1. Willst du auf dem Weg des Heils ernsthaft fortschreiten, so bewaffne dich vor allem mit dem starken Schild der Geduld. Denn so lange wir hienieden pilgern, ist unser Weg mit Trübsalen wie mit Dornen besät. Diese Trübsale kommen teils aus der göttlichen Gerechtigkeit, aus der Bosheit oder den Fehlern der Menschen, aus Versuchungen des alten Feindes und anderen Quellen, teils aus unserer eigenen Gebrechlichkeit, wie Krankheiten, Schmerzen und Tod. Aber gleichwie die Arznei den Körper, also heilt die Geduld die Krankheiten unserer Seele, und "durch viele Trübsale müssen wir eingehen in das Reich Gottes". (Apostelgeschichte 14,22b)
2. Betrachte aber auch den Adel und den hohen Wert der heiligen Geduld. Sie ist die Grundfeste aller Tugenden, und je höher unsere Tugenden wachsen sollen, um so tiefer muss diese Grundfeste gegraben werden. Dazu bedarf es allerdings der Stärke eines tapferen Gemütes. Aber nur diese Tugend wirkt, nach dem Ausspruch des Herrn, die Frucht des Heils in einem guten Herzen. (Lukas 8,15) Der wahrhaft Geduldige teilt, auch ohne Schwert und Feuer, das Verdienst der Märtyrer. Durch diese Waffe wird der Mensch unüberwindlich. Sie erringt durch ihre Starkmütigkeit die Palme des Friedens, und niemand gelangt ohne sie zur himmlischen Erbschaft.
3. Zu dieser so edlen als notwendigen Tugend dich zu ermuntern, stelle dir oftmals das Beispiel unseres göttlichen Heilandes vor, dessen ganzes irdisches Leben in beständiger Übung der Geduld verfloss, und der die Fehler seiner Jünger, die Misshandlungen seiner Feinde und des Volkes, und sein bitterstes Leiden in wunderbarer Geduld ertrug. Führe auch wohl zu Gemüte, dass die Sünden deines verflossenen Lebens strengere Strafen als alle Trübsale verdienen, die je über dich kommen können, dass die Geduld das einzige Mittel ist, deine Seele in dieser Zeit wie in einem gelinden Fegfeuer zu reinigen, der göttlichen Gerechtigkeit genug zu tun, und Gott deine Liebe wahrhaft zu bezeigen. Diese heilige Tugend ist das Merkmal aller Auserwählten, und ist verdienstlicher als Zeichen und Wunder. "Ich lobe dich, Herr, Gott Israels, dass du mich gezüchtigt hast; denn du auch hast mich geheilt." (Tobit 11,14)
Es ist nur allzu wahr, dass durch deine Vermittlung, meine Königin und Mutter, die Gnaden Gottes ausgeteilt und die Seelen geheiligt werden. Vergiss mich also nicht, o meine liebe Mutter Maria, mich, der ich dein armer Diener bin, der ich dich liebe, und auf dich alle meine Hoffnung setze. Gott, der eine so große Liebe zu dir trägt, erfüllt alle deine Bitten. Darum, meine liebe Mutter, bitte für mich und mache, dass ich heilig werde.
Zu Gott auf die Fürbitte des seligen Kaisers Karl
Allmächtiger ewiger Gott, wir bitten Dich demütigst, gib uns, Deinen Dienern, auf die Fürbitte und durch die Verdienste Deines seligen Bekenners Karl, dem du, nach dem Gipfel des irdischen Reichs, einen Thron im Himmel verliehen hast, dass wir die ewige Glückseligkeit zum Lohn erhalten, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zum heiligen Jakob
Heiliger Jakob, erhalte mir durch deine Fürbitte die Gnade, dass Gott mein unreines Fleisch mit seiner heiligen Furcht und Liebe durchdringe, damit ich mein Heil immer mit Furcht und Zittern wirke, und nach der seligen Ewigkeit trachte, und dass ich auf solche Weise entweder schuldlos von aller Sünde, oder doch wenigstens wahrhaft bußfertig mein Leben im Tod beschließe, und nach dem Tod zur glückseligen Ewigkeit eingehe. Amen.
Der fromme Kaiser Karl der Große
Als er am Weihnachtsfest vom Gebet aufstand, setzte ihm der Papst eine kostbare Krone auf, und das Volk rief ihn zum römischen Kaiser aus. Voll Bestürzung beteuerte er, dass, wenn er von diesem Vorhaben gewusst hätte, er an diesem Tag, so heilig derselbe auch sei, nicht in die Kirche gekommen wäre.
Die Heiligen flohen die Ehre, den Beifall der Menschen, während wir oft so sehr danach verlangen, offenbar oder insgeheim uns darum bemühen, unruhig, verdrießlich, kleinmütig werden, uns gar nicht darein finden wollen, wenn wir falsch beurteilt, zurückgesetzt werden, oder andere mehr Lob und Anerkennung finden.
Prüfe dich, ob du nicht Wohlgefallen, innere Freude hast bei Lob und Ehre, besonders von Gutgesinnten, in Gedanken dich damit beschäftigst? - Ein heiliger Einsiedler setzte sich mit einem Stück Brot und Käse vor seine Zelle, da er hörte, es wolle ihn jemand seiner Heiligkeit wegen besuchen. Als ihn dieser so erblickte, entfernte er sich wieder und verachtete ihn.
Der heilige Thomas von Aquin, ein Nachkomme aus dem edlen Geschlecht der Grafen von Aquin in Mittelitalien, gilt als einer der größten Gottesgelehrten aller Zeiten. Als er 1274 im Alter von erst fünfzig Jahren starb, hinterließ er über zwanzig dicke Bücher. Diese hatte er so gut und treffend geschrieben, dass auf ihnen zusammen mit der Heiligen Schrift heute noch die gesamte katholische Glaubenslehre wie auf einem festen und sicheren Fundament begründet ist.
Thomas war erst fünf Jahre alt, als ihn die Eltern zur Erziehung in das berühmte Benediktinerkloster auf dem Cassinoberg zwischen Rom und Neapel brachten, wo zu jener Zeit sein Onkel Sinnibald Abt war. Vater und Mutter, kluge Leute, hatten im Herzen den stillen Wunsch, ihr Sohn solle später des Onkels Nachfolger in der Leitung des mächtigen Klosters werden. Es kam aber anders. Nachdem Thomas seine Studien abgeschlossen hatte, trat er in den Bettelorden der Dominikaner ein. Die Eltern und Geschwister waren entsetzt über diesen Schritt, denn da stürzten mit einem Schlag alle ehrgeizigen Zukunftspläne zusammen. In ihrer Wut bemächtigten sie sich des jungen Ordensmannes, rissen ihm das Ordenskleid in Fetzen vom Leib und hielten ihn ein ganzes Jahr lang im Turm eines ihrer Schlösser gefangen. Thomas ließ sich dadurch jedoch in seinem Sinn nicht irremachen.
Die Freiheitsberaubung des jungen Ordensmannes durch die eigene Familie hat in der damaligen Welt viel Staub aufgewirbelt, so dass schließlich sogar Papst und Kaiser eingriffen, bis endlich wenigstens die Mutter Verstand annahm und dem Eingekerkerten zur Flucht verhalf. Thomas begab sich daraufhin nach Paris und nach Köln am Rhein. Dort wollte er unter der Leitung des heiligen Albert des Großen, des angesehensten Gelehrten seiner Zeit, die unterbrochenen Studien vollenden. Damals trug sich auch die folgende Begebenheit zu.
Thomas, der ein Riese von Gestalt war, etwas dickleibig und im Auftreten unbeholfen und schwerfällig, der wenig sprach und ohne Hintergedanken wie ein Kind jedem traute, galt anfangs als ein Dummkopf, der von den Mitschülern gerne geärgert wurde. Einmal rief ihm ein Mitschüler scherzend zu: „Thomas, komm, komm schnell! Schau, da fliegt ein Ochse durch die Luft!“ Thomas hastete herbei und suchte mit seinen Augen fieberhaft den Himmel ab. Da lachten ihn natürlich alle aus. Nur der Gehänselte lachte nicht, sondern sagte im heiligen Ernst: „Eher sollte man glauben, dass ein Ochse durch die Luft fliegt, als dass der Mund eines Christen lügt.“ So streng urteilte ein Heiliger über eine Lüge, die nicht einmal eine Sünde ist; denn solange man eine Lüge fühlen kann, ist sie nicht sündhaft. Schöner und geradliniger ist es allerdings, wenn man überhaupt nicht lügt, auch nicht aus Scherz.
Aus der Studienzeit von Köln wird vom heiligen Thomas noch eine andere Geschichte berichtet. Einmal musste er nämlich, als die Reihe an ihn kam, während des Essens bei Tisch vorlesen, wie es in den Klöstern üblich ist. Plötzlich schellte der Obere und tadelte den Vorleser, weil er ein Wort falsch ausgesprochen habe. Thomas berichtigte sofort den gerügten Fehler, obwohl er wusste, dass sich der Obere in diesem Fall irrte. Als ihm nachher die Mitschüler sagten, das hätte er nicht tun dürfen, weil er doch im Recht und der Vorgesetzte im Unrecht war, entgegnete der Heilige: „Es liegt nicht viel daran, ob ein Wort richtig oder falsch ausgesprochen wird, wohl aber liegt sehr viel daran, dass man gehorsam ist.“ Da können sich an Thomas jene ein Beispiel nehmen, die, meist zu Unrecht, klüger sein wollen als die Eltern und Lehrer.
Aus dem scheinbar einfältigen Studenten Thomas von Aquin ist später, wie bereits erwähnt, einer der tiefsinnigsten Gottesgelehrten aller Zeiten geworden, dessen Ruhm bis heute noch die Welt erfüllt. Als es dann mit ihm zu Ende ging, fragte ihn im Angesicht des Todes ein Mitbruder: „Thomas, nun sage uns noch das eine! Was ist dir bei all deinem Wissen das Unbegreiflichste gewesen?“ Auf diese Frage gab der Gelehrte eine ganz schlichte Antwort, die jedes Kind versteht, denn er erwiderte: „Das, was ich nie verstanden habe, ist die Tatsache, dass sich ein Mensch abends zur Ruhe legt mit einer schweren Sünde auf dem Herzen. Das habe ich wirklich nie begreifen können.“
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Der berühmteste Gelehrte und Kirchenlehrer stammte aus dem lombardischen Adelsgeschlecht der Grafen von Aquino. Er wurde 1225 in Roccasecca geboren und schon mit fünf Jahren zur Erziehung in das Benediktinerkloster Montecassino gebracht. 1236 setzte er an der Universität in Neapel seine Studien fort und entschloss sich 1243, in den Dominikanerorden einzutreten.
Seine Brüder, die seinen Entschluss, Mönch zu werden, nicht billigten, entführten ihn und hielten ihn auf der väterlichen Burg gefangen. Durch List und mit Hilfe einiger Dominikaner konnte Thomas aus dieser Haft entkommen. Im selben Jahr schickte sein Orden ihn zum Studium an die berühmte Pariser Hochschule.
Von dort zog er 1248 mit seinem Lehrer Albertus Magnus an die neugegründete Universität in Köln. Nach vier Jahren intensiver Studien begann er mit philosophisch-theologischen Vorlesungen seine eigene Lehrtätigkeit in Paris. Von Papst Urban IV. gerufen, leitete er von 1259-1269 die Ordensschulen in Orvieto, Viterbo und Rom; ab 1269 lehrte er wieder in Paris. In dieser wissenschaftlich sehr fruchtbaren Zeit entstand auch seine bedeutsamste Schrift: „Summa theologiae“, die als das Hauptwerk der Scholastik gilt.
1272 kehrte er nach Neapel zurück und reiste zwei Jahre später auf Wunsch Gregors X. zum Konzil nach Lyon. Unterwegs starb er am 7. März 1274 im Zisterzienserkloster Fossanova.
„Zwei seiner Brüder, Landulph und Raynald, welche bei der Armee des Kaiser Friedrich II. dienten, hatten von dieser Reise Kunde erhalten; sie ließen daher alle Wege so sorgfältig bewachen, dass Thomas bei Acqua-Pondente gefangen und ihnen ausgeliefert wurde. Sie versuchten ihn zur Ablegung des Kleides, das er trug, zu bewegen; allein der junge Novize erklärte standhaft, dass ihn nichts dahin bringen könne. Sie brachten ihn daher in seinem Ordenskleid auf das Schloss Monte San Giovanni, das seiner Familie gehörte. Seine Mutter war hoch erfreut, ihn bei sich zu haben, und schmeichelte sich mit dem Gedanken, dass man ihn schon allmählich zur Wahl eines anderen Standes überreden werde. Unter dem Vorwand, dass er ohne die Einwilligung seiner Eltern über seine Freiheit verfügt habe, versuchte sie ihn zu bereden, er gehe nicht den Weg, der ihm von der Vorsehung bestimmt sei. Sie folgerte sodann, dass er sich umsonst auf den Ruf des Himmels stütze, weil dieser dem Gesetz nicht widersprechen könne, welches die Kinder verpflichte, nichts ohne die Zustimmung der Eltern zu tun. Die Mutter brachte noch andere Gründe vor, denen sie durch Bitten, Tränen und Liebkosungen neue Kraft zu geben wusste. Man weiß, wie beredt die Natur in solchen Umständen ist. Thomas blieb nicht ungerührt bei dem Schmerz seiner Mutter; allein dieses Gefühl wusste er in den Schranken der Pflicht zu halten. Er antwortete ihr mit bescheidener und ehrfurchtsvoller Festigkeit, er habe alles wohl erwogen, sein Beruf komme gewiss von Gott und er sei entschlossen, demselben, was es ihn auch kosten möge, zu folgen. Die Gräfin, da sie ihre Hoffnung vereitelt sah, geriet in heftigen Zorn, machte ihrem Sohn die bittersten Vorwürfe, ließ ihn in enge Verwahrung bringen, und erlaubte nur seinen zwei Schwestern, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen.
Man stelle sich die Anstürme vor, welche Thomas von Seiten seiner Schwestern zu bestehen hatte. Sie griffen seine Standhaftigkeit mit allen Mitteln an, welche die Zärtlichkeit zu erfinden vermag. Sie schilderten ihm vor allem in den lebhaftesten Farben den Schmerz der trostlosen Mutter, der durch nichts als seine Rückkehr geheilt werden könne. Der Heilige, stets unerschütterlich, antwortete nur durch ergreifende Reden über die Verachtung der Welt und die Liebe zur Tugend.
Unterdessen kamen Landulph und Raynald vom Heer zurück und fanden bei ihrer Ankunft ihre Mutter ganz in Trostlosigkeit versunken, Thomas aber eben noch so fest entschlossen wie vorher. Diese Lage, die sie vielleicht nicht erwarteten, brachte sie auf Ideen, welche die Menschlichkeit sowohl als auch die Religion missbilligten. Die erste gewalttätige Handlung, die sie an ihm verübten, war, dass sie ihn in den Schlossturm sperrten. Sein Ordenskleid zerrissen sie in Stücke, überhäuften ihn mit Schmähungen und fügten ihm tausend andere Misshandlungen zu. Da nichts imstande war, den Heiligen zu erschüttern, benützten sie ein Mittel, das ihnen nur der Geist der Finsternis eingeben konnte. Sie führten eine der schönsten Buhlerinnen des Landes in sein Gemach und versprachen ihr eine große Belohnung, wenn sie ihn verführen würde. Diese Unglückselige bot alles auf, was eine solche Frau durch List und Unverschämtheit vermag. Thomas, obgleich bestürzt über die Gefahr, in welcher er seine Unschuld ausgesetzt sah, verlor den Mut nicht. In demütigem Misstrauen zu sich selbst, rief er den Gott der Reinheit um Beistand an. Dann ergriff er einen glühenden Brand, ging auf die schändliche Buhlerin los und jagte sie mit dieser Waffe zum Zimmer hinaus.
Es verflossen ein oder sogar nach einigen Schriftstellern zwei Jahre und Thomas war noch im Schloss eingekerkert. Papst Innozenz IV. und Kaiser Friedrich II., die von der grausamen Verfolgung, welche er leiden musste, Nachricht erhielten, verwendeten sich mit vieler Anteilnahme für dessen Befreiung. Sie ließen bei seiner Mutter und seinen Brüdern für ihn sprechen, so dass diese endlich auch zu menschlicheren Gesinnungen zurückkehrten. Die Gräfin schien sogar nicht abgeneigt, heimlich die Flucht ihres Sohnes zu begünstigen. Die Dominikaner von Neapel, von ihrer Denkweise benachrichtigt, schickten einige Ordensbrüder verkleidet in das Schloss Monte San Giovanni; diese fanden sich zur bestimmten Stunde am Turm ein, empfingen den Heiligen, den seine Schwester in einem Korb hinabließ, in ihre Arme, und führten ihn freudevoll in ihr Kloster. Thomas legte im folgenden Jahr die Gelübde ab. Der Tag, an dem er Gott das Opfer seiner Freiheit darbrachte, schien ihm der schönste seines Lebens; er brachte ihn zu in den Übungen der innigsten Frömmigkeit. Indessen missbilligten es seine Mutter und seine Brüder laut, dass er die Gelübde abgelegt habe; sie unterschoben ihm niedrige Beweggründe, und brachten ihre Klagen vor den Heiligen Stuhl. Der Papst berief sogleich den jungen Ordensmann nach Rom, um seine Berufung zum Klosterstand zu prüfen. Seine Antworten befriedigten ihn auf das vollkommenste, und seine Tugenden setzten ihn in Erstaunen. Er billigte dessen gewählte Lebensweise und erlaubte ihm, darin zu beharren. Seit dieser Zeit ward unser Heiliger nicht mehr durch seine Familie beunruhigt.
