet war, unserem Heiligen die Verehrung aller Menschen zu erwerben, wird für uns mehr ein Gegenstand der Bewunderung als Nachahmung, ohne jedoch aufzuhören, unserer Erbauung und unserem Fortschreiten im geistlichen Leben förderlich zu sein. Und wie wäre es wohl möglich, ernstlich über das mächtige Streben nach Vollkommenheit von Seiten dieses heiligen Mannes nachzudenken, ohne selbst unsere Feigheit zu verdammen, und von Scham wegen unserer Lauigkeit im Dienst Gottes erfüllt zu werden!
Der h. Simeon war der Sohn eines armen Schäfers, geboren zu Sisan, einer kleinen Burg auf den Grenzen von Cilizien und Syrien. Seine erste Beschäftigung war die Herden zu weiden. Da er aber als Kind von dreizehn Jahren in der Kirche die Stelle des Evangeliums vorlesen hörte, wo von den acht Seligkeiten geredet wird, war er besonders durch jene Worte: selig diejenigen, die das weinen; selig diejenigen, die eines reinen Herzens sind, mächtig ergriffen. Er wandte sich deshalb an einen verständigen Greis, um von ihm darüber völlige Aufklärung zu erhalten, und die Mittel zu erfahren, die ihm diese versprochene Glückseligkeit verschaffen könnten. Der Mann antworte ihm, diese Worte der Schrift bedeuteten nichts anderes, als dass Beten, Wachen, Fasten, Weinen, Erduldung der Schmach und Verfolgungen der Weg seien, der zur wahren Glückseligkeit führe. Er fügte noch bei, in der stillen Zurückgezogenheit sei es leichter als anderswo, diese guten Werke zu üben, und sich in der Tugend fester zu begründen.
Simeon ging, erfüllt von dem, was er soeben gehört hatte, beiseite, warf sich vor Gott nieder, und bat ihn sein Führer zu sein auf den Bahnen der Heiligkeit und Vollkommenheit. Einen Augenblick nachher überfiel ihn ein sanfter Schlummer, in dem er eine Erscheinung hatte, die er so zu erzählen pflegte: „Es schien mir, ich grabe Fundamente, und einer sage mir, ich solle noch tiefer hinunter graben. Als ich ausruhen wollte, befahl er mir unablässig fortzugraben, was zu vier wiederholten Malen geschah. Endlich sagte er mir, die Fundamente seien tief genug, und ich könne ohne Besorgnis ein so hohes und großes Gebäude, als ich wolle, aufführen.“ Die Vorhersagung wurde auch wirklich, bemerkte Theodoret, durch die Tat bewahrheitet, und nur die tiefste Demut, und die glühendste Liebe konnten das Gebäude tragen, das dieser bewunderungswürdige Mann, dessen Handlungen so weit über die Kräfte der Natur erhaben waren, aufführte.
Sobald Simeon erwachte, eilte er dem Tor eines nahen Klosters zu, das unter der Leitung des heil. Abtes Timotheus stand, wo er mehrere Tage ohne zu essen und zu trinken auf der Erde hingestreckt liegenblieb, und keine andere Gnade begehrte, als in der Eigenschaft eines Dieners, der zu den niedrigsten Verrichtungen des Hauses bestimmt sei, aufgenommen zu werden. Als er endlich unter die Zahl der zu Prüfenden aufgenommen worden war, fing er an, den Psalter auswendig zu lernen, was man zuerst von den Novizen forderte. Er konnte dieses göttliche Buch, in dem er so viele Nahrung für seine mächtig himmelanstrebende Seele fand, nicht mehr verlassen, unterzog sich, seiner zarten Jugend ungeachtet, den durch die Regeln vorgeschriebenen strengen Bußübungen, und hatte bald alle Brüder gewonnen, die vorzüglich seine Liebe und Demut bewunderten.
Nachdem er zwei Jahre in diesem Kloster zugebracht hatte, verließ er es, um sich in ein anderes zu begeben, wo man ein noch strengeres Leben führte, und dem der Abt Heliodor vorstand. Dieser Heliodor war ein ehrwürdiger Greis, der seit zweiundsechzig Jahren in der Einsamkeit lebte, und in einem unaussprechlich hohen Grad den Geist des Gebetes besaß. Seine Seele lebte nur in Gott, und war so der Welt abgestorben, dass er, nach Theodorets Erzählung, der ihn genau gekannt hatte, von allem, was um ihn vorging, sogar von den gemeinsten Dingen, nichts wusste. Unter einem solchen Lehrer machte Simeon in kurzer Zeit die schnellsten Fortschritte. Auch war er bald ein Muster des ganzen Hauses durch pünktliche Beobachtung der Regel. Sein Hunger nach Buße war unersättlich, und wo seine Brüder nur alle zwei Tage Speise nahmen, aß er in der Woche nur ein Mal. Auf gleiche Weise erhöhte er noch alle anderen Bußübungen des Klosters, so dass seine Vorsteher ihm Schranken setzen mussten. Das Ansehen, das die frommen Exzesse seines Eifers zähmte, war zu ehrwürdig, als dass er sich ihm nicht hätte gänzlich unterwerfen sollen. Er gehorchte daher, begehrte aber und erhielt die Freiheit, geheimen Abtötungen sich zu unterziehen. Gott allein kennt die Strenge, mit der er gegen sich selbst verfuhr, und durch die er seinen Leib in des Geistes Dienstbarkeit brachte. Eines Tages kam er auf den Gedanken, das Brunnenseil, das aus zusammengedrehten Palmblättern gebunden und folglich sehr rau war, könnte für ihn ein Werkzeug der Buße werden; er umgürtete sich sogleich damit die bloßen Lenden, und dies ohne Wissen des Vorstehers der Gemeinde. – Allein durch die Länge der Zeit schnitt das fest gebundene Seil in das Fleisch, und verursachte ein Geschwür, dessen übler Geruch endlich Simeons Geheimnis verriet. Drei Tage lang nässte man seine von eiterndem Blut festklebenden Kleider, ehe man sie ihm ausziehen konnte. Die Ärzte mussten sogar noch tiefe Einschnitte machen, um das Seil aus dem Fleisch zu ziehen, das dem Heiligen so große Schmerzen verursachte, dass er einige Zeit wie tot dalag. Sobald er aber wieder hergestellt war, entließ ihn der Abt, aus Furcht, eine solche Sonderbarkeit dürfte auf die notwendige Gleichheit der klösterlichen Zucht einen schädlichen Einfluss haben.
Der Diener Gottes zog sich daher in eine Einsiedelei, am Fuß des Berges Telanissa, zurück. Da fasste er den Entschluss, die ganze Fastenzeit ohne irgendeine Speise zuzubringen, um Jesus vollkommen in seinem vierzigtägigen Fasten nachzuahmen. Diesen erstaunlichen Entschluss eröffnete er seinem Gewissensrat, einem tugendhaften Priester, Bassus genannt, unter dessen Leitung zweihundert Mönche standen. Da dieser fürchtete, solcher Heldenmut möchte eher aus dem Trieb seines glühenden Eifers, als aus genauer Prüfung seiner Kräfte herrühren, ließ er ihm zehn Brote und ein Krug Wasser zurück, um der Natur, im Falle sie unterliegen sollte, aufzuhelfen. Nach Verlauf der vierzig Tage kam Bassus zurück, fand die Brote und das Wasser unberührt, sah aber Simeon, beinahe ohne Lebenszeichen, ausgestreckt auf der Erde liegen. Sogleich befeuchtete er dessen Lippen mit einem Schwamm, und erteilte ihm die heilige Eucharistie. Simeon stand, gestärkt durch diese himmlische Speise, auf und aß einige Lattichblätter. Auf diese Weise brachte er in der Folge alle Fasten zu. Er war sechsundzwanzig Jahre alt, als Theodoret seinen Bericht niederschrieb. Von diesem Schriftsteller erfahren wir, wie er in dieser heiligen Zeit lebte. Im Anfang der Fasten betete er aufrechtstehend; wenn sein zu sehr geschwächter Körper sich nicht mehr halten konnte, betete er sitzend; endlich legte er sich auf die Erde nieder, wenn gänzliche Kraftlosigkeit ihm jede andere Stellung unmöglich machte. Auf einer Säule band er sich an einen Balken, um sich aufrecht zu erhalten; allein in der Folge bedurfte er dieser Stütze nicht mehr. Es ist wahrscheinlich, dass er in seinen letzten Lebensjahren von diesem strengen Fasten etwas nachließ. Es gibt Menschen, die in dieser Enthaltung von allen Speisen nichts Übernatürliches finden wollen, und sie einem starken Körperbau, dem allmähliche und stufenweise Angewöhnung zu Hilfe komme, zuschreiben.
