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Das fehlende Kreuz

in Literatur 27.01.2014 01:05
von Hemma • 573 Beiträge

Ein Gespräch der russischen Schriftstellerin Alja Rachmanowa mit einem Medizinstudenten ein Jahr vor der Oktoberrevolution in Russland :

Sie berichtet:
Mir war ein Student zugeteilt, ein Mediziner, den ich bisher nicht gekannt habe…
Ich beobachtete ihn schweigend. Die Leute sagen, ich besäße die seltene Gabe zuhören zu können; daher kommt es wohl, dass die Menschen sich immer an mich wenden, wenn sie sich etwas vom Herzen sprechen wollen.

„Wissen Sie, in mir geht Merkwürdiges vor. Ich habe nämlich Gott verloren. Das heißt eigentlich, ich habe ihn nie besessen, habe aber jetzt Sehnsucht nach ihm bekommen.“

Er erzählte, dass seine Eltern Atheisten gewesen seien und ihn „fern von Gott“ erzogen hätten; sie wollten ihm nicht den Kopf mit „alten Sagen und Phantasien" beschweren.

„Und bis jetzt lebte ich vollständig ruhig. In die Kirche ging ich nur, weil man uns im Gymnasium dazu zwang, aber ich ließ keine Gelegenheit vorübergehen, mich über die Kirche und die Geistlichen lustig zu machen. Niemals fühlte ich Reue darüber. Und stellen Sie sich vor, womit das bei mir begann!
Im Sommer organisierten wir eine Drushine (Abteilung), um den Bauern bei der Ernte zu helfen. Wir hatten schon sehr viel Getreide eingebracht, und eine kleine Gruppe sollte noch einer Soldatenwitwe helfen. Sie lebte in großer Armut, hatte einen Haufen Kinder, die alle krank waren und war über die Hilfe, die wir ihr brachten, hocherfreut. Sie bewirtete uns mit Kwaß (ein Getränk) und geriebenem Rettich, und wir wollten uns schon aufmachen, um zu arbeiten, als sie sagte: „Nun, Kinder, jetzt zeigt mir eure Kreuze, denn ich will lieber verhungern, wenn ihr Ungetaufte seid; von Unchristen lass´ ich mir mein Getreide nicht einbringen, ihr würdet es mir nur verunreinigen!“

Alle meine Kameraden hatten ihr Kreuz an der Brust, nur ich nicht. Das Weib protestierte gegen meine Teilnahme an der Erntearbeit, und weder meine Behauptung, ich sei getauft, noch das Zeugnis meiner Kameraden nütze etwas. Ich musste heimgehen.
Unterwegs begann ich über Gott und den Glauben nachzudenken. Und da kam mir ein ganz einfacher Gedanke, den ich wohl schon hundertmal gelesen, aber nie beachtet hatte. Wenn es keinen Gott gibt, wie könnte ich dann in meiner Seele fühlen, wie er sein müsste? Ich begann erst jetzt das zu verstehen, was ich so oft gelesen, dass das Sittengesetz in mir auf etwas außer mir hinweist.
Ich kann nicht formulieren, was ich fühle, aber ich habe eine Sehnsucht nach Gott. Wie leicht wäre mir´s jetzt ums Herz, wenn ich glauben könnte, dass Gott existiert! Doch mein Vater hat mich gelehrt, es gäbe keinen Gott. Ich habe aber zuwenig an meinem Leben, und der Fortschritt der Menschheit, der meinem Vater als Gott diente, auch der kann mir nicht genügen. Ich brauche jemanden, zu dem ich beten kann, an den ich mich in meiner Schwäche, in meiner Einsamkeit und der Armut meiner Seele wenden kann!
Jene Bäuerin hat mich tief ergriffen. Sie will meine Arbeit nicht, weil ich kein Kreuz habe. Und ich, ich habe die Freude, am Leben verloren, weil ich kein Kreuz habe, und in meiner Seele ist die Leere des Todes.“

So sprach er noch lange. Dann fragte er: „Und Sie, sind Sie religiös?“
„Ja“, sagte ich, „in unserer Familie ist das etwas Selbstverständliches.“
Ich begann ihm zu erzählen, von den Klöstern in Kiew und am Ural, von den Kershaken, den Altgläubigen, vom Einsiedler Grigori, der im Sommer und im Winter barfuß geht und nur von Beeren und Pilzen lebt, von den Seen, an denen die Hütten der einsamen Büßer stehen…
„Ich liebe alle diese Orte, sie sind so untrennbar mit meiner Kindheit verbunden, jeden Sommer verlebe ich in dieser Einsamkeit, mit der Natur und mit Gott…Ich habe nie gefragt, ob Gott ist oder nicht. Wenn Sie nur einen einzigen Tag in diesen Klöstern, in diesen Bergen, mit diesen Menschen sein dürften, Sie wären für immer von Ihrem Atheismus geheilt…“

aus „Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“
v. Alja Rachmanowa

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