Da unterdessen der Dominikanergeneral Johannes Teutonius eine Reise nach Paris machte, nahm er unseren Heiligen mit sich. Danach schickte er ihn nach Köln, wo Albert der Große Theologie lehrte. Thomas wohnte den Vorträgen dieses trefflichen Lehrers bei und widmete alle Zeit, die ihm die Religionspflichten übrig ließen, den höheren Wissenschaften. An seiner Lernbegierde hatte aber Ruhmsucht nicht den mindesten Anteil, und die außerordentlichen Fortschritte, welche er bald machte, wusste seine Demut zu verbergen. Aus demselben Beweggrund beobachtete er auch ein strenges Stillschweigen, welches aber seine Mitschüler als Stumpfsinn ansahen. Man nannte ihn daher spottweise den stummen Ochsen, oder den großen Ochsen aus Sizilien. Es ereignete sich sogar einmal, dass sich einer seiner Mitschüler anbot, ihm den Lehrvortrag zu erklären, um ihm dessen Verständnis zu erleichtern. Thomas nahm mit innigem Dankgefühl das Angebot an, obgleich er damals schon Lehrer der andern hätte sein können. Eine solche Demut war um so verdienstvoller vor Gott, als studierende Jünglinge sonst geneigt sind, ihre Fähigkeiten glänzen zu lassen, und ihre Überlegenheit gegenüber anderen zu zeigen. Allein Gott, der seine Diener umso mehr zu verherrlichen weiß, als sie von aller Ruhmbegierde entfernt sind, fügte es, dass man bald in dem Heiligen einen großen und durchdringenden Geist, der mit vielen Kenntnissen und einer gründlichen Beurteilungskraft ausgestattet war, erkannte. Als ihn Albert über sehr dunkle Gegenstände fragte, antwortete er mit solcher Richtigkeit und Kürze, dass alle Zuhörer in Verwunderung gerieten und Albert selbst vor Freude entzückt, ausrief: „Wir nennen Thomas den stummen Ochsen, allein seine Gelehrsamkeit wird einst brüllen, dass man ihn auf der ganzen Erde hören wird.“
Zahlreiche Attribute werden dem Heiligen zugeordnet. Dargestellt wird er im weißen Dominikanerhabit mit Skapulier und Kapuze, ein offenes Buch haltend. Kelch und Monstranz in seinen Händen sollen an seine innige Frömmigkeit, an seine Hymnen und an das Fronleichnamsoffizium, das er verfasst hat, erinnern. Die Taube am Ohr ist das Symbol für seine übernatürliche Erleuchtung, und die Lilie in seiner Hand deutet auf sein engelgleiches reines Leben hin. Mitra und Stab zu seinen Füßen zeigen an, dass er alle kirchlichen Ämter und Würden abgewiesen hat. Sein ganz besonderes Kennzeichen ist jedoch ein Stern oder ein Edelstein oder eine Strahlensonne, die er auf der Brust trägt.
Thomas von Aquin ist der Patron aller katholischen Hochschulen, der studierenden Jugend, der Buchhändler und Bleistiftfabrikanten. Er schützt die Keuschheit und hilft gegen Blitz und Sturm.
Weil der bisherige Festtag, der 7. März, wegen der Fastenzeit oft nicht gefeiert werden konnte, wurde der Gedenktag auf den 28. Januar verlegt.
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St. Thomas von Aquin
Dem Orden des hl. Dominikus gebührt der Ruhm, unter die Schar seiner Mönche den größten Gottesgelehrten aller Zeiten und Nationen zu zählen, einen Mann, der viel genannt wurde, da durch eine Verfügung des Heiligen Vaters Pius X. seine Werke neuerlich allen Theologiestudierenden dringendst zum intensivsten Studium anempfohlen wurden, da sie hervorragenderweise geeignet sind, den Priestern jene tiefe philosophische Bildung zu geben, die nötig ist, um den modernen Irrtümern gewappnet entgegentreten zu können. Dieser Mann ist Thomas von Aquin, geb. 1226, gest. 1274.
Thomas war der Sohn des Grafen von Aquin, Herrn von Loretto und Bebastro, der aus königlichem Geblüt stammte und mit Kaiser Friedrich II. verschwägert war. Auf dem Schloss Roccasicca wuchs der Junge bis zu seinem 5. Lebensjahr heran, dann wurde er in die Klosterschule der Mönchsburg Monte Cassino gebracht, um hier die Grundbildung in allen Wissenschaften zu empfangen. Schon da erkannten seine Erzieher, dass dieses Kind von Gott mit ganz außergewöhnlichen Talenten und Gnadenvorzügen bedacht sei. Nach sechs Jahren erklärten sie, dass der Junge in Monte Cassino nichts mehr zu lernen habe, dass der Zwölfjährige für die Hochschule reif sei. Der Graf holte seinen Sohn heim, er sollte einige Zeit die Freiheit und die Freuden der Jugend genießen. Alles war alsbald über Thomas entzückt. Seine Liebenswürdigkeit und Anmut, seine Sanftmut und Frömmigkeit gewann ihm aller Herzen. Auch am väterlichen Schloss, wo es an Festen und Zerstreuungen nicht fehlte, studierte er weiter und schien überhaupt dem höfischen Treiben wenig Gefallen abzugewinnen. Zwei Jahre später bezog Thomas die Universität in Neapel. Hier ging er bereits ganz andere Wege als die übrigen Studenten, die ihn umsonst zu ihrem tollen Leben zu gewinnen versuchten. Die Zeit teilte er sich in Studium und Gebet und nichts liebte er mehr, als vor einem Tabernakel die Liebe und Weisheit des Heilandes zu betrachten. Die Erholungszeit verbrachte der junge Mann gerne in einem neugegründeten Dominikanerkloster, dessen innigfromme, hochgelehrte Priester ihn ungemein anzogen. Und doch kam es aller Welt unerwartet, als es eines Tages hieß, der Sohn des Grafen von Aquin ist Novize eines Bettelordens geworden. Ohne Wissen der Eltern, deren Einwilligung er nie erhalten hätte, aber in vollster Überzeugung eines gottgewollten Berufes, hatte Thomas den entscheidenden Schritt getan. Um ihn vor Verfolgung zu schützen, sandten die Oberen den jungen Mann über Rom nach Paris. Doch unterwegs lauerten ihm seine zwei Brüder auf, die im kaiserlichen Heer dienten, und brachten ihn gefangen nach Roccasicca. Eltern und Geschwister versuchten durch alle Mittel, durch Güte wie auch durch Misshandlung seinen Sinn zu ändern – umsonst! So flammend sprach er von der Liebe Gottes und den ewigen Gütern, dass er dadurch sogar seine älteste Schwester, die bereits verlobt war, zu dem Entschluss brachte, sich gleich ihm Gott zu weihen. Diese Schwester war es auch, die ihn nach zwei Jahren rettete, indem sie ihn in einem Korb vom Gefangenenturm in die Tiefe ließ, wo ihn Dominikaner erwarteten. Bald darauf legte Thomas die heiligen Gelübde ab. Die Eltern klagten nun ihren unbotmäßigen Sohn beim Heiligen Vater an, der Thomas kommen ließ und seinen Beruf prüfte. Er erkannte klar die Heiligkeit und Unschuld des Verfolgten, nahm sich seiner an und seit der Zeit beunruhigte ihn seine Familie nicht mehr. – So ist es immer: schenkt Gott jemand wirklich einen hohen Beruf und türmen sich Berge vor dem Ziel, der den Beruf gibt, gibt die nötige Kraft und räumt die Hindernisse beiseite, wenn es Zeit ist.
Nun reiste der junge Ordensmann nach Köln, um die Vorträge des weltberühmten Dominikaners Albertus Magnus zu hören. Später folgte er diesem Meister der Scholastik nach Paris. Unermüdlich studierte Thomas unter der großartigen Anleitung und der Meister sah bald in ihm den Stern, der seine eigene Wissenschaft überstrahlen würde. Nicht kleinere Fortschritte machte er in der Heiligkeit. Stieß er im Studium auf Schwierigkeiten, so eilte er zum Tabernakel oder unter das Kreuz. Im Gebet fand er alle Erleuchtung, das demütige Gebet war die Quelle seines erhabenen Wissens. So erklärte Thomas später einmal, er habe weniger aus Büchern als zu Füßen des Gekreuzigten gelernt.
Mit 22 Jahren wurde Thomas zum Lehrer in Köln ernannt und empfing bald darauf die heilige Priesterweihe. Das heiligste Sakrament des Altares ist fortan der Mittelpunkt in des Heiligen innerem und äußerem Leben. Thomas ist ein Heiliger der Eucharistie. Bei der heiligen Messe flossen immer reichlich seine Tränen. Stundenlang, auch des Nachts, kniete er, in Liebe und Anbetung versunken, vor einem Tabernakel. Was er da dachte und fühlte, das legte er in seinen Schriften über die heilige Eucharistie nieder, das quoll wohl auch als Hymne von seinen Lippen, und wer diese heiligen Gesänge heute hört, meint, sie seien den Engeln im Himmel abgelauscht worden. So der Hymnus aus der Messe am Gründonnerstag: „Pange lingua gloriosi . . . Preiset, Lippen, das Geheimnis“, dessen letzte zwei Strophen „Tantum ergo . . .“ und „Genitori, Genitoque . . .“ bei jedem feierlichen Segen angestimmt werden. Dann die herrliche Sequenz von der Fronleichnamsmesse, die das Geheimnis der heiligen Eucharistie in ganzer Vollständigkeit und schlichter Erhabenheit besingt: „Lauda Sion, Salvatorem . . . Deinem Heiland, deinem Lehrer . . .“, dann die zwei Lobgesänge von der Fronleichnamsprozession: „Sacris Solemniis juncta sint gaudia . . . Lasset am heiligen Fest heut uns fröhlich sein . . .“, „Verbum supernum prodiens . . . Das ew`ge Wort im Himmel hoch . . .“ und endlich der „Hymnus zum heiligsten Sakrament“, dem ein Teilablass verliehen ist, so er nach der heiligen Kommunion gebetet wird. Dieses weniger bekannte, innigfromme Lied lautet:
„In Demut bet` ich dich, verborgne Gottheit, an,
Die du den Schleier hier des Brotes umgetan.
Mein Herz, das ganz in dich anschauend sich versenkt,
Sei ganz dir untertan, sei ganz dir hingeschenkt.
Gesicht, Gefühl, Geschmack betrügen sich in dir,
Doch das Gehör verleiht den sicheren Glauben mir.
Was Gottes Sohn gesagt, das glaub` ich hier allein,
Es ist der Wahrheit Wort, und was kann wahrer sein?
Am Kreuzesstamme war die Gottheit nur verhüllt,
Hier hüllt die Menschheit auch sich gnädig in ein Bild;
Doch beide glaubt mein Herz und sie bekennt mein Mund,
Wie einst der Schächer tat in seiner Todesstund`.
Die Wunden seh` ich nicht, wie Thomas einst sie sah;
Doch ruf` ich: Herr, mein Gott, du bist wahrhaftig da!
Wascht alle Sünder rein, stellt alle schuldenfrei.
O Jesu, den verhüllt jetzt nur mein Auge sieht,
Wann stillst das Sehnen du, das in der Brust mir glüht,
Dass ich enthüllet dich anschau` von Angesicht
Und ewig selig sei in deiner Glorie Licht? – Amen.“
Von Köln weg, wo der junge Lehrer hohe Berühmtheit erlangt hatte, kam er als Lehrer der Theologie nach Rom. Hier wie dort gewann er die weitesten Massen durch seine unvergleichlichen, zündenden Predigten. Auch seine Angehörigen durfte er Gott zuführen. Neben dem anstrengenden Beruf eines Hochschullehrers schrieb Thomas unermüdlich Werke über Philosophie und Theologie, in denen er sein gotterleuchtetes Wissen niederlegte. Bis zu seinem Ende blieb Thomas so demütig, dass er alle Ehrenstellen, die ihm vom Papst angetragen wurden, zurückwies.
Über seine Werke war er oft unruhig, ob sie doch – alle die 18 Folianten – nichts gegen die katholische Lehre enthielten. Gott selbst gab ihm Antwort. Als er einst in Neapel vor einem Kruzifix betete, fiel er in Extase und hörte die Worte: „Thomas, du hast gut von mir geschrieben; welche Belohnung begehrst du dafür?“ Da erwiderte der Heilige: „Keine andere, als dich, o Herr!“ – Und der große Lohn kam bald. Von übergroßer Geistesarbeit geschwächt, begann Thomas zu kränkeln. Der Papst sandte ihn als Verteidiger der katholischen Lehre gegen die Griechen zum Konzil von Lyon (1274). Unterwegs erkrankte der Heilige so heftig, dass er in der Zisterzienser-Abtei in Fossa Nuova die Fahrt unterbrechen musste. Als er die Pforte durchschritt, sagte er: „Hier ist der Ort meiner Ruhe für alle Zeit!“ Schnell schwanden trotz der besten Pflege seine Lebenskräfte und nach einer allgemeinen Beichte und der mit der Andachtsglut eines Heiligen empfangenen heiligen Wegzehrung verschied der Fürst der Gottesgelehrten sanft und leicht.
Er wurde 1567 von Pius V. zum Doctor ecclesiae (Kirchenlehrer) und 1880 von Leo XIII. zum „Patron der studierenden Jugend und der Schulen“ ernannt. Er heißt auch „Doctor angelicus“ – der englische Kirchenlehrer – da er durch eine besondere Gnade keine Anfechtungen gegen seine Unschuld zu leiden hatte.
In der langen Reihe deutscher Herrscher hat keiner den Kaiserthron so sehr geziert und der vollen Blüte des Christentums so eifrig gedient, als der erste deutsche Kaiser, Karl, mit vollem Recht „der Große“ genannt. So eifrig sich die Feinde des Christentums auch bemüht haben, die Verdienste Karls zu schmälern, seinen Lebenswandel zu verdächtigen und seine Taten herabzuwürdigen, so werden sie ihm doch kaum ein zweites Muster eines christlichen Regenten an die Seite stellen können. Hier soll nicht die Rede sein von seiner Weisheit und Festigkeit in seiner Regierung, nicht von seinen Großtaten in Kriegen und Schlachten, nicht von Deutschlands Größe und Machtstellung in der christlichen Welt, deren Gründer er war, vielmehr soll nur das berührt werden, was ihn groß und herrlich gemacht hat in den Augen Gottes.
Karl, 742 geboren, war ein Sohn des Frankenkönigs Pipin und der griechischen Prinzessin Bertha. Von seinen Eltern erhielt der reichbegabte Sohn eine sorgfältige Erziehung. Nach dem Tod seines mächtigen Vaters wurde er zum König gekrönt (768). Karls höchstes Ziel war das Glück seines Volkes, und da er erkannte, dass nur im Christentum das wahre Glück der Seelen, Bildung, Kunst und Wissenschaft gedeihen, so strebte er mit allem Eifer nach Ausbreitung der katholischen Kirche, die er wie seine eigene Mutter verehrte.
Da die Sarazenen in Spanien die Christen hart bedrängten, unternahm er gegen sie einen Feldzug. Dann wandte er sich gegen die kriegerischen Sachsen, die öfters verwüstend in sein Reich einfielen und die Glaubensboten ermordeten. Der Sachsenkrieg dauerte 32 Jahre und wurde seitens der heidnischen Sachsen mit großer Erbitterung geführt. Nachdem ihr Nationalheiligtum, die Irminsäule, zerstört war und ihr Herzog das Christentum angenommen hatte, pflanzte Karl überall das Kreuz auf und ließ Priester zurück, um das Volk zu unterrichten und mit den Segnungen des Christentums zu beglücken. Zweimal zog Karl mit seiner Heeresmacht über die Alpen, um die Päpste Hadrian I. und Leo III. vor den Bedrängungen der Langobarden zu schützen.
Im Jahr 800 feierte Karl das Weihnachtsfest in Rom. Während er, ganz in Andacht vertieft, im Hochamt demütig auf den Knien lag, trat Papst Leo III. vor ihn hin und setzte ihm feierlich die Kaiserkrone aufs Haupt. Der Petersdom widerhallte von dem begeisterten, tausendstimmigen Jubelruf des Volkes: „Leben und Sieg dem von Gott gekrönten Kaiser der Römer!“ War die Kaiserkrone durch die ohnmächtigen und selbstsüchtigen Cäsaren des Morgenlandes entweiht, so sollte sie auf dem Haupt des ersten abendländischen, römisch-katholischen Kaisers neuen Glanz entfalten. Um seinen Untertanen die Segnungen des christlichen Glaubens, der Bildung des Geistes und Herzens zuwenden, und selbst in den sittlichen und bürgerlichen Tugenden befestigt zu werden, berief er fromme und gelehrte Männer aus Italien und England an seinen Hof, errichtete 24 Klöster und stattete sie mit reichlichen Einkünften aus, stiftete zwei Erzbistümer und neun Bistümer, baute 27 neue Kirchen, versah sie mit reichem Schmuck und kostbaren Gefäßen, sorgte für die Würde und den Glanz des Gottesdienstes, führte einen erbaulichen Kirchengesang ein, errichtete zahlreiche Volksschulen, zwei Hochschulen zu Paris und Pavia, ließ viele Bücher abschreiben und errichtete Bibliotheken, wodurch kostbare Schätze der Wissenschaft der Nachwelt erhalten wurden.
Mit dem größten Eifer förderte Karl die christliche Lehre und Zucht. Die Bischofswahl legte er in die Hände der Geistlichkeit und des Volkes, die Verordnungen Roms waren für sein ganzes Reich maßgebend, den gregorianischen Kirchengesang verpflanzte er nach Frankreich und Deutschland, die Bischöfe und Äbte hatten Sitz und Stimme in den Reichsversammlungen, die Kirchengüter schützte er als Opfer der Gläubigen und Erbteil der Armen. Sobald sich Irrtümer zu verbreiten drohten, versammelte er die Bischöfe zum Konzil, um die rechte Lehre gegen Ketzerei zu schützen. Auf Zucht und fromme Sitte hielt er mit allem Eifer. Oft besuchte er die Schulen, belobigte die Fleißigen und tadelte die Trägen. Er wollte sein Volk nicht nur zeitlich, sondern auf ewig glücklich machen.
Zeigte sich Kaiser Karl als unbesiegbaren Kriegshelden, als weisen und tatkräftigen Herrscher, so glänzte er nicht minder durch seine Tugenden im Privatleben. Er beobachtete in Speise und Trank strenge Mäßigkeit, hielt die Fasten genau wie ein Mönch, trug, außer bei feierlichen Gelegenheiten, ein einfaches Kleid, das ihm seine Gattin Hermengarde gesponnen und gewebt hatte, und unter dem ein härenes Bußhemd. Täglich wohnte er dem Gottesdienst und in der Nacht dem Chorgesang bei, selbst auf seinen Feldzügen mussten ihn immer Geistliche begleiten und das heilige Messopfer im Feldlager halten. Mochte er noch so sehr beschäftigt sein in Staatsdiensten, niemals versäumte er seine religiösen Pflichten. Sehr gern beschäftigte er sich mit dem Lesen geistlicher Bücher, selbst während der Mahlzeit ließ er sich aus dem Werk des heiligen Augustinus, „die Stadt Gottes“, abschnitte vorlesen. Oft saß er zu den Füßen seines Lehrers Alkuin, um von ihm zu lernen. Allen Armen und Hilfsbedürftigen nicht nur in seinem weiten Reich, sondern auch in den fernsten Ländern, teilte er so reiche Almosen aus, dass sein Schatz oft erschöpft war.