Diesem sei nun, wie da wolle, unser Heiliger verließ seine Einsiedelei nach Verlauf von drei Jahren, und bestieg den Gipfel des Berges, um da seinen Aufenthalt zu wählen. Er verschloss sich, da zwischen ein von bloßen Steinen ohne Speiß errichtetes, dachloses Gemäuer, das ihn nicht gegen Regengüsse und brennende Sonnenhitze verwahren konnte. Und um dem Entschluss, den er gefasst hatte, an diesem Ort zu bleiben, unveränderlichen Bestand zu geben, ließ er eine große eiserne Kette machen, und ein Ende derselben an seinen Fuß, das andere an einen dicken Stein befestigen. Meletius, Chorbischof von Antiochia, der ihn in diesem Zustand sah, stellte ihm vor, es sei unnütz, seinen Leib anzuketten, weil der gute Wille, durch die Gnade unterstützt, genüge, ihn in diesem Gemäuer festzuhalten. Simeon ließ, ohne im Geringsten zu widersprechen, einen Schlosser rufen, der die Kette durchfeilte. Durch den Glanz seiner Tugenden wurde bald der Berg berühmt, und unzählige Menschen, sogar aus den entferntesten Ländern, strömten dahin zusammen. Die Heiden beeiferten sich, wie die Christen, des Heiligen Segen, der Heilkraft hatte, zu empfangen. Mehrere reisten dann erst vergnügt hinweg, nachdem ihnen vergönnt worden ist, ihn zu berühren.
Simeon ersann, um sich den Zerstreuungen, die ihn in seiner Einsamkeit störten, zu entreißen, eine Lebensweise, von der man bis dahin noch kein Beispiel gesehen hatte. Im Jahr 423 ließ er eine sechs Ellenbogen hohe Säule errichten, auf der er vier Jahre lang lebte. In der Folge ließ er eine andere zwölf Ellenbogen, und zuletzt eine dritte, zwei und zwanzig Ellenbogen hohe errichten. Dreizehn Jahre brachte er bald auf der einen, bald auf der anderen Säule zu. Die zweiundzwanzig letzten Jahre seines Lebens verlebte er auf einer vierten Säule, die vierzig Ellenbogen hoch war (Dadurch erhielt der Heilige den Beinamen, der Stylite – Säulensteher). Die Spitze dieser Säule, die mit einem Geländer umgeben war, hatte nur drei Fuß im Durchmesser, weshalb der Heilige weder liegen, noch sitzen konnte. Er lehnte sich, wenn er der Ruhe bedurfte, an das Geländer; öfter auch lehnte er sich in dem Gebet. In seinen glühenden Herzensergüssen sah man ihn öfters mehrere Stunden mit gegen Himmel gehobenen Augen in Gott versenkt. Zwei Mal des Tages hielt er an diejenigen, die ihn besuchten, Ermahnungen; dies war aber nur Männern gestattet, da die Frauen in den Umkreis seiner Säule nicht eingelassen wurden. Diesem Verbot musste sogar seine eigene Mutter, die gekommen war, ihn zu sehen, sich unterwerfen. Nachdem er aber ihren Tod erfahren hatte, betete er inbrünstig für das Heil ihrer Seele. Seine Reden betrafen gewöhnlich die Schwüre, die Beobachtung der Gerechtigkeitspflichten, das Laster des Wuchers, die Besuchung der Kirchen, und die Notwendigkeit, nicht nur für sich, sondern auch für alle Menschen im Allgemeinen zu beten. Jedes seiner Worte hatte eine unaussprechliche Salbung und eine unwiderstehliche Kraft. Er verfehlte auch selten bei der Überzeugung des Verstandes die Rührung des Herzens. Man konnte ihn nicht hören, ohne von Liebe zur Tugend und von Abscheu gegen das Laster erfüllt zu werden.
Eine so sonderbare Lebensweise konnte jedoch dem öffentlichen Tadel nicht entgehen. Eitelkeit, oder wenigstens Überspannung sollte, wie viele meinten, ihn dazu bewogen haben. Die Bischöfe und Äbte der Umgegend glaubten aber, sich zuerst von den inneren Gesinnungen des Heiligen überzeugen zu müssen, bevor sie über ihn aburteilen könnten. Sie kamen daher überein, jemanden an ihn zu senden mit dem Befehl, von der Säule herabzusteigen, und auf den gewöhnlichen Weg der anderen Diener Gottes zurückkehren. Kaum ward Simeon des Befehles kundig, als er sogleich, ohne die geringste Widerrede, sich anschickte hinabzusteigen. Der Abgeordnete begnügte sich aber, der empfangenen Weisungen gemäß, mit seinem Gehorsam, und sagte ihm: „Bleibe nur; dein bereitwilliger Gehorsam beweist die Reinheit der Beweggründe, aus denen du handelst: fahre fort dem Willen Gottes zu folgen, und treu deinem Beruf zu entsprechen.“
Simeon, mehr als jemals überzeugt, dass er auf der ihm von der Vorsehung gezeichneten Bahn wandle, beharrte auf seiner Lebensweise. Man fuhr fort, ihn zu den Stunden, in denen er sich mitteilte, zu besuchen, und die Kraft seiner Predigten, verbunden mit dem Glanz seiner Tugenden, bekehrten eine große Anzahl Perser, Armenier, Iberier, und das ganze Volk der Lazen, die aus Colchis, ihn zu hören, gekommen waren. Die Fürsten und Fürstinnen von Arabien pilgerten zu ihm, seinen Segen zu empfangen. Vararanes V., König der Perser, konnte ihm seine Verehrung nicht versagen, obgleich er ein erklärter Feind und Verfolger der Christen war. Die römischen Kaiser Theodosius der Junge und Leo fragten ihn oft um Rat, und empfahlen sich in seine Gebete. Der Kaiser Marcian verkleidete sich als Privatmann, um sich leichter das Vergnügen zu verschaffen, ihn zu sehen und zu hören. Auf seine Mahnungen schwor die Kaiserin Eudoxia einige Zeit vor ihrem Tod die Irrlehre des Eutyches ab.
So viele Ehrenbezeigungen, verbunden mit der Gabe der Wunder und der Weissagung, würden eine gewöhnliche Seele der leisesten, aber zugleich auch gefährlichsten Versuchung der Eitelkeit, der sie vielleicht auch unterlegen wäre, ausgesetzt haben. Allein Simeon war zu fest gegründet in der Demut, um auf sich die Ehren zu beziehen, die er von Seiten der Menschen empfing. Überzeugt, dass man die Zukunft vorhersagen und Wunder wirken könne, ohne deswegen ein Heiliger zu sein, sah er sich als den geringsten der Menschen und den größten der Sünder an. Seine Geduld war aber nicht minder bewunderungswürdig als seine Demut. Nebst dem, dass er mit Freude alle Leiden, Verspottungen und Schmähungen ertrug, hatte er es sich auch zum unumstößlichen Gesetz gemacht, nie davon zu reden. Lange Zeit verbarg er eine schauderhafte Wunde, die er am Fuß hatte, und als man sie entdeckte, wollte er nicht zugeben, dass man sie reinigte und verband, obgleich eine Menge Würmer herausfiel. Was hätten wir nicht noch zu sagen über seine Sanftmut und Liebe gegen alle, die ihn besuchten, über seine glühende Inbrunst für Gott, über seine gänzliche Lostrennung von allem Irdischen, über seinen Gebetseifer, und über alle anderen Tugenden, die er bis zur höchsten Stufe der Vollkommenheit brachte.
Es wird erzählt, dass ihm Domnus, Patriarch von Antiochia, der ihn besuchte, die heilige Kommunion auf der Säule erteilt habe; ohne Zweifel empfing er auch öfters von anderen Priestern dieses erhabene Sakrament. Endlich fühlte dieser bewunderungswürdige Büßer sein Ende herannahen. Er beugte sich nieder, um sein gewohntes Gebet zu verrichten, erhob sich aber nicht mehr, weil er sanft im Herrn entschlafen war. Erst nach drei Tagen bemerkte man, dass er tot sei. Es war, nach Cosmas, an einem Mittwoch, den 2. September 459, als dieser Diener Gottes in seinem neunundsechzigsten Lebensjahr in die bessere Welt hinüberging. Den folgenden Freitag brachte man seinen Leichnam nach Antiochia. Die Einwohner der ganzen Gegend und mehrere Bischöfe wohnten dem Leichenzug bei, und die Überzeugung, die man von der Heiligkeit des Verstorbenen hegte, wurde durch Wunder, die Gott bei dieser Gelegenheit wirkte, noch befestigt. Man beging seither sein Fest im ganzen Morgenland mit großer Feierlichkeit. (Majelli, römischer Prälat, erzählt in seiner Abhandlung über die Styliten, die Säule des heiligen Simeon sei oben mit einer Art Geländer umgeben gewesen, und beweist, dass nach dem heiligen Simeon bis zur Gründung des Sarazenischen und Türkischen Reiches, im Morgenland allzeit Styliten waren. Im Abendland konnte diese Lebensart wegen der rauen Witterung keine Nachahmer finden. Dennoch redet der heilige Gregor von Tours, in seinem 8. Buch, K. 15, von einem gewissen Vulfilaicus, der einige Zeit in der Nähe von Trier auf einer Säule lebte. Er war aus der Lombardei und ein Schüler des heiligen Abtes Aredius im Limousin. Er forderte das Volk der benachbarten Dorfschaften auf, dem Götzendienst zu entsagen, und die große Bildsäule der Ardennischen Diana, die seit der Regierung des Domitian verehrt wurde, niederzureißen. Sein Bischof befahl ihm, eine für diesen kalten Himmelsstrich zu harte Lebensart zu verlassen. Er gehorchte auf der Stelle, und zog sich in ein Kloster zurück. Es scheint, Vulfilaicus war der einzige Stylit des Abendlandes gewesen.)
