1. O Abgrund der göttlichen Ratschlüsse, welche erschaffene Fassungskraft wird je in deine Tiefen eindringen: Am Kreuz sehe ich den Sohn des lebendigen Gottes durch sein blutiges Opfer der unendlichen Majestät Gottes eine Huldigung darbringen, die allein die Schuld aller Geschöpfe aufwägt. Mit dieser göttlichen Huldigung aber vereinigen die seraphischen Geister und alle Auserwählten ihre Anbetungen, weil sie nur durch dies Opfer der ewigen Majestät wohlgefällig werden. Mein Herz erschrickt bei dem Anblick der unendlichen Gerechtigkeit, die ein solches Opfer für die Sünde fordert, und den unendlich geliebten Sohn des ewigen Vaters zermalmt, weil er im Gewand der Sünder unser Bürge geworden ist. Beim Anblick des gekreuzigten Gottmenschen wird die ewige Strafe mir begreiflich, die der Beleidigung der unendlichen Majestät Gottes bereitet ist.
2. Wer muss nicht vor den Schrecknissen der ewigen Gerechtigkeit und der Verdammnis erbeben, die wir durch zahllose Sünden verdienen. Doch sieh, es ruft uns die Liebe Jesu durch alle seine Wunden, Vertrauen zu fassen, da er am heiligen Kreuz die Schuldschrift des ewigen Todes zerreißt, und mit der Freiheit der Kinder Gottes alle beschenkt, die an ihn glauben, und in den Quellen seiner Erlösung schöpfen wollen. O mein Erlöser, wie vieles sagt mir dein heiliges Kreuz. Dieses göttliche Buch predigt mir Furcht und Liebe, es ist meine Wissenschaft, mein Licht und mein Trost. Es führt in Zweifeln mich zu Entschlüssen, und zwar oft gegen mich selbst, da ich es nicht vermag, seiner unüberwindlichen Beredsamkeit zu widerstehen.
3. Prägen wir das Bildnis unseres geliebten Gekreuzigten tief ins Herz. Bei seinem Anblick werden alle Entwürfe unseres Hochmuts, alle Gier nach vergänglichen Gütern verschwinden. Denn wer könnte bei dem Anblick eines armen, verachteten, gekreuzigten Gottmenschen, der aus Liebe zu uns stirbt, noch solchen Dingen nachstreben. Ein beständiger Vorwurf für uns wäre sein Leiden und sein Tod, der uns beschämen und uns zur Verdammnis gereichen würde. O mein gekreuzigter Heiland, dein heiligstes Leiden sei meine Betrachtung im Leben, mein Trost im Tod, meine Liebe in der Ewigkeit. Psalm 73,26b: "Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig."
Wir bitten dich, o allerheiligste Königin Maria, um der Gnade willen, durch die dich Gott so hoch erhoben hat, und durch die er dir mit seinem Beistand alle Dinge möglich macht, bewirke bitte, dass die Fülle der Gnaden, die du verdient hast, uns dereinst deiner Herrlichkeit teilhaftig mache. Lass es dir angelegen sein, o allbarmherzigste Königin, uns das große Gut zu erlangen, um dessentwillen Gott in deinem keuschen Schoß Mensch werden wollte. Säume nicht, unser Gebet zu erhören. Wenn du deinen Sohn nur bittest, so erhört er dich augenblicklich. Es genügt, dass du unsere Seligkeit willst, und dann können wir nicht verloren gehen. Was könnte wohl deine Barmherzigkeit vermindern? Ach, wenn du nicht Mitleid mit uns hast, da du die Mutter der Barmherzigkeit bist, was wird aus uns werden, wenn dein Sohn dereinst als Richter erscheint. Amen.
Zu Jesus Christus
O Jesus, der Du uns durch Dein heiliges Leiden ein Lehrer und ein Vorbild der wahren Geduld geworden bist, schenke uns, dass wir durch seine Betrachtung alle unsere Leiden mit standhafter Geduld tragen, der Du lebst und regierst Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
In dem berühmten Zisterzienser-Kloster zu Los bei Lille in Flandern wurde im Jahr 1581 das in dieser Kirche befindliche Mutter-Gottes-Bild, die heilige Maria von der Gnade genannt, durch ein neues Wunder berühmt, da ein vom Schlag mehrmals schon getroffener Einwohner von Lille, namens Jakob Buscon, durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau von neuen Anfällen befreit worden ist.
Georg war noch ein Kind, als sein Vater um des Glaubens willen hingerichtet wurde. Dass er der Sohn eines Martyrers war, galt ihm zeitlebens als eine Ehre ohnegleichen, und um nichts in der Welt hätte er es über sich gebracht, das Andenken des Heldenvaters dadurch zu schänden, dass er sich wie ein lauer Christ ohne Kraft und Saft aufführte.
Wegen seines hohen Mutes zog es den jungen Mann zu den Soldaten, und Soldat war er dann mit Leib und Seele. In einer Schlacht wurde Kaiser Diokletian auf den prachtvollen Krieger aufmerksam, der so männlich zu Pferde saß und so trefflich zu fechten musste. Deshalb zog ihn der oberste Kriegsherr an seinen Hof und überschüttete ihn mit Ehren und Auszeichnungen. Zwanzigjährig war Georg bereits Oberst. Eine glänzende Laufbahn tat sich vor ihm auf. Bald würde er wohl General werden und schließlich Feldherr, und am Ende würde er vielleicht, wie es damals Brauch war, von den Soldaten, die ihn vergötterten, zum Kaiser ausgerufen werden.
Doch das wäre ein vergänglicher irdischer Ruhm gewesen. Georg sollte sich einen noch weit herrlicheren Ruhm erwerben, denn wie sein Vater, so wurde auch er ein Martyrer.
Weise und gerecht hatte Kaiser Diokletian zwei Jahrzehnte lang segensvoll über das Römische Reich geherrscht. Nicht zu seinem Schaden hatte er die Christen in Ruhe gelassen. Am Ende seiner Regierung jedoch, nach unerhörten Siegen über viele Völker, gelüstete es ihn, auch noch die christliche Kirche zu vernichten und den Glauben an Christus mit Stumpf und Stiel auszurotten. Es war die größte Dummheit, die er begehen konnte, denn das Christentum ist für ewige Zeiten unausrottbar. Diokletian war leider so dumm.
Eines Morgens hingen an den Stadttoren, an den Amtsgebäuden und an den Kasernen große Plakate, auf denen verkündet wurde, dass die Christen aller Rechte und Würden enthoben seien, die Gotteshäuser müssten niedergerissen und die heiligen Bücher verbrannt werden, die Priester und Bischöfe seien zu verhaften, und alle Gläubigen hätten den Götzen Weihrauch zu streuen. Dem, der sich weigere, ständen Kerker, Folter und Tod bevor.
Auch Georg las die kaiserliche Verordnung, und während er las, loderte hell in seinem Herzen der Zorn auf. Spornstreichs begab er sich zum Kaiser und hielt ihm mit feurigen Worten das Unrecht vor, das er gegen die Christen begehe. Er selbst sei auch ein Christ und bereit wie sein Vater, für den wahren Glauben zu sterben.
Was der kühne Christusjünger begehrte, wurde ihm sogleich gewährt. Der aufs höchste erzürnte Kaiser ließ den ehemaligen Liebling noch am gleichen Tag foltern und enthaupten, und dadurch erhielt auch Sankt Georg wie sein Vater die herrlichste Ehre, die es für einen Christen geben kann.
1. Ermüden wir nicht, auf den Spuren unseres demütigen Heilands zu gehen. Sieh, die Demut ist die niedrige Himmelspforte. Werden wir nicht gleich den Kindlein, so können wir nicht eingehen in das Himmelreich. Diese heilige Tugend ist die Grundfeste und Hüterin aller wahren Tugenden, und wer ohne sie bauen will, der zerstört. Jesus liebt sie als den vorzüglichsten Schmuck seiner Krone. Ja er selbst brachte sie vom Himmel, die vor seiner Ankunft den Heiden nicht einmal dem Namen nach bekannt war, weswegen auch alle ihre Tugenden falsch waren, weil durch Hoffart und Eitelruhm vergiftet. Betrachte seine demütige Geburt in einem armen Stall, seine Verborgenheit zu Nazareth, sein öffentliches Leben und seinen Tod am Kreuz, und sieh, wie sein ganzes heiligstes Leben ein beständiger Akt dieser Demut war.
2. Doch, o mein Erlöser, nicht nur dein ganzes menschliches Leben hast du den Hochmut der Welt zu Boden getreten, sondern du hast auch deine Demut uns als ein Vermächtnis vor deinem Opfertod hinterlassen, und gabst uns, unser Herr und Meister, ein Beispiel, worüber alle Zeiten sprachlos erstaunen, als du zu den Füßen deiner Jünger gekniet und gleich einem Knecht sie gewaschen hast. O präge dieses wunderbare Beispiel dir tief in dein Herz! Sieh, gekommen ist Jesus, die Hoffart Satans zu zerstören. Und weil die Demut das einzige Schwert ist, diesem Laster das Haupt abzuschlagen, schärfte er es durch Lehren, Taten und Beispiele, damit wir es nach ihm gebrauchen.
3. Ja, o wunderbarer Jesus, auch dies genügte dir noch nicht. Bis zum schmählichsten Tod am Kreuz erniedrigtest du deine Majestät, dies Schwert uns führen zu lernen, weil die Demut in uns selbst ihren bittersten Widersacher findet, der nicht ohne große Gewalt kann überwunden werden, nämlich unsere unglückselige Gier nach eigener Ehre und Verherrlichung. Sind wir nach solchen Beispielen unseres Herrn noch so stolz und hochfahrend, und streben nach den ersten Sitzen: was wäre erst geschehen, wenn das Licht seiner göttlichen Beispiele uns nicht zur Demut antreiben würde. Matthäus 11,29: "Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig."
Geliebte Fürsprecherin der Sünder, ich bitte dich, unterlasse nicht bei dem furchtbaren Übergang in die Ewigkeit, meiner betrübten und von Versuchungen bestürmten Seele beizustehen. Und weil mir dann vielleicht die Stimme fehlen wird, um deinen und deines Jesus Namen anzurufen, die ihr doch all meine Hoffnung seid, so rufe ich dich und deinen Sohn schon jetzt an, damit ihr mir in diesem letzten Augenblick beistehen möget, und spreche deshalb: Jesus und Maria, euch empfehle ich meine Seele an. Amen.
Zu Gott
Gib uns, o Herr, den lebendigen Glauben der Märtyrer, auf dass wir von der Nichtigkeit irdischer Sachen überzeugt, das Gegenwärtige allzeit geringschätzen und allein das Zukünftige mit Verlangen erwarten, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Zu Mailand entstand am heutigen Tag die Stiftung der Kirche und der Versammlung der Regular-Kanoniker der heiligen Maria von der Passion im Jahr 1485.
Die heilige Opportuna wurde zu Seez in der Normandie geboren und erzogen, und hing schon in ihrer Kindheit am Gebet und am Kirchenbesuch. Als sie einst vom Priester die Worte des Evangeliums lesen hörte: „Gehe hin, verkaufe alles was du hast, gib es den Armen und folge mir nach,“ beschloss sie bei sich selbst, dieser Ermahnung Christi nachzukommen und ihm zu Liebe allen zeitlichen Gütern und Freuden zu entsagen. Sobald sie nach Hause kam, warf sie sich vor ihren Eltern auf die Knie und sprach: „Ich beschwöre euch im Namen des Heilandes, dessen Worte ich so eben in der Kirche gehört habe, sagt mir nichts mehr von einem irdischen Bräutigam, denn ich habe mir den Sohn der jungfräulichen Mutter erwählt, und diesem allein will ich mich vermählen.“ Nun kamen viele und begehrten die Jungfrau zur Ehe, angezogen von ihrem Adel, ihrem Reichtum und ihrer einmaligen Schönheit. Aber Opportuna beschied sie mit kurzen Worten: „Ich hab den gefunden, den meine Seele lieb hat; ich will ihn halten und niemals verlassen.“ Um von weiteren Anträgen frei zu sein, begab sie sich mit Erlaubnis ihrer Eltern in das Kloster der Benediktinerinnen zu Montreuil, drei Stunden von Seez. Ihr Bruder Chrodegand, Bischof von Seez, gab ihr das Ordenskleid.
