1. Es gibt Laster, die man mit kühnem Mut angreifen muss, und andere, die nur durch eine schnelle Flucht sich überwinden lassen. Zu diesen letzteren gehört die Unzucht, die gefährlichste Feindin unserer Seele. Wer dieser schmeichelnden Sirene sich nähert, ist schon zur Hälfte besiegt, und wer sie anhört, wird bald mit ihr verhandeln, denn sie steht im Einverständnis mit unserem eigenen Herzen und mit allen unseren Leidenschaften. Inbrünstiges Gebet, ernste Wachsamkeit und Flucht sind wirksame Mittel, diesem Ungeheuer zu entkommen und den Sieg uns zu sichern.
2. "Der Tod", spricht der Prophet, "ist durch unsere Fenster gestiegen." (Jeremia 9,20) Willst du daher nicht ein Raub des Todes werden, so schließe diese Fenster und entziehe deinen Augen den Anblick gefährlicher Gegenstände. Oft genügt ein vorwitziger Blick, das ganze Herz in Brand zu setzen. Meide also, wenn dein Heil dir lieb ist, nicht nur jeden gefährlichen Umgang, sondern entferne auch alle unzüchtigen Bücher, Gespräche und Ähnliches. Üppiger Putz und Halbnacktheiten sind ein wahres Netz des Teufels, worin unzählige Seelen gefangen werden.
3. Gott verknüpfte eine natürliche Scham mit diesem Laster, und die Gegenwart eines ehrbaren Menschen würde selbst die heftigste Leidenschaft in Schranken halten. Nun sieht dich aber nicht das Auge eines Menschen, sondern derjenige, der das Auge des Menschen erschaffen hat, und dessen Blick furchtbarer ist, als alle Augen der Welt. Genügt aber die Gegenwart der göttlichen Majestät nicht, dich abzuschrecken, so erwäge die namenlose Schande, wenn am Gerichtstag diese Werke der Finsternis vor den Augen aller Menschen ans Licht treten, und alle sie schauen werden. Und genügt auch dies noch nicht, so bedenke die ewige Feuerstrafe, die diesem Laster bestimmt ist, und die alles Irrgerede ungläubiger Lüstlinge nicht auslöschen wird. "Wer unter euch wird in dem verzehrenden Feuer wohnen können? wer aus euch wird in den ewigen Gluten bleiben wollen?" (Jesaja 33,14b)
Wir bitten Dich, o Herr, bewahre uns vor dem Geist des Hochmutes. Lass uns unser Nichts fühlen. Bekehre uns zu Dir, und je größer unsere Sünden sind, desto mehr erzeige uns Barmherzigkeit, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Am heutigen Tag fand statt die Stiftung des Klosters der Zisterzienser, die einige Meilen von Dijon in Burgund im Jahr 1098 durch den heiligen Abt Robertus geschehen ist. Der ganze Orden der Zisterzienser und fast alle Klöster dieses Ordens sind unter dem Titel der seligsten Jungfrau gestiftet. Was für ein Vertrauen wir zur seligsten Jungfrau schöpfen können, zeigen genügend die Lebensläufe der Heiligen.
Lebensdaten: geboren um 1075, gestorben am 9. April 1147 in Mariapfarr im Lungau, Österreich
Lebensgeschichte: Der Grafensohn Konrad von Abenberg stammte aus der Familie der Hochstiftsvögte von Bamberg und wurde als jüngstes Kind für den geistlichen Stand bestimmt. Am Hof des Kaisers Heinrich IV. erzogen, wurde er dort Hofkaplan und schloss sich dem Aufstand des Kaisersohnes Heinrich V. gegen seinen Vater an. 1106 wurde er auf dem Reichstag zu Mainz zum Erzbischof von Salzburg gewählt, dessen geistliches Territorium große Teile Österreichs, Bayerns, Südtirols, Ungarns, Tschechiens, Sloweniens und der Slowakei umfasste. Mit Hilfe seiner Brüder vertrieb er den bisherigen Amtsinhaber, den noch Heinrich IV. eingesetzt hatte.
1110 begleitete er Kaiser Heinrich V. auf dessen Romzug, wobei es wegen des Investiturstreits zwischen Kaiser und Papst, bei dem es um das Recht ging, Bischöfe einzusetzen, zum Zerwürfnis kam, weil sich Konrad auf die Seite des Papstes stellte. Zurück in Salzburg, zwangen ihn Unruhen und Feindseligkeiten von Seiten der kaiserlichen Beamten ins Exil, das er der Überlieferung nach zum Teil sogar in einer Berghöhle verbrachte.
Als er nach neun Jahren nach Salzburg zurückkehren konnte, nahm er energisch die Neuorganisierung des Erzbistums in Angriff und gründete oder reformierte zahlreiche Klöster, erneuerte das religiöse Leben durch die Ansässigmachung der Augustiner-Chorherren und die Förderung der Benediktiner. Er baute den abgebrannten Salzburger Dom wieder auf und befestigte die Stadt und das Umland. Seinen politischen Einfluss machte er unter anderem bei der Unterstützung der Königswahl Lothars von Supplingen und der Abwehr der staufischen Ansprüche oder bei der Anerkennung Innozenz’ II. während des Papstschismas geltend.
Auf dem Heimweg von einer Reise nach Kärnten erkrankte er und starb in einem kleinen Dorf im Lungau.
Verehrung: Konrad gilt nach Rupert als zweiter Gründer der Kirche von Salzburg und wurde in der Gruft der Erzbischöfe im Salzburger Dom bestattet.
Darstellung: im Bischofsornat mit Kirchenmodell
Bild: Barockes Gemälde im Augustiner-Chorherrenstift St. Zeno, Bad Reichenhall
1. Die Unzucht ist ein Feuer, das keine kleinen Wunden brennt. Ja was noch furchtbarer ist, je weniger sie gefühlt werden, um so unheilbarer sind sie. Wie bei dem Biss der Schlange, der kaum fühlbar ist, dringt dieses Gift augenblicklich durch den ganzen Körper bis in das Herz, und tötet das Leben der Seele. Indessen wird dies Laster menschliche Schwäche, Sünde aus Gebrechlichkeit genannt, und dennoch ist keines schrecklicher in seinen Folgen, denn es ist fürwahr der Quell der größten Verbrechen. Abfall vom Glauben, Ärgernisse in Städten, Zwietracht in Familien, niederträchtige Verleumdungen, Mordtaten, Verzweiflung, Selbstmorde sind die gewöhnlichen Folgen dieser sogenannten Schwachheitssünde.
2. Aber unendlich verschieden von den Ansichten der Menschen sind Gottes Gerichte. Warum vertilgte die Sündflut das menschliche Geschlecht? Weil die Welt in Unzucht versunken war. Genesis 6,12: "Gott sah sich die Erde an: Sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben." Eben darum fiel auch das Feuer vom Himmel über diese unzüchtigen Städte, ihre schändlichen Unreinheiten bis auf die letzte Spur zu vertilgen. Über 24.000 Israeliten ließ Gott wegen dieses Lasters durch das Schwert niedermachen. Und wie schwer musste David die Sünde des Ehebruchs büßen. Wie viele tausend Seelen auch fallen, ungeachtet Gottes unendlicher Barmherzigkeit, wegen dieses Lasters der ewigen Verdammnis anheim.
3. Die gewöhnlichste und furchtbarste Strafe dieses Lasters ist die Verblendung. Die Unzucht raubt dem Unzüchtigen das Licht der Gnade und des Glaubens. Ihm ist dieses Laster keine Sünde mehr, es ist Schwäche, Notwendigkeit. Buße ist Torheit in seinen Augen. Das Feuer der Hölle ist ihm lästig. Erst bezweifelt, dann leugnet er es. Ein Gott, der diese kurze Lust ewig bestraft, ist ihm ein ungerechter Gott, und da er ihn nicht ändern kann, leugnet er sein Dasein. Dies ist die gewöhnliche Sprache aller Unzüchtigen von den höchsten Ständen an bis zu den niedrigsten. Hüten wir uns vor diesem schrecklichen Laster. Wären wir aber unglückseligerweise darin gefangen, so rufen wir Tag und Nacht zum Herrn, uns daraus zu erretten. "Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht. Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben." (1. Korinther 6,9-10)
O Himmelskönigin, die du über alle Chöre der Engel Gott am nächsten bist, ich armseliger Sünder begrüße dich aus diesem Jammertal und bitte dich, du wollest deine mitleidsvollen Augen zu mir wenden, denn wo du hinblickst, da verbreitest du Gnaden. Siehe, heilige Jungfrau Maria, in wie vielen Gefahren ich mich jetzt befinde, und wie große Gefahren, meine Seele, den Himmel, meinen Gott zu verlieren, mir, solange ich auf Erden lebe, noch bevorstehen. Aber auf dich, meine Königin, habe ich alle meine Hoffnung gesetzt. Ich liebe dich, und seufze nach dem glücklichen Augenblick, da ich dich im Himmel sehen und loben werde. Amen.
Zu Gott
Himmlischer Vater, Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. So sende, wir bitten dich, Arbeiter in Deine Ernte. Lass sie voll Zuversicht Dein Wort verkünden, auf dass Deine Botschaft dahineile und in Herrlichkeit sei, und alle Völker Dich, den einen wahren Gott erkennen, wie auch Deinen von Dir gesandten Sohn, Jesus Christus, unseren Herr, der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Am heutigen Tag wurde im Jahr 1504 zu Bourges in Frankreich die erste Kirche der dem Dienst der Mutter Gottes ganz ergebenen Annonciaden eingeweiht.
„Frage ich mich: Was ist die Genossenschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau?“ sagte einmal Kardinal Sterkx, der Erzbischof von Mecheln, so lautet meine Antwort: „Es ist ein apostolischer Hauch, der vom Herzen Jesu ausging und das Herz einer Frau beseelte, die es verstanden hat, zu glauben und zu lieben.“ Die demütige Ordensfrau, deren Leben diese fruchtbringende Verschmelzung des Glaubens und der Liebe verwirklicht hat, ist die heilige Julie Billiart.
Sie erblickte das Licht der Welt am 12. Juli 1751 in Cuvilly in der Picardie. Ihre Eltern waren einfache, echt religiöse Landleute, die nebenbei einen Kramladen unterhielten. Gleich allen auserwählten Seelen vernahm Julie frühzeitig die Stimme der Gnade. Sie entsprach diesem göttlichen Ruf durch einen großen Gebetseifer. Oft suchte sie die Einsamkeit auf, um diesem Herzensdrang ungestört folgen zu können. Schon als Kind von sieben Jahren konnte sie den Katechismus ganz auswendig und verstand ihn auch. Gern versammelte sie ihre Altersgenossen um sich und redete mit ihnen vom lieben Gott. „Seelchen, Seelchen will ich haben“, sagte sie, „ich will sie lehren den lieben Gott erkennen, ihn lieben und ihm dienen.“ Ihren Schulgefährten erklärte sie in klaren und überzeugenden Worten den Katechismus und fügte kurze, feurige Ansprachen über die Liebe Gottes und der Hässlichkeit der Sünde hinzu. Ihrem Zuhörerkreis schlossen sich auch oft erwachsene Personen an; auch sie schöpften aus den Worten des gottbegeisterten Kindes kräftige und heilsame Ermahnungen. Der Pfarrer von Cuvilly beobachtete sorgfältig die jugendliche Katechetin. Er ahnte die hohen Absichten Gottes bezüglich dieser auserlesenen Seele und leitete sie zu den Übungen der Vollkommenheit an.
Wegen ihres seltenen Verständnisses göttlicher Dinge und ihrer engelgleichen Reinheit wurde Julie schon mit neun Jahren zum Tisch des Herrn zugelassen und zwölf Jahre später gestattete man ihr die tägliche heilige Kommunion. So bildete der eucharistische Heiland den Mittelpunkt ihres Lebens und die sorgsame Vorbereitung der Kinder auf den schönsten Tag ihres Lebens war ein Werk des Eifers, das der nachmaligen Stifterin der Schwestern Unserer Lieben Frau besonders am Herzen lag.
Mit rührendem, freudigem Eifer gab sie sich allen Arbeiten hin, die im Haus oder auf dem Feld von ihr verlangt wurden. Dabei vernachlässigte sie die Übungen der Frömmigkeit nicht. Sie begann den Tag mit einer Stunde Betrachtung und dem Anhören der heiligen Messe. Tagsüber fand sie stets einige Minuten, um ihrem Heiland im heiligen Sakrament einen Besuch abzustatten. Auch ihre Unterweisungen im Katechismus setzte sie fort und besuchte, so oft sie konnte, die Armen und Kranken im Dorf. Den Sonntag brachte sie bei den Karmeliterinnen im nahen Compiègne zu, von denen sie sich auf dem Weg der Abtötung und des Opfers in die Geheimnisse des inneren Lebens einweihen ließ.
Die Lieblingsandachten des heranwachsenden Kindes waren die Verehrung des göttlichen Herzens und der Unbefleckten Jungfrau. Ihnen blieb die Selige ihr ganzes Leben hindurch treu und verpflichtete sich sogar im Jahr 1794 durch ein Gelübde, zur Ausbreitung der Verehrung des heiligsten Herzens Jesu und der Unbefleckten Empfängnis nach Kräften wirken zu wollen.