Die außerordentlichen Wege, auf denen der heilige Simeon wandelte, zeugen von einem Mann, der in gänzlicher Lostrennung von den Geschöpfen Leben wollte, um sich einzig Gott anzuschließen. Nicht Liebe zum Sonderbaren hatte auch nur den geringsten Einfluss auf sein Betragen. Sein einziges Augenmerk war die Erfüllung des göttlichen Willens: daher diese Bereitwilligkeit seine Säule zu verlassen, sobald man ihm den Befehl seiner Obern bekannt machte. In seiner ungeheuchelten Demut sah er sich als einen Sträfling an, der gerechter Weise aus der menschlichen Gesellschaft verbannt, und dessen Leben ganz in Jesus verborgen sein sollte. Wehe demjenigen, der in der Absicht, groß vor den Augen der Welt zu erscheinen, nach der Tugend trachtete! Die christliche Vollkommenheit soll den Geist der Demut und die Liebe der Verachtung zur Grundlage haben. Wehe daher auch jenen Seelen, die durch einen verfeinerten Stolz in der Heiligkeit nur einen erhabenen und angesehenen Stand suchten! Man muss nach der Heiligkeit streben, weil uns Gott dazu beruft, und weil wir uns durch ein immer regeres Streben danach in seinen Augen angenehm und wohlgefällig machen. Nach diesen hohen Lehren richtete der heilige Simeon sein ganzes Betragen. Es ist wahr, er tat manches, was kein Gegenstand unserer Nachahmung sein könnte: allein können wir nicht, wie er, die Armut, Schmach, Kreuz und Leiden lieben? Ist es nicht auch für uns heilige Pflicht, Jesus Christus gleichförmig zu werden? Haben wir denn vergessen, dass diese Gleichförmigkeit mit unserm göttlichen Meister und unumgänglich notwendig ist, wenn wir des Verdienstes der Erlösung teilhaftig werden wollen? Hüten wir uns vor jenem geheimen Stolz, der unter eitlen Vorwänden uns verleiten wollte, glanzvolle Handlungen jenen vorzuziehen, deren Verdienst allein von Gott gekannt ist. Nie werden wir unserm Beruf entsprechen, wofern wir es nicht als eine der ersten und notwendigsten Pflichten ansehen, unser Kreuz auf uns zu nehmen und Jesus nachzufolgen. Ein, wenigstens dem Geiste nach, verborgenes Leben zu führen, unaufhörlich gegen unsere eigene Gebrechlichkeit misstrauisch zu sein, uns zu verdemütigen, und unser eigenes Nichts beim Anblick des unabsehbaren Abgrundes unserer Schwäche und Armseligkeit zu erkennen.
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Charles Lamb
Der heilige Simeon Stylites
(Dichter schreiben über Heilige, St. Benno-Verlag, Leipzig, 1963)
Der heilige Simeon war eine besondere Persönlichkeit, daran gibt es keinen Zweifel. Dreißig Jahre lang auf der Spitze einer Säule zu leben kennzeichnet einen Mann in der Geschichte, ganz gleich, ob er zufällig ein Heiliger ist oder nicht. Und so war der heilige Simeon mein Liebling, lange bevor ich Katholik wurde, lange auch, ehe ich wusste, dass er ein Heiliger war. Ich erinnere mich an einen Einakter in der Schule, in dem dieser geheimnisvolle Mann als Held auftrat. Ob es ein Lustspiel war oder nicht, habe ich nicht in der Erinnerung, aber wahrscheinlich ist es eins gewesen, da es sich um ein Schulstück handelte. Wie dem auch sei, es war meine erste Begegnung mit dem heiligen Simeon und mit der Tatsache, dass es in der Vergangenheit einige Menschen gab, die auf Säulen standen und jahrelang nichts taten. Aber dies alles liegt lange zurück: Diese Zeiten hüllten sich für mich in Nebel, und Simeon wurde für mich eine Gestalt aus der fernen, dunklen Vergangenheit, wie Alkestis, Orest, Hektor, der trojanische Krieg, Venus, Helena von Troja, Brutus und Cassius, und eine solche blieb er lange Zeit. Aber von Anfang an gab es einen kleinen Unterschied zwischen dieser besonderen Persönlichkeit und den wirklichen oder mythischen Helden des klassischen Altertums, die während des ganzen Winterhalbjahres jeden Dienstagnachmittag um vier Uhr vor einer vorgetäuschten Felsklippe auf den wackligen Brettern einer Schulbühne, in Schals oder nachgemachten Togen gehüllt, auftraten. Denn während alle diese berühmten Gestalten Männer der Tat waren, die große Dinge vollbrachten und für diese litten, schien Simeon durch absolutes Nichtstun berühmt geworden zu sein – wenn er überhaupt berühmt war, ich hatte nie zuvor etwas von ihm gehört. Er hatte nichts getan und erhielt dafür sozusagen doch seinen Lohn – und das machte Eindruck auf mich, denn ich hielt ihn für sehr schlau. In jener Zeit war ich von Natur aus faul – oder besser gesagt: ich war ein Junge -, und meine Vorstellung vom guten Leben waren ewige Ferien mit einem gelegentlichen Cricketspiel, um die Eintönigkeit aufzuheben, und ich dachte, der alte Simeon habe sich eine leichte Aufgabe gewählt, die ich in meinem späteren Leben nach besten Kräften nachahmen wollte.
Er war auch eine romantische Figur, denn die Einzelheiten seines Lebens waren in Geheimnis gehüllt. Es gab nur die eine nackte Tatsache, die Säule. Aber eine Menge listiger Fragen erhoben sich: Wie mag er dort gelebt haben? Wie bekam er zum Beispiel seine Nahrung? Wurde sie ihm in regelmäßigen Zeitabständen in einem Korb hinaufgeschickt, oder verließ er sich auf die Gutmütigkeit eines zufällig Vorbeikommenden? Eins schien sicher – er ist dafür nicht heruntergekommen. Es gibt jenen Ausspruch von Mohammed und dem Berg, und es scheint, in diesem Fall musste der Berg schließlich zu Mohammed gehen. Und es gibt auch jenen anderen, geheimnisvollen Ausspruch vom Glauben, der Berge versetzt, und es schien nicht die Grenzen des Möglichen zu überschreiten, dass dieser wunderbare alte Mann – ich stellte ihn mir wirklich alt und natürlich mit einem Bart vor – auf wunderbare Weise von Vögeln oder Engeln genährt wurde. Natürlich bestand auch jene einfachere Möglichkeit, dass er auf seiner Säule ganz ohne Nahrung lebte; aber diese Lösung schien mir zu prosaisch, um wahr zu sein.
Dann tauchte eine weitere Frage auf: Wie schlief er? War Simeon, von der Nacht ganz abgesehen, oft in Gefahr herunterzufallen? Aus irgendeinem Grund – heute glaube ich, wegen der Ähnlichkeit des Klanges von „Stylites“ und „Stelze“ – war ich geneigt, mir den alten Mann als eine Art Balancekünstler auf der Spitze einer wackligen Holzkonstruktion vorzustellen, als eine Art Varietékünstler. Als ich dahinterkam, dass die Säule ja aus Stein war, stellte ich sie mir sehr schlank vor, und Simeon saß nicht, sondern hockte auf ihrer Spitze. Ich vermochte mir beim besten Willen nicht vorzustellen, wie er auch nur eine ruhige Nacht dort oben verbringen konnte. Natürlich war er, da er den ganzen Tag über nichts tat, auch nicht sehr müde; aber vermutlich wird er trotzdem in jeder Nacht das Bedürfnis nach ein paar Stunden Schlaf gehabt haben, aber wie kam er zum Schlafen?
Die entscheidende und grundlegende, aber auch die listigste Frage war die: Was hat er mit seiner Zeit angefangen? Was konnte er den ganzen Tag über tun? Er hatte das Problem gelöst, wie man ohne Arbeit lebt, und deshalb bewunderte ich ihn ungeheuer; aber diese Lösung schien selbst der Einsicht meines jugendlichen Alters doch reichlich negativ – eine Existenz, die sich im Nichtstun erschöpfte . . . Gewiss, meine Vorstellung vom guten Leben schloss die Arbeit völlig aus; aber dadurch sollte sozusagen nur der Boden frei gemacht, Platz für endlose Spiele und Vergnügungen geschaffen werden; und die Zahl der Spiele, die auf der Spitze einer Säule möglich waren, dünkte mir doch sehr begrenzt zu sein, auch wenn, wie es nach dem Theaterstück wahrscheinlich zu sein schien, auf einer anderen Säule ein Nachbar hockte, nicht zu weit entfernt für ein nachbarliches Gespräch. Das Problem blieb: Was machte Simeon den ganzen Tag über?
Diese Frage, so kindlich sie auch war und so kindlich sie klingt, war nichtsdestoweniger die grundlegende Frage, die sich in Bezug auf diesen alten Mann, der dort oben saß, erhob. „Warum sollte der alte Adler seine Flügel ausbreiten?“ war eine spätere Frage, die Frage des Desillusionierten, des „Aufgeklärten“, die Frage all jener, die ein bestimmtes Alter erreicht haben und keinen Grund einsehen können, noch weiter vorwärts zuschreiten. Damals stellte sich mir diese Frage noch nicht. Für mich, faul wie ich war, bestand das Leben nur aus angenehmer Beschäftigung. Simeon blieb für mich eine Personifikation rühmlicher Nichtigkeit.