Die Worte des Herrn: „Lernt von mir, weil ich sanftmütig und von Herzen demütig bin,“ waren fortan die Richtschnur ihres Tuns und Lassens. Dabei führte sie die strengsten Bußübungen aus. Nie aß sie Fleisch oder trank Wein; an den Mittwochen und Freitagen nahm sie gar keine Nahrung zu sich, und nur am Sonntag genoss sie etwas Gerstenbrot und ein Stücklein Fisch. Als man sie fragte, warum sie so streng faste, gab sie zur Antwort: „Adam und Eva haben uns durch ihre Gier das Paradies verschlossen; wir müssen jetzt danach trachten, durch Abtötung und Fasten uns das Paradies wieder zu eröffnen.“ Der gebenedeiten Jungfrau war sie von frühester Kindheit an mit ganzem Herzen zugetan. In allen Anliegen nahm sie zu ihr Zuflucht und bat sie um ihre Fürsprache bei dem göttlichen Sohn.
Ihrer seltenen Tugenden wegen wurde Opportuna nach dem Tod der Äbtissin von der Genossenschaft zur Nachfolgerin erwählt, und der Erfolg lehrte, dass sie alle Fähigkeiten zur Verwaltung dieser Stelle besaß. In der Überzeugung, dass eine Oberin ihren Schwestern mit gutem Beispiel vorleuchten müsse, verdoppelte sie bei allen Übungen ihren Eifer. Oft brachte sie die ganze Nacht im Gebet zu. Bei aller Strenge gegen sich selbst, war sie ihren Untergebenen die liebevollste und zärtlichste Mutter. Sie sorgte Tag und Nacht, wie sie alles herbeischaffen könne, was sie zu ihrem leiblichen Unterhalt nötig hatten. Und noch mehr war sie bedacht für das Heil ihrer Seelen. Zu dem Ende gab sie ihnen die lehrreichsten Unterweisungen und munterte sie zu rastlosem Eifer im Dienst Gottes auf. Dabei begegnete sie allen mit wunderbarer Sanftmut. Nie sah man sie zornig, nie hörte man aus ihrem Mund ein böses Wort. Ihre Liebe erstreckte sich auch auf die Armen und Leidenden, und diesen zu helfen, war eine ihrer größten Freuden. Manche Nacht brachte sie am Bett eines Kranken zu.
Der Herr bot seiner treuen Dienerin auch den Kelch des Leidens. Ihr Bruder, der Bischof Chrodegand, hatte nach der damals üblichen Sitte eine Pilgerfahrt nach Rom und Jerusalem gemacht, um die heiligen Gräber zu besuchen. Bei seiner Abreise übertrug er die Verwaltung seines Sprengels seinem Vetter Chrodebert, der aber das in ihn gesetzte Vertrauen schändlich missbrauchte. Er streute das Gerücht aus, der Bischof sei unterwegs gestorben, und eignete sich so die Würde des angeblich Toten an. Nach Verlauf von sieben Jahren kam Chrodegand zurück. Sein treuloser Vetter aber, der den Bischofsstab nicht mehr lassen wollte, sendete ihm Meuchelmörder entgegen, die ihn in Nonant ermordeten. Tief betrübte Opportuna die Nachricht von dem traurigen Ende ihres Bruders; doch der Herr tröstete sie mit der Offenbarung, dass Chrodegand als ein Martyrer der Gerechtigkeit in den Himmel eingegangen sei. Sie holte den Leichnam und ließ ihn in ihrem Kloster bestatten. Die französische Kirche hat Chrodegand unter die Zahl der Heiligen gesetzt.
Hegte Opportuna schon immer das Verlangen, aufgelöst und bei Christus zu sein, so wurde diese Sehnsucht durch den Tod ihres Bruders nur noch mehr erweckt. Der Herr neigte sich der Bitte seiner frommen Dienerin und suchte sie bald darauf mit einer schweren Krankheit heim, die ihr den nahen Tod ankündigte. In den zwölf letzten Tagen wurde sie mit himmlischen Erscheinungen erfreut, wie sie diese auch schon in ihrem früheren Leben öfter gehabt hatte. Sie sah die heilige Jungfrau in Begleitung der Martyrinnen Cäcilia und Lucia vom Himmel niederschweben, und ihr Gemach wurde von überirdischem Glanz erfüllt. Aber auch der Versucher blieb nicht von ihrem Sterbebett weg. Ihm, der in schrecklicher Gestalt zu ihren Füßen stand, rief sie zu: „Du wirst die Braut Jesu Christi nicht überwinden, wie du Eva überwunden hast!“ Um das Ende des zwölften Tages sprach sie in Gegenwart der um ihr Lager versammelten Schwestern plötzlich mit lauter Stimme: „Seht, da kommt meine liebste Mutter Maria, mich abzuholen! Ich empfehle euch ihrer Fürbitte.“ Dann streckte sie ihre beiden Arme in die Höhe, als wollte sie die Erscheinung umfangen. So ging sie ein in die Freude des Herrn am 22. April des Jahres 770.
1. Wer oftmals zum Tisch des göttlichen Sakramentes hinzutritt, und dadurch nicht besser, sondern sündhafter wird, der wird dem Gericht nicht entfliehen. Nicht sündhafter jedoch bist du geworden, weil du mächtig zum Bösen dich geneigt fühlst. Denn die Kommunion nimmt dem Gemüt nicht alle bösen Neigungen, damit es auf der Hut bleibt, und seine Abhängigkeit von der Gnade erkennt. Verhindert sie aber die Empfindung des Bösen nicht, so verhindert sie dagegen die Einwilligung. Dies selbst aber ist eine große Frucht des Sakraments. Möchtest du eine Todsünde begehen? Wie also sagst du denn, deine Kommunionen gereichen dir nicht zum Guten? Könntest du je des Bösen dich enthalten, wenn die Kraft dieses göttlichen Sakramentes dich nicht stärkte?
2. Es ist ein großer Unterschied: das Böse empfinden, - und in dasselbe einwilligen. Du kannst böse sein, ob du auch stark zum Guten dich angezogen fühlst. Und du kannst heilig sein, ob du auch noch so gewaltige Neigungen zum Bösen empfindest, wenn anders du nicht in sie einwilligst. Gerade in diesem Widerstand gegen das Böse zeigt sich der Glaube und die Liebe. Nimmer also sollen schwere Versuchungen vom göttlichen Gastmahl dich entfernen, vielmehr sollst du eben darum an ihm oftmals teilnehmen, Kraft und Stärke darin zu schöpfen. Wer dem Feuer sich nicht nähern will, weil ihn friert, nicht essen will, weil ihn hungert, keine Arznei nehmen will, weil er krank ist: gäbe der nicht ein Zeichen, dass er den Tod sucht?
3. Auch wird zu einer fruchtbaren Kommunion keine fühlbare Andacht erfordert, da sie nicht immer von unserem Willen abhängt, und Gott sie oft sogar den größten Heiligen nicht verleiht, damit sie nicht etwa über ihre Verdienste sich erheben. Die wahre Andacht besteht nicht im Zartgefühl, sondern in einem schnellen und ständigen Willen, alles zu tun, was Gott verlangt, und nichts von dem zu tun, was er verbietet. Hierzu bedarf es allerdings großer Gnade. Wo aber willst du Gnade schöpfen, wenn nicht in dem Quell aller Gnaden? Lukas 14,21+23: "Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei, . . . und nötige sie zu kommen, damit mein Haus voll wird."
Heiliger Anselm, erbitte mir von Gott die Gnade, dass ich in all meinem Handeln und Streben nur die Ehre Gottes suche und aushalte in der Erfüllung meiner Pflichten bis an das selige Ende. Amen.
Gebet des heiligen Anselm
Dreieiniger, Einer, allmächtiger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, sei Du mit mir, und stoße nicht vom Schoß Deiner Liebe zurück den Elenden, den gebrechlichen Sünder, den Unwürdigen. Du willst ja nicht den Tod des Sünders, sondern seine Rettung.
Sieh meine Sünden und Unreinheiten und all das Schändliche in meinen Gedanken nicht an; ach, welche fürchterliche Trennung von Deinem Willen verursachen sie! O gieße Dein Erbarmen über mich aus! Lass nicht zu, dass meine Feinde in der Hölle, wo Dir kein Lobgesang ertönt, über meinen Untergang jubeln, sondern nimm die Last meiner Missetaten, die mich zu Boden drückt, erbarmend von mir, und tilge meine Befleckung von allen Arten der Sünde.
Sei meine Kraft in jeder Trübsal, in jedem Anliegen, in jeder Versuchung, in jeder Schwäche und in jeder Gefahr. Du hast mich, ohne meine Verdienste, nur aus Erbarmen, an Deinen Sakramenten teilnehmen lassen. Mache mich nun auch bis zur Stunde, in der ich zu Dir hinüberwandern werde, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe standhaft, und führe mich zu den ewigen Freuden.
Gib mir Fleiß, Dich zu suchen; Weisheit, Dich zu finden; Geist, Dich zu erkennen; gib mir ein Auge, das Dich sieht, ein Leben, das Dir gefällt; gib mir ein vollkommenes Ende; gib mir eine ewige Belohnung! Amen.
Zu Gott
Gott, Schöpfer und Lenker des Zeitlichen und Ewigen, verleihe Deiner Kirche und ihren Dienern, solange sie in der Zeitlichkeit wirken müssen, alle erforderliche Unterstützung, damit sie, desto ungehinderter den ewigen Gütern nachstrebend, Deine Ehre und das Heil der Seelen kraftvoll befördern, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Die Andacht des heiligen Anselm zu Maria ersieht man aus seinen Schriften.
Zu Valenciennes wurde ein von Mailand im Jahr 1480 dahin überbrachtes Mutter-Gottes-Bild sogleich durch ein Wunder berühmt, da am heutigen Tag einer Frau, namens Maria le Brun, die Füße zum Gehen augenblicklich hergestellt worden sind.
Viele Kinder müssen tagtäglich längere Strecken mit der Bahn oder mit dem Bus in die Schule Fahren. Das ist in doppelter Hinsicht nicht gut. Erstens kostet es Geld und zweitens verlieren die jungen Leute dadurch Zeit und sind auch manchen Gefahren für Leib und Seele ausgesetzt.
Etwas Ähnliches und vielleicht noch Schlimmeres gab es bereits im Mittelalter. Da hat mancher Junge schon nach einigen Jahren Schule Schule sein lassen und ist in die Welt gezogen.
Ich reise übers grüne Land,
Der Winter ist vergangen.
Hab um den Hals ein gülden Band,
Daran die Laute hangen.
Fahrende Scholaren nannte man die Gesellen. Zu zweien oder dreien zogen sie durch Stadt und Dorf, sangen und spielten vor den Häusern und bettelten die Leute an. Jahraus und jahrein trieben sie es so, lernten nichts und verkamen und verdarben nicht selten auf der Landstraße in Not und Schande.
Auch der heilige Anselm gehörte in der Jugend dieser losen Gesellschaft an, und dass er nicht ebenso wie andere an Leib und Seele zugrunde ging, verdankt er wohl dem Segen seiner braven Mutter, dem sie ihm vom Sterbebett aus erteilte.
Ohne Zweifel stand über den jungen Jahren des großen Mannes ein Unstern. Die Mutter war eine fromme Frau, aber der Vater galt als Holdrio, als ein leichtsinniger Lebemann. Solange die Mutter lebte, war Anselm ein anständiger Junge, aber kaum hatte sie die Augen geschlossen, da trat der Sohn in die Fußstapfen des unguten Vaters, und nur zu bald trieb er es fast noch toller als dieser. Es kam zu Krach und Bruch, und Anselm verließ die Heimat an der Südseite der Alpen und schlug sich als fahrender Scholar durchs Leben.
Weh dem, der keine Heimat hat! Manches Leid hat in diesen Jahren den jungen Anselm getroffen, aber es war sein Glück, dass ihn das Andenken an die verstorbene Mutter aufrecht hielt und ihn davor bewahrte, ein schlechter Mensch zu werden. Eine gute Mutter ist für ihre Kinder in der Tat ein Segen noch übers Grab hinaus.