Die letzten Lebenstage Karls des Großen wurden durch den schmerzlichen Verlust seiner beiden hoffnungsvollsten Söhne, Pipin und Karl, getrübt. Als er seinen baldigen Tod verspürte, ließ er seinen Sohn Ludwig nach Aachen kommen, versammelte die Bischöfe und Großen des Reiches in der prachtvollen, von ihm erbauten Marienkirche, legte seine Kaiserkrone auf den Altar, bestimmte Ludwig zu seinem Nachfolger und legte ihm feierlich seine Regentenpflichten ans Herz mit den Worten: „Liebe Gott und halte heilig seine Gebote! Trage Sorge für die Kirche Jesu Christi und schütze sie alle Zeit gegen Boshafte! Ehre die Priester als deine Väter und liebe die Untertanen wie deine Kinder! Den Klöstern und Armen sei ein Tröster, wähle nur gerechte und gottesfürchtige Richter und betrage dich selbst vor Gott und den Menschen unsträflich!“ Nachdem Ludwig dies zu befolgen mit lauter Stimme versprochen hatte, fuhr er fort: „Nimm nun die Krone vom Altar als aus der Hand Gottes, setze sie dir selbst auf zum beständigen Andenken an dein Gelöbnis!“
Nur wenige Monate nach der Krönung Ludwigs ergriff Karl ein heftiges Fieber. Da ließ er den Bischof Hildbold, seinen Vertrauten, rufen und empfing aus seiner Hand die letzte Wegzehrung. Am folgenden Morgen, den 28. Januar 814, fühlte er die Annäherung des Todes. Mit letzter Kraftanstrengung drückte er das Zeichen des heiligen Kreuzes auf Stirn und Brust, legte dann die Hände gefaltet auf der Brust zusammen und sang mit geschlossenen Augen und leiser Stimme: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!“
So entschlief der große Mann im zweiundsiebzigsten Lebensjahr, nach einer sechsundvierzigjährigen glorreichen Regierung. In vollem Kaiserschmuck, mit Krone und Zepter, ein goldenes Evangelienbuch auf den Knien, ein Stück des heiligen Kreuzes auf dem Haupt, die goldene Pilgertasche um die Hüfte, auf einem goldenen Stuhl sitzend, wurde er in der Gruft der Münsterkirche zu Aachen feierlich beigesetzt. Noch lange lebte der Name des großen Karl in den Sagen und Liedern des Volkes fort und viele Jahrhunderte hindurch knüpfte man alles Große und Schöne an den Namen Karls des Großen.
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Aus dem Marianischen Festkalender, Regensburg 1866:
Karl war der Sohn des Frankenkönigs Pipin des Kleinen und dessen Gemahlin Berta, einer griechischen Prinzessin. Er wurde am 2. April 742 geboren. Von seiner Mutter lernte er die griechische Sprache, von seinen Lehrern die lateinische, in der er perfekt sprechen konnte. Ebenso perfekt sprach er die deutsche und fränkische Sprache. Sein Lehrer war der berühmte Alkuin. Von ihm lernte er auch die Sternkunde. Vor allem aber wurde er in der Lehre des Heils gründlich unterrichtet. Die Heilige Schrift des Neuen Testamentes konnte er größtenteils auswendig. Er dichtete mehrere Gesänge und wurde ein trefflicher Redner. Zugleich verlegte er sich auf die Kriegswissenschaft und trat mit fünfzehn Jahren den Kriegsdienst an.
Nach dem Tod seines Vaters 768 wurde er zum König gekrönt. Anfangs regierte er mit seinem Bruder Karlmann dem Jüngeren das Frankenreich. Nach Karlmanns Tod wurde er 771 Alleinherrscher. Er hatte sich ungeachtet der Abmahnung des Papstes Stephanus mit der Tochter des Longobardenkönigs Desiderius vermählt. Diese Ehe wurde als ungültig erklärt, und die Tochter ihrem Vater zurückgesendet. Darauf verehelichte sich Karl mit Hildegardis, der Tochter eines Großen im Schwabenland. Diese gebar ihm drei Söhne und drei Töchter.
Im Jahr 799 hatte Papst Leo III. in seinen Bedrängnissen zum Frankenkönig Karl seine Zuflucht genommen und war nach Paderborn gekommen. Im darauffolgenden Jahr unternahm Karl den großen Römerzug zum Schutz des Papstes. Hier wurde er am Weihnachtsfest, als er eben dem Gottesdienst beiwohnte, vom Papst als Kaiser des Abendlandes gekrönt und als Schirmvogt der Kirche erklärt. Das ganze Volk jubelte und rief ihm zu: "Dem von Gott gekrönten Carolus Augustus, dem großen und friedfertigen Kaiser der Römer Leben und Sieg!"
Merkwürdig ist die Bekehrung des Sachsenherzogs Wittekind. Er hatte sich lange gegen die Annahme des Christentums gesträubt. Da kam er einst am heiligen Osterfest als Bettler verkleidet in das Lager der Franken, um darin auszuspähen. Eben wurde Gottesdienst gefeiert und die heilige Kommunion ausgeteilt. Der mächtige Kaiser Karl lag auf seinen Knien vor dem Altar, durch Demut und Andacht ausgezeichnet vor allen. Dies machte einen solchen Eindruck auf den Herzog, dass er sogleich Belehrung über das erhabenste Geheimnis des Christentums verlangte und aus freier Überzeugung den Glauben annahm. Von nun an war er ein treuer Vasall des Kaisers.
Als Schützer der Kirche nahm der Kaiser sich nicht bloß des Papstes in seiner Bedrängnis an, sondern er errichtete neun neue Bistümer und sorgte dafür, dass die Neubekehrten tüchtige Bischöfe und Seelsorger erhielten.
In Übereinstimmung mit dem Oberhaupt der Kirche gab der große Kaiser Gesetze zur Ordnung der kirchlichen Zucht und der christlichen Sitte. Er ordnete die Sammlung der Episteln und Evangelien an, die an den Sonn- und Festtagen des Jahres den Gläubigen vorgelesen und erklärt werden sollen. Diese Anordnung besteht noch bis auf den heutigen Tag und ist so ausgezeichnet, dass sie selbst ein protestantischer Theologe des 18. Jahrhunderts ein Werk göttlicher Eingebung nennt. Durch einen gewissen Diakon Paulus ließ er die Lebensgeschichten der Heiligen zusammenschreiben, damit man sie an den treffenden Tagen den Gläubigen vorlesen konnte. Ebenso veranstaltete er eine Sammlung der Konzilsbeschlüsse, woraus die Geistlichen die Gesetze und Anordnungen der Kirche lernen konnten.
Die Verherrlichung des Gottesdienstes lag ihm ganz besonders am Herzen. Er erbaute Kirchen und versah sie mit notwendigem Schmuck. Von den Geistlichen verlangte er, dass sie über die Reinlichkeit aller Kirchengeräte wachen und die Zierde des Hauses Gottes lieben sollten. Er beförderte mit allem Eifer den Chor- und Psalmengesang. Immer sang er selber mit, wenn er dem Chor beiwohnte, was in den letzteren Jahren seines Lebens fast alle Tage geschah. Hörte er einen falsch singen, so wies er ihn zurecht.
Die von diesem großen Fürsten erbaute Kirche ist heute noch das Ziel häufiger Wallfahrten. Von allen Seiten ziehen die Gläubigen in Menge dahin, um dort die Barmherzigkeit und Macht Mariä anzurufen.
Die letzteren Jahre seines Lebens widmete der mächtige Kaiser, wie schon erwähnt, ganz vorzüglich den Werken der Buße und der Andacht. In seinem eigenen Haus wurden ihm, wie einst dem König David, viele Leiden bereitet, die er mit bewunderungswürdiger Geduld ertrug. Sein ruhmvolles Leben beschloss der große Kaiser den 28. Januar 814 in einem Alter von zweiundsiebzig Jahren, nachdem er siebenundvierzig Jahre das Reich der Franken regiert und vierzehn Jahre die römische Kaiserkrone getragen hatte. Er starb zu Aachen. Seine Leiche wurde in dem von ihm daselbst erbauten Dom beigesetzt.
1. Das Leben im Glauben erhebt das Herz über alle wandelbaren Dinge dieser Welt, um es mit Jesus, dem Urheber und Vollender unseres Glaubens, vollkommen zu vereinigen. Sehr liebevoll spricht der Apostel hierüber: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat." (Galater 2,20) Wer in diesem Glauben, in dieser innigen Vereinigung lebt, und der Liebe Jesu sich vollkommen zum Opfer gebracht hat, der lebt im Glauben des Sohnes Gottes wie ein Kind im Schoß der liebenden und geliebten Mutter, in großer Ruhe und in einem seligen Frieden, den nichts auf dieser Welt zu erschüttern vermag.
2. Belebe deinen Glauben durch lebendige Liebe. Denn wie dieser liebeflammende Apostel, also kannst auch du in voller Wahrheit sagen: "Er hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben." Nicht einen Engel, nicht einen Cherub, sich selbst hat er zum Opfer für dich hingegeben. Denn nur in so fern konnte Judas ihn verraten, als er selbst sich wollte verraten lassen. Nichts auch konnte die gottesmörderische Synagoge ihm antun, außer was er ihr erlaubte. Denn "er wurde geopfert, weil er selbst es wollte". (Jesaja 53) Freiwillig gab er, der gute Hirt, sein Leben für seine Schafe.
3. Unermesslich war das Leiden Jesu, aber noch unermesslicher seine Liebe. Er starb für alle, und starb für dich insbesondere. Denn so lebendig war sein Verlangen, jede einzelne Seele von der ewigen Verdammnis zu erretten, dass er mit Freuden für jede einzelne den Tod erlitten hätte, wenn nicht die Hochverdienste seines einen göttlichen Opfertodes unendlich und überreichlich gewesen wären, alle Sünder zu erlösen. Diese Betrachtung durchdrang alle heiligen Seelen so tief, dass ihr Herz in unsagbarer Liebe sich auflöste. Und erwägst du diese ergreifende Wahrheit, dann wirst auch du mit dem nämlichen Apostel ausrufen: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (Römer 8,35.38+39)
Demütigste Jungfrau Maria, durch deine Demut hast du deinem Gott so große Liebe zu dir gegeben, dass du ihn sogar dadurch bewogen hast, dein Sohn und unser Heiland zu werden. Ich weiß es, dass dein Sohn dir nichts abschlägt, um was du ihn bittest. Sage ihm also, dass ich ihn allein lieben will. Bitte ihn, er möge mir alle Beleidigungen, die ich ihm zugefügt habe, vergeben, bitte ihn, er möge mir die Gnade der Beharrlichkeit im Guten verleihen. Mit einem Wort, empfiehl ihm meine Seele, denn ein Sohn, der dich so innig liebt, kann dir nichts abschlagen. O Maria, du musst machen, dass ich selig werde, du bist meine Hoffnung. Amen.
Zu Gott auf Fürbitte der heiligen Angela
O Gott, der Du die heilige Angela zum Unterricht der Jugend ihres Geschlechtes berufen hast, gib uns durch ihre Verdienste und Fürbitte die Gnade, Dich über alles, und den Nächsten deinetwegen zu lieben, und ihn zu allem Guten anzuweisen, damit wir einst von Dir in den Himmel aufgenommen werden, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Der heilige Johannes,
Bischof, wegen seiner Beredsamkeit Chrysostomus, d.h. Goldmund genannt, wurde öfters durch lauten Beifall seiner Zuhörer unterbrochen. "Ihr lobt meine Predigt", sagte er einmal, "hört lieber still und aufmerksam zu, und tut dann, was ich euch lehre."
Lassen wir niemals den Samen des göttlichen Wortes nutzlos auf das Erdreich unserer Seele fallen, dass es nicht einst gegen uns aufstehe am Tag der ewigen Ernte, und uns richte als treulose Knechte, die den Willen ihres Herrn wohl erkannten, aber nicht befolgten.
Prüfe dich besonders über zwei Fehler: Das göttliche Wort mehr auf andere als auf sich selbst anzuwenden, und dann leichtsinnig, ohne Andacht und Ehrerbietung davon zu reden, etwa den Prediger, seine Person, Stimme, Vortrag zu beurteilen.
Bete darum, Nutzen aus der Predigt zu ziehen.
Höre Gottes Wort und wend es auf dich an,
Dann gehst du auf der rechten Bahn.
Andenken an die seligste Jungfrau
An diesem Tag im Jahr 1611 wurde das berühmte Bildnis der seligsten Jungfrau, das der heilige Lukas gemalt hat, aus der Kirche Maria Major zu Rom in die Kirche auf dem Berg Esquilinus mit großer Pracht unter Papst Paul V. übertragen.
Nach dem Tod des Papstes Martinus, wurde der heilige Vitalianus am Ende des Monats Juli im Jahr 656 zu dessen Nachfolger erwählt. Er war zu Segin in Italien geboren und hatte sich durch ein heiliges Leben und durch eine tiefe Gelehrsamkeit unter seinen Zeitgenossen ausgezeichnet. Mutig verteidigte er gegen die Feinde der Kirche die Reinheit der christlichen Lehre und hielt auf strenge Ordnung bei seiner Geistlichkeit. Den Bischof von Ravenna, den er fruchtlos zum schuldigen Gehorsam ermahnt hatte, belegte er mit dem Kirchenbann, und Ferrara erhob er zu einem Bischofssitz. Als sich die griechischen Bischöfe gegen ihn empörten und ihn nicht als Oberhaupt der Kirche anerkennen wollten, wendete er sich an den Kaiser, indem er eine verderbliche Trennung befürchtete und durch dessen Verwendung wurde der Friede erhalten. Er war ein wachsamer Kirchenhirt und sorgte vorzüglich für die Verbreitung des Christentums in England, weswegen unter seiner Regierung in Frankreich, Spanien und England viele Kirchenversammlungen gehalten wurden. Durch seine Bemühungen wurde der Kirchengesang verbessert und in Ordnung gebracht und, wie mehrere Schriftsteller behaupten, führte er beim Gottesdienst die Orgeln ein. Vierzehn Jahre und sechs Monate regierte er die Kirche Christi mit ausgezeichnetem Ruhm und stand sowohl beim Kaiser und anderen christlichen Regenten in einem so hohen Ansehen, dass er von ihnen für die Kirche wichtige Begünstigungen und Freiheiten erhielt. Er starb am 27. Januar im Jahr 672.
Zu Desenzano, am südlichen Gardasee, wurde die spätere Gründerin der Ursulinen am 21. März 1474 geboren. Den Frauenorden, der sich insbesondere um die Erziehung und den Unterricht der Mädchen kümmert, gründete sie 1535. Angela Merici stellte ihn unter das Patronat der heiligen Ursula und wurde 1537 zur ersten Oberin der Ursulinen gewählt. Sie starb am 27. Januar 1540 zu Brescia in Oberitalien.
„Angela wurde 1470 zu Desenzano am Gardasee von unbemittelten Eltern geboren und in heiliger Gottesfurcht erzogen. In ihrem Herzen lag der gesunde Keim einer tiefen Religiosität, der von dem Eifer und der Wärme ihrer frommen Mutter geweckt und gepflegt, im friedlichen und wohlgeordneten Familienkreis gar lieblich sich entfaltete. Sie hatte zierliche blonde Haarlocken, welche in Italien für eine auszeichnende Schönheit gelten, ihr süße Schmeicheleien eintrugen und natürlich auch die Prophezeiung, dass sie einen reichen Mann bekommen werde; aber sie wollte nur Gott und nicht der Welt gefallen und – färbte ihren Hauptschmuck schwarz. Nur zu bald verhüllte eine finstere Wolke die Maisonne ihres jugendlichen Glückes, das kalte Grab schloss sich über den teuren Leichen ihrer Eltern, und sie kam mit ihrer inniggeliebten Schwester zum Oheim nach Salo.
Hier hatten sie zwar volle Freiheit, dem Gebet und frommen Übungen sich hinzugeben; aber der Drang nach vollkommener Einsamkeit verleitete die Schwestern zu der jugendlichen Unbesonnenheit, dass sie heimlich das Haus verließen und einige Stunden von Salo entfernt in einer Höhle sich verbargen. Der besorgte Oheim fand sie nach langem Suchen und führte die Reumütigen wieder heim. Sie lebten nun so abgeschieden von der übrigen Welt und in so heiliger Schwesterliebe, dass man sie die „zwei Turteltauben von Salo“ hieß. Aber kurze Zeit darauf zerschnitt der Tod das schöne Liebesband; Angela weinte bittere Schmerzenstränen an dem blumenbekränzten Grab ihrer teuren Schwester, das sie Tag und Nacht fast nicht verlassen konnte. Doch Gottes Güte heilte diese Wunde mit der Hoffnung des Wiedersehens und gab ihr den Mut, Ihn allein aus ganzem Herzen zu lieben. Sie empfing – schon dreizehn Jahre alt – die erste heilige Kommunion und fand in dem „Brot der Engel“ eine solche Süßigkeit, dass sie, um öfters kommunizieren zu können, in den Dritten Orden des heiligen Franz von Assisi eintrat. Jesus in der heiligen Hostie war ihr Alles, ihr Höchstes, ihr Liebstes, weshalb sie das Fasten und die Abtötung in Kleidung und Wohnung mit äußerster Strenge beobachtete.
Nach dem Ableben des Oheims begab sich Angela in ihre Heimat Desenzano, entschlossen, sich dem religiösen Unterricht der weiblichen Jugend zu widmen. Darin wurde sie bestärkt durch ein Gesicht, womit sie während des Gebetes begnadigt wurde. Sie sah eine Schar glänzender Jungfrauen mit Kronen auf dem Haupt und Lilien in den Händen, links und rechts von Engeln begleitet, auf einer Leiter zum Himmel emporsteigen und hörte eine Stimme: „Angela, du wirst die Erde nicht verlassen, bis du einen Verein von Jungfrauen, wie du sie jetzt geschaut, wirst gestiftet haben.“ Sie schloss sich an einige Ordensschwestern an, versammelte die jungen Mädchen des Ortes zu gewissen Stunden und unterrichtete sie im Katechismus und im frommen Leben. Ihr Beginnen wurde von Gott außerordentlich gesegnet; die Sittsamkeit, die Demut, die Frömmigkeit ihrer Schülerinnen erregte die allgemeine und freudigste Aufmerksamkeit; die Väter und Mütter kamen von allen Seiten zu ihr, sie um Rat zu fragen und um ihre Belehrung und ihr Gebet zu bitten. Sie wurde in die Hauptstadt des Landes, nach Brescia, berufen, um dort Schulen einzurichten, was ihr gut gelang.
Immer klarer wurde ihr das Bedürfnis eines religiösen Vereines für diesen so wichtigen Zweck des Unterrichts. Um den Beistand Gottes dazu sich zu erflehen, wallfahrtete sie nach Jerusalem. Auf dem Weg verlor sie das Augenlicht, aber nicht das Gottvertrauen. An der Hand einer Führerin kam sie in das Heilige Land, nach Bethlehem, an den Ölberg, auf Golgatha, schaute mit den Augen des Geistes die Geheimnisse der göttlichen Liebe und ehrte mit der Glut des Herzens die Wege des kreuztragenden Erlösers. Auf der Rückfahrt wurde das Schiff auf die Insel Candia verschlagen, wo in der Nähe des Hafens ein wundertätiges Kruzifix, viel besucht von Andächtigen, stand. Angela kniete flehend vor dasselbe, fand Erhörung und stand mit gesunden Augen auf. Voll des Dankes pilgerte sie nach Rom, um den Jubiläumsablass des Jahres 1525 zu gewinnen; Papst Clemens VII. nahm sie huldvoll auf, prüfte ihre gotterleuchtete Weisheit und spendete ihr den apostolischen Segen zu dem Werk, das die göttliche Vorsehung ihr aufgetragen hat. Sie verweilte einige Zeit noch in Cremona und legte dann in Brescia den Grund zu dem verdienstreichen Orden, der sie als Stifterin verehrt.