Und doch war mir klar, dass er, obwohl untätig, keineswegs vollkommen nutzlos war. Offensichtlich, jedenfalls nach dem Einakter zu urteilen, kamen oft Menschen zu ihm, manchmal sogar in Scharen. Das schien mir durchaus verständlich. Ich besuchte die Schule in den dreißiger Jahren, im „Sportjahrzehnt“, in dem täglich Rekorde gebrochen wurden. Da war zum Beispiel Malcolm Campbell, der in seinem „Bluebird“ auf irgendeiner Sandstrecke einen neuen Rekord aufstellte, irgendwo im fernen Kalifornien. Es mag auch in Daytona gewesen sein. Da gab es Non-stop-Tänze und -Klavierspiele, zu denen sich die Paare in irgendeinem Tanzsaal in Blackpool so lange drehten, bis sie entweder aufgaben oder erschöpft zusammenbrachen. Und wiederum in Blackpool gab es einen modernen Fakir, den Diener irgendeiner Religion, vermute ich, der in einer Tonne lebte oder in einer Tonne irgendetwas verrichtete und an dem die Polizei stark interessiert zu sein schien. Dann kam in den dreißiger Jahren Gandhi – mit Leinentuch und Brille -, der Mann, der phänomenale Zeit hindurch hungerte und immer am Ende sein Ziel zu erreichen schien. Der religiöse Inder Gandhi, der christliche Fakirpriester, die sportlichen und tanzenden Rekordbrecher, alle schienen sie etwas mit der mythischen Gestalt des alten Simeon auf seiner Säule gemeinsam zu haben, irgendetwas, was diesem Menschentyp wesentlich erscheint, der weiter kommen will als jeder andere, der in irgendeiner verrückten Richtung glänzt und in die Zeitungen kommen will. Simeon hatte Erfolg gehabt, wie Gandhi Erfolg hatte. Aber war ein solcher Erfolg es wirklich wert?
Ich zerbrach mir nie besonders den Kopf darüber, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Mir genügte es, den alten Simeon richtig eingeordnet zu haben. Ich hatte auch Diogenes gehört, und mir schien, dass zu allen Zeiten und überall gewisse Leute etwas Besonderes getan und dafür Beifall geerntet hatten.
Dann vergaß ich den heiligen Simeon für lange Zeit. Ich kam in eine zivilisierte Welt, aus der echte Sonderlinge verbannt waren, in der nur die verlogenen Käuze, jene, welche die Spielregeln kennen und wenn sie sie brechen, genau wissen, wie man sie comme il faut bricht, mit offenen Armen aufgenommen werden. Simeon rückte in weite Ferne. Schließlich hatte er vor sehr langer Zeit gelebt und obendrein im fernen Zilizien. Inzwischen hatten sich die Zeiten geändert. Wir waren nicht mehr so ungebildet. Diese haarigen Männer der Vergangenheit, immer mit Bärten, immer grotesk in ihrer voluminösen Bekleidung (da gab es zum Beispiel in der Manchester Art Gallery ein präraffaelitisches Bild von Moses, der aufrecht gehalten wird, um aus der Ferne einen Blick auf das Gelobte Land zu werfen) oder geschmacklos unterbekleidet mit ihren Lendentüchern und kaum mehr – sie standen uns alle so fern! Im Gegensatz zu ihnen kleideten wir uns geschmackvoll, gebrauchten täglich unsere Gilette-Klingen, badeten, lebten in zivilisierten Häusern und nicht in Zelten, gingen ins Kino. Simeon wurde fast prähistorisch. Wir wären nicht überrascht gewesen, wenn wir erfahren hätten, dass er auf einem Dino-Saurier oder Pterodaktylus zu seiner Säule geritten sei.
Aber dann änderten sich die Zeiten wieder, die zivilisierte Welt bereitete sich auf den Krieg vor, sie zog in den Krieg. Der Samthandschuh wurde beiseite gelegt, die Eisenfaust erschien. Und wenn man von einer Welt, die mitten im Krieg steht, umgeben ist, beginnt Simeons rühmliche Nichtigkeit einem weniger nichtig zu erscheinen, dafür aber um so rühmlicher. Voll Freude entdeckte ich, dass einige Teile der zivilisierten Welt alte, sonderbare Männer mit Bärten wie Simeon ernst nahmen. Dann entdeckte ich auf einem schönen Bild der Wüstenväter, das jeden abgesondert auf einem kleinen Grundstück, umgeben von Blumen und gezähmten Tieren darstellte, eine blühende Wildnis, und sie schien mir ein gesegnetes Gegenstück zu jener Wildnis, in die unsere modernen Städte verwandelt wurden, als die Bomben dichter und immer dichter fielen. Ich begann mich verwundert zu fragen, ob diese alten Sonderlinge denn überhaupt so sonderlich waren, ob Simeon vielleicht gar nicht der Narr war, der er mir bis dahin zu sein schien.
Seitdem habe ich ein wenig mehr über den heiligen Simeon erfahren; nur ein wenig, aber genug, um meine jugendliche Verwunderung über diesen wunderlichen Mann eher zu steigern als abzuschwächen. Offenbar ist er nicht immer alt und bärtig gewesen. Als Junge wenigstens scheint er der ganz normale Sohn eines Schäfers gewesen zu sein – das heißt selbst ein junger Schäfer –, bis er eines Tages nach einem Kirchgang plötzlich die Überzeugung gewann, dass er ins Kloster gehen müsse. Über das Geheimnisvolle und Providentielle dieses Impulses lässt sich kaum etwas sagen.
Sein Eintritt ins Kloster vollzog sich auf ungewöhnliche, aber höchst charakteristische Weise: Fünf Tage und fünf Nächte lag er auf dem Boden vor der Klosterpforte, bis man ihn endlich einließ. An dieser Erfahrung scheint er Gefallen gefunden zu haben, denn im Kloster begann er ungewöhnliche Dinge ähnlicher Art zu verrichten. Als die anderen ihm Vorwürfe machten, lief er zu einer verlassenen Zisterne, versteckte sich dort, wurde entdeckt und gewaltsam zurückgeholt. Er sah weder ein, warum sie ihm Vorwürfe machen sollten, wenn er nur an einem Tag der Woche etwas aß und den Rest seiner Nahrung den Armen gab, noch warum er den Körper nicht mit einer festen Schnur umgürten sollte, so dass das Fleisch darüber hinwegwuchs, wenn er es für notwendig hielt, sein rebellisches Fleisch so zu züchtigen. In einem Kloster des fünften Jahrhunderts gab es nichts, was wir als Nachsicht gegenüber der eigenen Person bezeichnen könnten. Aber offensichtlich war es für Simeon noch zu sanft, denn nach einem Jahr verließ er das Kloster wieder, und zwar endgültig.
Er ging zu einem Berg in der Nähe, dem Telanassus, und hier wurde er schließlich, auf seiner Säule verborgen, berühmt. Er stieg nicht sofort auf die Spitze des Berges, sondern lebte in dem relativen Luxus – nach einem einleitenden vierzigtägigen Fasten – eines kleinen Hauses unterhalb des Gipfels. Plötzlich, vielleicht als er in einem Augenblick der Schwäche zu entkommen wünschte, mauerte er sich ein. Aber er sah darin keine Chance, und als er sich erinnerte, dass Steinwände noch kein Gefängnis ausmachen, verschaffte er sich eine große Eisenkugel, an der er sich festkettete. Eines Tages besuchte ihn Meletius, der stellvertretende Bischof von Antiochien. Wenn der Wille wirklich da sei, bemerkte er, erübrigt sich die Kette, und trotz all seiner Strenge wies Simeon den Wink des Prälaten nicht zurück, er kettete sich sorgsam wieder los. Der Wille bewies, dass er wirklich da war, denn der Heilige blieb auf seiner Bergspitze, bis er starb.
Nach dem Bericht seiner beiden Freunde, Schüler und Biographen, Antonius und Theodoret, war die Frucht seiner Absonderung eine ungeheure Anzahl von Bekehrungen unter den wilden arabischen Stämmen, welche die milderen Missionare des Christentums gar nicht beachtet hatten. Gott, sagt Theodoret, findet Gefallen daran, Heilige zu erwecken, die sich durch besondere Merkmale der Heiligkeit auszeichnen, den verschiedenen Zeiten entsprechend. Und die wilden Iberer, Perser, Ismaeliten und Armenier brauchten offensichtlich einen Mann, der in seiner Heiligkeit genauso unbändig war wie sie in ihrem Leben, ehe sie zu den Wassern der Taufe geführt werden konnten. Immerhin, sie waren von seiner Grimmigkeit gegen sich selbst so beeindruckt, dass sie in Scharen zu dem alten Mann auf dem Berg kamen, um sich bekehren zu lassen. Ich habe mich gefragt, ob hinter seiner Strenge vielleicht ein Sinn für sehr schlauen bäurischen Humor versteckt lag, denn Simeon bewegte sich, um seiner wachsenden Popularität zu entgehen, nicht horizontal, sondern vertikal. Der Wille war noch da, nicht einmal Berühmtheit konnte ihn brechen, und Simeons Säule, die am Anfang sechs Ellen hoch war, wuchs auf zwölf an. Am Ende erreichte sie eine Höhe von sechsunddreißig Ellen, und immer kamen noch raue Kerle, um sich bekehren zu lassen. Simeon scheint sich wenig auf seine Erhebung eingebildet zu haben, denn auf ein Wort seiner Vorgesetzten, der Bischöfe oder Äbte der Umgebung (man fragt sich, ob Meletius einer von ihnen war), zeigte er sich sofort bereit, zur Erde herunterzukommen. Aber die Würdenträger, die seinen Gehorsam und seine Demut erprobt hatten, beschlossen schließlich, dem alten Adler die Flügel nicht zu stutzen, und Simeon blieb auf seiner Säule auf dem Gipfel des Berges.