Eines Abends kehrte der fahrende Scholar in der Abtei Bec in der Normandie ein mit der Bitte, über Nacht bleiben zu dürfen. Natürlich wurde es ihm gestattet. Da stellte es sich heraus, dass der Prior des Klosters ein Landsmann war. Gern nahm Anselm daher die Einladung an, mehrere Tage zu verweilen, und aus den Tagen wurden Wochen und Monate und Jahre, und es zeigte sich, dass das wilde Ross, das Anselm hieß, in dem Prior einen Bändiger gefunden hatte.
Wieder saß Anselm auf der Schulbank und holte mit eisernem Fleiß die Versäumnisse nach. Dann wurde er Mönch, dann Prior, dann Abt und schließlich Erzbischof von Canterbury in England, hochberühmt durch seine gewissenhafte Treue in der Führung des verantwortungsvollen Amtes, hochberühmt auch durch seinen Mannesmut vor Königsthronen zur Wahrung kirchlicher Rechte und hochgerühmt endlich wegen seiner gelehrten Schriften, derentwegen ihn die Kirche später zum Kirchenlehrer erhob und durch die er, wie das Evangelium sagt, zum Salz der Erde und zum Licht der Welt wurde. Am Lebenslauf des heiligen Anselm erkennt man deutlich die Wahrheit des Sprichwortes: „Muttersegen gilt auf allen Wegen.“
Der heilige Anselm starb am 21. April 1109.
Aus: „Tiere unterm Regenbogen“, von Aloysius Roche, Berlin 1954:
St. Anselm, der Barmherzige
Ein berühmtes Buch aus der englischen Geschichte sagt von diesem Heiligen, dass er besonders wegen seiner Barmherzigkeit geliebt wurde. Man werde wohl immer von ihm erzählen, dass er einst sogar einen kleinen, gejagten Hasen gerettet habe! Natürlich erzählt dieses Buch auch noch sehr viel anderes, was Anselm außerdem war und tat; aber es gibt ein Sprichwort, das sagt: ein Strohhalm zeigt die Richtung, in der die Strömung fließt. Und wirklich wissen wir, dass der Leitfaden zum Charakter eines Menschen nicht so sehr in seinen großen Taten gesucht werden muss, als vielmehr in seiner gewöhnlichen Alltagsart und in hundert kleinen Dingen.
Anselm bewies, dass er ein besonders gutes Herz hatte, wie er auch einen sehr guten Kopf besaß – wenn man beides von einem Menschen weiß, hat man schon etwas Positives!
Einer seiner Hauptgrundsätze war folgender: „Zucker hat noch keine gute Soße verdorben, aber Essig und Salz schon oft!“ Ein anderer: „Gott wird dem Barmherzigen wiederum Barmherzigkeit erzeigen und Mitleid dem, der selbst Mitleid hat.“
Er war ein Mensch, der an die Notwendigkeit der Freiheit glaubte, wie jeder weiß, der sein Leben kennt. Zurzeit, als er Erzbischof von Canterbury war, kämpfte er einen ausdauernden Kampf gegen die Bedrückung, die der König ausübte. Obwohl er vor über 800 Jahren lebte, hatte er manche ganz modernen Ansichten, zum Beispiel verwarf er aufs heftigste den Sklavenhandel. Diejenigen, denen diese Sklaverei um ihres eigenen Vorteils willen überaus praktisch und bequem vorkam, nahmen Anstoß an seiner Ansicht, er aber prangerte sie tüchtig an. Damals meinten wohl die meisten Leute, die Sklaverei habe, wenngleich sie an sich wohl ein Unglück sei, doch auch manche gute Seite – aber er fand es empörend, dass irgendeinem Menschen die Freiheit mit Gewalt genommen werden könnte, einfach auf Grund eines eingewurzelten Missbrauchs.
Er glaubte auch an die Notwendigkeit der Freiheit für die Jugend, besonders für die Studierenden. Zu seiner Zeit begann man erneut, die Gelehrsamkeit und Bildung sehr hoch zu schätzen, und man erwartete von denen, die sie zu ihrem Lebensberuf machten, dass sie sehr hart arbeiteten. Zu hart, meinte St. Anselm. Einem seiner Freunde, der selber Lehrer war, schrieb er öfters in dieser Art: „Nie wird dir ein Baum so recht kräftig wachsen, wenn du ihn einsperrst und dicht einschnürst. Die Zweige müssen ja Raum zur Ausdehnung haben und sich ausbreiten. Wie könnt ihr meinen, dass eure Schüler es zu etwas bringen sollen, wenn ihr sie mit allen möglichen Beschränkungen förmlich zurückbindet? ,Nur Arbeit und kein Spiel macht aus dem Jungen einen Dummkopf’ ist auch ein Sprichwort.“
Es bekümmerte ihn auch, wenn er ein Tier ohne Grund gefangen sah. Er wurde zornig, als er eines Tages einen Jungen fand, der einen Vogel als Spielzeug benutzte. Eine Schnur war an des Vogels Füßchen befestigt, als wäre er ein kleiner Papierdrache. Im Augenblick schnitt Anselm den Faden durch, „woraufhin“, erzählt der Mönch von Canterbury, der sein Leben beschrieben hat, „der Vogel flog, der Junge heulte, der Heilige lachte!“
Als er eines Tages zu seinem Landhaus ritt, lief ein gejagter Hase unter seinem Pferd her und hielt sich ganz schlau immer im gleichen Tempo, in der Hoffnung, so vor den Hunden geschützt zu sein. Und er irrte sich nicht; obwohl die Hunde einen Mordsspektakel machten, bellten und schnappten, riskierten sie doch nicht, den Pferdehufen zu nah’ zu kommen. Einige von Anselms wohlehrwürdigen Begleitern fanden die Sache recht komisch, aber er konnte keinen Scherz darin sehen, er hielt Qual und Tod für schwere Dinge, auch wenn es sich „nur“ um einen Hasen handelte. Und so wies er die Herren zurecht und erlaubte nicht, dass jemand das geängstigte Tier noch weiter hetzte, verbot auch den Hunden mit lauter Stimme, ihm etwas anzutun. Er ließ die Jäger zurück und lenkte sein Pferd sorgsam den Weg entlang, bis er dichtes Gebüsch erreichte. Dort hielt er an und ermunterte den Hasen, sich in Sicherheit zu bringen. Der ließ sich das nicht zweimal sagen und – mit einem großen Satz verschwand er in den Büschen.
Natürlich gab es Leute, die über so etwas ihre klugen Köpfe schüttelten. Aber kein Geringerer als der heilige Franz von Sales hat diese Haltung verteidigt. Er erlebte einmal, dass in einem Obstgarten ein Rehbock gejagt wurde, wo er sich zufällig aufhielt. Sein Biograph berichtet, dass er „ernstlich bat, man möchte doch diese Hatz aufgeben – genauso nachdrücklich, als hätte er für einen Verbrecher Fürbitte tun wollen“. Und als sich Menschen fanden, die ihm vorwarfen, er sei zu weich, ja sentimental, da erzählte der Heilige, wie dereinst Anselm das Leben des armen Hasen gerettet hatte.
1. Bereite dich mit großer Sorgfalt und Andacht zur Vereinigung mit deinem göttlichen Heiland im Sakrament seiner Liebe vor, und erwäge zumal deine innerliche Armut, dein Elend, und wie unwürdig du so großer Ehre bist. Lass jedoch nicht von übermäßiger Furcht dich abhalten, sondern tritt mit Vertrauen und Liebe hinzu. Denn wie sollte, wer vor Angst zittert, dies Brot des Lebens mit Liebe empfangen können? Es ist aber Jesus in diesem Sakrament: nicht Furcht, sondern Liebe zu erwecken. Er nahm Brotsgestalt an, nicht nur damit du sie schauen, sondern auch essen kannst. So tritt denn mit andächtigem Verlangen hinzu, und der Herr wird durch seine Güte ersetzen, woran es dir gebricht.
2. Es irrt, wer eine vollkommene Heiligkeit als notwendige Vorbereitung zu diesem Sakrament fordert. Wer würde es je wagen dürfen, sich diesem göttlichen Tisch zu nähern, wenn er vorher vollkommen heilig sein müsste? Ja welches Heil würde dieses göttliche Sakrament ihm verleihen, da er schon alle Heiligkeit besitzt? Und wäre auch je heilig, wer da glaubte, er habe eine vollkommene Heiligkeit erlangt? Wäre eine solche Meinung von sich selbst nicht der größte und vermessenste Hochmut? Nimmer also soll man als notwendige Vorbereitung verlangen, was eigentlich die Frucht, Wirkung und Absicht dieses göttlichen Sakramentes ist, nämlich fleckenlose Reinheit und Vollkommenheit.
3. Nicht nur die Speise, auch die Arznei unserer Seelen ist Jesus in diesem wunderbaren Sakrament. Er selbst beruft alle Kranken, Blinden, Lahmen und Presshaften zu seinem göttlichen Gastmahl. Nimmer also soll deine Krankheit dich abhalten, vielmehr soll sie dich aneifern, zu diesem himmlischen Tisch zu gehen. Besonders unser Elend bewog ihn, diesen Quell des Lebens und des Heils für uns einzusetzen. Und er selbst hat Verlangen, mit unseren Seelen sich zu vereinigen, sie zu heilen und seine Gnade und übernatürliches Leben uns mitzuteilen. Ist also anders dein Gewissen rein von Sünden, und hast du den Vorsatz, nach seinem heiligsten Willen zu leben, so tritt mit großem Vertrauen und Liebe hinzu, und empfange das Unterpfand deiner himmlischen Seligkeit. "Kostet und seht, wie gütig der Herr ist." (Psalm 34,9)
O Maria, wann wird der selige Tag anbrechen, an dem ich dir zu Füßen fallen kann, weil ich die Mutter meines Herrn, meine Mutter, die sich so viel Mühe gegeben hat, mich vom ewigen Untergang zu retten, erblicken werde? Wann werde ich die Hand küssen, die mich so oft von der Hölle befreit hat, die mir selbst dann so große Gnaden erteilt hat, als ich durch eigene Schuld verdient hätte, dass alle mich hassen und verlassen würden. Hier auf Erden, geliebte Königin, bin ich undankbar dir gegenüber gewesen, aber wenn ich in den Himmel komme, dann werde ich nicht mehr undankbar sein, dann werde ich die ganze Ewigkeit hindurch dich so sehr lieben, als es nur in meinen Kräften steht, und dann werde ich meinen Undank dadurch wieder gut machen, dass ich die ganze Ewigkeit hindurch dich preise und dir danke. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte der heiligen Agnes von Monte Pulciano
Wir bitten Dich, o Herr, gib uns auf die Fürbitte Deiner heiligen Jungfrau Agnes, dass wir die Welt und das, was in der Welt ist, nicht lieben, und nicht auf dem breiten Weg, der zum Verderben, sondern auf dem schmalen, der zum Himmel führt, gehen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Zu Gott
Gütigster Vater, lenke unsere Gedanken und Wünsche in allem nach oben, dass wir das Irdische zwar mit Gewissenhaftigkeit besorgen, aber das Überirdische allen anderen Dingen vorziehen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Am heutigen Tag ereignete sich der erste Sieg des Kaisers Heraclius über die Perser und Sarazenen im Jahr 622, den er durch die Fürbitte der seligsten Mutter Gottes, deren Bildnis er zugleich mit dem Bildnis Jesu Christi seinem Heer vorantragen ließ, erhalten hat. Man schrieb ihm bei diesem Vorfall folgenden Vers zu:
Ich kam, ich sah, du hast gesiegt, o mächtigste Jungfrau!
Du warst unserer Brust immer ein schützender Schild.
„Die Reinheit führt ganz nah zu Gott“, sagt die Heilige Schrift, und dies bewährte sich, wie bei vielen anderen Heiligen, so auch im Leben unserer Agnes, die ihren Zunamen von ihrer Geburtsstadt Monte Pulciano im Toskanischen hat. Schon als ganz kleines Mädchen zeigte sie eine Neigung zur Andacht, denn kaum hatte sie das Gebet des Herrn und den Englischen Gruß gelernt, so kniete sie sich oft an irgend einem stillen Plätzchen hin, die gefalteten Händchen zum Himmel hin erhoben. Fragte man sie, was sie da mache, so war die Antwort: „Ich lerne meine Lektion, mein Gebet.“ Schon der bloße Anblick eines Bildes Christi oder der jungfräulichen Mutter erweckte in ihr eine selige Freude. Sie war noch nicht sechs Jahre alt, da äußerte sie schon ihren Eltern gegenüber, sie will einmal zu den Klosterfrauen, denn die befänden sich ständig bei dem lieben Heiland und der guten Mutter Maria. Je älter sie wurde, desto größer wurde ihr Verlangen nach dem geistlichen Stand. Ihre Eltern waren sehr angesehen und reich, aber zugleich auch fromm und gottesfürchtig. Deshalb hatten sie auch nichts gegen den Wunsch ihrer Tochter und brachten sie, als sie neun Jahre alt war, zu den Klosterfrauen ihrer Vaterstadt.