Am 25. November 1535 kommunizierte Angela in der Sankt-Afra-Kirche zu Brescia mit zwölf gleichgesinnten Jungfrauen zur Besiegelung ihres Schwesternbundes, sich ganz dem Dienst des göttlichen Kinderfreundes zu widmen. Am gleichen Tag gesellten sich noch fünfzehn andere zu ihnen, und diese siebenundzwanzig Schwestern waren das Weizenkorn, aus dem so viele Konvente in den katholischen Ländern aufsprossten. Angela stellte sie unter den Schutz der heiligen Ursula, und nannte sie „Ursulinen“, um ihren Namen desto sicherer zu verbergen. Der Zweck dieses Vereines war, nicht in klösterlicher Stille ein beschauliches Leben zu führen, sondern im Schoß der Familie zu bleiben, die jungen Mädchen in den Häusern in der Religion zu unterweisen, vor Gefahren zu hüten, Armen und Kranken beizustehen, Zucht und Sittlichkeit zu fördern. Sie verfasste eine Regel, welche der Kardinalbischof von Brescia prüfte und – ohne ein Wort zu ändern – als eine göttliche Eingebung genehmigte und die Papst Paul III. bestätigte.
Schnell mehrte sich dieser Verein auf sechsundsiebzig Mitglieder und wählte Angela trotz ihres Widerstrebens zur Oberin. Sie leitete ihn drei Jahre lang mit jener Weisheit des Geistes und mit jener Innigkeit der Liebe, welche nur engelreinen Seelen eigen ist: dann gefiel es Gott, die weitere Sorge für diese Genossenschaft selbst zu übernehmen und die treue Dienerin am 27. Januar 1540 in die ewige Ruhe heimzurufen.“
Angela wird in Ordenstracht, junge Mädchen unterrichtend, abgebildet. Manche Darstellungen zeigen sie auch mit Kreuz, Rosenkranz und einem offenen Buch.
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Das Leben der heiligen Angela Merici zeigt die wunderbaren Wege der göttlichen Vorsehung, die die Menschen mild und stark zu ihrem Ziel leitet. Gott führte Angela zu einem Beruf, der bis dahin von Frauen noch wenig gepflegt wurde, der ihnen aber einen großartigen Wirkungskreis eröffnete, in dem Tausende von christlichen Frauen unermesslich viel Gutes zum Segen der ganzen Welt gewirkt haben.
Unbeschreibliches Elend kam über die Völker Europas durch die Glaubensneuerer des 16. Jahrhunderts. Eine Hauptursache der raschen Ausbreitung der Irrlehren war die religiöse Unwissenheit; diese bestand vielfach nicht bloß in den deutschen Ländern, sondern teilweise auch in den romanischen, in Oberitalien und anderen. In Mailand zum Beispiel kannten viele Leute nicht einmal das Vaterunser und das Ave-Maria, geschweige denn die Zehn Gebote und die Glaubensartikel. Dies trug dazu bei, dass viele Gebildete sich dem Protestantismus zuwandten, der den verwilderten Sitten und Leidenschaften freie Bahn ließ.
Diesem Elend konnte nur abgeholfen werden durch gründlichen Unterricht in religiösen Dingen, dazu erweckte Gott neue Orden, wie die Gesellschaft Jesu durch den hl. Ignatius. In demselben Jahr 1535, als Ignatius auf dem Montmartre (Marterberg) zu Paris den ersten Grundstein zu seiner „Compagnia di Jesu“, zur „Gesellschaft Jesu“, legte, gründete in Brescia die hl. Angela die „Compagnia di santa Orsola“, die „Gesellschaft der heiligen Ursula“. Da muss man unwillkürlich an das Wort von Papst Paul III. denken, das bald darauf gesprochen wurde: „Das ist der Finger Gottes.“
Angela war damals bereits 61 Jahre alt. Die reichen Erfahrungen eines wechselvollen Lebens kamen ihr und der neuen Gesellschaft sehr zustatten.
Angelas Wiege stand am lieblichen Gardasee, wo sie am 21. März 1474 in dem Städtchen Desenzano das Licht der Welt erblickte und fromm erzogen wurde. Mit fünfzehn Jahren verlor sie ihre vortrefflichen Eltern und kam mit ihrer Schwester zu einem Onkel. Begeistert von dem Einsiedlerleben der alten Mönche, begaben sich die beiden Mädchen eines Tages zu einer Felsenhöhle, um dort das Leben der Einsiedler nachzuahmen; dies dauerte einige Zeit, bis sie der besorgte Onkel suchte und fand; er nahm sie in seine Familie zurück und ließ ihnen eine standesgemäße Ausbildung zuteilwerden.
Als Angela auch ihre Schwester und den Onkel durch den Tod verlor, kehrte sie nach Desenzano zurück. Um ein Leben der Christusliebe führen zu können, entsagte sie dem väterlichen Erbe und wählte das Kleid und die Regel des Dritten Ordens vom hl. Franziskus. Heftige innere Leiden und Stürme überwand sie mutig und treu durch die Waffe des Gebetes und durch Werke der Buße. Dadurch wurde sie geprüft und geläutert und vorbereitet für Gottes Pläne. Die Welt war für sie überwunden; Christus allein war ihr Trost und ihre Kraft, die Freude und Schönheit ihres Lebens; mit ihm vereinigte sie sich jeden Tag in der heiligen Kommunion.
So verlebte sie zwanzig Jahre im Haus ihrer Verwandten, verrichtete fleißig die gewöhnlichen Hausarbeiten und übte zugleich die Werke der Frömmigkeit und der Nächstenliebe. Mit besonderem Eifer widmete sie sich den Kindern. Sie übte mit ihnen die täglichen Gebete und unterrichtete sie in den Glaubenswahrheiten. Ihr Beispiel zog ähnlich gesinnte Frauen an, die sie zu gleichem Tun ermunterte. Viele Leute aus nah und fern kamen, bei ihr Trost und Hilfe zu suchen, darunter auch eine wohltätige Familie aus Brescia. Als diese von einem schweren Unglück, dem Tod ihrer Kinder, betroffen wurde, erlangte sie von den Obern der Tertiaren, dass Angela nach Brescia übersiedelte.
Die kleine, arme Zelle, die sich die Dienerin Gottes dort wählte, wurde bald der Mittelpunkt einer religiösen Erneuerung der Stadt. Zahlreiche Frauen aus den ersten Gesellschaftskreisen ließen sich durch ihr Beispiel zu einer eifrigen Nachahmung Christi begeistern und das Volk, hoch erstaunt über den Wandel Angelas, betrachtete sie fast wie einen Engel des Himmels. Fromme Frauen und edelste Männer wählten sie zu ihrer geistlichen Führerin, selbst Theologen und Fürsten, wie der Herzog Franz Sforza, suchten ihren Rat. Im Jahr 1524 machte sie aus Liebe zu Jesus eine Wallfahrt in das Heilige Land, im Jahr darauf nach Rom, um die Gnade des großen Jubiläumsablasses zu gewinnen. Papst Klemens VII. wurde auf Angela aufmerksam und legte ihr den ständigen Aufenthalt in der Ewigen Stadt nahe; doch sie glaubte, nicht darauf eingehen zu sollen; der Heilige Vater war damit einverstanden.
Im Jahr 1529 musste sie in den Kriegswirren nach Cremona fliehen. Erschöpft durch Entbehrungen und Bußübungen, wurde sie schwer krank. Die Ärzte hatten bereits jede Hoffnung aufgegeben. Schon wollte man die Sterbegebete beginnen, da richtete sich die Todkranke plötzlich auf, sprach wie verklärt über die Seligkeit der Auserwählten, als habe Gott sie einen Blick in seinen Himmel tun lassen, und war gesund.
Angela kehrte nach Brescia zurück. Um der immer weiter sich ausbreitenden Glaubens- und Sittenlosigkeit entgegenzuarbeiten, wählte sie aus ihren Freundinnen zwölf Frauen aus und weihte sich mit ihnen auf dem Monte Varallo dem gekreuzigten Gottessohn (1532); sie suchte dieselben immer mehr mit Liebe zu Jesus und seinem Geist zu durchdringen. Am 25. November 1535 stellte sie ihre Vereinigung unter den Namen und den Schutz der heiligen Ursula.
Angela beabsichtigte zunächst nicht, eine klösterliche Gemeinschaft zu gründen; auf Anraten ihres Beichtvaters und anderer erfahrener Männer und Frauen entwarf sie aber doch einen bestimmten Plan, Anweisungen und Regeln für ihre Mitarbeiterinnen und überreichte diese Regeln dem vortrefflichen Bischof von Brescia, Kardinal Franz von Cornaro, der sie am 28. August 1536 genehmigte und damit die neue und neuartige Gründung der Ursulinen sicherstellte.
Am 18. März 1537 wurde Angela trotz ihres Alters und ihrer Gegenvorstellungen zur ersten „Mutter“ oder Oberin gewählt. Unter ihrer umsichtigen, liebevollen Leitung vermehrte sich rasch die Mitgliederzahl der Genossenschaft. Die Liebe Gottes und der Eifer für das Wohl der Seelen waren der Beweggrund all ihrer Handlungen. „Eher helfen als befehlen, mehr geliebt als gefürchtet werden“, dieses Wort des hl. Augustin an eine Klosterfrau war der Grundton ihrer Leitung.
Auch als Oberin änderte sie nichts an ihren Gewohnheiten. Sie blieb die demütige Magd, die für sich die geringsten Arbeiten aussuchte; sie blieb die strenge Büßerin wie vordem in Fasten und Nachtwachen und Abtötungen jeder Art; sie blieb die innige Beterin. Täglich empfing sie die heilige Kommunion. Der Verkehr mit ihrem Herrn und Schöpfer wurde noch mehr ihre Lebensader, da sie für so viele zu sorgen hatte. Fand die Heilige während des Tages keine Zeit zum Gebet, so waren ihr die stillen Stunden der Nacht gerade recht, sich in Gott zu versenken. So blieb Angela auch die allzeit Freundliche, die für jeden ein Wort der Aufmunterung und des Trostes hatte, für alle Rat und Hilfe suchte. Neben hohen Gästen kamen fast alle Armen zu ihr; und sie, die selbst von Almosen lebte, fand stets noch ein Mittel, anderen zu helfen.
Ein heiliger Tod krönte Angelas heiliges Leben. Es war gegen Ende des Jahres 1539, da sie sich wegen eines leichten Fiebers legen musste. Ihre Umgebung, auch der Arzt fand nicht Beunruhigendes; aber die Heilige wusste, dass ihre letzte Stunde nahte. Sie traf alle notwendigen Verordnungen. Am 25. Januar nahm die Schwäche auffallend zu, dass man dem Verlangen der Sterbenden nach der letzten Wegzehrung entsprach. In heiliger Andacht und tiefster Freude sah Angela dem Heiland und Erlöser entgegen, der seit ihrem 18. Lebensjahr fast täglich zu ihr als seiner reinen Braut gekommen war. Als wollte sie ihren Herrn und Gott nicht mehr lassen, kreuzte sie nach Empfang der heiligen Kommunion die Arme über der Brust. Die Welt war ihr versunken.
Die Heilige verschied am 27. Januar 1540, im Bußkleid des Dritten Ordens auf einer Strohmatte liegend und mit friedlich heiterer Miene dem sterbenden Christus die Worte nachbetend: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“
Ihr Leichnam blieb durch vierzig Tage unbeerdigt, aber nicht die geringste Spur von Verwesung zeigte sich, vielmehr verbreitete er einen lieblichen Wohlgeruch um sich; er wurde dann in der Kirche von St. Afra in Brescia beigesetzt. Sie wurde 1768 selig- und am 24. Mai 1807 heiliggesprochen. Das Fest wurde auf den 31. Mai festgesetzt.
Die Bestätigung ihres Ordens geschah am 9. Juni 1544 durch Papst Paul III., denselben, der am 27. September 1540 die Gesellschaft Jesu bestätigt hatte.
Wohl war die Heilige überzeugt, dass Gott ihre Gründung nicht verlassen werde, solange die Welt steht, aber die herrliche Zukunft ihrer Schöpfung, ihr großartiges Wirken in vielen Ländern, ihre gesegneten Erfolge konnte sie nicht ahnen. In ihrem „Testament für die Vorsteherinnen“ und ihre „letzten Ermahnungen an ihre geistlichen Töchter“ hat sie ihnen ein reiches Kapital gediegener Lebensweisheit und christlicher Erziehungskunst hinterlassen. „Jesus Christus sei eure einzige Liebe“, war ihre stete Mahnung, die sie vor allem selbst ihr Leben lang befolgte. Gott hat Angela Merici auserwählt zu seinem Werkzeug, zu einer Führerin ihres Geschlechtes für Mit- und Nachwelt, neben Ignatius von Loyola zu einer wahren Reformatorin des 16. Jahrhunderts, darum wird ihr Name stets mit goldenen Lettern in den Büchern der Kirche stehen.
1. "Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir?" (Psalm 42,12a) Sind wir nicht des Herrn, ob wir leben oder sterben? Sieh, nun ist die Stunde erschienen, deinem Gott die Treue zu bezeigen, die du so oft ihm versprochen hast. Weichen wir also nicht zurück, sondern sprechen wir aus freiem, aufrichtigem Gemüt: "Herr, dein Wille geschehe!" Welche sichere Zufluchtsstätte in allen unseren Schmerzen ist diese heilige Ergebung in den Willen unseres Gottes. Kein größeres Opfer können wir ihm bringen, als wenn wir seinem heiligsten Willen uns auf Leben und Tod übergeben. Ein vollkommenes Opfer ist dies, das er mit wunderbaren Gnaden und himmlischen Belohnungen aufwägt.
2. Nicht verwehrt zwar ist der Natur die Klage über ihr Leiden. Ja erlaubt auch ist ihr selbst die Bitte um Entfernung des bitteren Kelches, wenn anders sie mit Unterordnung unter den Willen ihres Schöpfers klagt und bittet. Niemand liebt uns inniger als er. Niemand weiß besser, was uns heilsam ist. Niemand auch ist bereitwilliger, uns zu helfen, wenn wir wahrhaftes Vertrauen zu seiner väterlichen Güte haben. Will er aber durch Trübsale uns heimsuchen, und für unsere Sünden als ein milder Vater uns bestrafen, so umfangen wir seine Strafrute mit Danksagung und Liebe, "denn weit weniger fordert er von uns, als unsere Missetaten verdienen".
3. Hefte den Blick fest auf deinen göttlichen Heiland, der in allen Mühsalen seines sterblichen Lebens aufs Innigste mit dem Willen seines himmlischen Vaters vereint war. Er sah in seinem heiligen Todeskampf das ganze abgrundtiefe Leiden vor sich, das ihm bereitet war, und seine menschliche Natur entsetzte sich darüber bis zu blutigem Schweiß. Dennoch aber siegte seine vollkommene Gleichförmigkeit mit dem Willen seines himmlischen Vaters, und er sprach: "Nicht wie ich will, sondern wie du!" Wie lieblich tönt dieser Gesang in den Ohren Gottes. Wie leicht ist das Reinigungsfeuer der Krankheit für eine Gott vollkommen ergebene Seele. Denn wenig oder nichts mehr bringt sie zur Reinigung in die Ewigkeit mit. Matthäus 26,42: "Dann ging er zum zweiten mal weg und betete: Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, geschehe dein Wille."
Du große Mutter Gottes, bitte Jesus für mich. Sieh, wie elend ich bin, habe Mitleid mit mir. Bitte für mich und werde nicht müde, für mich zu bitten, bis du mich selig im Himmel siehst. O Maria, du bist meine Hoffnung, verlasse mich nicht. Heilige Gottesgebärerin, bitte für uns. Amen.
Zu Gott
O Gott, flöße uns Ehrfurcht gegenüber der heiligen katholischen Kirche, unserer Mutter, ein. Gib, dass wir sie stets hören und nach ihren Lehren leben, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Der heilige Polykarp,
Bischof und Martyrer. Er stand vor dem Richter, der zu ihm sprach: "Vom Feuer werde ich dich verzehren lassen, wenn du Christus nicht verleugnest!" - "Du drohst," antwortete Polykarp, "mit dem Feuer, das ein Weilchen brennt und bald verlischt, und weißt nichts vom ewigen Feuer, das die Bösen erwartet."
Das Feuer, das Polykarp erwähnt, quält die Verdammten in der Hölle und die Gerechten im Fegfeuer, nur dass das Fegfeuer nicht ewig währt. Die geringste Pein dort übersteigt das größte Leiden hier.
Prüfe dich über deine lässlichen Sünden! - Man brennt im Fegfeuer wegen freiwilliger Zerstreuungen im Gebet, unreiner Absicht und Nachlässigkeit bei täglichen Werken, wegen der unnützen Worte, kleinen Unwahrheiten, Unehrerbietigkeit gegenüber Eltern und Vorgesetzte, Ungeduld, Versäumter Werke der Barmherzigkeit etc.
Bete um heilsame Erinnerungen an das Fegfeuer.
Das kleinste Böse muss gebüßet sein,
Im Feuer einst wirst dort von Sünden rein.
Andenken an die seligste Jungfrau
An diesem Tag im Jahr 1618 wurde die große türkische Flotte, die die Stadt Loretto überfallen wollte, durch die Fürbitte der seligsten Mutter Gottes von einem starken Ungewitter zerstreut und zerstört, wofür die Einwohner zu Loretto an diesem Tag Gott und der seligsten Jungfrau in ihrer dort so berühmten Kirche Dank gesagt haben, wie dies ein in der dortigen Kirche noch befindliches Bild anzeigt.
Die Mutter von fünf Kindern verlor früh ihren Gatten. Trost und Hilfe in diesem Leid kam aus dem Kreis der heiligen Witwe Marcella, die sich auch mit dem heiligen Hieronymus bekannt machte. Paula erwählte den Heiligen zu ihrem Seelenführer und folgte diesem 385 zusammen mit ihrer Tochter nach Bethlehem.
Mit Hieronymus besuchte sie gemeinsam die heiligen Stätten und die Einsiedler in der Nitrischen Wüste. Ab 386 weilte sie ständig in der Geburtsstadt des Herrn und gründete und leitete dort ein Mönchs- und drei Nonnenklöster.
Paula starb 404 in Bethlehem.