Von diesem hohen Platz aus predigte er, so wird erzählt, zweimal am Tag, manchmal stundenlang. Natürlich fastete und betete er auch. Er heilte die Kranken. Er war sogar eine Art Richter. Hier besuchte ihn seine verständnislose Mutter, hier starb sie, klagend, dass ihr eigen Fleisch sich so grausam selbst getötet habe; und ihr Sohn weinte mit ihr. Hierher kam auch ein Dieb namens Jonathan, um Schutz, Bekehrung und den Tod zu finden, alles innerhalb einer Woche. Und hier starb schließlich auch der alte Mann selbst, nachdem er drei Tage lang seine Säule im Gebet umklammert gehalten hatte. Den Körper holte der treue Antonius herunter und brachte ihn nach Antiochien. Dort wurde er unter großer Verehrung bestattet.
Ich habe das Gefühl, als ob dieser Heilige von den „Durchschnittskatholiken“ noch ein wenig von der Seite angesehen wird. Und in einer Zeit, in der ich den unbedingten Wunsch hatte, in jeder Hinsicht orthodox zu sein, im Großen wie im Kleinen, versuchte ich ebenso über ihn zu denken und mir vorzumachen, Heiligkeit werde besser in den Salons erreicht, wie es beim heiligen Franz von Sales der Fall war, als auf der Spitze einer Säule wie beim heiligen Simeon. Aber da die Zeiten sich stets ändern und immer wieder die gleichen werden, kehre ich allmählich mit größerem Eifer zu meinem alten Lieblingsheiligen zurück. Außerordentliche Zeiten erfordern außerordentliche Charaktere, außerordentliche Krankheiten außerordentliche Ärzte. Der heilige Simeon ist für mich die vollendete Gestalt eines außerordentlichen Heiligen. Ich glaube, wir brauchen mehr von dieser Art.
Weshalb eigentlich bewundern wir – bewundere ich – den heiligen Simeon so enthusiastisch? Wegen seines erschreckenden Talents, nichts zu tun. Der heilige Simeon steht – sitzt oder hockt – als der rein Kontemplative, der Adler, der in die Sonne schaut, hoch oben in seinem Horst, der Beobachter im Krähennest. Ich weiß, die Lehrbücher berichten – und das Leben der meisten Heiligen bezeugt es -, dass das Leben der Kontemplation nicht ein physisch untätiges Leben ist, dass die großen beschaulichen Menschen ebenso große Männer der Tat waren. Aber es ist eine andere Art des kontemplativen Lebens, eine andere Art der Heiligkeit, deren meiner Meinung nach die moderne Welt bedarf.
„Lehre uns sorgen und nicht sorgen,
lehre uns stillsitzen.“
Der heilige Simeon hatte sicher gelernt, stillzusitzen, und er kann uns wie kaum irgendeiner von den Heiligen der Christenheit lehren, wie wir das gleiche tun sollen.
Warum können wir denn nicht stillsitzen? Warum müssen wir immer etwas tun? Ich bin sicher, der größte Teil der Ruhelosigkeit des Westens geht aus dieser Furcht vor der Langeweile hervor, und Langeweile heißt, der eigenen Leere gegenübergestellt sein. Deshalb ist die kindliche Frage „Was machte Simeon den ganzen Tag über?“ in hohem Maße berechtigt. Wenn wir nicht mehr von ihm sagen könnten, als dass er der Langeweile entgegentrat, mit ihr kämpfte, ihr nicht unterlag – nicht von seiner Säule herunterstieg -, sondern sie besiegte und dort oben blieb, nichts tuend, dann, denke ich, wäre das genug, um ihn zum Thema einer lohnenden Studie und zum Gegenstück zu unserer Zeit zu wählen.
Simeon verließ die Stätten der Zivilisation nicht ganz und gar, so weit ging er und nicht weiter, weit genug, um aus allem heraus zu sein, aber nicht weit genug, um unbeachtet und vergessen zu werden. Simeon tat nichts – außer für Gott leben: und darum wurde er der heilige Simeon. Aber auch wenn wir seine vollendete Heiligkeit, die übernatürliche Frucht dessen, was er wirklich „dort oben“ tat, während er nichts zu tun schien, außeracht lassen – wenn wir das alles vergessen und uns nur auf die menschliche Geste konzentrieren, haben wir noch reichlich genug zu bewundern. Ich habe den heiligen Simeon zu meinem Lieblingsheiligen erwählt, weil er sozusagen am östlichsten Ende der westlichen Christenheit wohnt, weil er diese ganz anders geartete Welt des Ostens verkörpert, die nur mit Mühe für das Christentum gewonnen werden konnte. Ihm ist es, würden die meisten Menschen im Westen sagen, gerade noch gelungen, hineinzukommen. Es ist notwendig, werden sie weiter sagen, vor allem gewarnt zu werden, was in seinem Beispiel übertrieben ist, besonders vor dem geistigen Stolz, der leicht hinter einer solchen außergewöhnlichen Lebensart steht. Aber genau das Gegenteil scheint mir wahr zu sein, denn die christliche Religion wie die übrige Welt leiden an einer Überdosierung des westlichen Geistes: Wir brauchen eine mächtige Injektion vom Osten her, je stärker und spürbarer, umso besser. Simeon mag nicht wie Léon Bloy auf die Welt gespuckt haben, aber er wandte ihr den Rücken und kehrte sein Gesicht der Sonne zu. Simeon repräsentiert einen Typ, der mich immer fasziniert hat, den des Außenseiters, des Ismael, des Sündenbocks. Aber er ist ein Außenseiter von besonders nachgiebiger Art: Er geht nicht in die Wüste und verbirgt sich in einer Höhle, er geht eine gewisse Strecke aus der Stadt hinaus, nicht zu weit, und macht dort „einen Laden auf“.
Er ist – wenn man es so ausdrücken will – ein Aussteller im wahrsten Sinn des Wortes, er ist entschlossen, eine Ausstellung von sich selbst zu veranstalten. Vermutlich hatte er einen Grund dafür, und vermutlich war sein Grund – da er der heilige Simeon ist – triftig. Es gleicht einer Umwandlung aller Werte, wenn man die Erde verlässt und hoch oben in der Luft lebt, ununterbrochen die Füße vom Boden erhoben. Es ist ein Benehmen – genauso wagemutig wie das eines Ikarus, abgesehen von dem festen Fels der Heiligkeit darunter. Es ist eine Kühnheit damit verbunden, die zurückgezogenere Typen der Heiligkeit beleidigt. Eine orientalische Extravaganz, entblößt von allem orientalischen Glanz, die mich stark beeindruckt, da ich der Ansicht bin, dass sie unserer Zeit besonders angemessen ist.
Ich glaube, dass ich jetzt nicht mehr in Gefahr komme, den heiligen Simeon mit bloßen Rekordbrechern zu verwechseln. Ich glaube auch nicht mehr, dass er irgendeinen anderen ausstechen wollte. Aber ich bin noch immer fest davon überzeugt, dass er hervorstechen wollte – durch Heiligkeit. „Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen . . .“ „Eine Stadt, die auf einem Berg steht, kann nicht verborgen bleiben.“ „. . . noch zündet jemand ein Licht an und stellt es unter den Scheffel.“ Und obwohl Heiligkeit den Förmlichkeiten und dem Klatsch eines Fünfuhrtees trotzen können, zu unserer Belehrung und Ermutigung, scheint unsere Welt trotzdem eine besondere Art von Heiligkeit zu erfordern, eine Heiligkeit, deren Impuls von menschlicher Seite her so außergewöhnlich und radikal ist wie die Welt, in der wir leben . . .
Aber nach alldem bewundere ich diesen Heiligen nicht nur, ich liebe ihn wirklich. Und warum? Der heilige Simeon ist das gewesen, was ich sein möchte, wenn ich statt der Feigheit des Sünders den Heldenmut des Heiligen besäße. Ich hätte gern jenen Mut, den Spott derer zu ertragen, die verspotten, was ich liebe. Ich möchte den Stein, mit dem man nach mir wirft, gern willkommen heißen. Ich wollte gern hoch oben auf einer Säule stehen, anstatt hier unten auf dem Boden in der Menge, während ich meine Sympathie für den Mann dort oben feige verstecke. Man fühlt sich sicher in der Menge, und darum ging Simeon allein dort oben hinauf. Dem Furchtsamen erfasst der Schwindel beim Anblick großer Höhen; aber Simeon bot ihm die Stirn.
Ich halte den Mann auf dem Felsen für einen Weisen, für einen Mann Gottes. „Kommt in den Schatten dieses roten Felsens.“ Ich sehne mich, in den Schatten seiner Säule und seiner Heiligkeit zu treten, weil er in meinem Geist mit der Stärke des Felsens, auf dem er thronte, lebt; weil er sich dort wie ein Leuchtturm aus einem besseren Land und einer besseren Zeit erhebt, in der Heiligkeit noch seltener, einfacher und heroischer war, als die von Ewigkeit Auserwählten noch deutlicher erkennbar unter den immer leuchtenden Sternen wandelten, Himmel und Hölle dichter beieinander lagen und das Schwert des Geistes erbarmungsloser zuschlug. Die Menschheit hat sich immer nach einem goldenen Zeitalter gesehnt, das sie in der Zeit entweder vor- oder zurückverlegt. Wenn sie es in die Vergangenheit verlegt, ist es die Zeit der großen Männer, die zehn Fuß groß waren; wenn in die Zukunft, die Zeit der Flügel. Simeon hatte keine Flügel; aber er hat sein Bestes getan, um von der Erde loszukommen. Er war nicht zehn Fuß groß; aber er hat es fertiggebracht, noch höher zu kommen. Mein Bild von ihm ist, wie Sie sehen, reichlich phantasievoll; er ist mein vollkommener geistlicher Vater.
1. Wunderbar und tief verborgen sind oft Gottes Führungen. Immer aber gereichen sie zu seiner Ehre und zum Heil seiner Auserwählten. Joseph erhält durch Gottes Engel Befehl, mit dem göttlichen Kind und seiner jungfräulichen Mutter nach Ägypten zu fliehen, weil Herodes ihm nach dem Leben stellt. Scheint dies nicht Torheit und Schwäche? Konnte der Allerhöchste seinen Eingeborenen nicht auf andere Weise retten, dass er in ein so fernes Land ihn fliehen lässt, der Verfolgung dieses Tyrannen zu entkommen? Wohl spricht der Apostel in erleuchteter Weisheit: "Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen." (1. Korinther 1,25) Verherrlichen sollte Jesus seinen ewigen Vater durch Schwäche, Armut und Leiden. Vorbereiten sollte er durch den Sturz der Götzengebilde das Land Ägypten zum Glauben. Und seine Gegenwart heiligte dieses Land zu einem Aufenthalt zahlloser heiliger Einsiedler und jungfräulicher Seelen, die der schönste Flor der ersten Kirche waren.
2. Unerforschlich sind Gottes Führungen dem menschlichen Vorwitz. Und was ihm als Torheit vorkommt, ist oft die höchste Weisheit und Liebe. Gott erbaut, indessen er zu zerstören scheint. Er bereichert uns, wenn er uns in Armut zu stürzen, - er errettet uns, wenn er uns zu verderben, - er belebt uns, wenn er uns zu töten scheint. Er führt uns zum Frieden durch Kriege, zur Vollkommenheit durch Fehler, zur Herrlichkeit durch Schmach, zum Land der Verheißung durch furchtbare Wüsteneien. Er allein weiß, was uns notwendig ist und uns zum Heil verhilft.
3. Darum, o Herr, mein Gott, stelle ich deiner göttlichen Vorsehung mich gänzlich anheim. Leite mich, Herr, nach deinem Willen. Ohne Furcht schreite ich unter deiner Führung. Mit Ergebung und Freude füge ich mich allem, was deine göttliche Anordnung über mich beschlossen hat, denn ich weiß, dass du die unendliche Weisheit, Güte und Liebe bist. Ob du durch Ehre oder durch Schmach, durch Trost oder durch Widerwärtigkeiten, durch Überfluss oder durch Armut, durch Gesundheit oder durch Krankheit mich führst, sei dein heiliger Name in allen Dingen gebenedeit. Psalm 40,18: "Ich bin arm und gebeugt; der Herr aber sorgt für mich. Meine Hilfe und mein Retter bist du."
Du barmherzigste Mutter Maria, sei meine Fürbitterin bei Gott und erwirb mir seine göttliche Gnade und Barmherzigkeit. Du bist ihm wegen deiner Heiligkeit ganz lieb und angenehm, ich aber bin ihm wegen meiner Sünden ganz zuwider und verhasst. Dass mir recht bald die Verzeihung meiner Sünden verkündigt würde. Dass ich durch die Gegenwart meines Heilandes in meinem Herzen von himmlischem Trost erquickt würde. Erbitte mir diese große Gnade bei Jesus, deinem göttlichen Sohn. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Titus
O Gott, der Du den heiligen Titus durch Deinen heiligen Apostel aus den Finsternissen des Heidentums zum Licht Deiner Wahrheit gebracht hast, gib, dass wir, da wir eben diese Lehre empfangen haben, sie auch auszuüben und anderen beizubringen trachten, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
4. Januar - Der heilige Gordius,
Hauptmann und Martyrer, stand vor dem heidnischen Richter. - Seine Verwandten beschworen ihn unter Tränen, er soll doch wenigstens mit dem Mund Christus verleugnen, im Herzen könne er Ihn ja behalten. - Er antwortete: "Soll die Zunge ihren Schöpfer verleugnen? - O nein, mit dem Herzen glaubt man an Gott, mit dem Mund aber geschieht das Bekenntnis zur Seligkeit."
Sei doch nicht so ängstlich und unbeständig im Guten, so furchtsam, dich auch vor den Menschen so zu zeigen, wie dir im Herzen ist. Wie viel Verachtung, Widersprüche, Misshandlungen, ja selbst Verwünschungen hat nicht dein Jesus erfahren! Im Bekenntnis bewährt sich die wahre Frömmigkeit.
Prüfe dich, wer dir mehr Furcht einjagt, ob ein Mensch, der heute ist und morgen nicht mehr sein wird, oder der ewige Gott, vor dessen Richterstuhl du einst stehen wirst, wo dich weder Bruder, Schwester, Vater, Mutter noch Freund oder Vorgesetzter mehr schützen kann, - wo Jesus dich aber vor allen Menschen verherrlichen wird.
Bete um Befreiung von Menschenfurcht.
Fürchte nicht die Menschen, fürchte Gott,
Er nur bleibt dein Freund bis in den Tod.
Andenken an die seligste Jungfrau
An diesem Tag wurde die Hauptkirche zu Arras plötzlich durch einen Donnerstrahl entzündet und verwüstet, aber wieder unter dem Namen der seligsten Jungfrau Maria von Bischof Girard im Jahr 1030 eingeweiht. Es verdient die Einweihung der Hauptkirchen unter dem Namen Mariä angemerkt zu werden, indem dadurch die allgemeine hohe Verehrung der seligsten Mutter Gottes in der ganzen Welt deutlich gezeigt wird.
Der Ruhm des Lehrers verjüngt sich im Lob des Schülers; von seiner Ehrenkrone fällt ein verklärender Strahl auch auf des letzteren Haupt. So erscheint uns denn auch der heilige Titus gerade deshalb so ehrwürdig, weil er ein unmittelbarer Apostelschüler ist: einer der bedeutendsten und verdientesten Paulusjünger, der „Wandergenosse“ (2 Kor 8,19) und „Mitarbeiter“ (ebd. 8,23) des Völkerlehrers und Heidenapostels. Nach seinen eigenen Andeutungen hat Paulus selbst den „geliebten Sohn“ (Titus 1,4), das Kind heidnischer Eltern, für das Christentum gewonnen, wie er ihm auch durch sein Sendschreiben (Titusbrief) das schönste Denkmal im Herzen der Christenheit gesetzt hat. Nicht viele Strahlen zwar fallen vom Tageslicht geschichtlicher Überlieferung auf das Lebensbild unseres Paulusjüngers, aber die wenigen leuchten hell und rechtfertigen die Verehrung, die ihm die ganze Kirche von den Tagen der Apostel an darbringt. Ihr Heiligenverzeichnis aber, das sogenannte „Römische Martyrologium“, setzte seinen Sterbe- oder Geburtstag für den Himmel unterm 4. Januar an. Die Griechen feiern den heiligen Titus am 25. August.
Die Wiege des Heiligen steht im Dunkel, doch weisen nicht undeutliche Spuren auf Antiochien in Syrien, die zweitgrößte Weltstadt des damaligen Ostens, die Heimat seines großen Mitschülers und Evangelisten Lukas. Zum ersten Mal treffen wir ihn auf der Reise zum Apostelkonzil um das Jahr 50 an der Seite des heiligen Paulus. Dieser selbst legte seiner Begleitreise noch nachträglich große Bedeutung bei (Gal 2,3). Er sollte nämlich als Muster eines glaubensfesten und sittenreinen Heidenchristen in Jerusalem, der Urgemeinde des Judenchristentums, erscheinen, um das Misstrauen zu zerstreuen, das man gerade in jüdischen Christenkreisen den neubekehrten Heiden entgegenbrachte. Seine Persönlichkeit scheint geradezu den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen gebildet zu haben, welche der Hauptversammlung des Apostelkonzils vorausgingen. Sie endeten, wie die Entscheidung des Konzils selber, zugunsten der Heidenchristen. Den äußeren Ausdruck fand diese Tatsache, die in Antiochien, der Hauptgemeinde des Heidenchristentums, so viele Freude hervorrief (Apg 15,31), in dem Umstand, dass Titus auf Verlangen des heiligen Paulus nicht der Zeremonie der Beschneidung unterworfen wurde.
Während der zwei folgenden großen Missionsreisen des heiligen Paulus erfreute sich Titus bereits des besonderen Vertrauens seines Lehrers. Zweimal nacheinander wurde er von ihm mit schwierigen Aufträgen nach der Weltstadt und neugegründeten Christengemeinde Korinth abgeordnet. Die erste Sendung erfolgte von Ephesus in Kleinasien aus. Er sollte durch sein mündliches Wort das schriftliche des heiligen Paulus (1. Korintherbrief) näher erläutern und ergänzen und dessen Mahnungen darin Gehör und Folge verschaffen. Titus löste seine Aufgabe glänzend. Es gelang ihm in kurzer Zeit die durch Falschlehrer in große Verwirrung und leidenschaftliche Spannung versetzte Gemeinde durch sein ebenso taktvolles wie festes Auftreten wiederum in Ordnung zu bringen. In der Hafenstadt Troas, von wo aus Paulus zum zweiten Mal den Fuß auf das europäische Festland setzen wollte, harrte dieser seines Boten: „und ich hatte keine Ruhe in meinem Geist, versichert er, weil ich den Titus, meinen Bruder, nicht fand.“ Erst in Mazedonien fand er ihn und begrüßte ihn freudig wie einen Engel des Trostes (2 Kor 7,6). „In unserem Trost aber“, fährt er fort, „haben wir uns noch weit mehr gefreut über die Freude des Titus“, nämlich wegen des glücklichen Gelingens seines Auftrages. Dieser Herzenserguss beweist in rührender Weise, wie innig und vertraut das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler geworden war.
Die zweite Sendung erfolgte von Mazedonien aus. Der erprobte Jünger wurde mit der Doppelaufgabe betraut: den zweiten Korintherbrief des Apostels zu überbringen und die Sammlung milder Gaben für die notleidenden Christen der Mutterkirche in Jerusalem zu Ende zu führen. Paulus weiß, dass er die Doppelaufgabe in verlässliche Hände gelegt, und dankt förmlich Gott, dass er solchen Eifer in des Titus Herz gesenkt habe (ebd. 8,16). Das Lob, das aus diesem kurzen Dankeswort des Weltapostels klingt, wiegt schwerer als noch so ruhmredige Worte einer langen Beschreibung es vermöchten.
Nach seiner ersten römischen Gefangenschaft (61-63) hatte der heilige Paulus auch Kreta (jetzt Kandia) im Mittelmeer besucht und dort seinen Schüler Titus als ersten Bischof der Insel zurückgelassen. Er sollte hier an der Spitze eines selbstständigen Wirkungskreises das begonnene Missionswerk vollenden und insbesondere durch Weihe und Einsetzung von Priestern und Bischöfen eine feste kirchliche Ordnung schaffen (Titus 1,5), deren Oberleitung ihm oblag. Die Verhältnisse lagen, wie wir aus dem Titusbrief erfahren (1,10 ff) außerordentlich schwierig, so dass es Paulus angezeigt hielt, ihm auch später noch durch erprobte Ratschläge und goldene Pastoralregeln an die Hand zu gehen. Er ließ ihn sogar einmal zu sich nach Nikopolis in Epirus kommen (Titus 3,12), um sich persönlich mit ihm noch des Näheren ins Einvernehmen zu setzen.
Wie wir aus glaubwürdigen, außerbiblischen Nachrichten erfahren, griff der apostolische Eifer des heiligen Bischofs von Kreta auch auf die benachbarten Inseln über, wo sein zündendes Wort ebenfalls mächtige Flammen schlug und das Christentum rasch zum Sieg über das Heidentum führte. Selbst nach dem entlegenen Dalmatien lenkt der begeisterte Missionar auf den Wunsch seines Lehrers Paulus (2 Tim 4,10) seinen Wanderschritt mit solchem Erfolg, dass die Dalmatiner ihn als ihren Apostel, als den Vater ihres Christenglaubens verehren.
Gar vieles, zum Teil Wunderbares weiß die spätere Überlieferung über das sonstige Leben und Wirken des heiligen Titus zu berichten. Doch ist sie so sehr von sagenhaften Zutaten überwuchert, dass Dichtung und Wahrheit darin für uns nicht mehr zu unterscheiden sind. Übereinstimmend aber lauten die Nachrichten dahin, dass er auf Kreta in hohem Alter eines ruhigen und friedlichen Todes starb und in der Bischofskirche (vielleicht zu Cortyna) beigesetzt wurde. Sein Haupt soll später aus Anlass der Araber- und Türkenkämpfe nach Venedig gebracht worden sein, wo es heute noch im Markusdom verehrt wird.
Wie tief wird der heilige Titus, der so innig an Herz und Mund seines geliebten Lehrers hing, in den goldenen Wahrheitsschatz seines Sendschreibens sich versenkt haben! Wie oft wird er es wiedergelesen haben, so dass er jedes Wort im Gedächtnis wahrte! Auch uns hat es Paulus nicht weniger tief ins Herz und Gewissen geschrieben. Auch für uns sollte jedes Blatt der Heiligen Schrift der nimmer versiegende Jungbrunnen sein, aus dem wir fort und fort neue Belehrung und Erbauung, christliche Weisheit und Vollkommenheit schöpfen. Denn aus ihm sprudelt uns „die Gnade Gottes unseres Heilandes, die allen Menschen erschienen ist, und sie lehrt uns, dass wir sittsam, gerecht und gottselig leben sollen in dieser Welt“ (Titus 2,11f).
1. Wie kam ich in diese Welt? Und was soll ich in ihr? Verdanke ich vielleicht mein Dasein den leiblichen Eltern? Aber kennen denn diese Eltern auch nur die Hälfte der inneren Organe meines Leibes? Setzten sie den unendlich kunstreichen Bau meines Auges oder meines Gehirns zusammen? Und wie verknüpften sie meinen unsichtbaren Geist mit diesem sichtbaren Körper zu einem Wesen? Eine Kunst unendlicher Weisheit und Allmacht ist hierzu erforderlich. Dies sagt mir das Licht der Vernunft. Gott also hat, wenn auch durch die Vermittlung irdischer Eltern, mir das Dasein gegeben. Er ist der eigentliche Urheber meines Daseins.
2. Gab aber Gottes unerschaffene Majestät mir das Dasein, so gab sie es mir offenbar zu ihrer Verherrlichung und zu meiner eigenen Glückseligkeit. Denn alle Wesen schuf der Allerhöchste für sich, alle streben nach ihm, wie nach ihrem Mittelpunkt. Dazu auch ist mein Geist mit einer Erkenntniskraft begabt, die bis ans Unendliche reicht, ihn selbst zu erkennen, und mit einem Vermögen, zu lieben, das kein erschaffenes Wesen vollauf zu sättigen vermag. Schon hieraus erkenne ich klar, dass ich erschaffen bin, meinen Schöpfer zu erkennen, zu lieben und ihn zu besitzen, da nur er, der unendliche Urquell alles Guten, mein Ziel und meine einzig wahre, volle und unendliche Glückseligkeit ist.
3. Was also soll ich hier? Offenbar soll ich das Ziel erreichen, für das mein Gott mich erschaffen hat. Hierin aber erkenne ich seine unendliche Güte, die mich nicht erschuf, und dann mir selbst mich überließ. Er gab mir sein heiliges Gesetz als den Weg, auf dem ich zu ihm gelange. Nicht erschaffen wurde ich also, in dieser Welt reich zu werden, nach vergänglicher Ehre zu streben, sündhaften Lüsten mich zu ergeben. Vielmehr würden diese Dinge unendlich weit von dem Weg meiner himmlischen Pilgerschaft mich entfernen. Sondern erschaffen wurde ich, den Willen meines Schöpfers auf die Art und Weise zu tun, die seine heilige Vorsehung mir vorzeichnet, weil ich nur dadurch zu meinem erhabenen Ziel gelange. Psalm 119,73: "Deine Hände, mein Gott, haben mich gemacht und geformt. Gib mir Einsicht, damit ich deine Gebote lerne."
Meine himmlische Königin, Gott will, dass ich mich an dich wende, er will, dass ich deine Barmherzigkeit anflehe, damit nicht nur die Verdienste deines Sohnes, sondern damit auch dein Gebet mir helfe und mich vom ewigen Verderben errette. Ich nehme dann also zu dir meine Zuflucht, o Maria. Du betest für so viele andere, bitte doch Jesus auch für mich. Sage ihm, er möge mir doch vergeben, denn dann verzeiht er mir gewiss. Sage ihm, dass du dir mein Heil wünschst, denn dann werde ich sicher gerettet. Zeige der Welt wieviel Gutes du denen erweist, die auf dich vertrauen. Also hoffe ich, also sei es. Amen.
Zu Jesus Christus auf die Fürbitte der heiligen Genovefa
Verleihe uns, o Herr Jesus Christus, durch die Fürbitte der heiligen Genovefa den Geist des Gebets und der Liebe, damit wir der Glückseligkeit teilhaftig werden, die Du den Nachahmern Deiner Auserwählten versprochen hast, der Du lebst und herrschst mit Gott dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
3. Januar - Die heilige Genoveva,
Jungfrau, wurde neben dem berühmten König Chlodwig begraben. Man geht an seinem Grab gleichgültig vorüber, dagegen fallen Fürsten und Völker am Hügel dieser armen, aber heiligen Jungfrau nieder, und rufen sie um ihre Fürbitte an.
Du siehst, so kurz und vorübergehend ist der Ruhm vor der Welt, der Beifall, das Lob der Menschen, hingegen ewig dauernd ist der Lohn, der Segen eines frommen, verborgenen, oft ganz verachteten Lebens einer christlichen Jungfrau, das oft spät, erst nach dem Tod Anerkennung vor den Menschen findet.