Man nannte diese Nonnen Sacchinen oder Sackträgerinnen, weil sie Skapuliere aus grobem Tuch in Form eines Sackes trugen. Sie führten ein sehr strenges Leben, aber die junge Agnes erschrak nicht vor der Strenge des Klosters, sondern unterwarf sich den Regeln mit Freude. Die fromme Nonne Margarita, deren besonderer Leitung die Novizin anvertraut worden war, erkannte bald, dass ihre Schülerin statt der Ermunterung vielmehr der Zurückhaltung bedürfe. Die Demut und den Gehorsam, diese Grundpfeiler der Vollkommenheit, übte Agnes in solch bewunderungswürdigem Grad, dass die erfahrensten Schwestern sich darüber verwunderten und sagten, das Mädchen müsse ohne alle Eigenliebe sein. Ein Wink der Oberin genügte ihr, das Beschwerlichste bereitwillig und fröhlich zu übernehmen und pünktlich zu verrichten. Alle Zeit, die ihr von der vorgeschriebenen Arbeit übrig blieb, widmete sie dem Gebet, der Betrachtung und anderen gottseligen Übungen. Mit ihren übrigen Tugenden verband sie Zurückgezogenheit und eine engelhafte Reinheit. Von ihrer frühesten Jugend an sah man an ihrem äußerlichen Tun und Lassen, in ihren Reden und ihrer Kleidung nie eine Spur von Unanständigkeit. So wurde sie trotz ihres zarten Alters bald das Muster und Vorbild des klösterlichen Lebens. Mit Ehrfurcht und Liebe schauten die Nonnen auf die heranblühende Jungfrau, und eine Äbtissin von großer Frömmigkeit und Erleuchtung, die einst auf Befehl des Bischofs das Kloster visitierte, erkannte in ihr deutlich die Zeichen künftiger Heiligkeit. Sie sagte: „Tragt, ich bitte euch, alle Sorge für diese junge Tochter; denn wahrlich, sie wird unserem Orden dereinst große Ehre bringen.“
Erst vierzehn Jahre alt wurde Agnes von den Nonnen als Schaffnerin bestellt und ihr damit die Sorge für Küche und Keller und für die Verwaltung des Zeitlichen übertragen. Sie verwaltete dieses Amt zur allgemeinen Zufriedenheit und wusste sich dabei in steter Vereinigung mit Gott zu erhalten und den Geist des Gebetes zu bewahren. In ihren Schwestern betrachtete sie die Person Christi und diente ihnen auch in diesem Geist. Aber während sie als geschäftige Martha die Hauswirtschaft besorgte, saß sie in ihrem Inneren mit Maria zu den Füßen ihres geliebten Meisters, nur „das eine Notwendige“ betrachtend. Von ihrem fünfzehnten Lebensjahr an fastete sie beständig bei Wasser und Brot und ging in der Übung anderer schwerer Bußwerke so weit, dass der Beichtvater ihrem Eifer Mäßigung gebieten musste, weil ihre Gesundheit darunter litt.
Der Ruf von der hohen Tugend und dem segensreichen Wirken der jungen Nonne drang über die Mauern ihres Klosters hinaus und es hörten davon die Einwohner der Stadt Proceno, die vor kurzem den Dominikanerinnen ein Haus errichtet hatten, in dem ihre Töchter Erziehung und Unterricht erhalten sollten. Sie wählten Agnes zur Vorsteherin dieses Institutes und Papst Nikolaus IV. erteilte ihr die Dispens, die sie wegen ihres Alters – sie war erst sechszehn Jahre alt – brauchte. Ihre Lehrerin Margarita wurde ihr als Gehilfin beigegeben. Die neue Würde war für Agnes eine Aufforderung zu noch höherer Vollkommenheit. Sie wollte ein Beispiel der Demut, der Abtötung, der genauen Beobachtung der Regeln und Ordenssatzungen für die Ihrigen werden, und mehr dadurch, als durch Worte, die Mitschwestern auf den Weg des Heiles leiten. Dem Gebet blieb sie fortwährend so ergeben, dass ihr die dazu bestimmte Zeit stets viel zu kurz vorkam, und es verursachte ihr immer Schmerz, wenn sie durch irgend ein Geschäft gestört oder abgerufen wurde. Ihre Vereinigung mit Gott war so innig, dass sie oft entzückt wurde. So verharrte sie an einem Sonntag einmal von fünf Uhr früh bis zum Abend ohne Unterbrechung im Gebet und war nicht wenig erstaunt, als man sie aufmerksam machte, wie weit der Tag schon vorgeschritten sei. Nun fühlte sie den tiefsten Kummer, dass sie die heilige Kommunion versäumt habe. Da soll der Herr seiner trauernden Tochter einen Engel gesandt haben, der ihr das Himmelsbrot reichte. Überhaupt spendete Gott seiner treuen Dienerin große Gnaden. Sie hatte nicht selten himmlische Offenbarungen und Erscheinungen und die Gabe der Weissagung und der Krankenheilung. Aus einem Ereignis ihres Lebens sehen wir auch, wie man sich zur heiligen Beichte nicht nur oberflächlich, sondern mit allem Fleiß vorbereiten müsse, wenn sie uns zum Heil gereichen soll. Agnes betete eines Tages für einen Wohltäter des Klosters, als ihr während der Andacht geoffenbart wurde, dass für ihn schon der Platz in der Hölle bereitet sei, weil er seit dreißig Jahren keine gute Beichte abgelegt habe. Die Heilige ließ den Unglücklichen sogleich rufen, teilte ihm ihre Erscheinung mit und brachte es durch eifriges Zureden dahin, dass er zur Beichte ging und seine Sünden reumütig und vollständig bekannte. Er starb nicht lange danach und seiner Retterin wurde eröffnet, dass er errettet worden sei.
Der Glanz der Tugenden unserer Heiligen verbreitete sich immer weiter, da setzten ihre Landsleute alles in Bewegung, sie wieder in Monte Pulciano zu besitzen, und gedachten deshalb ein eigenes Kloster zu errichten. Agnes willigte ein, machte aber zur Bedingung, dass ein Haus der Stadt, das bisher von Prostituierten bewohnt worden war, in das beabsichtigte Kloster umgewandelt werde. Der Magistrat willigte dazu gerne ein und Agnes übernahm es, aus dem Ort des Ärgernisses einen Ort der Erbauung zu schaffen. Die jungen Frauen, die sich unter ihrer Leitung hier versammelten, lebten nach der Regel des heiligen Dominikus.
Jetzt nahten die Tage, wo auch ihr der Kelch des Leidens gereicht wurde. Von einer schmerzlichen Krankheit heimgesucht, musste sie sich auf den Rat der Ärzte in ein nahes Bad begeben, wurde aber während ihres Aufenthaltes dort von einigen ausgelassenen Jungen verspottet und mit den schmutzigsten und unanständigsten Worten beschimpft. Ihrem reinen Sinn muss dies sehr schwer gefallen sein, schon nach dem Wort des heiligen Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde durch das Gute das Böse“ ertrug sie die Beleidigung mit aller Gelassenheit und beschenkte sogar die Jungen zum Dank, dass sie ihr Gelegenheit gegeben hatten, die Geduld zu üben. Ihre Gesundheit erhielt sie im Bad nicht, vielmehr kam sie ganz entkräftet ins Kloster zurück. Sterbend sprach sie zu ihren Schwestern: „Meine Kinder, liebt einander, denn die Liebe ist das Kennzeichen der Auserwählten Gottes.“ Es war am 20. April 1317, als die Engel Gottes ihre reine Seele zum Herrn geleiteten. Ihr Tod wurde der Stadt und der Grafschaft zuerst durch die unschuldigen Kinder übermittelt, denn sie riefen: „Agnes, die Heilige, ist gestorben!“ 1435 wurde ihr Leib zu den Dominikanerinnen nach Orvietto gebracht, wo er sich noch befindet. Papst Benedikt XIII. nahm sie im Jahre 1726 feierlich in das Verzeichnis der Heiligen auf.
1. Wer war wohl der Mensch, der von Jerusalem, der Stadt des Friedens, hinabging in das gottlose Jericho, und auf dem Weg durch die Wildnis unter Mörder fiel? Dieser Mensch bin ich, du, die ganze Menschheit. Denn wir alle waren dieser eine Mensch, den Satan, "der Mörder von Anbeginn", so schlug, dass er halbtot liegen blieb. Also lag er und verblutete an seinen Wunden. Denn geht auch der Priester und der Levit vorüber, so haben sie doch keine Arznei. Das Gesetz zeigt bloß die Wunden, die Opfer und die Zeremonien aber können höchstens die Heilung vorbereiten, aber heilen können sie den Halbtoten nimmermehr.
2. Betrachte dieses tiefe Geheimnis. Wir alle lagen tödlich verwundet, und fielen dem ewigen Tod anheim, wofern nicht der barmherzige Samariter kam, uns zu heilen. Wer aber ist dieser Samariter, wenn nicht Jesus, der Sohn Gottes, der sich herabließ, selbst in diese Mörderhöhle hinab zu kommen und unter Mörderhänden zu sterben, um das Öl und den Wein seines Blutes in unsere Wunden zu gießen, das durch das Sakrament seines göttlichen Fronleichnams fortwährend in die Wunden aller einfließt, die zur Heilung gelangen. Preis dir, o ewige Barmherzigkeit, die du dich selbst erschöpfst, vom ewigen Tod uns zu erretten.
3. "Und er hob ihn auf sein Tier, führte ihn in die Herberge und trug Sorge für ihn." Dieses Tier war die heiligste Menschheit des Sohnes Gottes, von der er im Psalm 73,23 zu seinem himmlischen Vater spricht: "Ich war wie ein Stück Vieh vor dir." Er also nahm unser Elend selbst auf sich, denn "er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. . . .Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt". (Jesaja 53,4+5b) Nach seiner Auferstehung aber übergab er den Kranken der Herberge. Diese Herberge, wo alle Wanderer ab- und zugehen, ist seine Kirche. Ihr also übergab er mich und dich und alle Glieder dieses großen Kranken zur Pflege, bis zu seiner Wiederkehr am jüngsten Tag. "Herr, du sandtest dein Wort, und heiltest und erlöstest uns vom Untergang; wir aber danken dir für deine Huld, für dein wunderbares Tun an den Menschen." (Psalm 107,20-21)
Mächtige Jungfrau Maria, in dir wohnt Fülle und Macht, denn von dir sagt die Heilige Schrift: "Sie ist ein unendlicher Schatz für den Menschen. Wer ihn benützt, wird der Freundschaft Gottes teilhaftig." Ja zeige an mir deine Macht und Stärke, deine Kraft und Gewalt, deinen Reichtum und deine Gnadenfülle. Mache mich teilhaftig der Freundschaft Gottes jetzt, indem du mir die Gnade der Beharrlichkeit mit Gott erwirkst und einst in der Stunde des Todes, indem du mir die Gnade einer wahren Aussöhnung mit Gott dem Herrn erbittest. Amen.