Pilgerstab, Geißel, Kürbisflasche oder ein Weihwasserwedel können ihre Attribute sein. Manchmal trägt sie auch einen Pilgerstab in der Hand oder ist in die Betrachtung der Heiligen Schrift versunken.
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Aus dem römischen Martyrologium:
Diese im 3. Jhd. So berühmte Heilige wurde in Rom aus einer der ältesten adeligen Familien geboren, denn ihr Vater Rogatus stammte aus einem griechischem Geschlecht, welches den Agamemnon zum Stammvater hatte, und ihre Mutter Blesilla zählte die Grachen und Scipionen unter ihre Vorahnen. Als Paula nach einer fromm verlebten Jugend zur Jungfrau herangewachsen war, wurde sie mit Toxotius, einem Mann von ungeheuren Reichtümern, vermählt, dem sie fünf Kinder gebar, und nach dessen Tod sie sich gänzlich dem Dienst Gottes weihte. Sie verteilte aus Liebe zur Armut alle ihre Güter unter die Notdürftigen und ihr Haus war die Herberge aller Pilger und der Zufluchtsort der Betrübten. Als die Bischöfe der morgen- und abendländischen Kirche wegen obwaltenden Streitigkeiten nach Rom kamen, bewirtete Paula die heiligen Bischöfe Epiphanius aus Cypern und den heiligen Paulinus von Antiochia, durch deren Frömmigkeit sie so sehr begeistert wurde, dass sie sich entschloss, alles Irdische zu verlassen und in der Einsamkeit ein heiliges Leben zu führen. Nicht das Wehklagen ihrer Kinder, nicht die Tränen ihrer Freunde und Anverwandten konnten sie bewegen, in Rom zu bleiben; sie schlug ihre Augen zum Himmel empor, um dort Trost bei dem traurigen Abschied von den ihrigen zu finden und bestieg mit ihrer Tochter Eustochia ein Schiff und begab sich nach Palästina. Da besuchte sie mit glühender Andacht und unter den größten Gefahren die heiligen Orte und die Klöster in Jerusalem, Galiläa und Samaria und kam schließlich nach Bethlehem, wo sie drei Jahre lang in größter Armut eine enge Zelle bewohnte, bis sie Klöster, Krankenhäuser und Pilgerwohnungen in der Gegend erbaut hatte, wo Jesus der Heiland geboren wurde. Die Klöster besetzte sie teils mit frommen Ordensmännern, damit das Wort Gottes verkündigt und die heiligen Sakramente ausgespendet wurden, teils mit Jungfrauen aus mehreren Provinzen, die sie zur Frömmigkeit des christlichen Lebens führte. Zwanzig Jahre lang züchtigte sie ihren ohnehin schwachen Körper durch strenge Abtötungen, lebte beständig im Umgang mit Gott und starb schließlich, verherrlicht im Tod, mit den auffallendsten Wundern am 26. Januar des Jahres 404.
In der ganzen katholischen Welt, vorzugsweise aber in Rom, dem Mittelpunkt der Christenheit, wird das heutige Fest der Apostelfürsten Petrus und Paulus mit Recht wie ein zweites Osterfest gefeiert, denn im Martertod der beiden Glaubenszeugen wurde der Sieg Christi auch über das Heidentum grundgelegt. Ihr Sterbetag war der Ostertag des christlichen Rom und der Geburtstag des christlichen Abendlandes. Wie ein zweites Osterfest ist der heutige Tag.
Der heilige Apostel Petrus:
Da fährt vor zweitausend Jahren ein Boot auf den See Genezareth hinaus. Die Fischer werfen die Netze zum Fang aus. Tag für Tag tun sie es. Unter den Männern, die da mit Netz und Angel ihr Handwerk betreiben, ist einer, der Simon heißt, ohne Schulbildung, hitzig und blitzig im Wesen, aber ein kerniger Mann, ein Geradeaus, treuherzig und dienstbereit und im Übrigen nur einer von den vielen. Alles in allem, Simon, der Sohn des Jonas, ist ein unbekannter Fischer in einem verlorenen Winkel der Welt, über den nach dem Tod die Zeit hinweggehen wird, wie die Wellen des Sees die Spur seiner Barke verschlingen.
Doch da taucht eines Tages im Blickfeld des galiläischen Fischers ein Mann auf, der schon bald weitum im Land ein Stein des Anstoßes für die einen und für die anderen die Beseligende Erfüllung einer jahrhundertealten Sehnsucht sein wird. Diesem Einzigen und Herrlichen begegnet der unbekannte Fischer Simon, und als er ihm begegnet, legt der andere in freier Gnadenwahl die Hand auf ihn und nimmt ihn für sich so ausschließlich in Beschlag, dass er ihm sogar einen neuen Namen gibt. Simon hieß der Fischer, Petrus wird der Menschenfischer heißen, Petrus der Fels, auf den der Herr seine Kirche bauen will.
Es war ein etwas wackeliger Fels, dieser Simon Petrus, denn alle Liebe und Hingabe, die er ehrlich und herzlich in männlich schöner Art dem Meister entgegenbringt, können es nicht verhindern, dass derjenige, der kurz zuvor Treue bis in den Tod geschworen hat, im Augenblick der Gefahr bei der Gefangennahme Jesu schmählich flieht und eine Stunde später dreimal steif und fest behauptet, dass er diesen Menschen nicht einmal kenne.
Ein wackeliger Fels war Petrus, aber trotzdem hat ihn der Herr, weil er ihn zum Eckstein auserlesen hatte, nicht verworfen, sondern auf ihn seine Kirche gebaut, groß und mächtig, und siehe da, wenn Menschen ohne Gott selbst auf Granit bauen, stürzt der Bau einmal zusammen. Wenn aber Gott auf einen wackeligen Felsen baut, so hält der Bau jahrtausendelang.
So war es bei Petrus. Bitter hat derjenige, den der Herr des größten Vorzuges würdigte, seine Untreue bereut, und die Reue hat er mit dem Blut im Martertod besiegelt, froh, dass er wie der Meister gekreuzigt wurde und dass ihm die Gnade zuteil wurde, mit dem Haupt nach unten gekreuzigt zu werden, weil er sich der Ehre nicht würdig hielt, auf die gleiche Weise wie der Herr zu sterben.
Als dann Petrus an der Stätte, wo er gerichtet, auch begraben wurde, war das Fundament gelegt, fest und stark und unzerstörbar, so dass darauf der herrlichste Dom, den es auf Erden gibt, errichtet werden konnte, in dessen Kuppelwölbung mit goldenen Buchstaben die für alle Zeiten unlöschbaren Worte stehen: „Du bist Petrus, der Fels. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“
Doch Sankt Peters Dom zu Rom, wie herrlich und groß er auch sein mag, ist nur ein schwaches Abbild jener weit herrlicheren und größeren unsichtbaren Kirche, welche die gesamte Christenheit darstellt. Auch diese Kirche, die sich über alle fünf Weltteile erstreckt, ist gebaut und steht fest begründet auf dem Felsenmann Petrus, der ehedem ein unbekannter Fischer war, dann aber durch die Gnade Gottes seit zweitausend Jahren das Fundament ist, auf dem die Kirche steht, von der Christus gesagt hat, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden.
Der heilige Apostel Paulus:
Etwa um die Zeit, da der zwölfjährige Jesus mit Maria und Josef zum Tempel nach Jerusalem wallfahrtete, erblickte weitab in der kleinasiatischen Stadt Tarsus ein Kind das Licht der Welt, dem die Eltern in Anlehnung an die Heilige Schrift des Alten Testamentes den Königsnamen Saul gaben, und ein Fürst ist der Junge auch geworden, ein Fürst im Reich des Christkönigs, einer von den beiden Apostelfürsten.
Sauls Eltern waren strenggläubige Israeliten, die den Sohn in der Ehrfurcht vor dem Herrn erzogen, so dass der zwanzigjährige junge Mann, der für den Lebensunterhalt das schwere Zeltweberhandwerk erlernt hatte, nach Jerusalem übersiedelte und sich an der dortigen jüdischen Hochschule im Gesetz unterrichten ließ, um später als Gesetzeslehrer zu wirken. Es geschah das um die gleiche Zeit, da der Heiland öffentlich auftrat und den Kreuzestod starb.
Saulus hat damals den Erlöser nicht gefunden, denn er gehörte zu den halsstarrigen Juden, die den Messias nicht annahmen, sondern sich ihm widersetzten, und als sich nach dem Pfingstfest die Kirche Jesu Christi unter dem jüdischen Volk ausbreitete, entwickelte sich Saulus zu einem eifrigen Verfolger, der alle Christen, die er ausfindig machen konnte, dem Hohen Rat, der obersten Gerichtsbehörde in Israel, mit Lust und Wonne anzeigte.
Als Stephanus, der erste Martyrer, gesteinigt wurde, übergaben diejenigen, die ihn töteten, dem Saul die Kleider zum Aufbewahren, und höhnisch lächelnd, schaute der junge Gesetzeslehrer dem grausamen Werk der Steinigung zu. Kurze Zeit später war Saulus mit einem polizeilichen Aufgebot nach Damaskus unterwegs, um auch die dortigen Christen aufzuspüren und anzuzeigen.
Als allerdings der blindwütige Mann in Damaskus anlangte, war er kein Christenverfolger mehr, denn Christus war ihm unterwegs erschienen und hatte in einem einzigen Augenblick an ihm das Wunder der Bekehrung vollbracht. So gut ist das Herz des Heilandes, dass es sich selbst der ärgsten Feinde huldvoll erbarmt.
Saulus wurde Christ und ließ sich fortan Paulus nennen, das heißt auf Deutsch „der Geringe“, aber aus dem Geringen wurde später einer, der mit Petrus zu den beiden Apostelfürsten zählt. Es ist fast unglaublich, was der ehemalige wütende Christushasser in einer grenzenlosen Christusliebe geleistet hat, um das Evangelium des Gekreuzigten den Juden und den Heiden zu verkündigen.
Etwa fünfzehn Jahre lang war der körperlich schwache und stets kränkelnde Mann auf Missionsreisen unterwegs. Aneinandergereiht, legte Paulus zu Land einen Weg zurück, der zehnmal der Strecke von München nach Rom entspricht, und die Reisen des Heiligen zur See machen viermal die Entfernung von Rom nach Jerusalem aus. Von den unvorstellbaren Mühen dieser Missionsreisen aber erzählt der Apostel selbst:
„Vielerlei Mühen habe ich erduldet, häufige Kerkerhaft, Misshandlungen über alle Maßen und oftmals Todesgefahr. Fünfmal empfing ich von den Juden vierzig Streiche weniger einen. Dreimal wurde ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt, dreimal litt ich Schiffbruch, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf hoher See. Reisen in großer Zahl, Gefahren in Flüssen, Gefahren von Räubern, Gefahren von meinem Volk ... Mühsal und Elend, schlaflose Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße ...“
So berichtet derjenige, der sich selbst den Geringsten unter den Aposteln nennt, und doch ist dieser Mann ganz groß, und überall, wo er weilte, gründete er Christengemeinden, verkündete unablässig die Frohbotschaft vom Reiche Christi, hielt durch Briefe die fernen Glaubensbrüder bei der Stange, saß um des Glaubens willen zwei Jahre im Kerker, stand zwei weitere Jahre unter polizeilicher Aufsicht, duldete und litt, nur rastete und ruhte er nicht bis zum glorreichen Martertod am 29. Juni des Jahres 67.
Bekehrung des heiligen Apostels Paulus:
Der große Heidenapostel war ein geborener Jude, aus dem Stamm Benjamin, und empfing bei seiner Beschneidung den Namen Saul. Sein Vater wohnte zu Tarsus, der Hauptstadt Ciliciens, und war folglich ein römischer Bürger. Seine Eltern schickten ihn frühzeitig nach Jerusalem, wo ihn Gamaliel, der durch seine Kenntnisse, wie durch seine Geburt gleich ausgezeichnet war, in der genauesten Beobachtung des Mosaischen Gesetzes heranbildete. Er war ein eifriger Anhänger der pharisäischen Sekte, der strengsten aber auch der stolzesten von allen, und die am meisten im Widerspruch stand mit dem Geist der Demut, den das Evangelium so sehr empfiehlt.
Der heilige Paulus zeichnete sich vor allen seinen Altersgenossen aus durch seinen Eifer für das Gesetz und die jüdischen Überlieferungen. Und eben dieser noch unerleuchtete Eifer machte ihn zum Gotteslästerer, zum Verfolger und zum heftigsten Feind Jesu Christi. Er war zugegen beim Tod des heiligen Stephanus, und gab dazu seine Zustimmung. Er bewachte die Oberkleider derer, die ihn steinigten, und steinigte ihn so, nach der Bemerkung des heiligen Augustin, durch die Hände aller anderen. Eben dieser Vater schreibt auch die Bekehrung des heiligen Paulus, die bald darauf erfolgte, den Gebeten zu, die der heilige Diakon für seine Feinde zu Gott sandte. „Die Kirche“, sagt er, „würde niemals einen Paulus gehabt haben, wenn Stephanus nicht gebetet hätte.“
Die Priester und Vorsteher der Juden erregten in jenen Tagen eine heftige Verfolgung gegen die Kirche von Jerusalem, und Saul zeigte den bittersten Eifer, die Jünger Jesu auszurotten. Kraft der ihm vom Hohenpriester erteilten Vollmacht riss er die Christen aus ihren Häusern, legte sie in Fesseln, schleppte sie in die Gefängnisse, ließ sie mit Ruten schlagen, und wandte alle Peinigungsarten an, um sie zu zwingen, den Namen Jesus zu lästern. Saul, der unseren Heiland und seine Jünger unaufhörlich als Feinde des Mosaischen Gesetzes darstellen hörte, rief Drohungen gegen die Jünger des Herrn aus und lechzte nach ihrem Blut. Er ließ sich daher vom Hohenpriester und dem Rat der Ältesten Gewaltbriefe erteilen, alle Juden, die Jesus bekennen würden, in Damaskus aufzugreifen und nach Jerusalem führen zu dürfen, um sie dort so zu züchtigen, dass alle abgeschreckt würden, ihrem Beispiel zu folgen. Sein Name allein war schon ein Schrecken für alle Gläubigen.
Eitel sind aber der Menschen Anschläge. Gott wollte auf das Gebet des heiligen Stephanus und der anderen verfolgten Gläubigen an Saul seine Langmut offenbar werden lassen. Es war um die Mittagszeit, als er sich Damaskus näherte. Plötzlich umstrahlte ihn und seine Begleiter ein Licht vom Himmel, das die Sonne selbst an Glanz übertraf. Alle sahen das Licht, und fielen, von Schrecken ergriffen, zur Erde nieder, und Saul hörte eine Stimme, die ihm ganz vernehmlich sagte, ohne jedoch von den anderen, die sie ebenfalls hörten, verstanden zu werden: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Saul antwortete: „Wer bist du, Herr?“ Und der Herr sagte ihm: „“Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst.“ Dieser sanfte Verweis des Erlösers, begleitet von der inneren Gnadensalbung, erweichte Sauls Hartherzigkeit, löschte aus seine Verfolgungswut, heilte seinen Stolz, und schuf ihn zu einem ganz neuen Menschen um. Bebend rief er aus: „Herr, was willst du, das ich tue?“ Jesus befahl nun dem tieferschütterten Saul, sich aufzurichten und in die Stadt zu gehen, wo einer seiner Diener ihn lehren würde, was er zu tun habe. Saul erhob sich von der Erde, sah aber nichts, obgleich er seine Augen öffnete, und man musste ihn an der Hand nach Damaskus führen. Da wohnte er im Haus eines Juden mit Namen Judas, und blieb drei Tage seines Gesichtes beraubt, ohne zu essen oder zu trinken, ohne zu wissen, was Gott von ihm fordert.
Zu Damaskus war ein Jünger Jesu, Ananias mit Namen. Ihm erschien der Herr, und sagte ihm, er soll den Saul im Haus des Judas aufsuchen, wo er im Gebet begriffen sei. Der Name Saul erfüllte den frommen Ananias schon mit Entsetzen, denn er wusste alles Übel, das er den Gläubigen zu Jerusalem zugefügt hatte, und warum er auch nach Damaskus kam. Der Herr wiederholte aber diesen Befehl und sagte ihm zu seiner Beruhigung: „Gehe hin, er ist ein Werkzeug, das ich erwählt habe, meinen Namen den Heiden und Königen und Israels Kindern zu bringen. Ich will ihm kund machen, wie viel er um meines Namens willen werde leiden müssen.“ Zu gleicher Zeit sah Saul in einem Gesicht einen Mann, der zu ihm hineintrat, und ihm die Hände auflegte, dass er das Gesicht wiedererhielt. Ananias ging zu Saul, legte ihm die Hände auf und sagte: „Saul, mein Bruder, der Herr Jesus, der dir auf deiner Reise erschienen ist, hat mich hierher gesandt, damit du das Augenlicht wiedererlangst, und mit dem Heiligen Geist erfüllt wirst.“ Sogleich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er sah. Ananias setzte noch bei: „Der Gott unserer Väter hat dich vorherbestimmt, seinen Willen zu kennen, um den Gerechten zu sehen, und die Worte aus seinem Mund zu hören. Denn du sollst ihm Zeugnis geben vor allen Menschen, von allem, was du gesehen und gehört hast. Was zögerst du also? Steh auf, und lass dich taufen, und wasche ab deine Sünden durch Anrufung des Namens Gottes!“
Saul stand auf, um die Taufe zu empfangen, und kam nach einer Speise wieder zu Kräften. Er blieb dann einige Tage bei den Jüngern zu Damaskus, fing an, Jesus in den Synagogen zu predigen, und verkündete laut, dass er der Sohn Gottes ist. So wurde aus einem Lästerer und Verfolger ein Apostel und eins der Hauptwerkzeuge, deren sich Gott zur Bekehrung der Welt bediente.
Unter die Geistesmänner, die ihr ganzes Leben dem Seelenheil ihrer Mitmenschen und dem Streben nach eigener Vollkommenheit weihten, darf mit vollem Recht auch der heilige Poppo gezählt werden. Er wurde im Jahr 978 als ein Kind von sieben Monaten in Flandern geboren, wo sein Vater Tizekinus als ein ausgezeichneter Kriegsheld in hoher Achtung stand und seine Mutter Adelviva wegen ihrer Frömmigkeit berühmt war. Nach dem Tod seines Vaters, der in einer Schlacht fiel, wählte er den Soldatenstand und hatte sich durch seine Tapferkeit schon großen Ruhm erworben, als das verzweiflungsvolle Ende einiger seiner Kriegsgefährten, die ein lasterhaftes Leben geführt hatten, einen solchen Eindruck auf sein frommes Gemüt machte, dass er das Kriegsheer verließ mit dem Entschluss, sein Leben dem Dienst Gottes zu weihen. Er machte zuvor eine Wallfahrtsreise nach Palästina, wo er alle die heiligen Orte mit inniger Andacht besuchte, die durch das Leiden und Sterben des göttlichen Erlösers berühmt wurden, und als er nach seiner Rückkehr in Rom an den Gräbern der Apostelfürsten sein Gebet verrichtet hatte, begab er sich wieder nach Flandern und erwarb sich durch seine Tugenden so sehr die Liebe des Frumoldus, der erster Minister des Fürsten Balduin war, dass ihm dieser seine Tochter, eine Jungfrau von besonderer Schönheit und Unschuld, zur Gemahlin antrug. Schon waren die feierlichsten Anstalten zur Vermählung gemacht und unzählige Männer beneideten Poppo wegen seines glänzendes Glückes, als er der Versuchung entfloh, sich heimlich in das Kloster Stablo flüchtete und fußfällig den heiligen Abt Theodoricus bat, ihn unter die Zahl seiner Jünger aufzunehmen. Bald übertraf er durch seinen Eifer alle Ordensmänner und wurde zum Vorsteher des Armen- und Krankenhauses erwählt. Mit unaussprechlicher Geduld und Liebe bediente und pflegte er da die Unglücklichen und Bedrängten und wirkte durch sein Gebet viele Wunder durch Heilung der bösartigsten Krankheiten. So erhielt ein Aussätziger seine Gesundheit über Nacht, dem der Heilige seinen Mantel zur Bedeckung gab.
Allgemein verbreitete sich nun der Ruf der Heiligkeit des Dieners Gottes und der Abt Richardus bediente sich seiner, um in verschiedenen Klöstern die Missbräuche und das eingerissene Sittenverderbnis aufzuheben und die Befolgung der alten, strengen Klosterregeln wieder einzuführen. Da er dieses schwere Unternehmen mehr durch das Beispiel seiner Frömmigkeit und Demut, als durch Befehle zu Stande gebracht hatte, begab er sich wegen kirchlicher Angelegenheiten an den Hof des Kaisers Heinrich, wo er mit den größten Ehrenbezeigungen empfangen wurde und durch seine Ermahnungen die gefährlichen Faustkämpfe aufhob, an denen bisher der Kaiser so großes Vergnügen hatte. Dadurch zog er sich den Hass der Höflinge zu, die ihn sogar durch Gift töten wollten. Aber der Heilige entging durch ein Wunder ihren Nachstellungen, wie auch anderen Verfolgungen, die sittenlose Mönche ihm bereiteten, da er auf Drängen des Kaisers Heinrich die Würde eines Abtes zu Stablo und später des Klosters zum heiligen Maximin übernehmen musste.
Nach dem Tod Heinrichs bestieg Conrad den Kaiserthron und weil auch König Heinrich von Frankreich auf diese Würde gegründete Ansprüche zu haben glaubte, entstand ein verheerender Krieg, welcher aller Bemühungen der Mächtigen des Reiches ungeachtet nicht vermieden werden konnte. Da verließ schließlich der heilige Poppo seine Einsamkeit, bewirkte eine Versöhnung zwischen den beiden Regenten und wurde zur Belohnung vom Kaiser Conrad zum Bischof von Straßburg ernannt. Doch der demütige Diener Gottes hielt sich für zu unwürdig dieses heiligen Amtes und begab sich wieder auf den Weg zu seinem Kloster. Aber auf der Reise überfiel ihn ein Fieber und er starb im Kloster Marchienes 1048 im siebzigsten Jahr seines Lebens, nachdem er in einem Bußkleid auf bloßer Erde liegend, die heiligen Sterbesakramente empfangen hatte. Unter dem Wehklagen aller Ordensmänner, die ihn als ihren Vater liebten, wurde sein Leichnam nach Stablo geführt, wo er, beweint von vielen Menschen, in der Klosterkirche beigesetzt wurde
Heiliger Franz von Sales, Bischof von Genf, Ordensstifter, Kirchenlehrer, Übertragung der Gebeine: 29.1., + 28.12.1622 – Fest: 24. Januar
Aus dem so reichen und tätigen Leben dieses Gottesmannes, der im Jahr 1567 von vornehmen Eltern geboren, fromm erzogen, im Alter von vierundzwanzig Jahren zum Priester geweiht, im Jahr 1602 zum Bischof von Genf konsekriert wurde und am 28. Dezember 1622 aus der Zeitlichkeit schied, kann und soll hier nur dasjenige ausgehoben werden, was zunächst auf die Andacht und Verehrung Bezug hat, die dieser Heilige der seligsten Jungfrau widmete. Die Lebensgeschichte selbst aber möge in einer Legende nachgelesen werde.
Franz von Sales kann in der Tat allen Marienverehrern als herrliches Muster und Vorbild dienen, denn von der Jugend bis zu seinem Lebensende war und blieb er Marien mit innigster Andacht und Liebe zugetan, worin er durch manche Lebensumstände noch mehr gekräftigt wurde.
Er befand sich der Studien wegen zu Paris und führte mitten in den Gefahren der Hauptstadt ein sehr gottseliges Leben. Aber ungefähr im siebzehnten Jahr seines Lebens verfiel er in einen Gemütszustand, dem auch sein junger, kräftiger Leib unterliegen zu müssen schien. Dichte Finsternis verbreitete sich in seiner Seele. An die Stelle des süßen Friedens trat eine gänzliche Trostlosigkeit. Diesen Zustand benützte noch überdies der Feind unseres Heils, ihm den martervollen Gedanken einzugeben, alles, was er für Gott tue, sei unnütz und sein ewiger Untergang schon entschieden und unvermeidlich. In seiner Lebensgeschichte wird erzählt, dass er in diesem qualvollen Zustand oft ausgerufen habe: „So soll ich denn, allerseligste Jungfrau, Mutter meines Gottes, Schönste aus allen Töchtern Jerusalems, so soll ich dich denn niemals dort im Himmel sehen.“
Endlich gefiel es Gott, ohne menschliche Beihilfe seinen Diener durch die mächtigste Trösterin der Betrübten, durch Maria, die er schon von Kindheit an so innig geliebt und der zu Ehren er bereits lebenslängliche Jungfräulichkeit gelobt hatte, den jungen Grafen von dieser schrecklichen Versuchung zu befreien. Er gab ihm den Gedanken ein, die nämliche Kirche zu besuchen, in der er das Gelübde der Keuschheit gemacht hatte. Der erste Gegenstand, der hier auf ihn Eindruck machte, war das Bild der Gebenedeiten. Dieser Anblick erneuerte in ihm das Vertrauen, das er immer auf ihre mächtige Fürbitte in seinem Herzen getragen wird. Er warf sich auf die Knie nieder, betete das bekannte Gebet des heiligen Bernardus: „Gedenke, o gütigste Jungfrau etc.“ und fügte, indem er das Gelübde der Keuschheit erneuerte, noch hinzu: „O meine Königin, sei du meine Fürsprecherin bei deinem Sohn, an den ich mich nicht zu wende wage. O meine Mutter, wenn ich denn so unglückselig sein sollte, in jener Welt meinen Heiland nicht lieben zu können, da ich doch erkenne, wie liebenswürdig er ist, so erlange mir die Gnade, dass ich ihn doch auf dieser Welt nach allen meinen Kräften liebe. Um diese Gnade bitte ich dich, und ich hoffe von deiner Güte ihre Gewährung.“
Sein Gebet fand Erhörung. Sein Herz war voll des süßesten Trostes, und mit dem inneren Frieden kehrte auch bald die Gesundheit des Körpers zurück, und seine Andacht zu Maria wuchs so sehr, dass er nicht müde wurde, sein ganzes Leben lang ihre Liebe und Barmherzigkeit in Gesprächen, Predigten und Schriften zu verkündigen.
Wenn er den Ketzern gegenüber die Lehren der Kirche verfocht, empfahl er sich stets der heiligen Jungfrau mit gänzlichem Vertrauen und mit den Worten, die die Kirche an sie richtet: „Du allein hast alle Ketzereien in der ganzen Welt vernichtet.“ Bei jeder Gelegenheit suchte er ihren Beistand und predigte allen dieses heilsame Vertrauen. „Alle meine Hilfe finde ich in dem allerheiligsten Sakrament und bei der Gottesmutter. „Ach, wie sehr fühle ich,“ fügte er hinzu, „welches Glück es ist, ein, wenn auch unwürdiges Kind einer so glorreichen Mutter zu sein. Lasst uns große Dinge unter ihrer Anrufung unternehmen, und wenn wir in der Liebe zu ihr zärtlich sind, wird sie uns alles erwirken, um was wir bitten.“
Als er eines Tages einen steilen Hügel, auf dem eine Kirche der heiligsten Jungfrau stand, mit so harter Mühe bestieg, dass ihm die Füße bluteten, wollten ihn seine Leute zurückhalten und bewegen, einen so schmerzlichen Gang aufzugeben. „Es ist war,“ entgegnete er ihnen, „dass ich sehr ermüdet bin. Allein wenn es für mich eine Beschämung ist, dass ich für den Dienst Gottes nicht genug an Mühsale gewöhnt bin, so ist es dagegen eine Freude für mich, im Dienst der Gottesmutter mein Blut vergossen zu haben.“ Die Hingabe dieses heiligen Bischofs für Maria war so groß, dass er in allen seinen Besprechungen darauf zu reden kam, wo sich ihm Gelegenheit bot.
Er predigte an allen ihren Festtagen, und die Inbrunst, die Lebendigkeit und die Fülle seiner Reden zeugten für seine inneren Gefühle. „Sie wissen,“ schrieb er an die heilige Chantal, „dass unsere glorreiche Königin mir stets einen besonderen Beistand leiht, wenn ich von ihrer göttlichen Mutterschaft rede. Ich flehe sie an, ihre Hand in die kostbare Seite ihres Sohnes zu legen, um daraus seine teuersten Gnaden zu schöpfen und sie uns in Fülle zu geben.“
Seine zärtliche Verehrung für Maria flößte ihm den Gedanken ein, dieser himmlischen Mutter seine Abhandlung von der Liebe zu Gott zu widmen, und man kann diese Widmung nicht lesen, ohne die heilige Glut seines Herzens für sie zu bewundern. „Heiligste Gottesmutter,“ redete er sie an, „liebenswürdigstes, liebevollstes und geliebtestes aller Geschöpfe, zu deinen Füßen auf mein Angesicht hingestreckt, widme und weihe ich dieses kleine Werk der Liebe der unermesslichen Hoheit deiner himmlischen Liebe. O Jesus, wem könnte ich die Werke deiner Liebe besser widmen, als dem liebenswürdigsten Herzen der Geliebten deiner Seele?“
Der Tag der unbefleckten Empfängnis Mariä war ein werter Tag für seine zarte Frömmigkeit. Obschon er mit der Leitung eines großen Bistums belastet, mit vielen Predigten beschäftigt, in der Führung der Seelen stets in Anspruch genommen war, und nebst dem noch die Kirche mit vielen Schriften bereicherte, unterließ er doch nie, täglich den heiligen Rosenkranz zu beten. Eines Tages, da er durch die vielen Geschäfte bis in die späte Nacht daran verhindert worden war, und sein Hausgeistlicher meinte, er könne ja, da er der Ruhe so sehr bedürfe, den Rosenkranz für den nächsten Tag versparen, entgegnete der heilige Bischof: „Mein Grundsatz ist, nie auf den künftigen Tag zu verlegen, was heute noch geschehen kann.“ Und er vollendete seinen Rosenkranz mit der gewöhnlichen Andacht.
Gebet der Kirche
O Gott, du wolltest zum Heil der Seelen deinen heiligen Bekenner und Bischof Franziskus allen alles werden lassen: verleihe gnädig, dass wir von der Süßigkeit deiner Liebe erfüllt und durch seine Lehren, Fürbitte und Verdienste geleitet und unterstützt, die ewigen Freuden erlangen mögen. Amen.
1. Bete die wunderbaren Ratschlüsse Gottes in Demut und heiliger Freude an, denn göttlich und unergründlich sind sie, wie der Allerhöchste selbst. Mit hohem Erstaunen ruft der Seher aus: "Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest? Oder warum setzt du dein Herz an ihn?" (Ijob 7,17) Denn so hoch achtete Gott den Menschen, dass er, aus der Tiefe ihn zu erheben, in die er gefallen war, selbst in diese Tiefe stieg, "Knechtsgestalt annahm", schwach, leidend war, und dem Tod sich unterwarf. Und weil er nur dadurch uns erheben, bereichern und verherrlichen konnte, dass "er selbst sich erniedrigte, erschöpfte" und der tiefsten Schmach preisgab, scheute die allerhöchste Majestät selbst diesen tiefsten Abgrund der Erniedrigungen nicht. Psalm 40,6a: "Zahlreich sind die Wunder, die du getan hast, und deine Pläne mit uns; Herr, mein Gott, nichts kommt dir gleich."
2. Durch die Aufnahme der menschlichen Natur in die Einheit seiner Person wurde die Menschheit unendlich verherrlicht, und bis zu Gott selbst erhoben. 1. Korinther 2,7: "Vielmehr verkündigen wir", spricht der Apostel, "das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung." Wurde aber auch diese allerhöchste Verherrlichung ganz eigentlich nur dem Wort mitgeteilt, das da Fleisch wurde, so erhielten dennoch wir alle Anteil daran, da, gleichwie wenn ein König sich herablässt, eine arme Tochter zur Gemahlin zu nehmen, alle ihre Verwandten dadurch erhöht, und Blutsverwandte des Königs werden. Deutlich sprach, nach seiner glorreichen Auferstehung, der Herr dies aus, als er seine Jünger seine Brüder nannte. (Johannes 20,17)
3. Beherzige diese wunderhohe Würde, zu der die unendliche Güte deines Gottes durch die Menschwerdung seines Eingeborenen dich erhoben hat. Diese Betrachtung erhebe deinen Sinn über alles Niedrige und Vergängliche. Sie rege dich mächtig an, vor allen Gedanken, Begierden und Werken zu erschaudern, die einer so wunderbaren Erhebung unwürdig sind. Und ziehe deine Gedanken immerdar zu der glorreichen Bestimmung an, die auf dich in den ewigen Höhen wartet. "Durch Christus wurden uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt, damit ihr der verderblichen Begierde, die in der Welt herrscht, entflieht und an der göttlichen Natur Anteil erhaltet." (2. Petrus 1,4)
Erbarmungsreiche Mittlerin Maria, führe du uns in allen unseren Wegen, rate du uns bei allen unseren Begegnungen und hilf du uns in allen Anliegen des Leibes und der Seele. Erwirb uns die Gnade, dass wir deinen Tugenden nachfolgen, alles Böse meiden, vor allen Feinden gesichert, stets die Pfade der göttlichen Gebote gehen, bis wir endlich zum Land der Lebendigen gelangen, wo wir in Gott, unserem Heiland mit dir und allen Auserwählten frohlocken in Ewigkeit. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Timotheus
O Gott, der Du den heiligen Timotheus für den Unterricht des Weltapostels so empfänglich gemacht hast, schenke uns auf seine Fürbitte hin, dass wir durch Aufmerksamkeit und Folgsamkeit gegenüber den Verkündigern Deiner Lehre Dir wohlgefällig werden, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Denkschrift auf dem Grab des heiligen Franz von Sales
"Wanderer! verweile bei diesem Grabe; bewundere, verehre und ahme nach das Beispiel dieses großen Mannes Franziskus von Sales, Fürsten und Bischof von Genf. Seinen allzu frühen Hingang aus diesem Tränentale in die allerherrlichste Welt Gottes beweinen hier seine geistlichen Söhne und Töchter. Verehre an dieser Ruhestätte die erblasste Hülle einer verklärten Seele, die der Kirche Leuchte, des Glaubens Säule, der Hirten Muster, ein Lehrer der wahren Gottseligkeit; die Liebe der Fürsten, der Trost seiner Herde, ein Vater der Armen; ein apostolischer Prediger, der Stifter einer Pflanzschule von Engeln in Menschengestalt; der Tugend liebenswürdiges Vorbild war. Erstaune über dieses größte Wunder der Gnade in unseren Tagen. Folge, wenn du aus der Zahl der Stillen im Lande bist, die das Heimweh nach des Vaters seligem Hause haben, dem Beispiel dieses verherrlichten Gerechten nach!"
Letztes Gebet des heiligen Franz von Sales während seines Todeskampfes
"Einziger, dreieiniger Gott! Alles, was ich durch Dein Erbarmen bin, opfere ich Dir. Mein Gedächtnis und meine Gedanken seien Dir geheiligt, ewiger Vater! Mein Verstand und meine Worte Dir, göttlicher Sohn! Mein Wille und meine Handlungen Dir, göttlicher Geist! Mein Herz, meinen Leib, meine Zunge und meine Sinne schenke ich Dir zum Opfer, heilige Menschheit meines Erlösers Jesus Christus, der aus Liebe meiner sich in den schmerzlichen Tod des Kreuzes hingegeben hat!"
Der heilige Timotheus,
Bischof und Martyrer, war der geliebte Schüler des heiligen Apostels Paulus. Ungeachtet seiner vielen Arbeiten, beschwerlichen Reisen und Schwächlichkeit trank Timotheus doch nur Wasser. Sein Lehrer aber ermahnte ihn in einem seiner ersten Briefe: "Trinke nicht mehr bloß Wasser, sondern genieße ein wenig Wein, wegen deiner häufigen Unpässlichkeit.
Alles ist sicher im Gehorsam, alles verdächtig außerhalb des Gehorsams. Daher ist es besser und verdienstlicher vor Gott, nach dem Rat und Willen des Beichtvaters essen und trinken, als eigenwillig fasten.
Prüfe dich, ob du nicht ohne Erlaubnis fastest, wachst, zu lange betest, oder sonstige Bußübungen verrichtest, es etwa machst wie ein Kranker, der ohne Wissen seines Arztes allerlei Mittel zur Heilung anwendet?
Bete um Gehorsam gegenüber dem Beichtvater.
Gehorsam ist das Beste,
Und was er tut, das Größte.
Der heilige Johannes,
der Almosengeber, wurde von einem Bettler beschimpft. Sein Diener wollte den Unverschämten strafen, Johannes aber sprach: "Sechzig Jahre habe ich Gott beleidigt durch meine Sünden, und sollte mich nun über diese geringe Störung ereifern?" - Der Bettler erhielt ein reichliches Almosen.
O wie ungerecht, wenn Sünder sich gegen Sünder erhebt, und wie schwach muss das Feuer der Liebe in unseren Herzen sein, wenn schon ein paar Tropfen, ein paar beleidigende Worte es auslöschen oder vermindern!
Prüfe dich, ob du nicht bei kleinen Beleidigungen deiner Verwandten, Freunde, Geschwister etc. kränkende, kurze oder gar keine Antworten gibst, jener Person oft Stunden, Tage lang unfreundlich begegnest, ausweichst, zu reden vermeidest?
Bete um christliches Ertragen der Beleidigungen.
Wirst du beleidigt, so vergib es gern -
Denn so gehorchest du dem Herrn.
Andenken an die seligste Jungfrau
An diesem Tag wurde zu Toledo in Spanien das Fest begangen, das der heilige Bischof Ildephonsus, der so eifrige Verteidiger der Jungfräulichkeit Mariä, im Jahr 657 eingesetzt hat, nämlich zum Gedächtnis der wundervollen Erscheinung der seligsten Jungfrau in der Domkirche zu Toledo, die ihm an Mariä Himmelfahrt zuteil geworden ist. Die zu Toledo wegen dieser Erscheinung an diesem Tag gebräuchlichen priesterlichen Tagzeiten sind von Papst Gregor XIII. gutgeheißen worden.
Man muss schon sagen, dass man dem heiligen Timotheus einen besseren Platz im Kalender kaum hätte geben können; denn morgen ist das Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, und Paulus und Timotheus gehören fast so innig zueinander, wie Vater und Sohn miteinander verbunden sind.
Etwa um dieselbe Zeit, da der liebe Heiland im Heiligen Land lehrte, litt und starb, wurde Timotheus zu Lystra in Kleinasien geboren. Von seinem Vater ist bekannt, dass er ein Grieche und ein Heide war; die Mutter dagegen und die Großmutter lebten als gläubige Israeliten, die den kommenden Erlöser mit Sehnsucht erwarteten. In ihrem frommen sinn gab die Mutter dem Neugeborenen den Rufnamen Timotheus. Es ist ein schöner Name, denn auf Deutsch heißt Timotheus. „Hab Ehrfurcht vor Gott!“ Sooft also Timotheus mit seinem Namen gerufen wurde, lag in dem Ruf bereits die Aufforderung, dass der Gerufene Ehrfurcht vor Gott haben soll. Als Timotheus etwa fünfzehn Jahre zählte, kam der Völkerapostel Paulus auf seiner ersten Missionsreise nach Lystra, um dort das Evangelium zu verkünden. Es gab einen aufregenden Zwischenfall. Es war da nämlich ein Mann, dessen Beine von Geburt an schlaff und ohne Kraft waren, so dass er weder stehen noch gehen konnte. Der behinderte Mann wohnte der Predigt des Apostels bei, und als Paulus in seinen Augen las, dass er genügend Glauben an Christus hatte, um geheilt werden zu können, sprach er zu ihm mit lauter Stimme: „Stell dich aufrecht auf deine Füße!“ Da sprang der Mann auf und ging umher.
Die Wirkung dieses offensichtlichen Wunders war zwiespältig. Die Heiden in Lystra nämlich glaubten, dass ihr oberster Gott, Zeus genannt, in Paulus Menschengestalt angenommen habe, und gleich kamen sie mit Stieren und Kränzen, um ihm zu opfern. Der Apostel aber lachte darüber und legte ihnen noch einmal den christlichen Glauben klar auseinander.
Anders als die Heiden verhielten sich die Juden in Lystra und Umgebung, denn diese sahen in Paulus einen Abtrünnigen und steinigten ihn fast zu Tode. Daraufhin verließ der Völkerapostel die Stadt, nicht ohne dass er vorher eine kleine Christengemeinde gegründet hatte, und zu den Erstlingen im wahren Glauben zu Lystra gehörte mit Mutter und Großmutter auch Timotheus. Der heilige Paulus hat damals den Fünfzehnjährigen getauft, ohne ihn vorerst weiter zu beachten.
Etwa sechs oder sieben Jahre später kam der Apostel auf einer neuen Missionsreise zum zweiten Mal nach Lystra, und weil er bei dieser Gelegenheit von dem Vorstand der christlichen Gemeinde nur Gutes über Timotheus hörte, beschloss er, den jungen Mann als Reisebegleiter und Gehilfen bei der Predigt des Evangeliums mitzunehmen. Es war für Timotheus sicherlich eine hohe Auszeichnung, dass er von dem größten Mann seiner Zeit zum Lebensgefährten auserlesen wurde. Dass aber die folgenden Reisen alles andere als ein Vergnügen waren, zeigt die Legende am Festtag des heiligen Paulus.
Glänzend hat sich der junge Timotheus bei den Drangsalen bewährt, und Paulus steht nicht an, dem Mitarbeiter im Weinberg des Herrn ein gutes Zeugnis auszustellen. Dieses Zeugnis zeigt die heutige Lesung, wo es heißt, dass Timotheus vor vielen Zeugen ein herrliches Bekenntnis für die Wahrheit abgelegt hat, das jenem Zeugnis ähnlich ist, welches Jesus Christus vor Pilatus ablegte. Welch ein Lob aus dem Mund des großen Paulus!
Ein inniges Vertrauen verband die beiden Männer, und die Liebe zu Christus, ihrem Herrn und Meister, fesselte sie auch dann noch aneinander, als ihre Wege sich trennten. Paulus ernannte nämlich seinen Lieblingsschüler zum Bischof von Ephesus in Kleinasien, während er selbst nach Rom zog, und von Rom aus schrieb Paulus mehrfach an den unvergesslichen Freund in der Ferne. Zwei von diesen Paulusbriefen stehen heute noch in der Heiligen Schrift des Neuen Testamentes, wo man sie gelegentlich einmal nachlesen möge. Es erübrigt sich, zu bemerken, dass Timotheus den Martertod für Christus erlitt.
1. Die Kirche Gottes feiert die Vermählung Mariä durch ein eigenes Fest, weil in diesem großen Geheimnis die Weisheit Gottes auf wunderbare Weise sich zeigte. Die glorreiche Jungfrau, die nach Gottes ewigem Ratschluss erkoren war, den Sohn Gottes zu gebären, empfing schon im ersten Augenblick ihres Bewusstseins die Gnade, die sie zu dieser so hocherhabenen Würde vorbereitete. Und diese Gnade nahm, so wie das Licht des Heiligen Geistes, fortwährend in ihr zu, da sie ihr kein Hindernis durch die geringste Sünde setzte. In diesem göttlichen Licht erkannte sie die höchste Tugend des Evangeliums, die Tugend der Jungfräulichkeit, und weihte, die Erste und Einzige im Alten Bund, dem Allerhöchsten noch in ihren kindlichen Tagen sich als ewige Jungfrau.
2. Da sie jedoch aus dem Hause David abstammte, und der Messias um diese Zeit allgemein erwartet wurde, konnte ihr Verlangen ihr nicht gewährt werden, dem Herrn in seinem Tempel ewig als Jungfrau zu dienen. Sie musste dem Gesetz sich unterwerfen und mit einem Mann aus dem genannten Haus sich vermählen lassen. Gottes ewige Vorsehung aber hatte dazu den gerechtesten und heiligsten Mann aus Israel erwählt, der, nach dem allgemeinen Glauben der Kirche, gleich ihr dies Gelübde der Keuschheit abgelegt hatte. Durch diese Vermählung war die jungfräuliche Geburt Mariä beschützt, und das hochheilige Geheimnis der Menschwerdung Gottes unheiligen Augen verborgen.
3. Betrachte diese wunderbare Jungfrau, die die heilige Reinheit über alles liebte, und dennoch im festen Vertrauen, dass der Allerhöchste das heilige Gelübde, das er selbst ihr eingeflößt hatte, auch beschützen werde, denjenigen gehorchte, die über ihre Zukunft zu verfügen hatten. Wie wunderbar aber belohnte der Herr ihr Vertrauen und ihren Gehorsam. Sie war die Jungfrau, von der der Seher Gottes geweissagt hatte: "Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären; und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen, das ist: Gott mit uns." Dies aber geschah unter dem Schutz dieser heiligen Vermählung. Lerne von ihr, Gottes Fügungen demütig dich unterwerfen, und du wirst die Wunder seiner Vorsehung erfahren. Lukas 1,38: "Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast."
Gleichwie das Kind dem Schoß der Mutter zueilt, so fliehe ich zu dir in allen meinen Nöten, o Mutter der Liebe. Und wie jede Mutter eher alles vergessen konnte als ihr Kind, so verstößt auch du niemanden, der vertrauensvoll und kindlich ergeben an dich sich wendet. Du Trösterin der Bedrängten. Auch ich fliehe in deinen Schoß. Schütze mich vor den Nachstellungen des bösen Feindes. Erleichtere mir den Sieg bei den Versuchungen und hilf mir in allen Stücken zu gutem Ausgang. Amen.
Zu Gott
Wir bitten Dich, o Herr, erteile Deinen Dienern die Gnade vom Himmel, dass, gleichwie die Geburt der seligsten Jungfrau der Anfang zu unserem Heil gewesen ist, die andächtige Feier ihrer Vermählung den Frieden in uns vermehren möge, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zum heiligen Patriarchen Johannes
Heiliger Johannes, flöße mir deine Liebe und dein Erbarmen zu den Dürftigen ins Herz ein, auf dass ich alle Zeit liebevoll und freigebig entweder mit leiblicher Hilfe oder mit Fürbitten, mit gutem Rat oder auf was immer für eine Weise allen denjenigen beistehe, denen ich nach dem Willen Gottes helfen kann und soll, damit, wenn ich sterbe, Gott auch mir ein "Vater des Erbarmens" ist, und ich unter allen Barmherzigen selig werden und ewige Barmherzigkeit erlangen möge.
Zu Gott auf die Fürbitte der heiligen Emerentiana
Wir bitten Dich, o Herr, vermehre auf die Fürbitte deiner heiligen Jungfrau und Martyrin Emerentiana unseren Glauben und gib uns eine Liebe, die stark ist, wie der Tod, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Der heilige Meinrad,
Einsiedler. Da er gerade die heilige Messe las, wurde ihm sein naher Tod geoffenbart. Die schwache Natur bebte anfangs zurück, der Geist aber erhob sich voll Inbrunst zu Gott, und betete um Kraft, und siehe, da er vom Gebet aufstand, war alle Zagheit gewichen.
So wie die Erde durch den Pflug fruchtbar gemacht wird, so erlangen wir Gnade von Gott mittels des Gebetes, nach dem Ausspruch Jesu: "Bittet und es wird euch gegeben werden."
Prüfe dich, ob du solches Vertrauen in das Gebet setzt und es auch an den Tag legst, wenn du innerlich versucht, bedrängt und in Angst bist, Unruhe und Sorge wegen kommender Dinge hast, oder äußerlich verfolgt, verlassen, bedroht bist? - Und wenn du auch gleich nicht recht beten kannst, halte aus, du wirst gewiss noch wie Meinrad die Kraft des Gebetes erfahren.
Bete um die Gabe des Gebetes.
Des Betens große Kraft und Segen
Begleite dich auf allen deinen Wegen.
Der heilige Raymund von Pennafort
gab sich besonders viel Mühe, die Sünder durch das heilige Bußsakrament mit Gott zu versöhnen, und schrieb deshalb ein eigenes Buch zum Unterricht für Beichtväter, worin er seine Erfahrungen zum Heil der Sünder hinterließ.
Reinige wenn möglich alle 8 Tage dein Herz durch das heilige Sakrament der Buße, so wie ja auch ein gewissenhafter Hausvater am Ende der Woche seine Rechnung abschließt, alles bezahlt und in Ordnung zu bringen versucht.
Prüfe dich, wie oft du mit Zustimmung deines Beichtvaters zur heiligen Beichte gehst, wobei du nicht allein Nachlass der Sünden, sondern auch immer neues Licht, dich selbst recht zu kennen, große Kraft und Gnade zur Besserung erhältst.
Bete um Gnade zum öfteren Empfang der heiligen Beicht.
Geh zur Beicht, bekenn die Sünden,
Bess're dich, dann wirst du Gnade finden.
Die heilige Emerentiana,
Martyrin, eine römische Jungfrau, kniete soeben in stiller Andacht am Grab der heiligen Agnes, als sich die Götzendiener näherten, und sie mit Steinen zu Tode warfen.
Wir werden sterben, aber wann, - wo, wie? - Werden wir noch Zeit und Gelegenheit haben zu beichten, unser Gewissen in Ordnung zu bringen? - Wird uns der Tod auch in solch geistiger Gemeinschaft mit den Heiligen, wie Emerentia am Grab der heiligen Agnes treffen?
Prüfe dich, wie es in dieser Stunde mit deinem Gewissen steht? - Wie nützlich ist der Gebrauch, sich monatlich einen Tag auszuwählen, wo man recht ernsthaft über sich selbst und die Mittel zur Besserung nachdenkt, und z.B. die heilige Beichte, Kommunion und alles so verrichtet, als wenn dies der letzte Tag des Lebens wäre.
Bete um diese nähere Vorbereitung zum Tod.
Sei stets bereit zum Tod!
Er ist die letzte Not,
Übst du dich im Sterben,
Dann wirst du das Leben erben.
Andenken an die seligste Jungfrau
Das Fest der Vermählung der seligsten Jungfrau mit dem heiligen Joseph wurde am heutigen Tag nach der römischen Kirchenordnung gehalten. In verschiedenen besonderen Kirchen wurde es an anderen Tagen begangen.
Nun folgt die anmutige Legende, die niemand lesen oder hören wird, ohne durch sie zur herzlichen Liebe gegenüber dem Nächsten entflammt zu werden.
Johannes, genannt der Almosengeber, ein Patriarch zu Alexandria, verharrte einst in der Nacht im Gebet. Da sah er eine wunderbare Jungfrau neben sich stehen, die eine Olivenkrone auf dem Haupt trug. Johannes verwunderte sich sehr über ihre Lieblichkeit und Anmut. Er wagte auch zu fragen, wer sie sei. Sie sprach: „Ich bin die Barmherzigkeit, die den Sohn Gottes vom Himmel heruntergezogen hat. Wähle mich zu deiner Braut! Es soll dich nicht gereuen.“ Von der Stunde an war der fromme Bischof so barmherzig, dass er daher den Namen des Almosengebers erhielt.
Johannes pflegte die Armen nicht anders zu nennen, als: „meine Herren“. „Geht“, sprach er zu seinen Dienern, „und schreibt mir meine Herren auf in der ganzen Stadt, und seht wohl zu, dass ihr niemanden überseht.“ Als diese ihn mit großen Augen ansahen, nicht wissend, wen er meine, sprach er: „Die ihr Dürftige und Bettler nennt, die nenne ich meine Herren und Helfer, denn sie sind die rechten Helfer, und vermögen uns das Himmelreich zu verschaffen.“
Wenn Johannes Freunde ihm Vorhaltungen machten über seine unbeschränkte Mildtätigkeit, pflegte er ihnen die Historie des Schatzmeisters Petrus zu erzählen.
Es war einmal ein kaiserlicher Schatzmeister, namens Petrus. Derselbe war über die Maßen reich und begütert, dabei aber so unbarmherzig, dass er die Armen, die vor seine Tür kamen, mit Schmähungen und Schlägen forttrieb. Als nun die Armen einst, an der Sonne sitzend, von den Häusern sprachen, aus denen sie Almosen zu empfangen pflegten, und niemand vorhanden war, der sich hätte rühmen können, vor des Schatzmeisters Petrus Tür jemals eine Gabe empfangen zu haben, sprach einer von ihnen: „Was gebt ihr mir, wenn ich noch heute ein Almosen aus des Petrus eigenen Hände empfange?“ Sie wurden einig um ein paar Pfennige, worauf der Arme alsbald in die Stadt ging, und vor die Tür des Petrus trat. Als der Schatzmeister nach Hause kam, und einen Bettler an der Tür stehen sah, wurde er wütend und sah sich auch sogleich nach einem Stein um, womit er ihn werfen könne. Es war jedoch kein Stein vorhanden. Dagegen kam eben einer seiner Sklaven gegangen mit einem Korb voll schwarzer Brote, die er soeben vom Bäcker geholt hatte. Außer sich vor Zorn, ergriff der Schatzmeister eins dieser Brote, um es dem Bettler an den Kopf zu werfen. Der Arme fing das Brot auf, und eilte freudig zu seinen Gefährten zurück, und sagte: „Seht die Gabe, die ich aus des Geizigen eigenen Händen empfangen habe!“ Zwei Tage danach wurde der Schatzmeister todkrank. Es kam ihm vor, er stehe vor Gottes Gericht, und seine guten und bösen Taten würden auf der Waagschale gegeneinander abgewogen. Auf der einen Seite standen einige grässliche Männer, die seine Sünden in die eine Schale häuften; auf der anderen standen Männer in weißen Kleidern, die sehr traurig waren, dass sie in die andere Schale nichts dagegen zu legen hätten. Endlich sprach der eine: „Wir haben wenigstens das Gerstenbrot, das er, obgleich im Zorn, dem Armen vorgestern gegeben hat.“ Als es in die Schale gelegt wurde, stand das Zünglein. Die Männer aber sprachen zu Petrus: „Lass dies nicht das einzige bleiben, du dürftest sonst den grässlichen Männern überantwortet werden!“ Als Petrus aus dem schweren Traum erwachte, war er ein anderer Mensch geworden. „Ei,“ rief er aus, „wenn ein einziges Gerstenbrot, hingeworfen noch dazu in böser Absicht, so viel vermag, welcher Lohn wird nicht dem zuteilwerden, der all das Seine den Armen gibt?“
Als nun der Schatzmeister wieder genesen war, ging er einst im Hafen spazieren, mit sehr herrlichen Kleidern angetan. Ein Schiffbrüchiger trat zu ihm, und bat um Kleidung. Augenblicklich zog der Schatzmeister sein sehr kostbares Kleid aus, und gab es dem Bettler, der sofort in die Stadt lief, und es dem Trödler verkaufte. Als nun der Schatzmeister auf dem Heimweg sein Kleid in dem Trödelgeschäft hängen sah, betrübte er sich sehr darüber, dass der Arme ihn nicht würdig geachtet hätte, sein Gewand zu tragen, vermochte auch vor Traurigkeit am Abend nicht zu essen. Des nachts aber, als er auf seinem Bett lag und schlief, erschien ihm Unser Herr, glänzender als die Sonne, ein Kreuz in Händen tragend und angetan mit demselben Gewand, das er dem Bettler gegeben hatte. „Petrus,“ sprach der Herr, „warum weinst du?“ „Herr,“ erwiderte er, „ich habe einem Armen mein Kleid gegeben; er aber hat die Gabe verschmäht.“ Der Herr sprach: „Siehe her, Petrus! Kennst du dieses Kleid?“ „Wie sollte ich nicht?“ antwortete Petrus. Da sprach der Herr: „Ich bin derjenige, den du mit diesem Gewand bekleidet hast. Ich danke dir für deinen guten Willen. Ich habe Frost gelitten, und du hast meine Blöße bedeckt.“ Als Petrus aus diesem Traum erwachte, pries er die Armen selig, und rief: „So wahr der Herr lebt, ich will nicht sterben, ich werde denn, wie ihrer einer!“ Am Morgen stand er auf, und verteilte alle seine Habe unter die Armen. Dann rief er seinen Schaffner, und sprach zu ihm: „Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen. Wofern du es aber irgendjemanden erzählst, oder dich weigerst, mir zu folgen, so will ich dich an die Barbaren verkaufen. Hierauf gab er ihm zehn Pfund Gold. „Geh hin,“ sprach er, „in die heilige Stadt und kaufe dir Waren dafür, mich aber verkaufe einem Christen, und gib das Geld, was du für mich bekommen wirst, den Armen.“ Der Schaffner dachte, sein Herr habe den Verstand verloren, und weigerte sich, ihm zu gehorchen. Petrus aber sprach zu ihm: „Bedenke, was ich gelobt habe; entweder verkaufe mich, oder ich verkaufe dich den Ungläubigen.“ Also führte der Schaffner ihn zu einem Silberhändler, verkaufte ihm seinen Herrn, als wäre er einer seiner Sklaven, und gab die dreißig Silberlinge, die er für ihn empfing, den Armen. Petrus aber ertrug die Dienstbarkeit mit großer Geduld, verrichtete die niedrigsten Dienste im Haus, beklagte sich auch nicht im Geringsten, wenn das übrige Gesinde ihn neckte, schlug und als einen Blödsinnigen behandelte. Auch erschien ihm der Herr Jesus Christus des Öfteren, tröstete und stärkte ihn, indem er ihn auf die Silberlinge hinwies, um die er ihm zu Liebe sich hatte verkaufen lassen. Zu Konstantinopel war indes allgemeine Verwunderung über das plötzliche Verschwinden eines so angesehenen Mannes. Der Kaiser, der nie einen besseren Schatzmeister gehabt hatte, gab sich viel Mühe, ihn wieder aufzufinden, konnte aber nicht die geringste Kenntnis von ihm erlangen. Nach langer Zeit begab es sich, dass einige Herren der Hauptstadt in das Gelobte Land reisten, ihrer Andacht zu pflegen. Als diese zufälliger Weise von dem Herrn des Petrus zu Tisch geladen wurden, und Petrus gerade bei Tisch aufwartete, wurden die Fremden aufmerksam auf ihn, und einer sprach zum anderen: „Wie ähnlich sieht dieser Diener dem Schatzmeister Petrus!“ Sie beobachteten ihn genauer, und wurden überzeugt, dass er es selbst ist. „Ich will aufstehen,“ sprach der eine, „und ihn festhalten.“ Mittlerweile aber war Petrus fortgeschlichen, um zu entfliehen. Die Tür war verschlossen. „Macht eilig auf“, sprach Petrus zu dem Türhüter, der aber taub und stumm war, und sonst nur durch Winke verstanden werden konnte. „Recht gern“, sprach der, schloss auf, und ließ den Heiligen hinaus. Dann eilte er in den Saal, und während alle sich seiner Rede verwunderten, sprach er: „Der Knecht, der in der Küche diente, ist entflohen. Seht aber wohl zu, ob es nicht ein Knecht Gottes ist. Denn, indem er zu mir sprach: Mach eilig auf! Fuhr eine Flamme aus seinem Mund. Die Flamme berührte meine Zunge und meine Ohren, und auf der Stelle wurde mir Gehör und Sprache verliehen.“ Als das die Speisenden hörten, standen sie sämtlich auf, um dem Entflohenen nachzueilen; er aber war nicht mehr zu finden.
Auch des heiligen Bischofs Serapion gedachte Johannes, wenn er seinen Zuhörern die Almosen empfehlen wollte. „Serapion“, sprach er, „hatte einst auf einem Spaziergang einem Dürftigen sein Oberkleid gegeben. Als ihn bald darauf ein anderer Armer in den weg trat, der vor Frost zitterte, zog er auch seinen Leibrock aus, und gab ihm diesen. Er selbst aber blieb, das Evangelium in den Händen haltend, bloß am Weg sitzen. Es kam bald jemand, der ihn fragte: „Vater, wer hat euch denn so heftig ausgezogen?“ „Dieser hier“, sprach er, und zeigte ihm das Evangelienbuch. Als aber dieser Serapion ein andermal von einem Dürftigen angesprochen wurde, und bereits alles weggegeben hatte, was er um und an hatte, verkaufte er selbst das Evangelienbuch, und gab das Geld dem Armen. Als er nun zur Kirche gerufen wurde, und der Diakon ihn fragte, wo sein Evangelienbuch sei, sprach er: „Das Evangelium sagt: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen. Da ich nun weiter nichts hatte als das Evangelium, so verkaufte ich es, und tat mit dem Geld, wie es befiehlt.“
Mit diesen und ähnlichen schönen Beispielen pflegte der gütige Patriarch seine Zuhörer zur Mildtätigkeit zu ermuntern, jedoch noch kräftiger durch sein eigenes Beispiel.
Als einst ein Bettler vor seine Tür kam, und ihn um eine Gabe ansprach, befahl der dem Schaffner, ihm sechs Silberlinge zu geben; der Arme empfing sie und ging. Nicht lange danach kam derselbe Bettler in veränderter Kleidung wieder, und bat aufs Neue um eine Gabe. Johannes befahl dem Schaffner, ihm sechs Gulden zu geben. Der Bettler erhielt sie und ging. Der Schaffner aber sprach zu Johannes: „Lieber Herr, bei dem Gott, den ihr anbetet, dieser Bettler war derselbe, der vorhin sechs Silberlinge empfing. Nur hatte er andere Kleider angezogen, um uns zu betrügen.“ Der Bischof tat, als ob er dies nicht glaube. Gleich darauf kam derselbe Bettler, und abermals in veränderter Kleidung wieder, und bat zum dritten Mal um eine Gabe. Der Schaffner winkte dem Bischof, und zupfte ihn am Mantel, um ihm zu verstehen zu geben, es sei wieder der vorige. Johannes aber sprach zu ihm: „Gib ihm zwölf Silberlinge. Wer weiß, es möchte Unser Lieber Herr selber sein, der auf diese Weise versuchen will, wer von uns beiden es am längsten aushielte, er mit Fordern, oder ich mit Geben.“
Ein reicher Einwohner der Stadt sah den frommen Erzbischof einst auf der Straße in sehr schlechter Kleidung umhergehen, indem er die besseren alle den Dürftigen gegeben hatte. Es tat ihm leid, er kaufte einen sehr kostbaren Anzug, und schenkte den dem Bischof. Als Johannes sich des abends niederlegte, deckte er sich mit diesem Anzug sich zu, konnte aber dafür die ganze Nacht nicht schlafen. Unablässig dachte er daran, dass wohl dreihundert seiner Herren für den Wert dieses Stoffes hätten gekleidet werden können. Die ganze Nacht hindurch jammerte er und sprach: „Wie viele sind diesen Abend schlafen gegangen, hungrig, vom Regen durchnässt, von Frost schaudernd und zähneklappernd. Du aber, nachdem du eine Anzahl großer Fische verschlungen hast, streckst dich auf weichen Polstern, und erwärmst dich mit einem Kleid, das wohl vierzig Silberlinge wert ist? Ziemt das dem Johannes, der gern für so demütig gelten möchte?“ Sobald der Tag anbrach, ließ er den Stoff verkaufen, und das Geld den Armen geben. Als der Reiche das vernahm, kaufte er den Stoff wieder, und schickte ihn dem Erzbischof noch einmal, mit der Bitte, ihn doch für diesmal zu behalten. Allein Johannes hatte ihn kaum empfangen, als er ihn aufs Neue verkaufte. Der Reiche kaufte ihn zum dritten Mal, schickte ihn auch diesmal dem Bischof zurück, und ließ ihm sagen: „Wir wollen doch sehen, wer von uns beiden des Verschenkens zuerst überdrüssig wird, du oder ich!“
Als Johannes einst einen Bettler, der ihn um ein Almosen ansprach, fünf Pfennige reichen ließ, erzürnte sich der Bettler über die Geringfügigkeit der Gabe, schalt und schimpfte auf den Bischof. Der Diener wollte über den Unverschämten herfallen, und ihn tüchtig verprügeln. Der fromme Johannes aber verbot es ihm, sagend: „Sechzig Jahre lang habe ich meinen Herrn gelästert durch meine Sünden, und sollte mich ereifern über ein schmähendes Wort meines Mitknechtes?“ Hierauf ließ er den Beutel bringen, stellte ihn dem Bettler zu, und hieß ihn so viel herausnehmen, als er wollte.
Mehr als einmal hat man im Feuer des Gebetes den frommen Bischof ausrufen hören: „So recht, gütiger Jesus, so recht! Ermüde du nur nicht mir zu geben, ich meines Teils will für das Austeilen schon sorgen.“
Einst war der Kirche eine beträchtliche Summe Geldes eingegangen. Der Schatzmeister wollte sie auf Zins anlegen. Der Erzbischof aber behauptete, man könnte das Geld nicht vorteilhafter unterbringen, als wenn man es den Armen gäbe. Da nun jeder auf seiner Meinung bestand, gerieten sie hart aneinander, und schieden im Zorn. Als es aber um die elfte Stunde kam, schickte der Erzbischof seinen Archipresbyter zum Patrizier, und ließ ihm sagen: „Herr, die Sonne will untergehen.“ Der Patrizier brach in Tränen aus, eilte zu dem Erzbischof, und bat um Vergebung.
Ein Neffe des Bischofs war von einem Schenkwirt der Stadt gröblich beleidigt worden. Darüber beklagte sich der Jüngling bei dem Bischof, schmähte und jammerte, und war auf keinerlei Weise zufrieden zu stellen. Endlich sprach Johannes: „Wie hat doch ein Mensch wie dieser sich unterfangen können, gegen des Erzbischofs Schwester Sohn das Maul aufzutun! Glaube mir, lieber Neffe, ich will noch heute ein Ding an ihm tun, dass ganz Alexandrien sich darüber verwundern soll.“ Der Jüngling, der glaubte, er werde seinem Feind den Staubbesen geben lassen, beruhigte sich nunmehr. Als Johannes das merkte, fasste er ihn in seine Arme und sprach: „Lieber Sohn, willst du in der Tat und Wahrheit für den Neffen meiner Wenigkeit gelten, so halte dich bereit, Schmähungen und Schläge geduldig hinzunehmen. Eine echte Verwandtschaft wird nicht sowohl durch das Geblüt bewährt, als durch die Ähnlichkeit der Gesinnung.“ Hierauf ließ er den Schenkwirt kommen, und befreite ihn von allen Abgaben und Steuern, worüber sich dann freilich ganz Alexandrien nicht wenig wunderte.
Es hatte das Volk sich angewöhnt, nach verlesenem Evangelium aus der Kirche zu laufen, und draußen allerlei müßiges Geschwätz zu führen. Eines Tages ging der Erzbischof nach verlesenem Evangelium zugleich mit den anderen hinaus, und setzte sich mitten unter ihnen nieder. Als sie sich hierüber verwunderten, sprach er: „Meine Kindlein, wo die Schafe sind, da geziemt auch dem Hirten zu sein. Geht ihr hinein, so will ich mit euch gehen. Bleibt ihr aber hier, so will ich auch hierbleiben.“ Nachdem er dies ein oder zweimal getan hatte, gewöhnte sich das Volk daran in der Kirche zu bleiben.
Ein Jüngling hatte eine Nonne entführt. Darüber entrüsteten sich die Priester zum höchsten, und ermahnten den Erzbischof, den Räuber in den Bann zu tun, weil er zwei Seelen ins Verderben gestürzt habe, seine eigene und die Seele derjenigen, die von ihm verführt wäre. Johannes aber verwies ihnen ihre Vorschnelligkeit und sprach: „Nicht so, meine Söhne, nicht so! Ich getraue mich, euch zu überführen, dass auch ihr doppelt fehlt. Einmal, dass ihr das Gebot des Herrn übertretet: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Zum andern, indem ihr nicht wissen könnt, ob sie beide noch heute diesen Tag zu sündigen fortfahren, oder ob ihr Vergehen ihnen nicht schon leid sei.“
Dieselbe liebevolle Schonung bewies der fromme Erzbischof einem Mönch, Vitalis genannt, der eine ganz eigene Weise ersonnen hatte, die öffentlichen Buhlerinnen der Hauptstadt zu bekehren. Er zeichnete sie alle auf, besuchte dann eine nach der anderen, und sprach zu jeder: „Gewähre mir die und die Nacht, und versage dich an keinen anderen.“ Sobald er nun um die bestimmte Stunde in das Haus und in die Kammer trat, fiel er in einer Ecke des Zimmers auf die Knie, und betete für die Besitzerin des Hauses die ganze Nacht. Früh morgens verließ er sie und verbot ihr aufs schärfste zu sagen, was er bei ihr gemacht hätte. Dies trieb Vitalis eine geraume Zeit, und richtete dadurch seinen guten Namen völlig zu Grunde. Befand er sich bei einbrechender Nacht etwa in einer Gesellschaft, so pflegte er zu sprechen: „Was mache ich doch? Hätte ich doch bald vergessen, dass die und die Freundin mich erwartet. Ich muss hin, auf dass sie nicht über mich zürne.“ Wurde er von anderen wegen solchen anstößigen Wandels gestraft, so sprach er: „Was denkt ihr doch? Meint ihr, dass ich von Stahl und Eisen bin? Bildet ihr euch ein, dass Gott den Mönchen nicht auch ein bisschen Freude gönne? Die Mönche sind Menschen, so gut wie die anderen.“ Manche sagten zu ihm: „Vater, nehmt euch lieber eine eigene Frau, und legt den geistlichen Habit ab, damit die andern sich nicht an euch ärgern.“ Hierauf pflegte er zu antworten: „Wer sich ärgern will, der ärgere sich, und renne meinethalben mit dem Kopf gegen die Mauer. Seid aber ihr über mich zu Richtern bestellt? Bekümmert euch um euch selbst; für mich sollt ihr Gott keine Rechenschaft ablegen.“ Solches sagte er mit großem Lärmen und Geschrei. Als nun die Sache vor den Erzbischof gebracht wurde, weigerte er sich, dem sonst frommen Mönch etwas so Frevelhaftes zuzutrauen. Er ahnte, dass irgendeine löbliche Absicht unter einem so frechen Äußeren verborgen bleibe, und er vertraute, dass Gott solche zu seiner Zeit schon an das Licht bringen werde. Wirklich gelang es dem Mönch, manche dieser Frauen zu bekehren und in Klöstern unterzubringen. Als er eines morgens aus dem Haus einer solchen Frau heraustrat, begegnete ihm einer ihrer Buhler, gab ihm eine Maulschelle und sprach: „Willst du noch nicht ablassen, Bösewicht, von diesen ruchlosen Gängen?“ Vitalis antwortete: „Für diese Maulschelle wirst du eine andere empfangen, die über ganz Alexandrien erschallt.“ Gleich darauf erschien der Teufel dem Wüstling in Gestalt eines Mohren, versetzte ihm eine schreckliche Maulschelle, und sprach: „Die schickt dir der Abt Vitalis.“ Von Stunde an fuhr der Teufel in ihn und plagte ihn erbärmlich, bis Vitalis ihn durch sein Gebet befreite. Vitalis beharrte in dieser Bekehrungsweise, so lange er lebte. Als er gestorben war, fand man an den Wänden seiner Zelle diese Worte geschrieben: „Richtet nicht vor der Zeit!“ Die ehemaligen Buhlerinnen, die durch Vitalis Tod ihres ihm geleisteten Versprechens entbunden wurden, bekannten nun, in welcher Absicht er sie besucht, und was er bei ihnen gemacht habe. Als das Johannes vernahm, pries er Gott, der solches geoffenbart hatte. Auch sprach er: „O wie gern hätte ich die Maulschelle hingenommen, die Vitalis empfing!“
Damals herrschte die Sitte, dass, wenn ein Kaiser gekrönt wurde, einige Bauverständige zu ihm traten, und ihm allerlei Proben von Marmor vorlegten, sagend: „Von welcher dieser Marmorarten verlangst du, o Herr, dass wir dir dein Grabmal bauen?“ Dieser bedeutenden Sitte eingedenk, war auch Johannes nicht sobald zu seinem Patriarchat gelangt, als er befahl, dass ihm ein Grabmal errichtet, jedoch nicht ganz ausgebaut würde. So oft er nun an feierlichen Tagen im hohenpriesterlichen Schmuck und von der Klerisei umringt dem Hochaltar sich näherte, musste ein eigens dazu verordneter Diakon ihm zurufen: „Dein Grabmal ist noch nicht fertig. Befiehl, dass es vollendet werde, denn du weißt nicht, wann der Dieb kommt.“
Als Johannes auf dem Totenbett lag, lobte er Gott und sprach: „Ich danke dir, Her, dass du mein Gebet erhört, und mir gewährt hast, dass ich nicht mehr hinterlasse, als einen einzigen Heller. So sei denn auch dieser eine den Armen vermacht!“
Es wurde aber des frommen Bischofs würdige Leiche in einem Grabmal beigesetzt, in dem bereits zwei andere Bischöfe ruhten. Sofort rückten deren Leichen auseinander um die Seinige in die Mitte zu nehmen.
Wenige Tage vor Johannes Tod war eine Frau zu ihm gekommen, und hatte ihm bekannt, dass sie eine sehr schwere Sünde begangen habe, die sie sich aber irgendjemanden zu gestehen scheue. Der Bischof fragte, ob sie schreiben könne? Sie bejahte dies. „Wohlan,“ so sprach er, „so vertraue deine Sünden dem Paper an, versiegele es und bring es mir! Ich will Gott für dich bitten.“ Die Frau tat es. Als aber der Bischof gleich darauf erkrankte und starb, besorgte sie sich darüber, ihr Brief werde nun in andere Hände kommen, und geriet darüber in die höchste Unruhe. Sie ging zu des Bischofs Grab, weinte und wehklagte. „Weh mir,“ rief sie, „indem ich meine Schmach zu verbergen suchte, muss ich nun fürchten, dass sie aller Welt offenbar wird. Ich beschwöre dich, frommer Bischof, dass du mir entdeckst, wo mein Brief geblieben ist.“ Als sie nun nicht aufhörte zu heulen und schreien, siehe, da erhob sich der selige Johannes aus seinem Grab, zugleich mit ihm erhoben sich die beiden Bischöfe, die neben ihm ruhten. „Frau,“ sprach Johannes, „warum beunruhigst du uns, und lässt diese Heiligen und mich nicht in Frieden schlafen? Sind doch unsere Gewänder ganz nass geworden von deinen Tränen.“ Hierauf reichte er ihr den Brief, noch ebenso fleißig versiegelt, wie er gewesen war. „Nimm hin,“ sprach er, „deinen Brief. Öffne und lies ihn.“ Die Frau öffnete den Brief, und fand ihre Beicht hinweggelöscht, wogegen folgende Worte hingeschrieben waren: „Um Johannes meines Dieners willen soll deine Sünde getilgt sein!“ Die Frau fiel nieder und dankte Gott. Der heilige Johannes aber legte sich mit den beiden Heiligen wieder schlafen. Das geschah im siebenhundertfünften Jahr nach Christi Geburt, unter der Regierung des Kaisers Phocas.