Mit dem fünfzehnten Lebensjahr regte sich in ihr der Wunsch, die vollständige Hingabe an Gott durch das Gelübde der Jungfräulichkeit zu besiegeln. So weihte sie sich mit Zustimmung ihres Beichtvaters unwiderruflich demjenigen, der die Reinheit selber und der Bräutigam der Jungfrauen ist. Zum Glanz der Jungfräulichkeit und zum Verdienst des apostolischen Eifers wollte der Herr noch die Dornenkrone des Martyriums fügen, damit ihre edle und liebeentflammte Seele durch das Feuer des Leidens vollends geläutert würde.
Der erste Schicksalsschlag, der sie traf, waren Unglücksfälle aller Art, durch die ihre Familie in vollständige Armut geriet. Dann wurde sie selbst von unsäglichen körperlichen Leiden befallen. Herrlich bewährte und erprobte Julie in dieser schweren Prüfungszeit von dreißig vollen Jahren die ganze Kraft ihres Charakters, die ganze Fülle ihrer Elternliebe und die ganze Glut ihrer Gottesliebe. Mit bitterem Schmerz sah sie ihre Eltern darben, und ihre kindliche Liebe steigerte sich nun bis zum Heldenmut. Zur Zeit der Ernte ging sie als einfache Tagelöhnerin mit hinaus aufs Feld und unterzog sich den beschwerlichsten Arbeiten. War die Erntezeit vorüber, so suchte sie anderswo Beschäftigung. Trotz der Anstrengungen fuhr sie fort, die Kranken zu besuchen, bei ihnen zu wachen und die Kinder im Katechismus zu unterrichten. Aus den Gebetsübungen schöpfte sie die Kraft zu diesem Leben der Hingebung und Selbstverleugnung.
Gott hatte Julie in ihren Angehörigen geprüft, nun wollte er auch sie selbst ans Kreuz heften. Im Jahr 1774 saß sie an der Seite ihres Vaters, als ein Schuss fiel, der aus Rache ihrem Vater galt, ihn aber nicht traf. Julie erschrak tödlich und diese heftige Gemütsbewegung war für sie der Ursprung von unerklärlichen Krankheiten. An beiden Beinen wurde sie gelähmt, schreckliche Krämpfe brachten ihr Leben in Gefahr. Doch jeden Morgen durch das Brot des Lebens gestärkt, gelangte sie zu einer außerordentlichen Gebetsweise. Täglich verbrachte sie vier bis fünf Stunden ganz in Gott versunken und unbeweglich. Ihr Antlitz strahlte dann von innerer Seligkeit. Trotz ihrer Leiden widmete sie sich ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Auslegung des Katechismus. Um ihr Bett geschart, lauschten die Dorfkinder ihren Unterweisungen. Der Jansenismus herrschte noch immer im Norden Frankreichs und fuhr fort, in den Seelen jene falsche Furcht zu erzeugen, die sie von Gott entfernt und die Liebe in ihnen erstickt. Julie bestrebte sich, diesem trostlosen Übermaß von Strenge durch die unvergleichliche Fülle ihrer Liebe entgegen zu arbeiten. „O, wie gut ist der Liebe Gott!“ Dies war der begeisterte Gebetsseufzer, der unaufhörlich auf ihren Lippen schwebte, und jetzt nach einem vollen Jahrhundert klingt er noch nach bei ihren geistlichen Töchtern. Gleichzeitig eiferte sie für den öfteren Empfang der heiligen Kommunion. Einer Dame, die von einiger Menschenfurcht befangen war, weil sie allein zum Tisch des Herrn gehen musste, schrieb sie: „Stählen Sie sich wider die Menschenfurcht! Was können uns einige elende menschliche Augen schaden? Wie gleichgültig ist das im Licht des Glaubens gesehen! O, wenn die Menschen wüssten, wer der ist, der sich mit so großer Liebe hingibt, wenn sie die Gnade Gottes erkennten, sie würden uns um unser Glück beneiden!“
Der Anteil an den Arbeiten der Glaubensboten verschaffte der Dulderin den Ruhm, auch deren Verfolgungen in der Revolutionszeit zu teilen. Die Umsturzmänner ergrimmten über den Eifer der wackeren Christin, die überdies dem verfolgten, rechtmäßigen Seelenhirten eine Zufluchtsstätte zu verschaffen gewusst hatte. Auf dem öffentlichen Platz des Dorfes wurde sogar ein Scheiterhaufen errichtet, auf dem sie verbrannt werden sollte; doch gute Freunde vereitelten den Plan und brachten sie auf einem Karren unter einen Haufen Stroh nach Compiègne. Fünfmal musste sie ihre Wohnung wechseln, um sich den Nachstellungen ihrer Verfolger zu entziehen und die Sicherheit derjenigen nicht zu gefährden, die ihr ein Obdach boten.
Die Lage Juliens in Compiégne wurde mit der Zeit immer misslicher. Die Entbehrungen, die ihre große Armut ihr auferlegte, die beständige Sorge um ihre Sicherheit, die täglich höher steigende Not der Kirche erschütterten ihre Gesundheit noch mehr und verursachten eine Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln, so dass sie nur mit der größten Mühe einen artikulierten Laut hervorzubringen vermochte. Ja, es gab Zeiten, wo sie sich überhaupt nur durch Zeichen verständlich machen konnte. Gleichzeitig sah sie sich jeder geistlichen Hilfe beraubt: keine Beichte, keine Kommunion mehr.
Gott entzog ihr auch noch die inneren Tröstungen und überließ sie der Bitterkeit einer tiefen Verlassenheit. Sie musste das Martyrium des Herzens, das Gott gewöhnlich seinen Heiligen auferlegt, durchkosten. Gleich der geheimnisvollen Blume, die man „Königin der Nacht“ nennt, öffnete sie im Dunkel der Nacht, in Trübsal und Verlassenheit den Kelch ihrer Seele weit, um zu jener mystischen Schönheit zu erblühen, zu der Gott sich in besonderer Liebe huldreich neigt. Julie umfasste das Kreuz und trug es zwei volle Jahre. Immer wieder rief sie sich die Worte zu, die sie ihren Töchtern später zu wiederholen pflegte: „Ach, wie gut ist doch der liebe Gott in seinen Prüfungen! Leben wir für ihn, sterben wir für ihn! Wenn wir vom Kreuz leben, werden wir aus Liebe sterben!“
Gott ließ es an Lohn nicht fehlen, indem er ihr in einem Gesicht seine Absichten offenbarte. Am Fuß eines Kalvarienberges wurde ihr eine Schar Klosterfrauen in einer ihr unbekannten Tracht gezeigt. Zugleich wurde ihr gesagt, dass diese Jungfrauen dereinst ihre geistlichen Töchter sein würden und dass der neuen Genossenschaft, die die Rettung der Jugend zum Zweck haben werde, das Kreuz der Verfolgung zuteilwerden würde.
Die Gräfin Beaudouis von Cuvilly, seit vielen Jahren Juliens besondere Gönnerin, berief sie im Jahr 1794 nach Amiens. Die Vorsehung machte sie in dieser Stadt mit Fräulein Franziska Blin de Bourdon bekannt, und Julie sah in ihr sofort die ihr in Compiégne prophetisch gezeigte Mitarbeiterin an dem Stiftungswerk. Beide erstrebten das gleiche Ziel: Die Förderung der Ehre Gottes und das Heil der Jugend, und so verknüpfte sie bald ein inniges Freundschaftsband. Sie führten zusammen ein Leben des Gebetes und der werktätigen Nächstenliebe. Julie nahm ihre Wohnung im Blinschen Haus. Unter dem Namen „Schwester vom heiligen Joseph“ wurde Fräulein Blin die hauptsächlichste Stütze der Mutter Julie in den zahlreichen und schweren Prüfungen, die das Entstehen der Genossenschaft begleiteten. Nach dem Tod der Stifterin wurde sie ihre Nachfolgerin im Generalat. Bald erschien die Stunde, in der Gott seine treue Dienerin endgültig ihrer großen Aufgabe zuführen wollte. Im August 1803 unternahm Julie, auf Geheiß des Pater Varin, des Oberen der Väter des Glaubens, und mit Gutheißung des Herrn Villaret, Bischofs von Amiens, die Gründung der Genossenschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau, die dazu bestimmt ist, der Jugend das Glück einer echt christlichen Erziehung zu verschaffen. Im folgenden Jahr gab Pater Varin der jungen Kongregation eine Regel und nahm am Fest der heiligen Theresia die Gelübde der Schwestern entgegen. Dieser erste Anfang war ganz klein und unscheinbar. Die auserkorene Schar bestand nur aus wenigen jungen Mädchen, denen zwar ein aufrichtiges Streben und ein gesundes Urteil innewohnte, die jedoch gänzlich aller Vorbereitung und Ausbildung ermangelten. Mutter Julie ließ sich nicht abschrecken. „Seien wir gute Nichts“, sagte sie „dann wird der liebe Gott sein Werk mit uns aufbauen.“
Während Mutter Blin sich damit befasste, den ersten Schwestern einige Wissensbegriffe beizubringen, bemühte sich die Stifterin, sie mit ihrem apostolischen Hauch zu beleben und sie auf die Höhenpfade der Vollkommenheit zu führen. „Meine lieben Töchter“, sagte sie, „es gibt fast keine Priester mehr. Euer Eifer muss sich entflammen, um recht bald an der Belehrung so vieler Kinder zu arbeiten, die in der verderblichsten Unwissenheit verkommen. Und wer sind wir, dass wir uns der Seelsorge widmen dürfen? Arme, nichtige Weiblein, die zum Glaubenslehramt berufen sind. Wir müssen uns darum einer mehr als gewöhnlichen Tugend befleißen. Alltägliche Seelen sind zu nichts gut und weichliche Charaktere eignen sich nicht für unsere Genossenschaft.“ Sie verlangte die genaueste Beobachtung der Satzungen und eine gänzliche Losschälung und Entäußerung. „Ihr müsst lebendige Regeln sein; ihr seid die Angeln, um die das innere Leben unserer Gesellschaft sich dreht.“ In der Schule einer solchen Lehrmeisterin lernten die jugendlichen Seelen die rechte Art der Frömmigkeit, jene Frömmigkeit, die sich von Vertrauen und Liebe nährt, und wurden bereit gemacht, jede Prüfung mit Freudigkeit und unüberwindlichem Gleichmut anzunehmen.
Bald schon hatte Mutter Julie eine Schule, eine Erziehungsanstalt und eine abendliche Christenlehre eingerichtet. Die Unzulänglichkeit ihrer Mithelferinnen verdoppelte ihr Vertrauen auf Gott. „Es ist dein Werk“, sagte sie, und auf seine Hilfe rechnete sie. Die Schule füllte sich in überraschend kurzer Zeit. Im April des Jahres 1804 wurde in Amiens eine große Mission eröffnet. Pater Varin beauftragte die Schwestern Unserer Lieben Frau mit dem Unterricht der Frauen aus dem Volk und mit der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Sakramente. Mutter Julie verwandte einen Teil der Nacht dazu, ihren Töchtern die nötige Anleitung für diese neue Sendung zu geben und übte tagsüber den Dienst eines Missionars aus.
Sie entfaltete alle Tatkraft, deren ihre starke Seele fähig war, aber die Gliederlähmung hemmte sie, dem hohen Schwung ihrer Wünsche zu folgen. Es war ein Wunder erforderlich zu ihrer Heilung, die dem apostolischen Drang ihres Herzens freie Bahn gewähren sollte. Und der liebe Gott sorgte dafür. Am 1. Juni 1804 wurde sie während einer neuntägigen Andacht zum göttlichen Herzen vollkommen geheilt. Die himmlische Einwirkung war augenscheinlich und unverkennbar, so überraschend schnell und völlig war die Heilung. Die Stifterin war fortan nur noch mehr von dem Verlangen erfüllt, in neuen Arbeiten für die größere Ehre Gottes die ihr wiedergeschenkte Gesundheit zu verwerten.
Die beiden Gründerinnen hatten zuerst beabsichtigt, ihr aufopferndes Wirken auf den Unterricht armer Kinder zu beschränken. Allein die Unwissenheit in Dingen der Religion war bei allen Schichten der Bevölkerung eine geradezu entsetzliche. Der Grundgedanke der Genossenschaft musste daher erweitert werden und es galt, zur Befriedigung des dringenden Bedürfnisses der Seelen, Schulen für alle Stände zu eröffnen.
Die Genossenschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau verbreitete sich schnell. Allerorten strömten die Kinder in Scharen zu den Schulen der Schwestern zur großen Genugtuung der Geistlichkeit wie der Eltern. Aber Julie Billiarts Gründung sollte sich wie alle im Schoß der Kirche entstandenen Werke erst im Sturm verankern und in dem Maß an Ausdehnung gewinnen, als der Feind alles Guten ihren Untergang herbeizuführen suchte.