Zu Jesus Christus
Liebevoller Heiland, stärke unsere Seele im Genuss Deines Fleisches und Blutes, damit wir mutig und mächtig gegen die Sünde kämpfen und rastlos auf dem Weg des Heils zu Dir hinstreben, und durch Dich zum Vater gelangen, der Du lebst und herrschst mit Gott dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Zum heiligen Werner
Kleiner, gekreuzigter Märtyrer, bitte für mich Jesus den Gekreuzigten, auf dass er sein Kreuz und seinen Tod zwischen meinen Tod und Seinen Richterstuhl aufrichten lässt, und was mir an Tugend und Verdienst noch fehlt, durch Sein und dein Blut ersetzt, damit ich zu einer glückseligen Ewigkeit gelangen möge. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Am heutigen Tag war der Sieg der Christen über die Türken durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau im Jahr 887. Diesen erhielt Andreas, General des Kaisers Basilius, über den Curopalates, den Fürsten der Sarazenen, denn als der mit einem stolzen und gotteslästerlichen Schreiben (in dem die Worte standen: "nun wird man sehen, ob dir der Sohn Mariä und sein Vater viel helfen werden, wenn ich mit meinem Heer gegen dich anrücke") ihn aufforderte, hat der gottesfürchtige General dieses Schreiben an ein Bild der seligsten Mutter Gottes mit den Worten angeheftet: "Siehe, o Mutter Gottes, und du, ihr Sohn, der Du Gott bist, seht die Lästerworte, die euch dieser stolze Barbar mit so großem Übermut gesprochen hat." Hierauf ging er auf den Feind bei Tarsus los, tötete ihren Fürsten, richtete ein großes Blutbad unter den Sarazenen an, und kehrte mit reicher Beute nach Konstantinopel zurück, wo der Kaiser zum Andenken an diesen Sieg eine herrliche Kirche unter dem Namen Mariä auf dem Markt erbauen ließ.
Eine schwere Wunde, an der die Kirche des Mittelalters blutete, war die Simonie. Im Laufe der Zeit hatten die Bischöfe und Äbte ansehnlichen Grundbesitz erworben und hatten dadurch Rechte und Pflichten erhalten, die mit ihrem priesterlichen Amt nichts zu tun hatten. Sie waren Lehensherrn des Reiches geworden und mussten als solche viele Dienste tun gleich weltlichen Fürsten. Wegen dieser Verquickung von geistlichem und weltlichem Amt konnte es dem Kaiser nicht gleichgültig sein, was für Bischöfe und Äbte er als Reichsfürsten erhielt. Er musste das Recht haben, bei der Wahl von Bischöfen und Äbten, die ihm als Reichsfürsten ungeeignet schienen, Einspruch zu erheben. Daraus ergab sich aber der Missstand, dass ehrgeizige Geistliche, die nach einem Bischofsstuhl oder Abtstab strebten, sich dem Kaiser durch Versprechungen aller Art gewogen zu machen suchten; sie boten ihm aus ihrem Familienbesitz Ländereien an oder stellten ihm reiche Geldmittel zur Verfügung. Schließlich artete dieser Missbrauch zu einem förmlichen Handel um kirchliche Würden aus. Die Kaiser und Könige vergaben die Bistümer nicht mehr an die verdienstvollsten und würdigsten Priester, sondern an die Meistbietenden. Dass dieses Unwesen, dieser Schacher mit geistlichen Ämtern (Simonie) für die Kirche von größtem Unheil war, lässt sich denken. Unter den Päpsten, die gegen diesen Unfug entschieden ankämpften und die Priester mehr und mehr von irdischen Gütern und Reichsämtern loszumachen suchten, glänzt in erster Reihe der deutsche Papst Leo IX. Er hat von den acht Päpsten, die das deutsche Volk der katholischen Kirche schenkte, am längsten regiert und ist auch als einziger der Ehre der Altäre teilhaftig geworden.
Leo stammt aus Egisheim im Elsass, wo er am 21. Juni 1002 als Sohn des deutschen Grafen Hugo von Dagsburg geboren und auf den Namen Bruno getauft wurde. Schon früh übergaben die Eltern den Jungen dem Bischof von Toul zur Erziehung, der ein Seminar für junge Edelleute eingerichtet hatte. Bruno lebte sich rasch in die neue Welt und das Seminarleben ein. Die Kameraden hatten den kleinen Elsässer wegen seines freundlichen, heiteren Wesens gern. Die Lehrer schätzten seinen beweglichen Geist, der sich rasch entwickelte und auf Bruno große Hoffnungen setzen ließ. Noch war Bruno nicht zum Priester geweiht, da erhielt er schon nach dem Brauch jener Zeit eine Pfründe am Domstift. Doch im Gegensatz zum Treiben so manch anderer Domherrn jenes Jahrhunderts nahm es Bruno mit seinem kirchlichen Amt ernst und führte ein untadeliges Leben. Mit Eifer gab er sich dem Studium der Gotteswissenschaft hin und erbaute seine Umgebung durch tiefe Frömmigkeit. Die Wahl seines Vetters Konrad II. zum deutschen Kaiser riss ihn, eben zum Diakon geweiht, aus seinem Studium. Dem Wunsch der Eltern und der Einladung des königlichen Vetters folgend zog er an Konrads Hof, wo er mit unumschränktem Vertrauen überschüttet und in die Führung der Staatsgeschäfte eingeweiht wurde. Wie leicht wäre es ihm gewesen, die Gunst des Königs auszunützen und sich hohe kirchliche Würden zu verschaffen! Aber Bruno, der auch mitten im Hofleben das gesammelte, stille Leben eines Mönches und Gelehrten führte, wartete in Demut auf den Ruf Gottes. Dieser erging an ihn, als er 1026 von Klerus und Volk einstimmig zum Bischof von Toul gewählt wurde. Freudig nahm Bruno die Wahl zum Oberhirten dieses unbedeutenden Bistums an, froh, nun ganz ungestört seinen geistlichen Pflichten leben zu können. Unverzüglich machte sich der neue Bischof daran, die religiösen Zustände seines Sprengels zu verbessern. Er versuchte die Wunden zu heilen, die seine zwischen Frankreich, Deutschland und Burgund liegende Diözese durch die verschiedenen Einfälle und Kriege der letzten Jahrzehnte erlitten hatte. Er mühte sich, den Gottesdienst feierlicher zu gestalten, das sittliche Leben und die wissenschaftliche Ausbildung der Geistlichen zu heben. Die kirchliche Erneuerungsbewegung, die vom Kloster Cluny ausging, fand in Bischof Bruno einen begeisterten Anhänger und Förderer.
22 Jahre führte Bruno zielbewusst den Bischofsstab von Toul. Da brachte der am 29. August 1048 erfolgte Tod des Papstes Damasus II. die große Wendung seines Lebens. Auf einem Reichstag zu Worms, der sich mit dem Nachfolger des Papstes zu befassen hatte, richteten sich alle Blicke und Wünsche auf den anwesenden Bruno. Erschrocken bat Bruno um drei Tage Bedenkzeit. Die glänzende Würde konnte ihn nicht verlocken. Vor seinem Auge standen zu klar die großen Schwierigkeiten, mit denen der Papst zu kämpfen hatte: die vielen Gebrechen der Kirche, das unwürdige Leben so vieler Geistlichen, die trotzige Unbotmäßigkeit der Fürsten, die Unwissenheit der Völker. Wie gern hätte er sich dem Wunsch des Reichstags entzogen! Doch es half kein Sträuben. Bruno musste schließlich seine Zustimmung geben unter der Bedingung, dass er in Rom nach den Vorschriften der Kirche rechtmäßig gewählt würde. Begleitet von Prior Hildebrand von Cluny, dem späteren Gregor VII. machte er sich schweren Herzens auf den Weg in die Hauptstadt des Christentums. Jubelnd vom Volk empfangen erklärte er: „Vom Kaiser und von den Fürsten des Reiches bin ich ausersehen, euer Bischof und das Haupt der Kirche zu werden; nun bin ich da um euren Willen zu hören. Wenn ihr die Wahl nicht billigt, so bin ich bereit, in mein Vaterland zurückzukehren.“ Klerus und Volk riefen begeistert: „Dich allein wollen wir, dich wählen wir zum Papst!“ Als Leo IX. wurde er nun am 12. Februar 1049 im Lateran gekrönt.
Es dauerte nicht lange und der neue Geist in der Führung der Kirche machte sich bemerkbar. „Die ganze Kirche fühlte den nordischen Hauch einer neuen Zeit strenger Reform.“ Mit unerbittlicher, unnachgiebiger Strenge rückte Leo den beiden Grundübeln zu Leibe, die am Lebensmark der Kirche zehrten: der Simonie und der Priesterehe. Um überall nach dem Rechten zu sehen, hielt es der Papst für notwendig, persönlich einen großen Teil der Kirche zu bereisen. Er unternahm lange beschwerliche Reisen durch Italien, nach Deutschland und Frankreich. Überall berief er Synoden ein, auf denen er mit heiliger Entschiedenheit gegen Missstände auftrat, kirchliche Streitigkeiten schlichtete, Widerspenstige strafte, Gutwillige aufmunterte, allem zuchtlosen Treiben Schranken setzte. Er stellte Klöster wieder her wie z.B. Hirsau, und weihte Kirchen wie bei uns in Deutschland in Reichenau, Donauwörth, Augsburg, Regensburg. Den unablässigen Bemühungen des Papstes gelang es, in kürzester Zeit die Kirche aus dem drangvollsten Zustand herauszureißen und sie aus tiefer Gesunkenheit auf eine Höhe von Macht und Ansehen emporzuheben, die noch vor wenigen Monaten auch der begeistertste Anhänger göttlicher Verheißungen nicht zu ahnen gewagt hätte.
Unermüdlich setzte Leo seine Bemühungen um das Wohl und Heil der Kirche fort. Hatte er auf seinen apostolischen Reisen reine Zucht und Sitte wieder hergestellt und das Unkraut der Simonie mit Erfolg auszureißen versucht, so galt es nun wieder auftauchenden Irrlehren entgegenzutreten, wie der gefährlichen Lehre Berengars über das Altarsakrament, für die kirchliche Einheit, die der anmaßende Patriarch Caerularius von Konstantinopel bedrohte, zu kämpfen, den deutschen Kaiser mit dem ungarischen König zu versöhnen, Feindseligkeiten in Apulien zwischen den Eingeborenen und den Normannen beizulegen... Riesengroß war die vielgestaltige Aufgabe, die der Papst zu bewältigen hatte. Sein unbegrenztes Gottvertrauen ließ ihn auch in den schwierigsten Lagen den Mut nicht verlieren, seine persönliche Lauterkeit und Heiligkeit entwaffnete seine Gegner. Dass seinem verzehrenden Eifer für das Haus Gottes kein weittragender Erfolg beschieden war, lag in den Umständen seiner Zeit. Er war von Gott dazu ausersehen, das Fundament der Reformarbeit zu legen, auf dem dann spätere Päpste wie Gregor VII. mit Erfolg weiterbauen konnten.
Die ununterbrochenen Mühen der vielen Reisen, die aufreibenden Kämpfe mit den habgierigen Fürsten und widerspenstigen Priestern hatten die Kräfte des Papstes allzu früh aufgezehrt. Am 19. April 1054 entschlief Leo IX. im 52. Jahr seines Lebens, nachdem er etwas mehr als fünf Jahre die Schlüssel des hl. Petrus getragen hatte.
1. "Siehe, dein König kommt zu dir!" ruft der Seher Zacharias der Zukunft entgegen. Doch nicht er allein, sondern der ganze Chor der Propheten verkündigt Jesus als einen König, und zwar als den gesalbten König, als den Messias. Frage nicht wo, so lange der Sohn Gottes in dieser Welt lebte, sein Palast, sein Thron und die übrigen Zeichen seiner königlichen Würde waren. Denn das Reich unseres Königs ist kein irdisches, es ist ein geistiges, ein himmlisches Reich. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.
2. Wie glorreich, wie erhaben ist dieses Reich. Statt der dürftigen Pracht, des kriegerischen Gefolges und irdischer Schätze, ohne die die Könige dieser Erde gleich anderen Menschen arm, hilflos und ohne Ansehen wären, brachte unser König unsterblichen Reichtum vom Himmel, und schüttete, was immer in der himmlischen Schatzkammer hinterlegt war, in den Schoß seiner Kirche. Darum auch wird sein Evangelium das Reich der Himmel genannt, weil alles darin himmlisch, alles göttlich ist. Denn es kommt vom Himmel, es kräftigt durch den himmlischen Geist, es lehrt nicht nur ein himmlisches Leben, sondern es verleiht dieses Leben auch, und wandelt irdische Menschen in Bürger des Himmels um.