Prüfe dich, ob ungerechter Tadel, Verachtung, Spott der bösen Welt, der eigenen Verwandten, Vorgesetzten etc. dich ruhig und gleichmütig lässt, oder ob es deine guten Vorsätze erschüttert, dich etwa ganz irre macht, davon abbringt?
Bete um Standhaftigkeit bei Tadel und Verachtung.
Achte nicht der Menschen Spott,
Deine Ehr, o Christ, die gibt dir Gott.
Andenken an die seligste Jungfrau
Ein schreckliches Erdbeben, das besonders in Italien alles erschütterte, wurde an diesem Tag durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau im Jahr 1117 gestillt, wie ein unmündiges Kind, das plötzlich laut in der Kirche zu reden anfing, aussagte. Diese Geschichte bezeugen mit Trithemius viele angesehene Schriftsteller.
Im Dorf Nanterre, zwei Stunden von Paris entfernt, wurde sie um 422 geboren. Fünfzehnjährig zog Genoveva zu ihrer Tante nach Paris, bei der sie auch, nachdem sie den Schleier der Braut Gottes empfangen hatte, wohnte. Sie führte ein ungemein strenges Leben und bemühte sich immer wieder, dem einzelnen und dem Volk helfend beizustehen. Auf ihre Fürbitte hin blieb Paris 451 vom Hunnensturm verschont.
Genoveva starb 502 oder 512 und wurde unter dem heutigen Pantheon in Paris begraben. 100 Jahre später wurden ihre Gebeine in die Kirche St-Etienne-du-Mont übertragen und in einem kostbaren Schrein beigesetzt.
„Genoveva wurde um das Jahr 422 geboren und war sieben Jahre alt, als der heilige Germanus von Auxerre und der heilige Lupus von Troyes, die sich nach Großbritannien begaben, um die Irrlehre des Pelagius zu bekämpfen, zu Nanterre ihr Nachtlager nahmen. Kaum waren die zwei Bischöfe angelangt, als sie sich von einer großen Volksmenge umringt sahen, welche ihren Segen begehrte. Unter den frommen Menschen befand sich auch Genoveva mit ihren Eltern. Allein der heilige Germanus wusste sie, durch höhere Erleuchtung, die ihm plötzlich vom Geist Gottes zuteilwurde, zu unterscheiden, hieß sie mit ihren Eltern näher kommen, und sagte diesen die künftige Heiligkeit ihrer Tochter voraus. Er fügte noch bei, dass sie den gefassten Entschluss, Gott zu dienen, ins Werk setzen und durch ihr Beispiel zur Heiligung anderer vieles beitragen würde. Da ihm Genoveva hierauf sagte, sie hege schon seit langer Zeit das Verlangen, in immerwährender Jungfrauschaft zu leben und keinen anderen Namen als den einer Braut Jesu Christi zu tragen, gab er ihr seinen Segen, um sie Gott von diesem Augenblick an zu weihen; dann führte er sie in die Kirche, begleitet von allem Volk, das sich um ihn versammelt hatte, und hielt während des Psalmengesanges und der Gebete seine Hand über ihrem Haupt ausgestreckt. Er behielt sie auch noch während der Mahlzeit bei sich und entließ sie erst, nachdem er vom Vater das Versprechen erhalten hatte, dass er sie am Morgen des folgenden Tages vor seiner Abreise noch einmal sehen könne.
Severus und Gerontia begaben sich mit ihrer Tochter zur bestimmten Stunde zu dem Heiligen, welcher Genoveva fragte, ob sie sich noch ihres Versprechens erinnere, das sie Gott gegeben habe: „Ja“, antwortete sie, „ich erinnere mich dessen noch und hoffe mit dem Beistand der Gnade ihm treu zu sein.“ Der Heilige, hoch erfreut über eine so schöne Antwort, ermahnte sie, in diesen Gesinnungen zu beharren. Dann gab er ihr eine kupferne Medaille, auf welcher das Bild des Kreuzes eingegraben war, und empfahl ihr, sie allzeit am Hals zu tragen, um sich stets zu erinnern, dass sie sich Gott geweiht habe. Er hieß sie auch noch, als eine Braut Jesu Christi, den Perlenhalsbändern, den Armbändern, den goldenen und silbernen Kleinodien und allem weltlichen Schmuck zu entsagen.
Der Hunnenkönig Attila fiel 451 mit seinen wilden Horden in Frankreich ein und marschierte mordend, brennend, alles verwüstend gen Paris. Die Bürger, vor Schrecken entmutigt und an der Möglichkeit eines Widerstandes verzweifelnd, wollten durch die Flucht sich und ihre Kostbarkeiten retten. Diesem Plan widersetzte sich Genoveva heldenmütig und prophezeite: „Flieht nicht, denn gerade jene Gegend, wohin ihr euch flüchten wollt, wird von Attila verwüstet werden. Nach Paris wird er nicht kommen, wenn ihr durch Gebet und Fasten euch des Schutzes Gottes würdig zeigt.“ Der Erfolg ihrer Bitten und Ermahnungen war, dass die Frauen ihr beistimmten und sich mit ihr zum Gebet vereinigten. Die Männer aber tobten, schimpften sie eine Verräterin, welche sie nur dem Mordbeil der Hunnen überliefern wolle, und drohten ihr mit dem Tod. Gerade rechtzeitig brachte der Archidiakon des heiligen German einige Geschenke, welche der heilige Bischof sterbend für Genoveva bestimmt hatte, nach Paris und nahm sich der verfolgten Jungfrau so kräftig an, dass die leidenschaftliche Aufregung des Volkes sich legte.
Als inzwischen Attila unverhofft seinen Marsch von Paris weg dorthin wendete, wohin die Bürger hatten fliehen wollen, und so die Prophezeiung Genovevas sich bewahrheitete, wurde sie als Dienerin Gottes anerkannt und als Retterin mit jubelndem Dank geehrt.“
Dargestellt wird Genoveva mit einer Kerze, über der ein Engel und ein Teufel schweben, in der Hand. Die Kerze, die ihr ein Teufel ausbläst, wird von einem Engel immer wieder angezündet. In der anderen Hand hält sie ein kelchartiges Gefäß und die Schlüssel von Paris. Der Kelch soll sich auf ihr Gebet hin solange gefüllt und den Durst der Bauleute von St. Denis gestillt haben, bis der Kirchenbau vollendet war.
Genoveva ist die Schutzpatronin der Stadt Paris, der Wachszieher, Frauen, Hirten und Weingärtner. Sie wird insbesondere zur Abwehr gegen Dürre, Krieg, Unglück und Seuchen angerufen.
Genoveva wird nur im Regionalkalender des französischen Sprachraums genannt. In der Diözese Straßburg wird der 3. Juli als nicht gebotener Gedenktag der vor allem früher als Namenspatronin auch bei uns sehr beliebten Heiligen begangen.
1. Wie vom Gipfel eines hohen Berges blicke ich im Licht dieses neuen Jahres in den Abgrund der Zeiten hinab. Wie schnell verging das letzte Jahr, wie schnell meine ganze Lebenszeit, wie schnell alle Stunden, Tage und Jahre, die seit der Schöpfung verflossen sind. Alle eilten in den Ozean der Vergangenheit, wo nun Tage, Wochen, Jahrhunderte von gleicher Kürze sind. Wie viele aber nahm das verflossene Jahr auf seinen Flügeln mit sich in die Ewigkeit, die seinen Anfang noch froh erlebt hatten. Junge und Alte, Reiche und Arme, Könige und Bettler, ja wie viele meiner Freunde und Bekannten auch, die nichts weniger als eines so schnellen Endes gedachten. Kann aber, was im verflossenen Jahr ihnen widerfuhr, im laufenden Jahr nicht mir selbst widerfahren?
2. O Zeit, wie schnell ist deine Eile, wie unsicher deine Dauer, wie unendlich dein Wert. Du bist das Talent, das der himmlische König mir anvertraute. Von deiner Verwendung hängt das Los meiner Ewigkeit ab. Muss ich aber nicht zitternd auf das vergangene Jahr zurückblicken? Sammelte ich mir nicht Schätze des Zorns für den Tag des Gerichts? Und in der großen Anzahl meiner Werke: wie wenig Frucht für den Himmel, und wie viel Spreu zum Verbrennen.
3. Dank und Anbetung dir, o König der Ewigkeit, mein Schöpfer und mein allerhöchster Herr. Abermals führte deine Huld in ein neues Jahr mich ein, meinen unermesslichen Verlust zu ersetzen. Ach, wie würden so viele, die nun auf ewig von deinem Angesicht verworfen sind, diese kostbare Zeit verwenden, wenn sie für sie zurückkehrte. Und ich sollte noch länger säumen, mein ewiges Heil durch Werke des Lebens zu sichern? Ach, schon ist vielleicht das Ziel meines Lebens nahe. Ist aber dieses Jahr mein letztes: was möchte ich dann nicht alles darin getan haben. Vergeblich jedoch sind dann meine Wünsche. So will ich denn nun mit deiner Gnade, Herr, kräftig beginnen. Nun ist die Gegenwart in meiner Gewalt; "nun sind Tage des Heils; nun ist eine gute Zeit."