Der erste Anprall galt der Generaloberin selbst. Wenig einsichtsvolle Personen suchten alles im Benehmen der Dienerin Gottes zu tadeln. An Unbilden blieb ihr nichts erspart. Selbst Verleumdungen trug man wider sie beim Bischof vor und es gelang, diesen zu täuschen. Das Unwetter tobte, doch Mutter Julie blieb ruhig, entschuldigte alles und setzte auf Gott ihr ganzes Vertrauen. „Mein Gott, wie gut bist du!“ rief sie aus. „Stärke meine Schwachheit! Nur um dies eine bitte ich, mein guter Jesus, hefte mich an dein heiliges Kreuz und halte mich daran fest; denn ich bin die Armseligkeit selbst.“
Die Prüfung hielt an, und jede Stunde brachte neue Verwicklungen. Die heiligmäßige Frau konnte dem allem nur ihre erhabene und heldenmütige Geduld entgegenstellen. Sie bewährte sich jetzt großmütig und stärker im Hoffen wider die Hoffnung als früher im Handeln und Leiden. Schließlich siegte, wenigstens scheinbar, die Verleumdung. Mutter Julie wurde mit ihrer Kongregation aus einer Diözese verwiesen, die ihrer guten Werke voll war. Die fromme Karawane begab sich mitten im Winter, am 15. Januar 1809, nach Belgien, am Körper große Kälte leidend, aber die Seele voll Liebesglut, Mut und Frieden. So war sie nun verbannt, doch die Liebe, die ihr Herz erfüllte, versüßte die Beschwerden. „Das ganze Erdenrund gehört dem Herrn“, so tröstete sie ihre Töchter, „wir werden überall den lieben Gott finden, um ihn zu preisen, und Seelen, um sie zu retten.“
Unter dem wohlwollenden Schutz des Oberhirten gründete die würdige Oberin zu Namur das Mutterhaus der Genossenschaft. Aller hemmenden Fesseln entledigt, vervielfältigte sie ihr Wirken hier in einer wunderbaren Weise. Sie hätte gewünscht, die ganze Welt mit ihrer Fürsorge umspannen zu können. In Belgien mehrten sich ihre Gründungen. Die Heilige schloss niemanden von ihrer Sorge aus, doch bevorzugte sie die Armen und Waisen. Gründungen, bei denen der Armen nicht gedacht wurde, lehnte sie ab. „Ich möchte viel lieber dieses Haus schließen und die Schlüssel an die Tür hängen“, sagte sie, „als eine einzige Anstalt ohne meine lieben armen Kinder behalten.“
Neben dem Wirken nach außen blieb es ihre besondere Sorge, ihre Töchter durch und durch zu heiligen, um sie zum Wirken für fremdes Seelenheil zu befähigen. Nur eine hochherzige Selbstentsagung, nur das beständige Opfer hatte Geltung in ihren Augen. Eine ihrer Grundsätze war: „Mein muss dem lieben Gott frei ins volle Zeug hineinschneiden lassen und ihm sagen: Hier, mein Gott, schneide, nimm weg, schone meiner nicht! Wenn eine Seele ihm derart die Zügel in die Hand gibt, dann veredelt und vergöttlicht der liebe Gott sie gleichsam.“
Mutter Juliens letzte Lebensjahre wurden mit glänzenden Erfolgen gekrönt und sie sah ihre Schöpfung sich mit wundersamer Fruchtbarkeit vermehren. Im Jahr 1812 rief der Bischof von Amiens, über den wahren Wert der Stifterin aufgeklärt, sie in seine Diözese zurück und legte weitgehende Vollmachten in ihre Hand. Jedoch sind in der Diözese Amiens keine Häuser der Genossenschaft erhalten geblieben.
Nach zwölfjährigen Sorgen und Mühen nahte auch für Mutter Julie der Augenblick der endgültigen Belohnung. Sie hatte gleichsam ein Vorgefühl vom baldigen Heimgang zum Vater, so sehr verdoppelte sie ihre Tatkraft und ihre Bemühungen zum Besten der Kongregation. Doch ihre Sendung war vollbracht. Während der drei letzten Monate ihres irdischen Daseins legte Gott das Kreuz des Leidens wieder auf ihre Schultern. Ihre Schmerzen waren oft fast unerträglich, aber ihre Vereinigung mit Gott blieb augenfällig. Täglich empfing sie die heilige Kommunion, das Brot der Starken. Die langen Tage des Siechtums verbrachte sie in beinahe ununterbrochenem Schweigen und innerer Sammlung. Es blieb ihr nichts mehr hinzuopfern, als der Herr sie zu sich rief. Die innere Freude über ihre baldige Auflösung brach sich in den Worten Bahn: „O Gott, wie zufrieden ist doch die Seele, wenn sie den elenden Leib verlassen darf!“ So begann der erste Tag der großen Leidenswoche 1816. Mitternacht war vorüber. Julie lag da im tiefen Gebet. Was mag wohl in diesen Augenblicken in ihrem Herzen vorgegangen sein? Sah sie die Zukunft ihrer Stiftung vor ihrem geistigen Auge enthüllt? Zeigte ihr Gott das Gute, das sie bis jetzt gewirkt und in der Folge der Zeiten noch leisten werde? In einem herzlichen Magnifikat jubelte ihre Seele auf und mit diesem Magnifikat sagte sie auch der Welt Lebewohl.
Ihre Seligsprechung erfolgte durch Pius X. am 13. Mai 1906.
„Mutter Julie war eine wunderbare Frau, die das liebeglühende Gemüt der hl. Theresia mit dem tatendurstigen Herzen des hl. Franz Xaver vereinte“, so lautete das Urteil des Bischofs Delebecque. Ihr Leben war ganz übernatürlich. In Gott allein wurzelte ihr Denken und Sein. Seine größere Ehre war die einzige Triebfeder ihrer Wünsche, und aus ihren Worten wie aus ihren Werken strahlte das himmlische Feuer, das ihr Inneres verzehrte.
Mutter Juliens Töchter aus dem Mutterhaus zu Namur wirken erfolgreich noch heute in Belgien, England und Amerika und seit 1924 in Japan. Im Laufe der Zeit zweigte sich, durch notwendige Zeitumstände gezwungen, die holländischen Schwestern Unserer Lieben Frau von Namur ab und gründeten ihr Mutterhaus in Amersfoort.
Der deutsche Zweig der Schwestern Unserer Lieben Frau wurde auf Wunsch und unter Mitwirkung des hochseligen Bischofs Johann Georg von Münster im Jahr 1850 durch zwei im Sinn des seligen Overberg wirkende Lehrerinnen in Coesfeld ins Leben gerufen. Sie empfingen die heilige Regel und erste Anleitung für das Ordensleben durch Vermittlung des damaligen Generalvikars von Münster, des späteren Kardinal-Erzbischofs von Köln, Paulus Melchers, von den Schwestern Unserer Lieben Frau von Namur-Amersfoort. So wurde denn dem deutschen jungen Stamm ein Edelreis aus Mutter Juliens Wurzel aufgepfropft. Hauptzweck auch der deutschen Genossenschaft der Schwestern unserer Lieben Frau im Sinn der Stifterin ist, den Kindern aller Stände eine gründliche standesgemäße, christliche Erziehung zu geben.
Vom ersten deutschen Mutterhaus zu Coesfeld in Westfalen breitete sich die Wirksamkeit der Schwestern unter Leitung der ersten Generaloberin Mutter Maria Anna Scheffer-Boichorst (1855-1872) in Westfalen, Rheinland und Oldenburg aus, bis der Kulturkampf ihrer Arbeit in fast vierzig Häusern im Vaterland 1877 ein Ende machte. Für den größten Teil der Schwestern fand die Genossenschaft unter Leitung der zweiten Generaloberin Mutter Maria Chrysostoma Heck in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Ohio und Kentucky ein neues, noch bedeutenderes Arbeitsfeld. Als im Jahr 1887 die Rückkehr der Ordensgenossenschaften nach Deutschland gestattet wurde, entstand ein neues deutsches Mutterhaus in Mühlhausen 1888, und es eröffneten sich, den Zeitverhältnissen entsprechend, den Schwestern Unserer Lieben Frau viele neue Bahnen der Wirksamkeit. Im Juni 1925 konnte die Genossenschaft auf eine 75jährige gesegnete Wirksamkeit zurückblicken. Sie umfasst 160 Niederlassungen in fünf Ordensprovinzen: Deutschland mit Brasilien und Italien, Holland, Cleveland, Covington und Toledo, die letzten drei in den Vereinigten Staaten Nordamerikas.
Im Jahr 1900 wurde die heilige Regel der Schwestern Unserer Lieben Frau von Mülhausen, Bezirk Düsseldorf, durch Papst Leo XIII. endgültig approbiert.
Tägliche Hinopferung des eigenen Selbst im Dienst der Mitmenschen, vollkommene Hingabe an Gott mit häufigem innerem Gebetsverkehr lässt uns zu einem wahrhaft übernatürlichen Leben, zum „Wandel im Himmel“ gelangen. „Wenn wir keine Beterinnen sind, dann wird unsere Genossenschaft keinen Bestand haben. Innerliche Seelen tun uns not!“ Das war die ständige Mahnung Julie Billiarts, die am 22. Juni 1969 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde.
1. Höre den Ausspruch des Heiligen Geistes über das fluchwürdige Laster des Stolzes, und lerne es aus ganzem Herzen verabscheuen. "Der Stolz ist der Anfang aller Sünde, und wer damit behaftet ist, der wird mit Fluch erfüllt werden, und sie wird ihn zuletzt stürzen." (Jesus Sirach 10) Durch ihn begann die Sünde im Himmel, sie erfüllte den stolzen Cherub mit Fluch, und stürzte ihn in die ewige Verdammnis. Und was ist auch jede Sünde anderes als Stolz, der gegen Gottes heiliges Gebot sich empört? Nimm den Stolz aus der Welt, und es schwinden die meisten Laster mit ihm. Denn aus ihm gehen Herrschsucht, Vermessenheit, Heuchelei, Starrsinn, Rachsucht, Ungerechtigkeit, Unbarmherzigkeit und noch viele andere Laster gleich ebenso vielen Missgeburten hervor.
2. So abscheulich ist dieses Laster, dass der Stolze, der Hochmütige es vor sich selbst verbirgt. Zeigt aber dies nicht allein schon, dass etwas sehr Niedriges und Schändliches darin verborgen liegt, das den Menschen herabwürdigt? Indessen nagt dieser giftige Wurm sogar an dem Herzen nicht weniger, sonst gottesfürchtiger Menschen. Und so subtil ist dieses Gift, dass es ihre innerlichen Augen verblendet, so dass sie es nicht einmal in sich erkennen. Und hier greife in dein eigenes Gewissen, und findest du dieses Laster in dir, so ertöte es vor dem Kreuz deines demütigen Herrn.
3. Kein Laster ist auch so sehr gegen die Natur des Menschen. Denn was ist dieser Leib der Sünde, wenn nicht ein Raub und eine baldige Speise der Würmer? Blicken wir aber in unser Inneres: was anders sehen wir dann als Blindheit, Elend und Sünden, bei deren Anblick wir fürwahr in den Abgrund unseres Nichts versinken sollten. Und dennoch strebt dieses Laster mit aller Macht sich zu erheben. Darum auch widersteht Gott dem Stolzen, ja ihn zu demütigen und zu beschämen, überlässt seine Gerechtigkeit ihn den abscheulichsten Begierden seines Herzens und den schändlichsten Ausschweifungen. Demütigen wir uns vor Gott und den Menschen, wenn wir seine Gnade erlangen und bewahren wollen. Jakobus 4,10: "Demütigt euch vor dem Herrn; dann wird er euch erhöhen."
Gegrüßet seist du, Hoffnung der Verzweifelnden, Hilfe der Verlassenen. O Maria, um dich zu ehren, gewährt dein Sohn dir die Gnade, dass du sogleich erhältst, um was du bittest, und was du nur willst, sogleich geschieht. Dir sind die Schätze des Himmelreiches übergeben. Mache, o meine Gebieterin, dass ich in den Stürmen dieses Lebens immer auf dich blicke. Deiner Barmherzigkeit empfehle ich meinen Leib und meine Seele. Führe und beschütze mich, mein größter Schatz, in jeder Stunde, in jedem Augenblick. Amen.
Zu Maria
Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin, verschmähe nicht unser Gebet, sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
In Iserborn in Flandern kam am heutigen Tag ein totes Kind auf die Welt, das aber durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau zum Leben gekommen, getauft, und, nachdem es erwachsen geworden war, mit dem Namen seines Vaters, Stephanus du Pont, genannt worden ist. Er lebte als ein heiliger Priester, und starb als Pfarrer zu Ligne in Flandern. Er wird noch bis heute in diesem Land verehrt.
Aphraates stammte aus einer berühmten Familie in Persien. Seine Eltern, die Heiden waren, erzogen auch ihren Sohn im heidnischen Aberglauben. Er hatte aber das Glück, frühzeitig die wahre Religion kennen zu lernen. Tief gekränkt durch den Gedanken, dass das Evangelium in seinem Land so wenig bekannt war, verzichtete er auf alle Vorteile, auf die er in der Welt hoffen konnte, und zog nach Edessa in Mesopotamien, wo das Christentum sehr blühend war. Nachdem er sich in der besten Art, Gott zu dienen, hatte unterweisen lassen, schloss er sich außerhalb der Stadtmauern in eine kleine Zelle ein, um sich ganz den Übungen der Buße und der Beschauung zu ergeben.