3. Wie viele Königreiche gingen unter und verschwanden samt ihren Königen von der Erde. Von diesem himmlischen Reich aber ruft der Prophet aus: "Dein Königtum, Herr, ist ein Königtum für ewige Zeiten, deine Herrschaft währt von Geschlecht zu Geschlecht." (Psalm 145,13) Doch wer wird es je wagen, sich diesem König der ewigen Majestät zu nahen? So unendlich sein Reich, so unendlich ist seine Sanftmut, und seine liebevolle Güte. So freundlich ist seine Huld, dass er allen Sterblichen zuruft: "Kommt alle zu mir!" Und niemand, der zu ihm kommt, geht leer von ihm aus. Er erlässt dem Sünder die Schuld, spendet dem Gerechten neue Gnaden. Er heilt die Kranken und kräftigt die Gesunden. So eilen wir denn heute zu den Füßen unseres liebevollen Königs, schütten wir unser Herz vor ihm aus und rufen wir in andächtiger Liebe: "Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!" (Matthäus 21,9b)
In der Zeit, als der heilige Magnus, der Schüler des heiligen Abtes Gallus, mit seinen beiden treuen Gefährten Theodor und Thosso einer göttlichen Weisung gemäß vom Bodensee nach Kempten gingen, um den noch heidnischen Bewohnern des Allgäus das Evangelium zu verkünden, saß auf dem bischöflichen Stuhl zu Augsburg der heilige Wicterp, der mit oberhirtlicher Fürsorge das apostolische Missionswerk dieser Glaubensprediger unterstützte.
Der heilige Wicterp, auch Wiktorp oder Wigo genannt, war zu Epfach, einem Pfarrdorf in Oberbayern geboren, vollendete seine wissenschaftliche und sittliche Bildung seit seiner frühesten Jugend im Kloster Ellwangen und wurde dort später Abt, dann Bischof zu Neuburg. Wegen seiner besonderen Kenntnisse und Tugenden wurde er dann auf den wichtigen Bischofssitz von Augsburg erhoben.
Wicterps erste Sorge war, die arianische Ketzerei, die in seinem weit ausgedehnten Bistum sehr verbreitet war, mit den Waffen des Gebetes, der Wissenschaft und des lebendigen Wortes Gottes wieder auszurotten, und er erfreute sich des glücklichsten Erfolges. Dann baute er die Kirche der heiligen Afra in Augsburg von neuem auf und zwar weit herrlicher, als sie zuvor gewesen war. Auf einer seiner Missionsreisen traf Wicterp in Epfach mit dem heiligen Magnus und dessen Gefährten Thosso zusammen und erteilte ihnen die Erlaubnis, in dem Engpass am Fuß der julischen Alpen, wo jetzt Füssen liegt, sich anzusiedeln und eine Kapelle zu errichten, die er dann selbst einweihte um das Jahr 750. Als der heilige Magnus im Auftrag Wicterps dem Lech entlang in eine große, schöne Ebene zog, wo jetzt das Dorf Waltenhofen liegt, gefiel es ihm dort so sehr, dass er sein Reliquienkästchen an einem Baum aufhing und dort zu Ehren der Mutter Gottes und des heiligen Florian ein Kirchlein baute, das der Bischof Wicterp einweihte. Da der Wunderruf des heiligen Magnus sich immer mehr verbreitete, so sandte ihm Wicterp mehrere junge Kleriker zum Unterricht und zur Vervollkommnung im geistlichen Leben, verschaffte ihm durch seinen Einfluss am königlichen Hof mehrere Schenkungen und erteilte ihm, nachdem er die von Theodor neuerbaute Kirche zu Kempten eingeweiht hatte, die Priesterweihe.
Der seeleneifrige Bischof Wicterp hielt mit aller Strenge auf die Sittenreinheit der ihm untergebenen Geistlichen, sowie auf strenge Zucht in den Klöstern. Um aber seinen heiligen Zweck sicherer zu erreichen, machte er es sich zur strengsten Pflicht, in allen Tugenden voranzuleuchten und sich als guten Hirten der ihm anvertrauten Herde zu bewähren. Nach einem ehren- und tatenreichen Leben starb er am 18. April um das Jahr 760 und wurde in der Laurentiuskirche zu Epfach begraben.
Als der Bischof Heinrich im Jahr 980 seine Gebeine erheben und nach Augsburg in die Kirche der heiligen Afra übertragen ließ, geschahen viele Wunder. Seit dem Jahr 1489 ruhen die Reliquien des heiligen Wicterp in der Kirche des heiligen Ulrich zu Augsburg.
- - -
Eine besondere Verehrerin des heiligen Wicterp war die selige Herluka, eine Reklusin zu Bernried bei Starnberg (+ 18.4.1127), die, durch viele körperliche Leiden geprüft, bei den Reliquien des heiligen Cyriacus das verlorene Augenlicht wieder erhalten hatte, und dann sich gänzlich Gott weihte. Am Hof des Pfalzgrafen Mangold von Dillingen bekam sie einen Dienst und wurde von der Pfalzgräfin Adelheid und deren beiden gottgeweihten Schwestern Wielika und Hiltiburgis wegen ihrer besonderen Frömmigkeit sehr geachtet und zu allen ihren Andachtsübungen herangezogen. Der selige Abt Wilhelm von Hirschau und sein trefflicher Schüler Dietger waren ihre Beichtväter und Seelenführer. Als sie einst mit mehreren anderen das Grab des heiligen Wicterp zu Epfach besuchte, fühlte sie sich so sehr zu dieser Stätte hingezogen, dass sie dort ihren bleibenden Aufenthalt nahm. Dort lebte sie 36 Jahre als Eingeschlossene (Reklusin) im Dienst Gottes, ihrer eigenen Vervollkommnung und der Fürsorge für die Rettung der Sünder. Mehrmals erschien ihr der eilige Bischof Wicterp, tröstete, ermutigte und mahnte sie zur Beharrlichkeit. Einst blickte sie zum Himmel, klopfte an ihre Brust und rief: „Wehe, wehe, dass dieser Mensch geboren wurde!“ Auf die Frage ihrer frommen Genossin Hadewig nach der Ursache ihres Schreckens erklärte sie: „Ach, die Seele des abtrünnigen Priesters von Rot wird eben von einer großen Schar Dämonen in die Hölle geführt!“ Da Hadewig die Wahrheit dieser Erscheinung anzweifelte, ließ Herluka einen Boten in die Wohnung des Priesters senden, und der hörte, dass zur selben Stunde die Seele des Unglücklichen wirklich den Leib verlassen habe.
In der großen Verfolgung, die alle Anhänger des Papstes Gregor VII. traf, musste auch Herluka ihre Klause verlassen. Im Kloster Bernried am Würmsee fand sie gastliche Aufnahme und schloss dort ihr frommes Leben selig im Herrn am 18. April 1127.
Die selige Herluka, die Klausnerin zu Epfach, wird am 18. April zusammen mit dem heiligen Wicterp verehrt.
O liebste Jungfrau! Siehe, ich komme zu dir, und komme mit freudigem Gemüt vor dein Angesicht. Ich grüße dich mit Liebe und empfange dich mit kindlicher Vertraulichkeit. Meine herzliebste Mutter, ich will dich halten und nicht mehr von dir lassen, ich will dich halten und an mein Herz drücken. Glückselig bin ich, weil ich Maria habe, denn mit ihr wird mir alles Heil und Gute zukommen. O meine Mutter, zeige mir dein liebes Angesicht und lass deine holdselige Stimme in meinen Ohren erschallen. Jetzt, noch mehr aber einst, nachdem ich das Zeitliche verlassen und durch die enge Pforte in die Ewigkeit eingegangen sein werde. Amen.
Zu Jesus Christus
Göttlicher Stifter unserer heiligen Religion, führe Deine Kinder allzeit den von Dir und Deinen Heiligen betretenen Weg, und lasse nie zu, dass ihr Leben ihrem Glauben widersprechend gegenüberstehe, sondern kräftige sie, wie im Bekenntnis des Mundes, so auch in dem Bekenntnis, das aus der Tat hervorgeht, der Du lebst und herrschst mit Gott dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Zu Jesus Christus
O Jesus, Du hast aus Liebe zu uns gelitten und bist aus Liebe zu uns gestorben. Verleihe uns die Gnade, dass auch wir im Leiden und Sterben Dir unsere Liebe beweisen, der Du lebst und herrschst mit Gott dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Am heutigen Tag gedachte die Kirche der Ankunft der seligsten Jungfrau mit dem Kind Jesus und dem heiligen Joseph in Nazareth, wobei man in Betrachtung ziehen kann 1. die Freude der seligsten Jungfrau und des heiligen Joseph über ihre glückliche Ankunft, 2. die Danksagung, die sie darum Gott abstatten, 3. die Freude ihrer Verwandten, Freunde und Nachbarn über ihre glückliche Rückkehr.
Sapor II., der König der Perser, hörte nicht eher als mit dem Tod auf, die Jünger Jesu zu verfolgen,
(Sapor II., mit dem Beinamen das Lange Leben, hatte zum Vater Hormisdas, den er aber verlor, als er noch im Mutterleib war. Die Magier erklärten ihn vor seiner Geburt zum König und feierten sogar seine Krönung, indem sie die königliche Binde auf den Leib der Königin legten. Er kam zur Welt 310 und starb 380. Den Anfang seiner Regierung rechnet man vom Jahr 309, einige Monate vor seiner Geburt. Er war der neunte König der vierten Dynastie der persischen Herrscher. Der Stammvater dieses Geschlechts war Artaxerxes, der Artaban überwand und tötete, mit dem das Reich der Parther im Jahr nach Christus 223, im 534sten der griechischen oder seleucidischen Zeitrechnung, und im 2ten der Regierung des Kaisers Alexander, ein Ende nahm. Der heilige Maruthas, der Verfasser der Akten unserer heiligen Martyrer, zählt die Jahre dieses Zeitabschnittes auf. Er sagt also, dass die große Verfolgung – in der der heilige Simeon und seine Gefährten des Bekennertodes starben – mit dem 31sten Jahr des Königs Sapor anfängt, dem 117ten des vierten und letzten persischen Stammes, der 418 Jahre bestanden hatte und der mohammedanischen Herrschaft weichen musste.
Sapor war von unerträglichem Stolz, wie man aus seinem Brief an Kaiser Constantius ersehen kann. Er gibt sich darin selbst die Namen: König der Könige, Bruder der Sonne etc. Dann sagt er, dass, weil er alle seine Vorfahren an Tapferkeit und Tugend übertreffe, ihm auch das Recht zukomme, nach einem ausgedehnteren Reich, als es seine Vorfahren besaßen, zu streben. Weil er aber in Milde verfahren wolle, so begnüge er sich mit der Zurückgabe der Länder, die die Römer dem Morgenland geraubt hätten, obgleich alles, vom Tigris bis an den Strymon in Macedonien, seiner Altvordern Eigentum gewesen sei.
Die Apostel trugen die Leuchte des Glaubens zu den Parthern. Man liest beim heiligen Ambrosius, wie auch beim heiligen Paulinus, dass der heilige Matthäus den Äthiopiern, dann den Parthern, Persern und Medern das Evangelium gepredigt habe. Die Epistel des heiligen Johannes, die an die Parther geschrieben ist, hat einige Schriftsteller zu der Behauptung veranlasst, der Lieblingsjünger habe viel zur Bekehrung dieser Völker beigetragen. Die Chaldäer und Perser sagen einstimmig, der heilige Thomas und Thaddäus, einer der 72 Jünger, seien mit Maris und Aghäus die Hauptapostel des Morgenlandes gewesen. Ihnen schreiben sie die Gründung des Stuhles von Seleucia und Ctesiphon zu. Aus dem Zeugnis des Geschichtsschreibers Eusebius erhellt, dass im 2. Jahrhundert sehr viele Christen in Persien angetroffen wurden.)
und dies tat er sowohl aus Hass gegen die römischen Namen als aus Abneigung gegen den christlichen Glauben. Er erregte drei blutige Verfolgungen, im 18., 30. und 31. Jahr seiner Regierung. Die letzte, die die längste und die heftigste war, führt in der Geschichte den Namen der großen Verfolgung. Die Zahl der benannten Märtyrer dieser persischen Verfolgung beläuft sich auf 16.000. Der Ungenannten aber, setzt er mit dem heiligen Maruthas hinzu, seien so viele gewesen, dass es deren Zahl zu bestimmen nie möglich war, so viele Untersuchungen auch die Christen in Persien, Syrien und der mesopotamischen Stadt Edessa darüber angestellt hatten. Unter diese heldenmütigen Bekenner Jesu Christi zählt man vorzugsweise den heiligen Simeon und dessen Gefährten.
Der heilige Simeon hatte den Beinamen Barsaboe, d.h. Sohn des Walkers, von dem Handwerk seines Vaters, wie es bei den Morgenländern üblich war. Er war Jünger des Papas, des Bischofs von Seleucia und Ctesiphon, der 314 ihn zum Gehilfen im apostolischen Amt wählte. Man nimmt gemeinhin an, dass er 26 Jahre und einige Monate Bischof gewesen ist, inbegriffen die Zeit, in der er mit seinem Vorgänger die besagte Kirche regierte. Zur Zeit Simeons wurde vom Kirchenrat zu Nicäa der Sitz von Seleucia und Ctesiphon zur Metropole von ganz Persien erhoben. Auch nahm er an diesem Konzil teil, nicht zwar in eigener Person, sondern durch einen seiner Priester, namens Sciadhustes, der ihm nachfolgte.
(Die Städte Seleucia und Ctesiphon waren nur durch den Tigris getrennt und lagen in schräger Linie einander gegenüber. Seleucia, von den Syrern Selik genannt, hatte den Namen von ihrem Stifter Seleucus Nicanor oder von dessen Sohn. Ctesiphon, am östlichen Ufer des Tigris, war von den Parthern gebaut worden. Beide waren Hauptstädte von Assyrien und dem Reich der Perser unter den arsacidischen Königen. Diese Fürsten hatten dort einen Palast, dessen Ruinen noch lange danach zu sehen waren.
Der erzbischöfliche Sitz von Seleucia und Ctesiphon übte das Primatrecht über alle Kirchen in Persien aus und der erste allgemeine Kirchenrat von Nicäa erklärte, dass er den Vorrang über alle anderen Kirchen hätte, nach den vier Patriarchalsitzen. Dies erhärtet sich aus dem Zeugnis der Orientalen und der arabischen Kanonen. Man sagt, der heilige Simeon sei der erste gewesen, der den Namen Katholisch oder Metropolit von Persien führte.
Als Seleucia und Ctesiphon durch den Krieg 762 zerstört worden waren, erbaute Abdala Abugiaphar Almansor, der zweite der abbacidischen Kalifen, die Stadt Bagdad oder Neubabylon am westlichen Ufer des Tigris, in der Gegend, wo Seleucia stand. Dort wohnte der nestorianische Patriarch, der behauptet, der Nachfolger der alten Katholischen oder Metropoliten von Persien zu sein. Das alte Babylon lag am Euphrat und wahrscheinlich an einem Kanal, durch den er sich in den Strom Tigris mündete. Diese beiden Flüsse waren 200 Stadien voneinander entfernt, da wo sie den Städten Seleucia und Babylon am nächsten flossen. Bei ihrer Mündung waren sie ca 25 römische Meilen voneinander entfernt.)
Dies ist alles, was man bis zu seinem Märtyrertod von ihm weiß. Hier nun zugefügt die Akten seines Triumphes, die vom heiligen Maruthas chaldäisch geschrieben wurden.
Im Jahr nach Christi Geburt 340, im 117sten des persischen Reiches, im 31sten der Regierung Sapors, des Königs der Könige, erhob sich eine blutige Verfolgung gegen die Kirche, zu der Sapor durch die Magier aufgehetzt worden war. Sie begann mit einer königlichen Verordnung, die bei Strafe der Knechtschaft sich zur christlichen Religion zu bekennen verbot und die Christen mit ungeheuren Abgaben belastete. Hierüber schrieb der heilige Simeon dem König, aber mit jener edlen Freimütigkeit, die nur der wahrhaft apostolische Geist einflößen kann. Er antwortete auf die, ihm und seinem Volk gemachten, Drohungen:
„Da Jesus Christus sich freiwillig für die Welt dem Tod hingegeben und mit seinem Blut sie erkauft hat, wie könnte ich denn fürchten, mein Leben hinzugeben für ein Volk, für dessen Heil zu arbeiten meine Pflicht ist? Ich begehre nicht Vermehrung meiner Tage, wenn ich ohne Frevel nicht leben kann. Gott erlaubt mir nicht, die Verlängerung meines Lebens zum Schaden der Seelen zu befördern, für die sein Sohn gestorben ist. So feige bin ich nicht, dass ich fürchten sollte, in die Fußstapfen meines Heilandes zu treten, durch seine Gnade fühle ich Kraft in mir, teilzunehmen an seinem Opfer. Und auch mein Volk wird wissen, zu sterben für den Glauben, in dem es sein Heil findet.“
Über diesen Brief geriet der König in heftigen Zorn. Er gab sogleich Befehl, die Priester und Diakonen zu morden, die Kirchen zu zerstören und das Kirchengerät der Christen durch unheiligen Gebrauch zu entweihen. „Den Simeon aber,“ setzte er hinzu, „diesen Simeon, der den Gott des römischen Kaisers anbetet, und den Meinigen höhnt, den führe man herbei, dass er von mir verurteilt werde.“ Die Juden, die angestammten Feinde der Christen, benützten diese Gelegenheit, um den Fürsten noch mehr gegen sie aufzubringen. „Großer König,“ sagten sie ihm, „nichts ist gerechter als dein Zorn. Wenn du dem Cäsar schreibst, wird er deine Briefe nicht achten: so aber Simeon ihm einige Zeilen schickt, da wird er aufstehen beim Empfang. Er wird sie ehrerbietig küssen und befehlen, dass alles, was sie enthalten, vollzogen werde.“
Simeon wurde, dem Befehl des Königs gemäß, in Bande gelegt, mit zwei von den zwölf Priestern seiner Kirche. Sie nannten sich Abdhaikla und Hananias. Man führte sie ab zum König, der damals in einer der östlichen Provinzen seines Reiches sich aufhielt. Als Simeon durch seine Vaterstadt Susa zog, bat er, man möchte ihn nicht vorbeiführen vor einer Kirche, die durch die Magier in eine Synagoge der Juden verwandelt worden war. (Die Magier hatten unter persischer Herrschaft mächtigen Einfluss. Als aber die Mohammedaner sich des Reiches bemächtigt hatten, verurteilten sie mehrere von ihnen zu Tode und verbannten ihre Sekte aus den Städten. Man trift noch einige an in den Gebirgen und in Caramanien. Der Name Magier ist chaldäischen Ursprungs und heißt so viel wie betrachten und sich mit Erkenntnis der Dinge beschäftigen. Die Magier waren eine Art Philosophen, die den Schwärmereien der Weissagung und der Sterndeuterei sehr ergeben waren.) Da seine Führer sehr eilten, kam man nach einigen Tagen nach Ledan, in die Hauptstadt des Landes der Huziten, einem Bergvolk, das die Griechen und Lateiner Uxier nennen. Sie bewohnen die Ufer des Oxios, östlich von der Landschaft Susiana.
Als Sapor erfuhr, dass der Christen Haupt in Ledan ist, befahl er, ihn vorzuführen. Da Simeon nicht nach allgemeinem Landesbrauch ihn anbetete und Sapor ihn fragte, warum er es unterlässt, was er sonst getan hatte, antwortete er: „Zuvor war ich nie mit Banden beladen und, um meinen Gott zu verleugnen, vor dich geführt worden.“
Die Magier klagten ihn des Einverständnisses mit den Feinden an, und erklärten ihn des Hochverrates und daher des Todes schuldig. Simeon aber sagte ihnen: „Ihr Witzfiguren, ist es nicht genug, dass ihr dieses Königreich verdorben habt? Wollt ihr uns für eure Frevel die Schuld geben?“
Milderen Blickes wandte sich der König zu ihm: „Glaub es mir, Simeon, ich meine es gut mit dir! Bete die Sonne an, es wird dir und deinem Volk hilfreich sein.“ Simeon antwortete: „Wie soll ich die Sonne anbeten, da ich dich nicht anbete, der du edlerer Natur bist als die Sonne? Wir erkennen nur einen Herrn, Jesus, den Gekreuzigten.“
„Wenn du“, erwiderte der König, „einen lebendigen Gott anbetest, so möchte ich deine Torheit noch entschuldigen, aber einen Menschen, der an einem verfluchten Holz starb! Besinne dich! Bete die Sonne an, deren Gottheit alles huldigt! Tust du es, so verheiße ich dir Ehre, Reichtum, die höchsten Würden in meinem Reich.“ – Simeon: „Du hast keinen wahren Begriff von Jesus Christus. Er ist der Menschen Schöpfer, Herr der Sonne, die bei seinem Tod, ihre Trauer zu bezeugen, sich verhüllte. Herrlich entschwang er sich dem Grab und stieg auf in den Himmel aus eigener Kraft. Die Ehren, die du mir verheißt, reizen mich nicht, andere Ehren bereitet mir mein Gott, die weit edler sind.“
Der König: „So schone doch dein Leben und das Leben von zahllosen Menschen, die zugrunde gehen werden mit dir, wenn du in deiner Halsstarrigkeit verharrst.“ – Simeon: „Wenn du solch einen Frevel begehst, wirst du Seine Größe fühlen und die Strafe leiden an jenem Schreckenstag, an dem der höchste Richter die strengste Rechenschaft deiner Handlungen von dir einfordern wird. Was mich anbelangt, so überlasse ich dir mit Vergnügen die Überreste eines armseligen Lebens.“
Der König: „Je nun! So stürze ins Verderben! Aber deine Anhänger tun mir leid. Ich werde versuchen, durch Strenge der an dir zu vollziehenden Strafe sie von ihrer Torheit zu heilen.“ – Simeon: „Die Erfahrung wird dich lehren, dass Christen das ewige Leben dem zeitlichen nicht aufopfern. Sie würden dein Diadem nicht eintauschen gegen den unsterblichen Namen, den Jesus Christus ihnen gab.“
Der König: „Weigerst du dich, mich und die Sonne, die Gottheit des ganzen Orients, in Gegenwart der Gewaltigen meines Reiches fußfällig zu verehren, so werde ich dir morgen dein schönes Angesicht und die Wohlgestalt deines Leibes mit Streichen verunstalten lassen.“ (Der heilige Maruthas bezeugt, dass Simeon ein Mann von ausgezeichneter Wohlgestalt gewesen sein und dass die Würde seines Angesichtes auch seinen Feinden Ehrerbietung abgewonnen habe.) – Simeon: „Du stellst dich der Sonne gleich, die du doch zur Gottheit machst, obgleich du größer bist als sie. Wenn du meinen Leib verunstaltest, so achte ich dessen nicht, und weiß, dass der, der ihn mir gab, ihn dereinst schöner wieder herstellen wird.“
Sapor, der nun alle Hoffnung aufgab, die Standhaftigkeit des Bekenners zu erschüttern, ließ ihn abführen und die Nacht hindurch in einem engen Kerkerloch verwahren. Am folgenden Tag sollte er wieder vorgeführt werden.
Am Tor des Palastes stand ein alter Entmannter, Guhsciatazades genannt, der erste der Großen des Hoflagers, den der König Sapor erzogen hatte. (Guhsciatazades bedeutet im Chaldäischen einen Mann von hohem Stand. Sozomenus nennt ihn Usthazanes. „Dieser Oberkämmerer war ein Entmannter. Der Gebrauch, solche am Hof zu haben, und ihnen sowohl die Person des Königs als auch die wichtigsten Geschäfte anzuvertrauen, wurde schon vom großen Cyrus, dem es zum gerechten Vorwurf gereicht, nach seiner Eroberung von Babylon bei den Persern eingeführt.“) Er bekleidete die Stelle eines Arzabades oder Oberkämmerers. Er hatte sich früher zur christlichen Religion bekannt, nun aber, um dem König nicht zu missfallen, betete er seit einiger Zeit die Sonne an. Als dieser den heiligen Bischof vorbei in den Kerker führen sah, wurde er vor Ehrfurcht ergriffen, warf sich auf die Knie und begrüßte ihn: aber Simeon wandte den Blick von ihm ab, um ihm seinen Abscheu vor dem Abfall bemerkbar zu machen. Der Oberkämmerer, durch dieses Stillschweigen betroffen, ging in sich, brach in Tränen aus und schrie: „Ich Unseliger! Ist die Bezeigung der Unzufriedenheit Simeons mir so empfindlich, wie werde ich bestehen vor dem Zorn Gottes, den ich verleugnet habe!“ In diesen Gedanken vertieft eilte er nach Hause, legte sein Feierkleid ab, hüllte sich in ein schwarzes Gewand, das die Perser zur Zeit der Trauer zu tragen pflegten, und kehrte wieder zur Pforte des Königs zurück.