Einige Zeit danach ging er nach Syrien und nahm seine Wohnung in einer Zelle, nicht weit von einem in der Nähe von Antiochia gelegenen Klosters. Er wurde da von sehr vielen Leuten besucht, die in Gewissensangelegenheiten sich bei ihm Rat einholten. Er verteidigte immer kräftig die Tugend wider das Laster und bekämpfte bei jeder Gelegenheit die arianische Ketzerei, die in Antiochia viele Anhänger zählte. Die Strenge seines Lebens verschaffte seinen Reden großes Ansehen. Seine gewöhnliche Nahrung bestand in einem Stück Brot, das er nach Sonnenuntergang aß. Und erst in seinem hohen Alter konnte man ihn dazu bewegen, noch einige Kräuter hinzuzufügen. Sein Bett war eine auf die Erde hin gebreitete Matte, und sein Kleid ein raues Tuch, das er dann erst ablegte, wenn er sich nicht mehr damit bedecken konnte. Aus seinem Verhalten gegenüber Anthemius, später Konsul und Statthalter im Orient, lässt sich schließen, wie weit er es mit dieser Entsagung gebracht hatte. Nach seiner Rückkehr von der Gesandtschaft nach Persien, drängte Anthemius ihn, ein Oberkleid, das er ihm mitgebracht hatte, anzulegen. „Es ist“, sagte er ihm, „ein Erzeugnis deines Landes“; worauf Aphraates erwiderte: „Glaubst du wohl, es sei vernünftig, dass man einen alten Diener, dessen Treue erprobt ist, verabschiede, um einen neuen zu nehmen, und zwar bloß deshalb, weil der Letztere ein Landsmann wäre?“ – „Nein“, erwiderte Anthemius. „Je nun!“ fuhr der Heilige fort, „so nimm denn wieder das Kleid; ich habe eins, das mir seit sechzehn Jahren dient, und ich will nicht zwei zugleich haben.“
Bis dahin hatte der Heilige in seiner einsamen Zelle gelebt. Er verließ aber diese beim Anblick der Verwüstungen, die der Arianismus unter dem Schutz des Kaisers Valens in der Herde Jesu Christi anrichtete. Er eilte den Katholiken in Antiochia zu Hilfe, um sie zu trösten und die Drangsale der Verfolgung, so viel er konnte, zu lindern. Er gesellte sich zu den Priestern Flavian und Diodor, die, in Abwesenheit des heiligen Bischofs Meletius, der in der Verbannung lebte, die Kirche zu Antiochia regierten. Seine Heiligkeit und Wundergabe gewährten ihm mächtigen Einfluss und legten seinen Reden und Handlungen großes Gewicht bei.
Der Palast des Kaisers stand an den Ufern des Orontes und war nur durch einen breiten Weg, der auf das Land führte, davon getrennt. Als eines Tages Valens von der Höhe der Galerie auf die Vorbeigehenden hinabschaute, sah er einen ärmlich gekleideten Greis, der raschen Fußes daherschritt. Als er fragte, wer dieser Alte sei, antwortete man ihm, es sei Aphraates, jener Einsiedler, für den das Volk so große Verehrung habe. „Aphraates“, rief er ihm zu, „wohin so schnell?“ – „Ich gehe, für die Wohlfahrt deiner Regierung zu beten“, erwiderte der Heilige; denn die Katholiken, die keine Kirche mehr in Antiochien hatten, hielten ihre Versammlungen auf dem Feld, wo die Soldaten in den Waffen geübt wurden. „Warum“, fragte ihn der Kaiser, „verlässt du, ein Mönch, deine Zelle und führst ein so herumschweifendes Leben?“ – „Ich bin in der Einöde geblieben“, entgegnete Aphraates, „solange die Schafe des göttlichen Hirten den Frieden hatten; jetzt aber, da sie den größten Gefahren ausgesetzt sind, wie könnte ich ruhig in meiner Zelle sein? Wenn eine Tochter in dem Haus ihres Vaters Feuer erblickt, was würde sie tun? Sollte sie zusehen auf ihrem Stuhl, bis die Flammen ihr selbst sich nahen, um sie zu verzehren? Wäre es nicht vielmehr Pflicht für sie, überall hinzueilen und Wasser zum Löschen herbeizuschaffen? Eben dieses tue auch ich, ich laufe daher, um das Feuer zu löschen, das du an das Haus meines Vaters gelegt hast.“
Der Kaiser antwortete nichts, aber einer seiner Entmannten misshandelte den Heiligen und bedrohte ihn mit dem Tod. Übrigens rächte Gott bald seinen Diener. Als der Entmannte nach den Bädern des Königs sah, wurde er verrückt, ließ sich in den heißen Zuber fallen und starb aus Mangel an Hilfeleistung. Der Fürst wurde durch diesen Vorfall so betroffen, dass er sich nicht traute, den Heiligen ins Elend zu werfen, obgleich die Arianer auf alle nur mögliche Weise ihm zusprachen. Auch wurde er sehr gerührt durch die wunderbaren Heilungen, die Aphraates bewirkte, indem er die Kranken mit Öl oder Wasser besprengte, das er mit dem Kreuz bezeichnet hatte.
Man bemerkte immer an dem heiligen Einsiedler eine ungeheure Besorgnis, alles zu vermeiden, was die Keuschheit im Geringsten hätte verletzen können. Er redete niemals mit Frauen, oder wenn er dazu genötigt war, hielt er sich allezeit in einiger Entfernung von ihnen, und sagte bloß, was notwendig war. Als durch den Tod des Kaisers Valens die Ruhe der Kirche Gottes hergestellt worden war, kehrte Aphraates wieder in seine Zelle zurück, wo er selig im Herrn entschlief. „Ich bin überzeugt“, sagt Theodoret, „dass er mehr Gewalt bei Gott nach seinem Tod hat, als er auf Erden hatte; und dieses ist die Ursache, warum ich seinen Schutz anflehe.“ Die ganze Kirche folgte dem Beispiel Theodorets.
Heilige Mutter Gottes, meine liebe Mutter Maria. Du hast so großen Anteil an meiner Seligkeit genommen, dass du sogar den geliebtesten Gegenstand deines Herzens, deinen geliebten Jesus zum Opfer am Kreuz hast darbringen wollen. Wenn du also so sehr mein Heil wünschst, so geziemt es sich auch, dass ich nach Gott alle meine Hoffnung auf dich setze. Siehe, hochgebenedeite Jungfrau Maria, auf dich setze ich all mein Vertrauen. Um der Verdienste willen, die du heute durch das große Opfer deines Sohnes, das du Gott darbrachtest, erworben hast, bitte ich dich, erbarme dich meiner armen Seele, für die dies unschuldige Lamm, dein Jesus, am Kreuz hat sterben wollen. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Wilhelm
Wir bitten Dich, o Gott, verleihe uns auf die Fürbitte des heiligen Wilhelm, dass wir uns weder durch die bösen Beispiele, noch durch das Gespött und die Verfolgungen von der Treue in Deinem Dienst abwendig machen lassen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zu Jesus Christus
Schenke uns, o Herr, dass wir uns allezeit vor dem Eigensinn, besonders in Religionssachen, in Acht nehmen, und uns stets Deiner Worte erinnern: Wenn ihr nicht werdet wie die Kleinen, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen, der Du lebst und regierst, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Zu Gott
Allmächtiger Gott, bewahre uns vor jener Eitelkeit, die, um das Lob eines toleranten Sinnes zu haben, die geheiligten Rechte der Wahrheit und Tugend ihren Feinden und Lästerern preis gibt, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Dem Eifer des heiligen Papstes Cölestin ist größtenteils zuzuschreiben, dass die Lästerungen des Nestorius gegen die seligste Jungfrau als Mutter Gottes sowohl in dem Konzil zu Rom als in dem allgemeinen zu Ephesus feierlich verdammt, und die seligste Jungfrau als eine wahre Mutter Gottes von der ganzen katholischen Kirche mit neuer Andacht erkannt und gepriesen worden ist.
Kinder können grausam sein. Wie herzlos verfolgen sie oft ihre Mitschüler, die mit einem körperlichen Gebrechen behaftet sind, mit ihrem Spott und machen sich keine Gedanken darüber, welche Seelenqualen sie diesen Armen dadurch bereiten. Auch der kleine Grafensohn Notker, den seine Eltern um die Mitte des 9. Jahrhunderts in die Klosterschule von St. Gallen brachten, mag bitter genug unter dieser Spottlust der Jugend gelitten haben. Er stieß mit der Zunge an, und es lässt sich denken, wie sein stammelndes Sprechen alle die andern übermütigen Adelssöhne, die den Benediktinern zur Erziehung anvertraut waren, zum Lachen reizen musste. Im Nu hatte Notker den Spitznamen „der Stammler“ – ein Name, der ihm zeitlebens blieb und mit dem er in die Geschichte einging.
Sicherlich trug seine Behinderung im Sprechen und die Furcht vor dem Ausgelachtwerden viel dazu bei, dass der Knabe sich mehr und mehr in sich selbst zurückzog und für sich allein blieb. Er „floh der Brüder wilden Reihen“ und suchte mit dem frühreifen Ernst, den solche „Gezeichnete“ nicht selten haben, an den Lesetischen der großen Klosterbibliothek Zerstreuung und Befriedigung, während seine Kameraden sich in frohem Spiel tummelten. Bei solch ungewöhnlichem Lerneifer war es nur ganz natürlich, dass der glänzend begabte Junge bald der beste Schüler von St. Gallen wurde und die Mönche, aus deren Schule schon so viele berühmte Kirchen- und Staatsmänner hervorgegangen waren, mit Stolz auf Notker sahen, der den Ruhm der St. Gallener Klosterschule noch um ein bedeutendes zu mehren versprach. Wie begrüßten sie es, als Notker den Wunsch äußerte, unter die Söhne des hl. Benedikt aufgenommen zu werden! Bei ihm waren außergewöhnliche wissenschaftliche Begabung und tiefe, lautere Frömmigkeit in schönster Harmonie. So wurde Notker nicht bloß zum größten Gelehrten des Klosters in den Zeiten der Karolinger, sondern auch zu einem vorbildlich gewissenhaften, heiligen Mönch. So sehr er in der stillen Welt der alten Folianten lebte, er ging darin nicht auf. Er wurde nicht zum einseitigen, lebensfremden Gelehrten. Er liebte es, in den freien Erholungsstunden sich still aus dem Kreise der sich fröhlich unterhaltenden Mönche zu schleichen und die Rolle des Krankenbruders zu übernehmen. Er ging durch die Krankenstuben, bettete die Leidenden um, reichte ihnen Arznei und erfüllte ihre Wünsche, tröstete sie und gab ihnen beim Abschied ein kräftiges Schriftwort für die schlaflose Nacht. Durch strenge Bußwerke und harte Kasteiungen suchte Notker seine Seele mehr und mehr zu läutern und Gott wohlgefällig zu machen. Er wusste: Wie der Bauer den Acker mit dem Pflug aufreißt, um im Herbst von ihm Früchte zu ernten, so muss auch der Mensch seinen Leib mit der Pflugschar durchziehen, muss ihn streng halten, muss ihm schmale Kost, Schläge und Wunden zumuten, wenn nicht üppiges Unkraut aufwachsen und die Seele ersticken soll. Wie ernst Notker seinen Beruf als Mönch und Priester auffasste, zeigt sein Gedicht:
Du bist zum Priester des Herrn geweiht;
Was kümmern dich Tand und Eitelkeit,
Dass du, der Welt zugewandt,
Unreines rührest mit reiner Hand?
Nicht darfst du wenden hell und klar
Nach schandbaren Dingen der Augen Paar;
Zu des Himmels Höhen schlage sie auf
Und betrachte der Sterne ewigen Lauf.
Dir heißt es Sünde, in Liebeslust
Zu küssen und kosen Brust an Brust;
Kein lüsternes Wort entfliehe dem Mund,
Dem Gottes Ruhm und Ehre kund.
Gar vieles befiehlt der Herr dein Gott;
Dein Ohr, es achte auf sein Gebot.
Die Nüster trinke des Himmels Luft,
Bis Gott im Himmel dich zu sich ruft.
Dieses Gedicht zeigt uns den Gelehrten und Heiligen von einer neuen Seite: Notker war auch ein hochbegabter Dichter. Die Dichtkunst St. Gallens hat in ihm einen ihrer bedeutendsten Schöpfer erhalten. Seine Gedichte sind voll zarten, innigen Lebens und lassen die Tiefe seines Gemüts, sein Erfülltsein von inniger Gottesminne spüren. Der „Stammler“ hat in seinen Gedichten, die er vielfach selber vertonte, wortgewaltig zu seinen Zeitgenossen gesprochen und nicht wenige im Innersten gepackt und zu Gott zurückgeführt. Die meisten seiner Lieder hat der Sturm der Zeit verweht. Eines aber erbaut auch heute noch durch seinen tiefen Ernst jedes fromme Gemüt, das: „Media vita – mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.“ Wenn dieses Lied auch ohne geschichtlichen Nachweis Notker zugeschrieben wird, so entspricht es doch ganz und gar seiner ernsten Lebensauffassung, seinem ständigen Gerüstetsein auf den Boten Gottes.
Unsterbliche Verdienste erwarb sich Notker um das Kirchenlied und den Choralgesang im ganzen Abendland. Die Ausbreitung des gregorianischen Gesangs in den deutschen Klöstern und Domkirchen ist fast ausschließlich das Verdienst des "Stammlers" von St. Gallen, dessen Mund nicht müde wurde, immer neue Harmonien zum Lob Gottes anzustimmen. Jahrhundertelang wurden seine frommen Lieder und Sequenzen beim Gottesdienst gesungen. Viele Lehrer des Choralgesangs erhielten von Notker Unterweisung und nahmen seine heilige Begeisterung mit hinaus in ihre Schule.
An dem großen Weltgeschehen nahm der Dichter- und Sängermönch, der ernste, verschlossene Gelehrte wenig Anteil. Und doch brachte Kaiser Karl der Dicke gerade ihm besonderes Vertrauen entgegen und holte sich wiederholt bei Notker Rat in Regierungsfragen.
Die letzten Jahre seines Greisenalters verbrachte der Diener Gottes fast ganz in religiösen Übungen und in der Vorbereitung auf den Heimgang in die Ewigkeit. Der plötzliche Tod eines Neffen, der in blühendem Jugendalter aus der Mitte der Klosterbrüder gerissen wurde, wurde ihm zur ernsten Mahnung. Stunden- ja ganze tagelang kam er nun nicht mehr aus der Klosterkirche. Mit dem Gebet für den toten Neffen verband er das Gebet um einen seligen Heimgang für sich selbst. Der Gedanke an den Tod, der ihm zeitlebens vertraut war, hatte für ihn nichts Erschreckendes. Wer so wie er immer zum Sterben bereit ist und die Unschuld des Herzens in treuem Kampf sich bewahrt hat, kann jederzeit ohne Furcht vor Gottes Richterstuhl treten. So ging Notker sanft und still wie er gelebt hatte, umringt von seinen weinenden Klosterbrüdern, am 6. April 912 in die Ewigkeit hinüber. Notkers Reliquien werden im Münster von St. Gallen aufbewahrt und verehrt. Seine Lebensgeschichte verfasste um 1230 ein Mönch Ekkehard zur Unterstützung der ab 1215 von Abt Ulrich angestrebten Seligsprechung. Notker wurde 1513 seliggesprochen, die Verehrung wurde 1624 bestätigt.
1. Bereite dich mit Andacht und heiligem Ernst zu dem großen Werk deiner Rechtfertigung. Und gehe in dein Inneres ein, alle Falten deines Herzens zu durchforschen. Sei jedoch nicht so mit deinen Fehlern beschäftigt, dass du darüber die wahre Reue und Zerknirschung vergisst. Denn manche suchen ihre Sünden mit Ängstlichkeit auf, gedenken aber der Reue darüber nur oberflächlich, beherzigen auch weder Gottes unendliche Güte, noch ihren Undank und ihre Untreue, noch die Ursache ihrer Sünden, noch auch die Mittel sich zu bessern. Sie bedenken nur was sie zu sagen, nicht was sie zu tun haben, daher die geringe Frucht so vieler Beichten.
2. Rufe den Heiligen Geist andächtig um seine Erleuchtung an, und tue dann was an dir ist, mehr verlangt der Vater des Erbarmens nicht. Hast du eine genügende Zeit auf die Erforschung deines Gewissens verwendet, so ängstige dich nicht weiter, denn gern verzeiht Gott dir die Sünden, die deine Gebrechlichkeit vergaß. Mehr liebt er es, dass du dein Herz, als dass du deinen Verstand anstrengst, mehr, dass du deine Sünden verabscheust, als ihrer dich erinnerst, mehr, dass du deinen Willen beugst, als dein Gedächtnis peinigst. Er will, dass du dich vor ihm demütigst, deinen Willen ihm zum Opfer bringst, und auf seine Barmherzigkeit vertraust.
3. Erwecke wahre Reue und tiefsinnige Zerknirschung über deine Fehler, und verabscheue sie in Gottes heiliger Gegenwart. Indessen ist die Tiefe der Empfindung nicht das Maß des Schmerzes und der Reue. Wahrhaft zerknirscht ist, wer keine falsche Beicht ablegen will, wer fest entschlossen ist, nicht mehr zu sündigen. Manche bilden sich ein, sie hätten keine wahre Reue, werden darüber kleinmütig, und es wird das heilsame Sakrament der Buße ihnen zuwider. Dies ist eine Arglist des unsichtbaren Feindes, der sie in seinen Fesseln zurückhalten will. Gehe du einfach mit Gott, der die Einfalt des Herzens liebt. Und ersetze durch tiefe Demut und Vertrauen auf seine göttliche Barmherzigkeit, was dir an Tiefe der Empfindung fehlt. 1. Johannes 1,8-10: "Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns."
Schmerzensreiche Jungfrau und Mutter Maria, hilf mir, deinem Sohn Dank sagen für sein bitteres Leiden, das er für mich ausgestanden hat, und preise ihn mit mir für die große Gnade, die er mir durch die heilige Kommunion jedes Mal erweist. Opfere dem himmlischen Vater das bittere Leiden deines Sohnes für mich und erwirb mir durch deine Fürbitte, dass es an meiner Seele nicht verloren gehe. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Vinzenz Ferrer
Verleihe, o Herr, Deiner Kirche viele dem heiligen Vinzenz ähnliche Prediger, und gib uns auf seine Fürbitte gelehrige Herzen, damit wir von den ewigen Wahrheiten gerührt, in einer heilsamen Furcht Deiner Urteile, und in Buße und Frömmigkeit leben, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Im Jahr 1053 wurde die Stadt Cambrai oder Cammerich von der großen Gefahr, in die sie die Belagerung der Hunnen gesetzt hatte, auf die vom Bischof Fulbertus angerufene Fürbitte der seligsten Jungfrau und des heiligen Gualdricus befreit.
In ihrem Klösterlein am Fuß des Cornillonberges bei Lüttich kniete eine junge, kaum sechzehnjährige Nonne im Gebet. Da kam mit einem Mal der Geist Gottes über sie. In tiefen Gottesfrieden versenkt, schaute sie ein geheimnisvolles Gesicht: am nächtlich-feierlichen Himmel stand der volle Mond. In wundervollem Silberglanz erstrahlte seine Scheibe. Nur an einer Stelle war ein dunkler Fleck, wie wenn ein Stücklein ausgebrochen wäre oder fehlte. Was das wohl bedeutete? Die Nonne wusste es nicht. Als das Gesicht aber immer wiederkehrte, wurde sie unruhig; sie fürchtete, es könnte gar ein Trugbild des Teufels sein. Zwei Jahre lang flehte sie in heißem Gebet und unter Tränen und ließ auch andere gottinnige Seelen den Himmel bestürmen, dass Gott ihr kundtue, was das Gesicht bedeute.
Endlich kam Licht und Lösung in die bange Frage.
Christus selbst erklärte seiner Braut, der Vollmond sei ein Bild seiner Kirche. In dem dunklen Stück der Scheibe werde angedeutet, dass im Kreislauf des Kirchenjahres noch ein eigenes Fest zu Ehren des allerheiligsten Altarsakramentes fehle, ein überaus gnadenreiches Fest zu Dank und Sühne. Sie, Juliana, sei berufen, die Einführung dieses Festes in der Kirche anzuregen und zu veranlassen.
Die demütige Seele erschrak gewaltig über diesen göttlichen Auftrag. Sie bat und flehte heiß und innig, Gott möge anderen, fähigeren und würdigeren Seelen diese Aufgabe zuweisen. Zwanzig volle Jahre lang wahrte sie, ohne irgendjemand etwas davon zu verraten, im Schreine ihres Herzens dies ihr gottgewordenes Geheimnis, bis endlich nach Gottes Willen die Zeit gekommen war, langsam damit an die Öffentlichkeit zu treten. Doch sollten an die zwanzig weitere Jahre vergehen, bis Juliana die selige Freude erlebte, dass im Jahr 1247 das vom Herrn gewünschte Fest, das hochheilige Fronleichnamsfest, zum ersten Mal, und zwar an der Kollegiatkirche Sankt Martin zu Lüttich, begangen wurde. Wenige Jahre nach ihrem Tod, im Jahr 1264, ordnete Papst Urban IV., der früher Archidiakon in Lüttich gewesen war, die Feier dieses Festes für die ganze Kirche an.
Wer war die selige Juliana? Sie, im Jahr 1193 geboren, und ihr ein Jahr älteres Schwesterchen Agnes waren die einzigen Kinder eines frommen, reichen Paares, das seinen Wohnsitz in Retienne, in der Nähe von Lüttich, in Belgien hatte. Als Juliana erst fünf Jahre alt war, starben die Eltern; doch sorgten sie rechtzeitig dafür, dass ihre beiden Lieblinge für Zeit und Ewigkeit in gute Hände kamen: sie gaben sie nämlich zu den Augustinerchorfrauen am Cornillonberg bei Lüttich. In zarter Fürsorge wurden die Kleinen einer erfahrenen Schwester namens Sapientia auf einer nahen Klostermeierei anvertraut. Gesund an Leib und Seele wuchsen sie tüchtig heran, lernten fleißig Latein und halfen den Schwestern wacker in Stall und Feld. Ein besonderes Vergnügen machte es Juliana, die Kühe zu melken und so die Schwestern und deren Kranken im Aussätzigenspital mit Milch zu versorgen. Gleich darauf konnte man das Mädchen bei seinen Lieblingsschriftstellern, über einem großen, alten Pergamentband, dem hl. Kirchenvater Augustinus oder den Erklärungen St. Bernhards zum Hohenlied gebeugt antreffen.
Schon damals hatte sie Besuche Auswärtiger, auch wenn es Hochgestellte, Bekannte oder Familienangehörige waren, nicht gern. Da man wusste, das Kind besitze die Gabe außergewöhnlicher Frömmigkeit, versuchten einige Besucher es in ein frommes Gespräch zu verwickeln. Umsonst! „Ich bin ja nur eine Küchenmagd und Dienstmädchen der Schwestern! Was wollt ihr von mir Reden über Gott hören? Ja, ich kann Kühe melken, Hühner füttern und solcherlei tun. Was wollt ihr mehr von mir? Könnt ihr mehr und besser von Gott sprechen, dann bitte erzählt mir von ihm! Ich will euch gerne zuhören. So gebührt sich´s besser!“
Umso herzlicher dagegen verkehrte sie mit Kindern und einfachen Leuten. Mit ihnen konnte sie reizend von Gott und dem Heil der Seele plaudern, so wie ein jedes es gerade brauchte. Selbst später, wo sie wegen ihrer Stellung viel mit Adeligen und kirchlichen Würdenträgern zu verkehren hatte, war ihr dieser Verkehr stets eine Pein. Nur aus Nächstenliebe und um Sünden zu verhüten, kam sie zu solchen Unterredungen herbei, tat es aber mit solcher Zurückhaltung und Herzensbeklemmung, dass man es ihr anmerkte, es sei für sie allemal ein wirkliches Fegfeuer.
Dies war bei ihr echte, keine angelernte Demut. Als einst eine hochgestellte Person Juliana nach einer ihr von Gott verliehenen Gnade fragte, entfuhr ihr unwillkürlich zur Entschuldigung das Wort, man solle doch so etwas bei ihr nicht vermuten; sie sei ja nur eine große Sünderin. Nun zählte der hohe Herr eine lange Reihe von Sünden und Lastern auf, vor denen Gott in Gnaden seine kleine Braut bewahrt habe. „Und doch,“ erwiderte Juliana, „kann ich ganz gut all dieser Sünden schuldig sein!“ Wie sie das meine? „Ich verspüre nicht so großen Schmerz und solche Herzensangst, wie es derartige Sünden verdienen, durch die Gott beständig beleidigt wird, und deshalb erachte ich mich all dieser Sünden schuldig!“
Es ist nicht schwer zu raten, wo solche Reinheit und Demut entsprangen: am Altar. Schon früh bemerkte man bei der kleinen Juliana einen besonderen Zug zur Kirche, zum allerheiligsten Sakrament, zur heiligen Messe. Sichtlich ergoss sich jedes Mal ein Strom von Wonne und Gnaden in das reine Herz der unschuldigen Kleinen. Sie war kaum mehr von der Kirche wegzubringen. Und als sie gar das erforderliche Alter erreicht hatte und das Brot der Reinen in der hl. Kommunion empfangen durfte, kannte ihr Glück und ihre Seligkeit vollends keine Grenzen. Vor lauter Ehrfurcht über die Ankunft des göttlichen Gastes hatte sie sich vorgenommen, zur Vorbereitung eine volle Woche lang in strengem Schweigen zu verharren. Man merkte es ihr auch an, wie ungern sie zu solcher Zeit den Mund zum Sprechen öffnete. Auch sagte sie, es fiele ihr gar nicht schwer, einen ganzen Monat ohne alle leibliche Speise zu bleiben. Hätten die Schwestern es ihr nicht verboten, sie hätte es sicher versucht.
Da ihr solche äußere Übungen untersagt waren, schlang sie in umso innigerer bräutlicher Liebe geistigerweise die Arme um den Einziggeliebten ihres Herzens. Und der erwiderte wahrhaft göttlich-freigebig immer mehr mit himmlischen Gaben die Liebe und Treue seiner Braut.
Noch ein junges Mädchen, durfte sich Juliana durch die Jungfrauenweihe und die Ordensgelübde ganz dem Dienst Christi weihen. Sie war eine treffliche Klosterfrau. „Von Jugend an,“ bezeugt ihr alter Lebensbeschreiber, „war sie gegen jedermann dienstbereit, leistete freudig Marthadienste und gab sich zu jeder Arbeit her. Hatte sie in Gehorsam und Liebe ihre Arbeit getan, so blieb sie still für sich, lebte ganz ihrem Gott und war so auch eine echte Maria.“
Mit Erlaubnis ihrer Obern übte sie strenge Enthaltsamkeit. 38 Jahre genoss sie bis zum Abend in strengem Fasten nicht die geringste Speise und dann auch zum Erbarmen wenig. Ihre Natur war schließlich so an diese Lebensweise gewöhnt, dass der Magen vor der gewohnten Stunde die Aufnahme jeglicher Nahrung verweigerte. Kam es nun vor, dass sie auswärts und auf Reisen aus Rücksicht auf andere oder um peinlichen Erklärungen zu entgehen, doch den Versuch machte, etwas von dem Vorgesetzten zu genießen, so hatte sie dabei ihre liebe Not. Endlos kaute sie den Bissen mit den Zähnen; hinunter brachte sie mit bestem Willen nichts. Wohlweislich hielt sie darum in ähnlichen Fällen immer ein Tüchlein bereit, in den sie unauffällig die Speisereste verschwinden ließ. „Essen, Trinken und Sprechen und dergleichen, woran sonst der Mensch ein besonderes Vergnügen empfindet, seien ihr“, so gestand sie einer Vertrauten einmal, „geradezu eine Last“. Nicht besser stand es um den Schlaf, auf den sie ganz wenig, fast gar keine Zeit zu verwenden brauchte. Die Nächte vor den Hochfesten und den höheren Heiligenfesten verbrachte sie meist oder fast ganz wachend im Gebet und in Beschauung.
Überhaupt gewann ihre Frömmigkeit große Kraft im engsten Anschluss an das Kirchenjahr. Christi Geburt und Kindheit begleitete sie mit zartester Liebe und Andacht, und erst sein bitteres Leiden und Sterben entlockte ihrem Herzen die tiefsten Regungen des Mitgefühls und ihren Augen heiße Tränen. Als einst im Chor jenes alte, wundersame Triumphlied des Kreuzes, das „Vexilla regis prodeunt“, „Des Königs Banner wallt voran“, angestimmt wurde, wurde Juliana so in tiefster Seele erschüttert, dass sie vor Leid und Weh laut aufschrie und schleunigst zur Kirche hinausgeführt werden musste. Das Mitleid mit Christi Leiden zehrte von Jahr zu Jahr mehr an ihrem Leben. „Drei Dinge“, bezeugt eine vertraute Mitschwester, „erschöpften von Jugend an ihre Körperkräfte: die auf ihr ruhende Arbeitslast, das beständige Andenken an das Leiden des Herrn und die heftige Sehnsucht und Liebe nach der Vereinigung mit ihrem Schöpfer.“ Wie ergreifend ist, was ihr alter Lebensbeschreiber nach den Angaben der Mitschwestern von den Äußerungen ihrer Frömmigkeit an Christi Himmelfahrt erzählt! Da hielt es Juliana im Haus nicht mehr aus. Mit Gewalt trieb es sie an diesem Tag hinaus ins Freie. Sie musste den Himmel schauen, wohin Christus uns vorangegangen ist. Auch von ihrer Andacht für das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit und des hochheiligen Altarsakramentes wird uns viel berichtet, ebenso über den Geist der Prophezeiung, wie sie anderen, die schwer versucht, krank oder vom Teufel besessen waren, gar liebevoll und wundersam half, wie sie Reliquienfälschungen aufdeckte und dergleichen mehr...
Nur zwei Züge ihres Tugendbildes seien hier noch eigens hervorgehoben, die uns so recht die tiefe Liebe und Leidenschaft ihres Herzens verraten: der erste ist ihre Liebe und kindliche Verehrung zur allerseligsten Jungfrau Maria. Unter den Muttergottesfesten war ihr das liebste Mariä Verkündigung. Sie hatte ein ganz besonders tiefes Verständnis für das Geheimnis der Menschwerdung Christi. Jenen, die ihr näherstanden, teilte sie vertraulich mit, dass es Maria besondere Freude mache, wenn man oft ihre Worte „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn“ bete und im Streben und Ringen nach Tugend gebrauche. Jedes Mal werde dadurch die vollkommene Freude, die in der Stunde der Menschwerdung über Maria kam, in ihrem Herzen erneuert. Eine zarte Vorliebe und Andacht hatte Juliana auch für den Hochgesang Mariä, das Magnifikat. Wenn sie es betete, kam oftmals eine Flut von Seligkeit und Wonne über ihre Seele. Sie hatte die fromme Gewohnheit, zu Ehren der neun Monate, während derer die einzigartige Jungfrau (virgo singularis) den Urheber unseres Heils in ihrem Schoß getragen hatte, das Magnifikat neunmal jeden Tag zu beten. Auch andere, die ihr nahestanden, munterte sie zu dieser gnadenreichen Übung auf. Es scheine ihr unmöglich, versicherte sie, dass jemand, der im Stand der Gnade sei, nicht in jedem, das Seelenheil betreffenden Anliegen erhört werde, wenn er so die glorreiche Jungfrau anrufe. Auch bat sie inständig, diese Übung doch überall, besonders in Nonnenklöstern und bei gottgeweihten Jungfrauen zu verbreiten. „Sie kannte aus eigener Erfahrung“, bemerkte der alte Lebensbeschreiber, „welche Vorteile daraus entstünden. Lag ihr doch der geistliche Vorteil aller sehr am Herzen.“ Manch Erbauliches wäre hier noch anzuführen von ihrem tiefen Geistesblick in die Herzensgeheimnisse anderer, wie widerwärtig ihr der Verkehr mit geistesstolzen Menschen war, und welch geheimnisvolle Wonne sie im Gegenteil empfand, wenn sie mit Personen sprach, die von Herzen demütig und mit Gott vereint lebten.
Die zweite große, oder besser gesagt, die einzige große Neigung und Leidenschaft ihres Herzens war die Liebe zum allerheiligsten Altarsakrament. Ihm galt all ihre Liebe von Jugend an; aus ihr schöpfte sie auch besonders Kraft im Kampf gegen den Erbfeind der Seelen, der mit glühendem Hass, oft fühlbar und sichtbar, diese auserwählte Braut Christi verfolgte. Wie manch andere Heilige besaß auch Juliana eine Art eucharistischen Spürsinn. Einst machte sie bei ihrer Freundin, der seligen Eva, die als Reklusin (Klausnerin) neben der St. Marienkirche zu Lüttich eingemauert lebte, einen Besuch. Nachdem Juliana ihrer Gewohnheit gemäß, erst den Herrn des Heiligtums im Sakrament zu begrüßen, eine Zeitlang im Gebet auf der Kirchenempore zugebracht hatte, kam sie ganz betrübt zu ihrer Freundin und sagte: „Warum wird der Leib des Herrn nach der Messe in dieser Kirche nicht aufbewahrt? Dies geschieht doch sonst in allen anderen Kirchen!“ So war es in der Tat. Aus irgend einem Grunde war das gerade an diesem Tag unterblieben. Als sie das nächste Mal wiederkam, sagte sie nachher mit fröhlichem Gesicht zur Seligen: „Jetzt ist Eure Kirche wirklich reich begütert, da sie mit dem Leib des Herrn ausgestattet ist.“ Und so war es auch.
Werfen wir zum Abschluss dieses Lebensbildes noch einen kurzen Blick auf Julianas äußeren Lebensgang. Auch unsere Gottesbraut musste die ihr von Gott verliehenen außergewöhnlichen Gnadengaben – zu den Höhen der Mystik führt eben kein anderer Weg! – zwischen Disteln und Dornen, auf steilem Kreuzweg, pflücken. Im Jahr 1230 wurde sie zur Vorsteherin und Priorin ihres Klosters gewählt. Schon bald darauf entstand infolge von grundlosen Redereien und Anschuldigungen eine unheilvolle Unruhe, Unzufriedenheit und Aufregung sowohl unter den Nonnen im Kloster, wie unter den Weltleuten in der Stadt. Dazu kam noch, dass der neue geistliche Obere des Klosters, auf unkirchliche, simonistische Weise gewählt, in gehässiger, verleumderischer und gewaltsamer Weise gegen Juliana vorging. Als aller Widerstand nichts mehr nützte, hielt sie es für das beste, dem Unrecht zu weichen. Sie verließ deshalb mit einigen treuen Nonnen das Kloster, wurde aber bald durch ihren Bischof gerechtfertigt und wieder eingesetzt. Unter seinem Nachfolger, einem unwürdigen, weltlich gesinnten Mann, begann für Juliana die Leidenszeit von neuem. Als sogar die blinde Volkswut in einem Aufstand gegen das Kloster und seine heilige Priorin aufgehetzt wurde, verließ Juliana es zum zweiten Mal mit einigen Getreuen. Sie sollte ihr klösterliches Heim nicht mehr wiedersehen. Fortan sollte auch sie, die Braut des zarten Fronleichnams im Tabernakel, auf Erden keine bleibende Wohnstätte mehr haben. Erst versuchte sie, in einigen befreundeten Zisterzienserinnenklöstern, dann bei den Beginen zu Namur, Unterkunft zu finden, und schließlich bei ihrer Freundin, der Zisterzienseräbtissin Imena zu Salzinnes. Doch ein geheimer, fast möchte man sagen, teuflischer Hass und Groll verfolgte die Gottesbraut überallhin und brachte selbst denen, die ihr gastlich Dach und Herberge boten, Unheil und zeitlichen Schaden.
Wie froh und dankbar war sie schließlich, als man ihr eine gerade frei gewordene Reklusenklause, die an die Kirche zu Fosses angebaut war, anbot. Dorthin zog sie sich im Jahr 1256 zurück. Einsam und allein verbrachte sie hier bei ihrem Herrn und Meister im Fronleichnam ihre letzten zwei Lebensjahre. Viel Kreuz und Leid hatte sie ihr Leben lang erduldet, „viele und schwere Krankheiten, Unbilden, Widerwärtigkeiten und Verfolgungen aller Art; doch in all dem hatte sie sich stets gar sanft (suaviter) und stark (fortiter) erwiesen.“ Jetzt kamen neue körperliche Leiden und Schmerzen und warfen sie aufs Krankenlager. Mit rührender Frömmigkeit und Geduld ertrug sie alles.
So nahte der letzte Tag. Ihre treue Freundin, die Äbtissin Imena, war herbeigeeilt und stand am Sterbelager. Da es nicht mehr möglich war, Juliana den Leib des Herrn zu reichen, glaubte die Äbtissin, der sterbenden Heiligen einen großen Trost zu bereiten, indem sie den Vorschlag machte, man solle den heiligen Fronleichnam wenigstens in der Pyxis herbeiholen, damit sie ihrem Herrn und Heiland sich ein letztes Mal empfehlen könne. Doch wie erstaunten die Umstehenden, als Juliana das Anerbieten ernst und ruhig ablehnte: „Nein, meine Herrin! Das wäre Anmaßung!“ – ein Wort, das nur von tiefster, echter Demut eingegeben war, denn sie hielt es für geziemend, dass nicht ihr Herr und Heiland zu ihr, sondern vielmehr sie zu ihm komme. Doch die Äbtissin gab sich noch nicht zu rasch besiegt. Sie drängte die sterbende Freundin und versuchte sie mit allen Mitteln zu überzeugen, wie gnadenreich und tröstlich es sei, ihn, den sie in dieser Welt nicht mehr sehen werde, jetzt noch einmal als Erlöser zu schauen. Auch eine der Nonnen redete ihr vertraulich zu, sich doch dem Wunsch und Willen der Äbtissin zu fügen. Da stimmte sie zu.
Der Priester bekleidete sich also mit weißer Albe und Stola und holte das heiligste Sakrament herbei. Als Juliana das Glöcklein hörte, das man läutete, wenn ein Krankes die Kommunion empfing, flammte noch einmal die Lebenskraft und ihre ganze, heiße Liebe in ihr auf. Mit einem festen Ruck richtete sich die Sterbende von ihrem Lager auf und erwartete sitzend den göttlichen Gast. Der Priester kam, enthüllte das heilige Gefäß, entnahm ihm ehrfurchtsvoll eine heilige Hostie, zeigte sie der sterbenden Heiligen und sprach: „Seht da, Herrin, Euren Heiland, der sich herabgelassen hat, für Euch geboren zu werden und zu sterben. Bittet ihn, er möge Euch vor Euren Feinden behüten und Euer Führer sein!“ Da richtete Juliana ein letztes Mal fest und gläubig den Blick auf den, der ihr im Sakrament gezeigt wurde, und sagte: „Amen!“
Weiter sprach sie nichts mehr, lehnte ihr Haupt aufs Lager zurück und verschied – es war am 5. April im Jahr des Heils 1258.
„Bitte jetzt, glückselige Jungfrau“, schließt ihr alter Lebensbeschreiber – es soll auch unser Schlussgebet sein – „bitte deinen geliebten Bräutigam, dass er meine Schritte auf seinen Pfaden bewahre, auf dass meine Schritte im Glück wie im Unglück nicht wanken, und dass auch ich, auf dem Weg seiner Gebote gehend, von Tugend zu Tugend fortschreite. Amen.“
1. Sieh, Jesus selbst lehrt uns heute durch sein Beispiel, die Armen nähren und ihrer Not abhelfen. Lernen wir von ihm, und tun wir was wir ihn tun sehen, denn er ist nicht nur unser Lehrer und unser Vorbild, sondern er betrachtet auch alles, was wir seinen Armen tun, also, als hätten wir es ihm getan. Nähren und kleiden wir also den Armen, so nähren und kleinen wir IHN selbst. Er selbst ist in dem Armen wie unter einem geheimnisvollen Schleier verborgen. Und überreichlich wird er für unsere Wohltaten uns belohnen, und auch nicht einen Becher kalten Wassers unbelohnt lassen.
2. Nachdem alle Armen gesättigt waren, blieben noch zwölf Körbe voll der Stücke von den wenigen Gerstenbroten übrig. Fürchte dich nicht zu verarmen. Solange du den Armen gütig mitteilst, werden deine Brote unter deinen wohltätigen Händen sich vermehren. Niemals wird es dir am Notwendigen fehlen, wenn du den Armen es nicht am Notwendigsten fehlen lässt. Und so wenig wirst du dein Geld verlieren, als der Ackermann seine Frucht verliert, die er aussät. Denn die Hand des Armen ist ein fruchtbares Ackerland, das hundertfältige Früchte bringt. "Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten;" spricht der Apostel, "wer reichlich sät, wird reichlich ernten." (2. Korinther 9,6)
3. Lukas 6,38: "Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden." Glauben wir dies nicht, so sind wir keine Christen. Glauben wir es aber, und tun es nicht, so schließen wir uns selbst von den zeitlichen und ewigen Belohnungen Gottes aus. Wann wirst du einmal den Verheißungen Gottes trauen? Ist etwa dein Geld nicht gut bei ihm angelegt? Oder ist er nicht reich genug, dir hundertfältig zu vergelten? Ja ist nicht alles, was du besitzt, sein Geschenk? Wie also weigerst du dich, einen geringen Teil davon ihm zu borgen, zumal da er Güter der Zeit und der Ewigkeit dir dafür verheißt? "Wohl dem, der sich des Schwachen und Armen annimmt; zur Zeit des Unheils wird der Herr ihn retten." (Psalm 41,2)
Heiliger Isidor, der du aus einem armen Arbeiter durch Gebet und Arbeit ein Heiliger geworden bist, bitte für mich, dass ich bete wie du und arbeite wie du, in Demut, Fleiß und freudiger Gottesfurcht. Amen.
Zu Jesus Christus
O Jesus, heiliger, unschuldiger, unbefleckter Hoherpriester des Neuen Bundes, regiere die Bischöfe, dass sie nur würdigen Männern die Hände auflegen. Schenke ihnen eine kindliche Liebe zu Dir und eine herzliche Liebe zu ihrem Nächsten. Lass ihnen Dein Bild lebhaft vor Augen schweben, und lass sie stets danach handeln, der Du lebst und herrschst mit Gott dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Auf den heutigen Tag wird das Andenken der gewöhnlichen Reise gesetzt, die Maria und Joseph jährlich nach Jerusalem unternommen haben, sich beim Osterfest einzufinden, wovon Lukas im 2. Kapitel schreibt.
Isidor wurde immer als der berühmteste Lehrer der Kirche von Spanien angesehen. Gott erweckte ihn, sagt der heilige Braulio, Bischof von Saragossa, auf dass er dem Strom der Barbarei und Grausamkeit, die allenthalben die Waffen der Gothen begleiteten (Die Gothen hatten sich im Jahr 412 in Spanien niedergelassen), einen mächtigen Damm entgegenstelle. Das achte Concilium von Toledo, vierzehn Jahre nach seinem Tod, nennt ihn den vortrefflichen Lehrer, die neueste Zierde der katholischen Kirche, den gelehrtesten Mann in den letzten Jahrhunderten, dessen Namen nur mit Ehrfurcht ausgesprochen werden darf. Nostri saeculi doctor egregius, Ecclesiae Catholicae novissimum decus, praecedentibus aetate postremus, doctrinae comparatione non infimus, et quod majus est, in saeculorum fine doctissimus, atque cum reverentia nominandus Isidorus.
Die Stadt Carthagena war sein Geburtsland. Sein Vater hieß Severian und seine Mutter Theodora: sie waren beide von sehr hoher Abkunft und höchst verehrungswert durch ihre Tugend. Isidor war Bruder des heiligen Leanders und des heiligen Fulgentius, beide Bischöfe, und der Florentina, die die Kirche ebenfalls unter ihre Heiligen zählt.
Von seiner ersten Jugend an widmete sich unser Heiliger dem Dienst der Kirche, und bereitete sich zum Priesteramt vor durch außerordentlichen Fleiß in Erlernung der Wissenschaften und in Übung der Frömmigkeit. Er vereinigte sich mit seinem Bruder, dem heiligen Leander, Erzbischof von Sevilla, um an der Bekehrung der Westgothen, die mit der arianischen Ketzerei angesteckt waren, gemeinschaftlich zu arbeiten, und er förderte nicht wenig den Sieg, den bei dieser Gelegenheit die Wahrheit über dem Irrtum errungen hat. Sein Eifer, wovon er schon so viele Beweise abgelegt hatte, dauerte glücklich fort unter den Regierungen der Könige Reccaredus, Liuba, Witerich, Gundemar, Sisebut und Sisemund.
Als der heilige Leander, Erzbischof von Sevilla, im Jahr 600 oder 601 gestorben war, wurde der heilige Isidor, sein Bruder, zu seinem Nachfolger erwählt. Er verwandte seine ganze Tätigkeit auf die Wiederherstellung der Kirchenzucht in Spanien, und war die Seele der Concilien, die in diesem Betreff gehalten wurden. Wir müssen daher alle jene wichtigen Beschlüsse, die damals gemacht wurden, vorzüglich als sein Werk ansehen. Und diese allein wären schon hinreichend, um uns einen hohen Begriff von seinem Wissen und Eifer zu geben. Als die zu Toledi im Jahr 610 versammelten Prälaten den Erzbischof dieser Stadt zum Primas von Spanien ausgerufen hatten, bestätigte König Gundemar diesen Beschluss durch ein Decret, und der heilige Isidor unterschrieb es aus Liebe zum Frieden, und heißem Verlangen, die Einigkeit zwischen allen Kirchen des Reiches wieder hergestellt zu sehen.
Er stand im Jahr 619 dem Concilium von Sevilla vor. In dieser Versammlung disputierte er öffentlich mit einem Bischof der Akephalensecte, namens Gregor, der aus Spanien gekommen war. Er widerlegte so gründlich die Ketzerei der Eutychianer, die jene der Akephalen erzeugt hatte, dass Gregor den Irrtum auf der Stelle abschwur, und sich zur katholischen Lehre bekannte. Er hatte ebenfalls 633 den Vorsitz in der vierten Synode von Toledo, die die berühmteste von allen ist, die in Spanien gehalten worden sind. Diese Ehre gehörte zwar Justus, Erzbischof von Toledo, als Primas, zu, allein aus Ehrfurcht gegenüber dem heiligen Isidor begab er sich selbst dieses Rechtes.
Die Ungemächlichkeiten des Alters minderten in nichts den Eifer unseres Heiligen. Während der sechs letzten Monate seines Lebens, verdoppelte er seine Almosen in solcher Fülle, dass die Armen von Morgen bis Abend in seinen Palast strömten. Als er sein Ende herannahen sah, ersuchte er zwei Bischöfe zu ihm zu kommen: er ging mit ihnen in die Kirche, wo ihn der eine mit einem Bußkleid bedeckte, und der andere sein Haupt mit Asche bestreute. Hierauf hub er die Hände gen Himmel, betete mit Inbrunst, und begehrte mit lauter Stimme Verzeihung seiner Sünden. Alsdann empfing er von der Hand der Bischöfe den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus, empfahl sich den Gebeten der Umstehenden, gab seinen Gläubigern, was er ihnen schuldig war, vermahnte das Volk zur werktätigen Liebe, und verteilte das ihm noch übrige Geld unter die Armen. Hierauf ging er wieder nach Haus und starb in Frieden am 4. April 636, nachdem er 36 oder 37 Jahre das bischöfliche Amt bekleidet hatte. Sein Leichnam wurde im Dom von Sevilla zwischen jenen des heiligen Leanders und der heiligen Florentina beigesetzt. Ferdinand I., König von Castillien, und Leo ließen ihn 1063 in die Kirche des heiligen Johannes des Täufers in die Stadt Leon, wo er heute noch zu sehen ist, übertragen.
Der heilige Isidor war der griechischen, lateinischen und hebräischen Sprache mächtig. Er besaß eine sehr ausgebreitete Gelehrsamkeit und tiefe Kunde der alten sowohl kirchlichen, als Profanschriftsteller, wie man aus seinen Werken ersieht.
Diejenigen, die zu den Amtsverrichtungen eines tätigen Lebens berufen sind, müssen ohne Zweifel denselben mit Treue obliegen. Anders handeln, hieße die von der göttlichen Vorsehung festgesetzte Ordnung umstoßen: sie sollen sich aber vor jeglicher Täuschung hüten, in die sie gewiss fallen werden, wofern sie nicht, nach dem Beispiel des heiligen Isidors, bestimmte Augenblicke haben, wo sie der Beschauung obliegen. Je mehr man durch seine Berufsgeschäfte der Zerstreuung ausgesetzt ist, desto mehr muss man sich beeifern, durch Geistesversammlung sich näher an Gott anzuschließen, auf dass man niemals aufhöre, mit ihm durch das Gebet vereinigt zu sein. Wissenschaftliche Männer werden aus dem Beispiel des heiligen Isidors auch lernen, wie sie als Christen studieren, und selbst die Wissenschaften, die beim ersten Anblick nur das Vergnügen des menschlichen Geistes zu bezwecken scheinen, auf Gott beziehen sollen.
1. Auf, gehorche der Stimme der heiligen Kirche, die in dieser Fastenzeit als eine liebevolle Mutter dich ermahnt, durch eine wahre und aufrichtige Beicht mit Gott dich zu versöhnen. Fällt es dir schwer, dich zu demütigen, so bedenke die göttlichen Belohnungen, die mit dieser Demütigung verknüpft sind. Durch das Bekenntnis deiner Sünden verehrst du Gottes Heiligkeit, und bringst deine Ehre ihr zum Opfer. Dein Schmerz versöhnt seine Gerechtigkeit, die die verdiente Strafe dir erlässt. Durch die Beicht reinigst du dein Gewissen, heilst deine Wunden und sicherst dein Heil. Ja nicht nur dies, denn die heilige Beicht schmückt dich auch mit einer Gnade und Gerechtigkeit, die dich heiligt und alle deine Kräfte durchdringt.
2. Hättest du Augen, zu sehen, wie bei der priesterlichen Lossprechung der Mensch in ein neues Geschöpf umgewandelt wird. Gleichwie bei den Worten des Engels die Fesseln von den Händen des Apostels Petrus fielen, also werden hier auf die Stimme des Priesters die Ketten Satans gelöst. Gott nimmt dich zu seinem Kind auf, gesalbt wirst du vom Heiligen Geist und zu einem Erben des himmlischen Reiches erhoben. Dies bedeutet jenes Feierkleid und jener Schmuck, die dem verlorenen Sohn nach dem demütigen Bekenntnis seiner Schuld gegeben wurden. Denn nicht nur fiel der milde Vater ihm um den Hals und nahm ihn in seine Gnade auf, sondern er befahl auch, das erste Gewand, einen Ring und Schuhe herbeizubringen, um ihn zu Schmücken wie es der Würde eines Sohnes geziemte.
3. Mein Erlöser, ich folge deiner Stimme. Preis und ewiges Lob sei deiner unendlichen Liebe für das Bad der Reinigung, das du in deinem Blut mir bereitet hast. Nähern will ich mich diesem Quell des Heils mit demütiger Zerknirschung, und meine Missetaten im Schmerz meiner Seele bekennen. Welche Danksagungen, Herr, genügen je für diese unendliche Wohltat: dass du für dies Bekenntnis die ewigen Strafen uns erlässt, und für kurze Beschämung uns zu ewiger Ehre erhebst. Psalm 116,8: "Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen, meine Tränen getrocknet, meinen Fuß bewahrt vor dem Gleiten."
O Mutter der Barmherzigkeit, weil du so gütig bist und so sehr wünschst, uns Elenden Gutes zu tun und unsere Bitten zu erhören, so nehme ich, der elendste von allen, heute zu dir meine Zuflucht, und bitte dich, dass du meine Bitte erhörst. Du bist so demütig. Erlange mir also eine große Demut, und den innigen Wunsch, von anderen verachtet zu werden. Du warst so geduldig in den Leiden dieses Lebens. Erlange auch mir die Geduld in allen Schwierigkeiten des Lebens. Du warst so erfüllt von Liebe zu Gott. Erlange auch mir die große Gabe der heiligen und reinen Liebe Gottes. Dein Herz war von Liebe zum Nächsten beseelt. Mach, dass auch ich alle Menschen liebe, und besonders die, gegen die ich die meiste Abneigung verspüre. Dein Wille war ganz mit dem Willen deines Gottes vereinigt. Erlange auch mir eine vollkommene Ergebung bei allem, was Gott über mich verhängt. Du, o Maria, du warst das heiligste unter allen Geschöpfen. Mach, dass auch ich heilig werde. O Maria, meine Mutter, meine Hoffnung, meine Liebe, mein Leben, meine Zuflucht, mein Beistand und mein Trost, stehe mir bei. Amen.
Zum Heiligen Geist
Erleuchte uns, o Geist des Lichtes und der Wahrheit, damit wir, Gottes heiligsten Willen und unsere Bestimmung in den Worten der Offenbarung immer besser erkennend, in allen unseren Handlungen den Lehren der ewigen Weisheit entsprechen. Amen.
Zu den heiligen Märtyrern
Ihr heiligen Märtyrer, ermuntert doch meinen elenden und saumseligen Körper, damit er für Gott gerne und willig alles leide, und dann nach einem glückseligen Tod für ein augenblickliches Leiden mit dem Gewand ewiger Herrlichkeit bekleidet werde. Amen.
Zu Gott
Rette uns, liebevollster Vater, aus den Gefahren, die so oft der Seele den Untergang drohen, und lasse keines Deiner durch Jesu Blut erlösten Kinder verloren gehen, sondern nimm sie alle auf in Dein Reich, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zum heiligen Richard
Heiliger Richard, bitte für mich Jesus den Gekreuzigten und Maria, seine liebste Mutter, auf dass ich jetzt nach deinem Beispiel ebenso lebe, damit ich hernach einst unter dem Beistand Jesu und Mariä auch gottselig sterbe, und samt dir mit ihnen auf ewig im Himmel möge vereinigt werden. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Der heilige Richard, dessen Leben heute erzählt wird, hat in seinem ganzen Leben eine große Andacht zur heiligsten Mutter Gottes getragen, und auf dem Totenbett die Worte: O Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit, oft mit Vertrauen, so lange er reden konnte, wiederholt, und, als er dies nicht mehr konnte, von den Umstehenden hat wiederholen lassen.
Agape, Chionia und Irene waren drei Schwestern und lebten zu Thessalonich. Diejenigen, von denen sie das Tageslicht erhalten hatten, beteten die Götzen an, als sie für Jesus Christus ihr Blut vergossen. Da Diokletian unter Todesstrafe verboten hatte, die göttlichen Schriften zu behalten, fanden sie Mittel, mehrere Bände der heiligen Bücher den Nachforschungen der Verfolger zu entziehen. Erst ein Jahr nachher, d.h. 304, entdeckte man sie. Man nahm sie daher sogleich gefangen und führte sie vor den Statthalter Dulcetius. Als der auf seinem Richterstuhl saß, redete ihn sein Schreiber Artemisius folgendermaßen an: „Wenn eure Hoheit es mir erlaubt, so will ich euch eine von der Schildwache eingesandten Berichterstattung vorlesen (Wachen oder Stationarii waren Beamte, die gleichsam als Spione ausgestellt waren, um die Behörde von allem, was wichtiges vorging in Kenntnis zu setzen. Sie hießen auch Beneficiate, wenn sie gewisser Vorteile oder besonderer Gnaden genossen als Belohnung der von ihnen in den Heeren geleisteten Dienste); sie betrifft Personen, die hier zugegen sind.“ Dulcetius befahl also die Vorlesung der Berichterstattung und der Schreiber las wie folgt: „Der Kostgeber Cassander dem Dulcetius, Statthalter in Macedonien, seinen Gruß. Ich schicke euer Hoheit sechs christliche Frauen und einen Mann, die sich geweigert haben, von dem Fleisch zu essen, das den Göttern geopfert worden ist. Die Frauen heißen Agape, Chionia, Irene, Casia, Philippa, Eutychia, und der Mann, der bei ihnen ist, nennt sich Agathon.“
Der Statthalter sagte, sich gegen die Frauen wendend: „Armselige, die ihr seid, könnt ihr den Geist des Aufruhrs so weit treiben, dass ihr den frommen Verordnungen der Kaiser und Cäsaren den Gehorsam versagt? Und du,“ setzte er hinzu, indem er sich an Agathon wandte, „warum willst du nicht nach dem Beispiel der übrigen Untertanen des Reiches von dem Götter geopferten Fleisch essen?“ – „Weil ich ein Christ bin“, erwiderte Agathon.
Dulcetius an Agape: „Und du, welches sind deine Gesinnungen?“
Agape: „Ich glaube an den lebendigen Gott, und möchte durch eine arge Handlung das Verdienst meines vergangenen Lebens nicht verlieren.“
Dulcetius an Chionia: „Nun! Was wirst denn du mir dahersagen?“
Chionia: „Ich werde dir sagen, dass ich an den lebendigen Gott glaube, und aus dieser Ursache dem nicht Gehorsam geleistet habe.“
Dulcetius an Irene: „Warum hast du dich den Befehlen der Kaiser und Cäsaren nicht fügen wollen?“
Irene: „Weil ich gefürchtet habe Gott zu beleidigen.“
Dulcetius an Casia: „Was hast denn du zu antworten?“
Casia: „Ich will meine Seele retten.“
Dulcetius: „Willst du keinen Anteil nehmen an unseren Opfern?“
Casia: „Gott bewahre mich vor solch einem Frevel!“
Dulcetius an Philippa: „Wirst du denn wie die anderen sprechen?“
Philippa: „Ja! Ohne Zweifel, und ich wollte lieber sterben, als den geringsten Anteil an euern Opfern nehmen.“
Dulcetius an Eutychia: „Wirst du denn auch zu unvernünftig sein, wie deine Genossinnen?“
Eutychia: „Ich habe dieselben Gesinnungen wie sie, und ich werde eher mein Leben hingeben, als in das einzuwilligen, was du von mir verlangst.“ Da Eutychia schwanger war, ließ sie der Landpfleger in den Kerker führen mit dem Befehl, für sie zu sorgen bis sie entbunden wäre.
Dulcetius wendete sich wieder an Agape und sagte ihr: „Wie ist nun deine letzte Entscheidung? Willst du jenen nicht nachahmen, die sich eine Pflicht daraus machen, dem Kaiser zu gehorchen?“
Agape: „Ich kann es nicht auf mich nehmen, mich dem Satan hinzugeben. Alle deine Reden werden mich nimmer betören.“
Dulcetius: „Und du, Chionia, was wirst du mir nun endlich für eine Antwort geben?“
Chionia: „Ich beharre noch immer in denselben Gesinnungen.“
Dulcetius: „Habt ihr nicht einige jener Bücher oder Schriften, die die gottlose Lehre der Christen betreffen?“
Chionia: „Wir haben keine davon. Man hat uns dieselben hinweggenommen auf Befehl des Kaisers.“
Dulcetius: „Aber noch einmal, wenn hat denn euch erlaubt, euch von solchen Träumereien berücken zu lassen?“
Chionia: „Die heilige Lehre, die wir bekennen, verdanken wir Gott dem Allmächtigen und seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.“
Dulcetius: „Ihr seid alle verpflichtet, euch den Beschlüssen der Kaiser und Cäsaren zu fügen. Weil ihr aber nach so vielen wiederholten Drohungen, Mahnungen und Befehlen mit Hartnäckigkeit in euerm Ungehorsam verharrt, und euch noch sogar des verhassten Christennamens rühmt, und euch, nachdem ihr durch die Wachen und Oberbeamten angehalten worden, die Religion des Reiches zu bekennen, niemals dazu verstehen wolltet, so erkläre ich euch, dass ich sogleich die durch das Gesetz vorgeschriebenen Strafen über euch verhängen werde.“ Er las den Urteilsspruch, der lautete: „In Ansehung der Hartnäckigkeit, mit der Agape und Chionia im Bekenntnis der Christenreligion, die alle frommen Leute verabscheuen, verharrt sind, trotz der göttlichen Verordnungen unserer Kaiser und Cäsaren, verdammen wir sie, lebendig verbrannt zu werden. Was Agathon, Casia, Philippa und Irene betrifft, so werden diese im Kerker bleiben, bis wir darüber anders verfügt haben werden.“
Als Agape und Chionia die Märtyrerkrone empfangen hatten, ließ Dulcetius Irene vor sich führen, und redete folgendermaßen: „Jetzt erst erscheint deine Torheit in ihrem ganzen Licht. Man hat viele Bücher, Hefte, Blätter und Papiere bei dir gefunden, die alle handeln von der Religion der Christen, die die boshaftesten Menschen auf Erden sind. Und als man dir sie vorgezeigt hat, konntest du sie nicht verleugnen, obgleich du geleugnet hast, sie in Verwahrung zu haben. Es ist sehr auffallend, dass weder die Strafe deiner Schwestern, noch die Furcht eines gleichen Todes dir die Augen nicht geöffnet haben. Du bist also durchaus entschlossen zu sterben. Dennoch aber will ich gegen dich Nachsicht gebrauchen. Bete die Götter an, dann soll dein Frevel vergessen sein.“
Irene: „Wisse, dass ich nichts von dem allen tun werde. Möchtest du, dass ich brennen sollte in einem ewigen Feuer, was das Los derjenigen sein wird, die Jesus Christus, den Sohn Gottes, meineidig geworden sind?“
Dulcetius: „Wer hat dich dazu beredet, dass du so lange Zeit diese verderblichen Bücher verborgen hieltest?“
Irene: „Gott, der Allmächtige, der da uns befohlen hat ihn zu lieben, selbst mit Verlust unseres eigenen Lebens. Darum lassen wir uns eher lebendig verbrennen, als dass wir die göttlichen Schriften ausliefern, und Verräter an Gott werden.“
Dulcetius: „Es wusste doch ohne Zweifel jemand, dass du diese Schriften verborgen hattest?“
Irene: „Niemand wusste davon. Nur Gott allein war es bekannt, weil ihm nichts verborgen sein kann. Selbst unsere eigene Dienerschaft durfte das Geheimnis nicht wissen, aus Furcht, sie möchte es verraten.“
Dulcetius: „Wo hast du dich hingeflüchtet im verflossenen Jahr, als man den Befehl der sehr frommen Kaiser kund machte?“
Irene: Wo es Gott gefiel; auf die Berge.“
Dulcetius: „Wer nährte dich damals?“
Irene: „Gott, der für den Unterhalt aller seiner Geschöpfe sorgt.“
Dulcetius: „Wusste dein Vater von diesem allen?“
Irene: „Nein, er wusste nichts davon.“
Dulcetius: „Doch gewiss eure Nachbarn?“
Irene: „Du kannst sie fragen, und die nötig erachteten Untersuchungen anstellen lassen.“
Dulcetius: „Als du von den Bergen zurückgekommen warst, lasest du diese Bücher in Gegenwart irgend eines andern Menschen?“
Irene: „Da wir sie sorgfältig verborgen hielten, ohne sie irgend wohin zu tragen, war es für uns ein unvergesslicher Schmerz, dass wir sie nicht Tag und Nacht lesen konnten, wie wir vor Bekanntmachung des Edikts gewohnt waren.“
Dulcetius: „Deine Schwestern sind gestraft worden, wie sie es verdienten. Was dich anlangt, obgleich du des Todes würdig wärest, weil du in deinem Haus jene gottlosen Bücher versteckt hattest, so will ich dich auf eine andere Weise strafen. Du sollst ganz nackt in einem schlechten Haus ausgesetzt werden, und deine Nahrung für jeden Tag wird ein Brot sein, das man dir aus dem Palast bringen wird. Du wirst da von Soldaten bewacht werden, denen ich unter Todesstrafe befehle, dich keinen Augenblick hinausgehen zu lassen.“
Dieses abscheuliche Urteil wurde pünktlich befolgt: Gott aber erklärte sich als Beschirmer der Keuschheit seiner Dienerin. Niemand wagte, sich ihr zu nahen, oder in ihrer Gegenwart ein unehrbares Wort auszustoßen. Als der Statthalter sie wieder vor seinen Richterstuhl hatte führen lassen, sagte er ihr: „Beharrst du noch allzeit in deiner Widerspenstigkeit und deinem Ungehorsam?“
Irene: „Was du Widerspenstigkeit und Ungehorsam nennst, nenne ich Liebe zu Gott, und ich erkläre dir, dass ich darin beharre.“
Dulcetius: „Weil das ist, so werde ich dich gleich zur verdienten Strafe verurteilen.“ Er begehrte Schreibtafeln und zeichnete darauf folgenden Ausspruch: „Da Irene sich geweigert hat, den Kaisern Gehorsam zu leisten und den Göttern zu opfern, nebenbei in der Anhänglichkeit an die Christensekte verstockt blieb, verordnen wir, dass sie, wie vorher ihre zwei Schwestern, lebendig verbrannt werde.“ Das Urteil wurde ohne Verschub vollzogen, gerade an dem Ort, wo auch Agape und Chionia einige Tage zuvor den Märtyrertod gelitten hatten. Irene starb am 5. April 304, unter Diocletians neunten Consulat, und dem achten des Maximian. Das römische Martyrologium, Adon und Usuard nennen die heilige Agape und die heilige Chionia unter dem 3. April, die heilige Irene aber unter dem 5. desselben Monats.
Die Heiligen, von denen wir soeben geredet haben, wollten eher den Martertod leiden, als Gott beleidigen durch eine Handlung, die mehrere Christen heutigen Tages nicht mehr so strafbar finden. So erfinderisch sind sie in Vorwänden, um Fehler zu beschönigen, deren Größe doch selbst die Vernunft, im Einklang mit dem Evangelium, dartut. Der Zustand solcher Menschen ist tausend Mal gefährlicher, als jener der offenbaren Sünder. Diese können doch endlich ihre Augen öffnen, in sich zurückgehen, und sich aufrichtig bekehren. Jene aber verschließen sich die Pforte des Heils durch willkürliche Verblendung, die sie daran hindert, sich so, wie sie sind, zu erschauen. Wie sollten sie sich daher wohl von ihren Vergehen bessern, da sie sich die Kenntnis derselben entziehen und durch verschmitzte Eigenliebe sie mit dem Gesetz vereinbaren, und oft gar in Tugenden umwandeln? Hieraus ersieht man, von welcher Wichtigkeit es sei, dass man ein falsches Gewissen vermeide. Die Ursachen, die ein solches hervorbringen, sind 1. die Leidenschaften, die, nachdem sie den Verstand geblendet und die Vernunft verkehrt haben, nie ermangeln, in unseren Augen die Größe des Frevels dergestalt zu mindern, dass wir sogar als erlaubt ansehen, was unserm Hang und unsern Neigungen schmeichelt, und 2. die bösen Beispiele und die falschen Grundsätze der Welt. Wir bilden uns ein, dasjenige, was der größte Teil tut, könne nicht verboten sein, und es wäre eine grundlose Gewissensängstlichkeit, nicht so zu leben, wie jene, mit denen wir umgehen. Als wenn die Menge der Missetaten die Übertretung des Gesetzes rechtfertigen, als wenn die Gewohnheit dem Urteil, das Jesus Christus dereinst aussprechen wird, zur Richtschnur dienen sollte. Als wüssten wir nicht, dass die Sittenlehre der Welt jener des Evangeliums schnurgerade entgegen sei. Und 3. eine grobe Unwissenheit in Betreff der Religion. Man sieht nicht selten Christen, selbst auf Stellen, wo man sich am meisten der hohen Aufklärung rühmt, die der Pflichten ihres Standes und alles dessen ganz unkundig sind, was sie Gott, was sie dem Nächsten, was sie sich selbst schuldig sind.