Als der König erfuhr, was vorgegangen war, ließ er den Kämmerer um die Ursache seines Benehmens fragen. Da ihm aber die Antwort nicht genügte, ließ er ihn vor sich kommen. „Hat ein böser Geist sich deiner bemächtigt?“ fragte er ihn. – „Nicht so, o König,“ erwiderte der Kämmerer. „Wer hatte je stärkere Ursache zu trauern als ich? An Gott habe ich mich versündigt, indem ich die Sonne anbetete. Auch an dir, indem ich eine Anbetung heuchelte, die mein Herz verdammt.“
„Wie,“ sagte Sapor, in Wut aufbrausend, „das soll dich betrüben? Je nun, ich werde dich schon zurechtweisen, wenn du dir nicht auf der Stelle diese närrischen Gedanken aus dem Sinn schlägst.“ – Der Kämmerer: „Ich rufe den Herrn des Himmels und der Erde zum Zeugen an, dass ich dir hierin nicht mehr gehorchen, nicht wieder einen Frevel begehen werde, den ich mit den bittersten Schmerzen bereue. Ich bin Christ, und ich erkläre dir, o König, dass ich nicht, um Menschen mir gefällig zu machen, treulos handeln will gegen Gott!“
Der König: „Ich habe Mitleid mit deinem Alter und es tut mir weh, dass du den Lohn für deine langen Dienste verlieren willst. Ich beschwöre dich, entsage den Vorurteilen eines liederlichen Haufens, oder du zwingst mich, auch über dich die ihnen bestimmten Strafen zu verhängen.“ – Der Kämmerer: „Wisse, dass ich nimmerhin den wahren Gott verlassen und bloße Geschöpfe anbeten werde.“
Der König: „Diesem nach bete wohl auch ich Geschöpfe an?“ – Der Kämmerer: „Allerdings, o König, und sogar unbeseelte, vernunftlose Geschöpfe.“
Bei diesen Worten fuhr der König in Zorn auf, befahl, den Bekenner zu foltern, gab aber der Fürbitte der Gewaltigen am Hoflager nach, die von ihm den Befehl bewirkten, dass der Kämmerer sogleich getötet wurde.
Als er zum Tod geführt werden sollte, ließ er den König bitten, er möchte kundtun, dass er hingerichtet würde, weil er dem Christentum nicht habe abschwören wollen. Seine Absicht dabei war, das Ärgernis wieder gut zu machen, das er durch seinen Abfall gegeben hatte. Aus entgegengesetzter Ursache bewilligte Sapor ihm die Bitte. Er hoffte, dass ein treuer, wegen des Christentums hingerichteter, Diener Aufsehen erregen und sein Tod die Perser von dieser Religion abschrecken würde. Hätte er die Christen besser gekannt, er würde gesehen haben, dass die Hinrichtung dieses mutigen Dieners dieselben im Bekenntnis ihres Glaubens nur noch mehr befestigen musste. Der heilige Greis wurde am grünen Donnerstag enthauptet.
Als Simeon im Kerker den Märtyrertod des Guhseizatazades erfuhr, dankte er Gott, und verspürte in sich glühendes Verlangen nach gleicher Gnade. „O des glücklichen Tages!“ rief er aus, „o o des glücklichen Tages, an dem ich für Jesus Christus sterben werde! Er wird mich erlösen von den Gefahren und Armseligkeiten dieses Lebens und mir die Krone erwerben, nach der ich schon so lange Zeit inbrünstig geseufzt habe. Alsdann werden meine Leiden aufhören. Alsdann werden abgetrocknet werden meine Tränen, die ich unaufhörlich vergieße.“ Indem er also redete, hatte er seine Hände gen Himmel erhoben. Die zwei Priester, Abdaikla und Hananias, die mit ihm eingekerkert waren, sahen mit Bewunderung sein schönes Antlitz von der Liebe Gottes wie verklärt. Simeon brachte die Nacht vom grünen Donnerstag im Gebet zu. „O Jesus,“ sagte er, „erhöre mich, so unwürdig ich auch deiner Erbarmungen sein mag! Lass mich trinken den Todeskelch an dem Tag und in der Stunde deines Leidens, dass man doch wisse, dass Simeon seinem Herrn gehorsam und ihm sogar das Leben geopfert habe!“
Als der Heilige am folgenden Tag vor den König geführt wurde und wie bereits vorher sich weigerte ihn anzubeten, fragte ihn der Fürst: „Welches ist nun das Ergebnis der Betrachtungen, die du diese Nacht hindurch angestellt hast? Wirst du dir meine Güte zunutze machen, oder beharren in deiner Halsstarrigkeit und in dieser Raserei, durch deren Antrieb du den Tod vorgezogen hast? Bete die Sonne nur ein einziges Mal an, ich werde dich hinfort in Ruhe lassen. Unter dieser Bedingung sollst du die Freiheit erhalten und ich werde sogar als Hort gegen deine Feinde mich beweisen.“ – Simeon erwiderte: „Da sei Gott vor, dass ich solche Sünde tun, dass ich solches Ärgernis geben sollte.“
Der König: „Das Andenken unserer alten Freundschaft hat mich bewogen, milde Wege einzuschlagen. Weil sie nun aber nutzlos sind, so mögest du dein Unglück dir selber zuschreiben.“ – Simeon: „Lass ab, o König! Lass ab von deinen Versuchen, mit freundlichem Wort mich zu bereden. Verzögere nicht das Opfer! Der Tisch ist bereitet. Mich verlangt nach dem seligen Augenblick, teilzunehmen an dem heiligen Mahl, zu dem der Herr mich einlädt.“
Der König wandte sich an seine Hofleute mit den Worten: „Seht die Torheit des Mannes, der lieber sterben als seinen ihm eigenen Meinungen entsagen will.“ Er verurteilte ihn zur Enthauptung.
Hundert andere Christen wurden sogleich aus dem Gefängnis herbeigeführt, um sie dem Tod zu überantworten. Fünf davon waren Bischöfe, einige andere Priester und Diakonen und die übrigen von geringeren Ordnungen der Geistlichkeit, aber alle dieses Standes, weil bis dahin nur die Geistlichen mit dem Tod bestraft wurden.
Der Oberrichter sagte ihnen, sie könnten sich retten, wenn sie die Sonne anbeteten: einstimmig aber erwiderten sie, dass sie lieber alle Arten von Peinigungen erdulden wollten, als durch schändlichen Abfall den wahren Gott beleidigen. Nun begann die Vollziehung des Urteils. Simeon sollte Zeuge des Todes seiner Gefährten sein, weil man noch glaubte, er würde sich erschüttern lassen. Er aber ermutigte seine Brüder zum Bekenntnis des Glaubens und tröstete sie durch die Hoffnung der glückseligen Auferstehung. Nachdem die hundert Christen enthauptet waren, empfing auch Simeon die Märtyrerkrone mit seinen Bandesgenossen Abdaikla und Hananias.
Als Hananias entkleidet war, wandelte ihn plötzlich unwillkürlicher Schauer an. Das merkte Phusikius, der seit kurzem zum Karugabar oder Oberaufseher der königlichen Arbeiten aufgestellt war. „Sei getrost, Hananias,“ rief er ihm zu, „schließe die Augen, noch einen Augenblick und du wirst das göttliche Licht Jesu Christi schauen.“
Sogleich wurde Phusikius vor den König geführt, auf dass er ihm Reschenschaft gebe von dem, was er gesprochen hat. Der Fürst warf ihm Undankbarkeit vor, mit der er seine Wohltaten erwidert habe. Dieser gab zur Antwort: „Gerne möchte ich mein Leben vertauschen gegen den Tod dieser edelmütigen Christen! Ich entsage, o König, den Ehren, die du mir verliehen hast. Sie erfüllten mit Unruhe mein Herz. Eine Gnade wollest du mir gewähren! Geselle mich zu denen, von deren Tod ich Zeuge war. Nichts kann seliger sein als ihr Tod.“
„Wie! diesen Tod ziehst du deiner Würde vor,“ rief der König aus, „bist du noch bei Sinnen?“ – Phusikius: „Wohl bin ich bei Sinnen, o König! aber ich bin ein Christ, darum scheint mir der Tod bei fester Zuversicht auf Gottes Erbarmungen allen Ehren, die du mir geben kannst, weit vorzuziehen.“
Wütend verurteilte ihn Sapor zu einer schrecklichen Todesstrafe. Der Hals wurde ihm von den Henkern durchgeschnitten und die Zunge ihm ausgerissen. In dieser unerhörten Qual atmete er den Geist aus. Er hatte eine Tochter, die sich der Jungfrauschaft geweiht hatte. Auch sie wurde herbeigeführt und zum Tode verurteilt.
Der heilige Simeon starb am 17. April 341 und so wurde sein Verlangen, am Tag der Todesfeier Jesu Christi zu sterben, erfüllt. Der heilige Maruthas hat die Überbleibsel des heiligen Bischofs und anderer Märtyrer dieser Verfolgung gesammelt und sie in die Kirche seines bischöflichen Sitzes in Mesopotamien gebracht, die später den Namen Martyropolis (Märtyrerstadt) bekam. Unser Heiliger steht unter dem 21. April im römischen Martyrologium. In den Menäen der Griechen aber unter dem 17. Desselben Monats. Das Menologium des Kaisers Basilius feiert sein Andenken am 14. April.
Heutzutage wird in der abendländischen Christenheit Ostern am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, also in der Zeit vom 22. März bis zum 25. April, gefeiert. So war es nicht immer, und früh schon gab es Meinungsverschiedenheiten über das Datum des Festes. Während die Gläubigen des Morgenlandes Ostern in Anlehnung an das jüdische Osterfest auch an einem Werktag begingen, wurde es im Abendland stets an einem Sonntag gehalten.
Als sich diese an sich nebensächliche Unstimmigkeit erstmals im 2. Jahrhundert zuspitzte, reiste der zu der Zeit bedeutendste Bischof des Morgenlandes, der heilige Polykarp, eigens nach Rom, um mit dem Papst, dem obersten Bischof der gesamten Christenheit, die strittige Angelegenheit zu besprechen, und dieser Papst, mit dem der heilige Polykarp damals verhandelte, war der heilige Anizet, dessen Gedächtnis die Kirche heute feiert.
Eine Einigung kam zwischen Anizet und Polykarp zwar nicht zustande, aber man ging im Frieden auseinander, ohne der Sache eine besondere Bedeutung beizulegen. So sollte es unter Christen immer sein, dass sie nämlich bei allen Unstimmigkeiten von minderer Bedeutung den Frieden wahren und die Liebe entscheiden lassen, denn nicht das Recht, sondern die Liebe macht das Christentum aus. Papst Anizet, dessen Meinung über das Datum der Osterfeier sich später übrigens allgemein durchsetzte, ist also ein österlicher Heiliger, denn ihm verdanken wir es, dass das höchste Fest der Kirche, an dem wir der Auferstehung Jesu gedenken, stets an einem Sonntag begangen wird.
Papst Anizet war der zehnte Nachfolger des heiligen Petrus auf dem Bischofsstuhl zu Rom und regierte die Kirche Gottes elf Jahre lang von 154 bis 165. Wenn außer der oben erwähnten Streitfrage über das Datum des Osterfestes sonst kaum etwas aus seinem Leben bekannt ist, so ist dieser Umstand darauf zurückzuführen, dass zu seiner Zeit die vierte römische Christenverfolgung ausbrach, die zu den grausamsten zählt. Da hatte man weder Zeit noch Lust, Aufzeichnungen zu machen, zumal da die Geheimpolizei Haussuchungen und Jagden auf die Christen veranstaltete.
Die Zeiten, in denen die Kirche verfolgt wird, sind übrigens stets auch glorreiche Zeiten, denn in den Martern der Glaubenshelden wird Christus verherrlicht und sein Erlösungstod auf Golgatha vervollständigt. Auch erstarkt in solchen Zeiten die Kirche innerlich, insofern die Gläubigen in Not und Kampf geläutert werden, und äußerlich, insofern ihr das herrliche Beispiel der Blutzeugen neue Anhänger zuführt. Am verdienstvollsten wirkt sich das Martyrium natürlich für die Martyrer selbst aus, denn ihrem kurzen Leid folgt die ewige Freude des Himmels. Auf diese Weise bewahrheitet sich an ihnen wohl am deutlichsten das Sprichwort: