1. Woher der Schwindel so vieler, die mit einem Unglauben prahlen, der alle Vernunft beleidigt? Haben sie etwa mit ernsthaftem Nachdenken geforscht, und die Religion falsch befunden? Haben sie die unerschütterlichen Grundfesten untersucht, auf denen das Christentum ruht, das das Götzentum stürzte, die scharfsinnigsten Geister überzeugte, die Welt sich unterwarf, und während der Dauer von zwei Jahrtausenden so viele Erderschütterungen, Throne, Regierungen, Diktaturen und Revolutionen überlebte? Nein! Warum denn sind sie ungläubig? Darum, weil es bequemer ist, nicht zu glauben, als die Sitten nach dem Glauben zu ordnen.
2. Wer war je ungläubig, um besser zu werden? Wen führte je das Verlangen nach Wahrheit und Gottesfurcht zum Unglauben? Fragen wir die meisten Ungläubigen, wann das große Licht der Aufklärung anfing ihnen aufzugehen, so erfahren wir, dass dies zur Zeit geschah, als die Liebe zur sinnlichen Lust in ihnen erwachte, als sie ihren Leidenschaften freien Zügel ließen. Peinlich war ihnen damals das Joch des Glaubens, man musste es also abwerfen und Mittel suchen, das schreiende Gewissen zu beschwichtigen, dazu aber bot der Unglaube das trefflichste Mittel. Man suchte Bücher und Freunde, in diesem Unglauben sich zu stärken, und fand beide, und so wurde die blinde Leidenschaft die Führerin, der man blindlings folgt.
3. Viele indessen tragen eigentlich mehr die Larve des Unglaubens. Gern zwar fänden sie alles unwahr, was in ihrer Leidenschaft sie stört. Auch ist aller seichte und lügenhafte Spott irreligiöser Schriftsteller ihnen willkommen. Dessen ungeachtet aber ist der Glaube in ihrem Herzen, wie das Feuer unter der Asche verborgen. Manche Gelegenheit versetzt sie in Angst und Schrecken und zeigt ihnen, dass sie mehr Glauben haben, als sie meinen. Möchten sie doch bedenken, wohin dieser Unglaube sie führen wird. Wer befolgte je die Lehren des Glaubens getreu, und hätte dies auf seinem Totenbett bereut? Oder wer hätte diesem Glauben damals abgeschworen, um Gott zu gefallen? Sollte dies aber nicht allein genügen, alle Ungläubigen zum Glauben zurückzuführen! "Bekehrt euch zu mir, so wird euch Heil widerfahren." (Jesaja 45,22)
1. Wer das rastlose Treiben und die unermüdlichen Anstrengungen der Kinder dieser Welt mit erleuchteten Augen des Glaubens betrachtet, kann sich nicht erwehren, über ihre sonderbare Verblendung zu seufzen. Allen Fleiß und Scharfsinn bieten sie auf, neue Erfindungen und Einrichtungen zu ersinnen, wodurch sie zu Reichtum, Ehre und zu Mitteln gelangen, ihre Begierden zu sättigen. Und als klug und weise rühmen sie diejenigen unter ihnen, denen dies auf vorzügliche Weise gelingt. Indessen dienen alle diese Dinge nur dazu, die Not und die Armseligkeiten dieses Lebens zu lindern, denn sie sind nur Mittel. Sie aber halten sie in ihrer Verblendung für das Ziel selbst, nämlich für die Glückseligkeit des Lebens.
2. Lebten unter den Sterblichen dieser Erde auch solche, die unsterblich wären, sicher würden sie dann zu den ersten sprechen: Ihr kurzsichtigen Toren, wie bemüht ihr euch euer kurzes Leben hindurch um Erfindungen und Verschönerungen, da ihr nur so wenige Jahre euch hier aufhaltet. Überlasst uns diese Dinge, die wir ewig hier bleiben, und seid vielmehr um solche Dinge besorgt, die ihr in das Haus eurer künftigen Ewigkeit mitnehmt. Je mehr ihr von den sogenannten Gütern und Lüsten dieser Erde euch fern haltet, um so leichter auch wird euch der Abschied von dieser Erde werden, wo ihr keine bleibende Stätte habt.
3. "Die wahre Weisheit kommt von oben herab!" Sie ist himmlisch und führt allein zum Himmel. Sie ist nicht auf die verdorbene, sondern auf die erlöste Natur gegründet. Sie allein auch ist erhaben und unwandelbar, wie Gott selbst, von dem sie ausgeht. Sie ist überaus hellsehend, denn sie sieht Gott und die Ewigkeit, und betrachtet alle Dinge dieser Welt als Mittel, die, weise verwendet, zu dem wahren Ziel, zur unendlichen Glückseligkeit führen. Weise wirst du nur dann sein, wenn du diese Weisheit erlernst, die unendlich hoch über der Weisheit dieser Welt steht. 1. Korinther 3,19a: "Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott."
Der Heilsplan Gottes für den Menschen Gott offenbart seinen „gnädigen Ratschluß“
Die erhabene Bestimmung des Menschen
Ich pilgre hier in fremdem Land,
Und ziehe eilig fort;
Im Himmel ist mein Ort.
Bald fällt des Fleisches Scheidewand,
Dann reicht mein Schöpfer mir die Hand,
Und nimmt nach meinem Lauf
Mich gnädig zu sich auf.
1. Wie kam ich in diese Welt? Und was soll ich in ihr? Verdanke ich vielleicht mein Dasein den leiblichen Eltern? Aber kennen denn diese Eltern auch nur die Hälfte der inneren Organe meines Leibes? Setzten sie den unendlich kunstreichen Bau meines Auges oder meines Gehirns zusammen? Und wie verknüpften sie meinen unsichtbaren Geist mit diesem sichtbaren Körper zu einem Wesen? Eine Kunst unendlicher Weisheit und Allmacht ist hierzu erforderlich. Dies sagt mir das Licht der Vernunft. Gott also hat, wenn auch durch die Vermittlung irdischer Eltern, mir das Dasein gegeben. Er ist der eigentliche Urheber meines Daseins.
2. Gab aber Gottes unerschaffene Majestät mir das Dasein, so gab sie es mir offenbar zu ihrer Verherrlichung und zu meiner eigenen Glückseligkeit. Denn alle Wesen schuf der Allerhöchste für sich, alle streben nach ihm, wie nach ihrem Mittelpunkt. Dazu auch ist mein Geist mit einer Erkenntniskraft begabt, die bis ans Unendliche reicht, ihn selbst zu erkennen, und mit einem Vermögen, zu lieben, das kein erschaffenes Wesen vollauf zu sättigen vermag. Schon hieraus erkenne ich klar, dass ich erschaffen bin, meinen Schöpfer zu erkennen, zu lieben und ihn zu besitzen, da nur er, der unendliche Urquell alles Guten, mein Ziel und meine einzig wahre, volle und unendliche Glückseligkeit ist.
3. Was also soll ich hier? Offenbar soll ich das Ziel erreichen, für das mein Gott mich erschaffen hat. Hierin aber erkenne ich seine unendliche Güte, die mich nicht erschuf, und dann mir selbst mich überließ. Er gab mir sein heiliges Gesetz als den Weg, auf dem ich zu ihm gelange. Nicht erschaffen wurde ich also, in dieser Welt reich zu werden, nach vergänglicher Ehre zu streben, sündhaften Lüsten mich zu ergeben. Vielmehr würden diese Dinge unendlich weit von dem Weg meiner himmlischen Pilgerschaft mich entfernen. Sondern erschaffen wurde ich, den Willen meines Schöpfers auf die Art und Weise zu tun, die seine heilige Vorsehung mir vorzeichnet, weil ich nur dadurch zu meinem erhabenen Ziel gelange. Psalm 119,73: "Deine Hände, mein Gott, haben mich gemacht und geformt. Gib mir Einsicht, damit ich deine Gebote lerne."
1. Wie vom Gipfel eines hohen Berges blicke ich im Licht dieses neuen Jahres in den Abgrund der Zeiten hinab. Wie schnell verging das letzte Jahr, wie schnell meine ganze Lebenszeit, wie schnell alle Stunden, Tage und Jahre, die seit der Schöpfung verflossen sind. Alle eilten in den Ozean der Vergangenheit, wo nun Tage, Wochen, Jahrhunderte von gleicher Kürze sind. Wie viele aber nahm das verflossene Jahr auf seinen Flügeln mit sich in die Ewigkeit, die seinen Anfang noch froh erlebt hatten. Junge und Alte, Reiche und Arme, Könige und Bettler, ja wie viele meiner Freunde und Bekannten auch, die nichts weniger als eines so schnellen Endes gedachten. Kann aber, was im verflossenen Jahr ihnen widerfuhr, im laufenden Jahr nicht mir selbst widerfahren?
2. O Zeit, wie schnell ist deine Eile, wie unsicher deine Dauer, wie unendlich dein Wert. Du bist das Talent, das der himmlische König mir anvertraute. Von deiner Verwendung hängt das Los meiner Ewigkeit ab. Muss ich aber nicht zitternd auf das vergangene Jahr zurückblicken? Sammelte ich mir nicht Schätze des Zorns für den Tag des Gerichts? Und in der großen Anzahl meiner Werke: wie wenig Frucht für den Himmel, und wie viel Spreu zum Verbrennen.
3. Dank und Anbetung dir, o König der Ewigkeit, mein Schöpfer und mein allerhöchster Herr. Abermals führte deine Huld in ein neues Jahr mich ein, meinen unermesslichen Verlust zu ersetzen. Ach, wie würden so viele, die nun auf ewig von deinem Angesicht verworfen sind, diese kostbare Zeit verwenden, wenn sie für sie zurückkehrte. Und ich sollte noch länger säumen, mein ewiges Heil durch Werke des Lebens zu sichern? Ach, schon ist vielleicht das Ziel meines Lebens nahe. Ist aber dieses Jahr mein letztes: was möchte ich dann nicht alles darin getan haben. Vergeblich jedoch sind dann meine Wünsche. So will ich denn nun mit deiner Gnade, Herr, kräftig beginnen. Nun ist die Gegenwart in meiner Gewalt; "nun sind Tage des Heils; nun ist eine gute Zeit."
b]"Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht!" (1. Korinther 16,22)[/b]
"Was suchst du, das du nicht in Christus fändest? - Bist du krank? Er ist der Arzt - Bist du in der Verbannung? Er ist dein Haupt. - Schmachtest du in Trübsalen? Er ist dein König. - Wirst du angefochten? Er ist dein Verteidiger. - Weilst du in Finsternissen? Er ist dein Licht. - Bist du verwaist? Er ist dein Vater. Er ist dein Bräutigam, er ist dein Freund und dein Bruder. Alles ist Christus, was immer du verlangen kannst und sollst." (Der heilige Bernard)
Ganze Stunden brachte der heilige Franziskus von Assisi in der Betrachtung der süßen Worte zu: "Mein Gott und mein Alles!"
Können wir nicht füglich mit dem heiligen Augustinus ausrufen: "Wie unglückselig, o Gott, ist, wer Dich nicht kennt; kennte er auch alle Dinge außer Dir. - Wie glückselig dagegen ist, wer Dich kennt und liebt; kennte er auch außer Dir nichts anderes auf Erden! O gib mir, dass ich Dich erkenne und liebe!"
Ein wunderbarer Liebhaber und Nachahmer des Sohnes Gottes war der heilige Apostel Paulus, der gleich einem Seraph im sterblichen Fleisch, vor Liebe glühte. Dies bezeugt das ganze Leben, dies alle Sendschreiben dieses großen Apostels. Hier nur wenige Funken dieses heiligen Feuers, das ihn verzehrte. "Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Gassenkot, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein." (Philipper 3,7-8) Und abermals: "Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. - Ich trage die Wundmale Jesu Christi an meinem Leib." (Galater 6,14 u. 17b) "Sie sind die Merkmale meiner Liebe zu Ihm; ja sie sind das Gepräge, dass ich sein Knecht und sein Leibeigener bin!" - Und wie feurig auch flammt diese Liebe in den Worten: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung; Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, Weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn." (Römer 8,35 u. 37-39) Und endlich: "Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn." (Philipper 1,21) Er ist mein Alles und als die höchste Glückseligkeit achte ich den Tod, da er die Pforte mir öffnet, zu Ihm, meiner ewigen Lieb, zu gelangen!
Eine heilige Klosterjungfrau sprach, ihre Gefährtinnen zur Liebe Christi anzuregen, also zu ihnen: "Erschaffen wurden wir einzig, Gott zu lieben; und wir sollten Ihn nicht lieben? Wie, nicht lieben sollten wir unseren Gott, der die ganze Ewigkeit hindurch nicht einen Augenblick nachließ, uns zu lieben? - Nicht lieben sollten wir um Seiner selbst willen einen unendlich vollkommenen Gott, der uns mit so uneigennütziger Liebe liebte? - Nicht lieben sollten wir Ihn mit der zartesten Liebe, der uns mit der Liebe eines Vaters, einer Amme, einer Mutter liebte? - Nicht lieben sollten wir Ihn mit großmütiger Liebe, der uns so sehr liebte, dass er der größten Schmach, den unaussprechlichsten Schmerzen, ja dem Tod sich hingab? - Nicht lieben sollten wir aus der ganzen Kraft der Liebe, deren wir mit der Gnade fähig sind, einen Gott und Erlöser, der uns mit so wunderbarem Übermaß liebte?"
O liebreicher Erlöser, zerknirscht ist mein Herz, das Du so oft, ja täglich und allenthalben so schwer beleidigt wurdest, und es noch immerfort wirst! Nach Dir, und einzig nach Dir seufzt mein Verlangen. O gib uns Deine Liebe! Verleihe uns, dass wir auf eine Weise Dich lieben, die Deinem liebreichen Herzen auf die wohlgefälligste Weise entspricht! Amen.
1. Durch deine Barmherzigkeit, o Gott, mein gütiger Schöpfer, gelangte ich bis zu diesem letzten Tag des scheidenden Jahres. Preis sei deiner unendlichen Güte, die das Leben bis auf diese Stunde mir geschenkt, und jeden Tag dieses Jahres durch neue Wohltaten gesegnet hat. Wie, o lieber himmlischer Vater, soll ich alle diese Gnaden dir vergelten. Wie viele Gefahren hast du gnädig von mir abgewendet. Wie oft bist du in meinen Nöten mir zu Hilfe gekommen. Wie väterlich hast du für mich gesorgt. Wie oft meine Sünden und Fehler mir liebevoll verziehen. Wie oft mein Herz durch deine heiligen Einsprechungen erleuchtet und zum Guten angezogen. O sei gepriesen, ewige Barmherzigkeit. Es danke dir an meiner Stelle dein eingeborener Sohn und der ganze himmlische Hof, da ich nicht vermag, auch nur für eine Wohltat dir würdig zu danken.
2. Verzeihe mir auch, o ewige Güte, allen Undank, alle Sünden, wodurch ich im Verlauf dieses Jahres deine göttliche Majestät beleidigte, und meine große Lauigkeit in deinem heiligen Dienst. Denn in Zerknirschung meines Herzens bekenne und bereue ich in deiner göttlichen Gegenwart, dass ich deiner selten gedachte, dass ich deine heiligen Gebote öfters übertrat, von meinen ungeordneten Begierden mich hinreißen ließ, hart und lieblos gegen meinen Nächsten war, und durch viele Gedanken, Worte und Werke mich versündigte. Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, sondern erbarme dich meiner nach der Fülle deiner ewigen Erbarmungen.
3. Wie schnell, Herr, ging auch dieses Jahr vorüber. Ach, schon naht der Tod. Nicht mehr lange, und ich werde vor deinem heiligen Richterstuhl erscheinen. Vielleicht erlebe ich das Ende des beginnenden Jahres nicht. Denn wie viele, die das Ende des gegenwärtigen zu erleben hofften, sahen es nicht mehr. Darum, mein Gott, will ich das kommende Jahr als das letzte meines Lebens betrachten, und mit deiner Gnade mich jeden Tag bereit halten, auf deinen Ruf zu erscheinen. Segne, Herr, meine Vorsätze, dass ich sie zu deiner Ehre und zu meinem Heil vollbringe. Ijob 16,22: "Denn nur noch wenige Jahre werden kommen, dann muss ich den Pfad beschreiten, auf dem man nicht wiederkehrt."
Der Heilsplan Gottes für den Menschen Gott offenbart seinen „gnädigen Ratschluß“
27. Dezember - Erscheinung des Engels bei den Hirten
Hört den Engel auf der Heide,
Wie er zu den Hirten spricht:
Öffnet euer Herz der Freude,
Denn vom Himmel kam das Licht.
Nicht mehr sind wir nun verloren,
Denn der Heiland ward geboren.
1. Betrachte die schlichten Hirten, die über ihre Herde wachen, und mitten in der Nacht plötzlich einen Engel in himmlischer Klarheit vor sich sehen. Angst und Schrecken überfällt sie bei diesem Anblick. Aber da heute, durch den göttlichen Mittler, die Engel mit den Menschen verschwistert werden, tröstet er sie alsbald liebevoll und spricht: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird." Wie wunderbar sind Gottes Ratschlüsse! Keinem Großen, keinem Reichen, keinem Gelehrten dieser Welt: armen, einfachen, ungebildeten Hirten offenbart er die erhabensten Geheimnisse. Er verachtet die Stolzen und erwählt die Demütigen. Sei also demütig und der Herr wird seinen Auserwählten dich beizählen.
2. Die Freude, die der Engel Gottes verkündigt, ist die Geburt unseres göttlichen Erlösers. Was auch kann den Gefangenen lieblicher erfreuen, als dass ein Erlöser ihn befreien, was den unheilbar Kranken, als dass ein allmächtiger Arzt ihn heilen, was den zum Tod verurteilten Verbrecher, als dass das Leben ihm geschenkt wird. Sei gebenedeit, geliebter göttlicher Erlöser, der du kamst, uns zu befreien, zu heilen, und von der ewigen Verdammnis zu erretten. Es ist aber diese Erscheinung nicht ohne Geheimnis, denn diese Hirten stellen die Hirten der Kirche vor, die die Herde Jesu Christi weiden, und denen Gott zuerst die Geheimnisse des Heils offenbart, damit sie ihre Schafe darüber belehren.
3. So erfreue dich denn mit diesen frommen Hirten, denn auch dir wurde dieser Erlöser geboren. Denn wurde er auch nur einmal aus der Jungfrau geboren, so wird er doch täglich unsichtbar durch die Gnade in den Herzen geboren, zumal in dieser heiligen Zeit, und bringt darin die nämlichen Wirkungen hervor, wie bei seiner ersten gnadenreichen Geburt, da er von der Tyrannei der Sünde uns erlöst, das Leben der Gnade uns mitteilt, und uns himmlische Freude und Frieden verleiht. Titus 2,11-12: "Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben."
von Joachim und Anna bis auf Constantin den Großen
neu erzählt, geordnet und gedichtet von
Richard von Kralik, 1902)
So kam nunmehr die Zeit so klar,
Da der Baum des Lebens gebar
Die wunderbare Frucht
Aus Gottes schöner Zucht.
Viel Wunder in der Zeit geschah:
Drei Sonnen sah
Man am Himmel in lichtem Schein;
Die Welt erschrak drob allgemein.
Sibylla hatte vorhergesagt
Von dieser kaiserlichen Magd
Und von ihrem Kinde;
Doch nicht verstand es die Welt, die blinde.
Es herrschte damals im römischen Land
Augustus, der Kaiser hochgenannt,
Den die Römer wollten machen zu Gott;
Er aber hielt es nur für Spott.
Er sandte in der Stille
Nach der Weissagin Sibylle,
Dass sie ihm täte kund
Durch ihren weisen Mund,
Was dieses Zeichen dem Geschlechte
Der Sterblichen bedeuten möchte.
Da ließ sie ihn erschauen
Die schönste der Jungfrauen
In jener Sonne klar und rein,
Die hielt ein göttlich Kindelein.
Der Ort, wo dies der Kaiser schaute,
Ist heute eine heilige Baute,
Die "Ara coeli" wird genannt:
"Des Himmels Altar" wohlbekannt,
Weil der Kaiser an dieser Statt
Zuerst nach der Sibylle Rat
Weihrauch dem Herrn der Welten schwang
Und selbst in Staub vor ihm hinsank,
Worauf er allem Volk gebot,
Dass man ihn nimmer nenne Gott.
Ein neues höheres Königtum
Ward da begründet, Gott zum Ruhm,
Ein ewigliches Himmelreich,
Darin der Kaiser gelte gleich
Dem Bettler, und als erster prangt,
Der nach dem letzten Dienst verlangt.
Gegrüßet und gebenedeit seist du, allerreinste Jungfrau Maria, die du empfangen und geboren hast, und allezeit unbefleckt und unversehrt geblieben bist. Sei gegrüßt du Tempel des lebendigen Gottes, du erwähltes Gefäß des Heiligen Geistes, du Brunnen des lebendigen Wassers, durch das die ganze Christenheit erquickt wird. Denn aus dir wollte geboren werden die Klarheit des ewigen Lichtes, der schönste unter den Menschenkindern, der König der Ewigkeit, der Heiland der Welt, Jesus Christus.
Zu Gott
O Gott, der Du durch die fruchtbare Jungfrauschaft Mariens dem menschlichen Geschlecht die Freuden des ewigen Heils verliehen hast: wir bitten Dich, lass uns die Fürbitte derjenigen zuteil werden, durch die wir verdient haben, den Urheber des Lebens zu empfangen, unseren Herrn Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.
Zu Gott auf die Fürbitte der heiligen Anastasia
Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, schenke, dass wir auf die Fürbitte Deiner heiligen Martyrin Anastasia zur ewigen Glückseligkeit gelangen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Heute ist das große Fest der seligsten Jungfrau, an dem sie eine wahre Mutter Gottes wurde, und zu einer so hohen Würde gelangt ist, die kein erschaffener Verstand begreifen kann. Der Evangelist Matthäus drückt ihre Hoheit bloß mit den Worten aus, da er nur sagt: "von der geboren ist Jesus, der Christus oder Messias genannt wird".
Der Heilsplan Gottes für den Menschen Gott offenbart seinen „gnädigen Ratschluß“
In der heiligen Christnacht
Zerknirscht in Andacht und in tiefer Wehmut
Betrachte ich dich, Herr, in diesem Stalle.
Wohin, mein Heiland, führt dich deine Demut,
Uns aufzurichten von des Stolzes Falle.
In welche Not hat Liebe dich getrieben.
Mein Geist vergeht. - Ein Gott nur kann so lieben.
1. Komm, nahen wir uns mit Andacht der heiligen Krippe, betrachten wir dies göttliche Kind, das für uns geboren wurde. O wunderbares Knäblein, das du die Seligkeit Gottes und unser Elend in dir vereinst, damit deine gnadenreiche Geburt die Flecken unseres Ursprungs reinige, deine Seligkeit unser Elend löse, dein Tod unseren Tod verschlinge: ich bete dich aus allen Tiefen meines Herzens mit Maria und Joseph, mit allen heiligen Engeln, mit den frommen Hirten und mit allen deinen Auserwählten von Anbeginn bis ans Ende der Zeiten an, und preise mit ihnen den ewigen Vater, dessen unendliche Barmherzigkeit heute dich uns zum Bruder gegeben hat.
2. O heilige und wunderbare Kindheit meines Herrn, wie unendlich stärker und weiser ist deine Schwäche und Unmündigkeit, als alle Stärke und Klugheit der Menschen. Ob auch in der demütigen Krippe liegend, wirkst du in Gottes Kraft und Weisheit. Deine Schwäche besiegt der Fürsten dieser Welt, sie bindet diesen stark Bewaffneten, sie löst und befreit unsere Gefangenschaft. Deine heilige Armut bereichert uns mit allen Gütern des Himmels. Deine Geburt in der menschlichen Natur bringt die wahre Unschuld uns zurück, durch die jedes Alter in eine selige Kindheit zurückzukehren, und dir, nicht zwar an Kleinheit der Glieder, sondern an Demut des Sinnes und Unschuld der Sitten, ähnlich zu werden vermag.
3. O göttliches Geheimnis, heilig und schrecklich ist dein Name, ein Quell ewiger Erbarmungen und ein Abgrund der Gerichte. Du bist die Erlösung der Gläubigen, das Gericht der Gottlosen, der Sturz der Stolzen. In demütiger Liebe zitternd bete ich dich an, und komme mit Vertrauen zum Thron deiner Gnade. Denn nicht Schrecken kamst du einzuflößen, du kamst, Liebe zu erwecken. Du kamst, den Frieden mir zu bringen, und mich, dein verlorenes Schaf, zu suchen und zu deiner himmlischen Herde zu führen. Sei ewig gebenedeit, mein Heiland. Dir will ich leben, dir sterben, dir ewig angehören. "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." (Johannes 1,14a)
Der Heilsplan Gottes für den Menschen Gott offenbart seinen „gnädigen Ratschluß“
24. Dezember - Am Vorabend der Geburt des Herrn
O komm herab auf unsre Flur,
Geliebter Gottesknabe.
Komm, Mittler doppelter Natur,
Und nimm mein Herz als Gabe.
Nach dir erseufzet mein Gemüt,
Das dich zu schauen, Herr, erglüht.
1. Betrachte die Mühsale der heiligen Familie, die, in dem Befehl der weltlichen Obrigkeit Gottes Anordnungen verehrend, ohne Klage die weite Reise von Nazareth nach Bethlehem antritt, daselbst dem Edikt des Kaisers Augustus gemäß sich aufzeichnen zu lassen. O Tiefe der Ratschlüsse Gottes! Der menschliche Stolz führt seine Pläne aus, und weiß es nicht, dass er dabei Gottes Absichten ausführt, der feierlich durch seinen Propheten hatte verkündigen lassen, der Welterlöser werde zu Bethlehem geboren werden. So hatte Gottes Weisheit es geordnet, damit durch die öffentlichen Register, in die Jesus eingetragen wurde, bekannt wäre, er sei zu Bethlehem geboren.
2. Schwer von der langen Reise ermüdet, kommt endlich die heilige Familie in der Stadt Davids an, wo die Zeit erfüllt wird, dass die jungfräuliche Mutter Gottes das Licht der Welt gebären sollte. Sie suchen eine Herberge und finden keine. Alle Türen und alle Herzen sind ihnen verschlossen. So wird der Sohn Gottes, der Erlöser Israels, von seinem Volk verstoßen, noch ehe er geboren ist. Ein öder Stall nimmt die Verlassenen auf. Dies ist der Palast des Königs des Himmels und der Erde. Hier kommt der Erlöser zur Welt, und gibt durch seine Armut, durch seine Demut, durch seine Not mir die erste Lehre, die er einst am Kreuz als die letzte besiegeln wird, mein Herz von dieser Welt zu entfesseln.
3. Weisheit Gottes, Gott Emmanuel, Gesetzgeber und Erlöser der Welt, Ersehnter der Nationen, komm und erleuchte die Welt durch dein göttliches Licht. Befreie uns von der dämonischen Nacht der Sünde. Sieh, alle Gerechten erwarten dich, alle Armen im Geist seufzen nach dir, alle Gefangenen harren deiner, und beten zu dir, von ihren Fesseln sie zu erlösen. O komm! Auch meine Seele setzt alle ihre Hoffnung auf deine gnadenreiche Geburt, denn du allein bist ihr Heil. Tilge meine Sünden durch dein Erbarmen. Nimm Besitz von meinem Herzen und herrsche darin in Zeit und Ewigkeit. "Morgen werdet ihr die Herrlichkeit des Herrn schauen." (Exodus 16,7)
Am Vortag des Weihnachtsfestes feiert die Kirche das Gedächtnis unserer heiligen Stammeltern. Es ist billig und recht, dass Adam und Eva trotz der Sünde im Paradies nicht verlorengingen, denn sie waren als die ersten Menschen von Gott in einzigartiger Weise erschaffen worden; ihnen wurde als den ersten der kommende Erlöser verheißen, und beide haben lebenslang danach getrachtet, in harter Buße ihre Schuld zu sühnen. Überaus sinnvoll ist es dazu, dass das Fest der Stammeltern, die von der Schlange besiegt wurden, am Tage vor der Geburt dessen begangen wird, der seinerseits die alte Schlange, welche der Satan ist, überwunden hat, und dass gerade heute des ersten Adams gedacht wird, der durch die Sünde den Tod in die Welt einführte, während morgen Christus geboren wird, der als der zweite Adam den Menschen Auferstehung und neues Leben brachte.
Legenden ranken um beide Stammeltern.
Von Adam weiß die Sage zu berichten, dass seine Reliquien stets in Ehren standen. Noach nahm sie mit sich in die Arche, und nach der Sintflut wurde der Schädel des Stammvaters auf dem Hügel Golgatha, der deswegen Schädelstätte heißt, gerade an der Stelle beigesetzt, wo die Schergen später das Kreuz errichteten, und als sich durch das Erdbeben beim Tod des lieben Heilandes der Felsen auf Kalvaria spaltete, wurde Adams Schädel bloßgelegt und von Christi Blut benetzt und gereinigt. Aus diesem Grund sieht man auf den Gemälden, welche die Kreuzigung darstellen, zuweilen einen Totenkopf abgebildet. Es ist der Schädel Adams.
Auch meinen die Gottesgelehrten, dass Adam bei der Ankunft Jesu in der Vorhölle der erste war, der von ihm die Frohe Botschaft über die Vollendung der Erlösung auf Golgatha vernahm, und wieder sei er der erste gewesen, der gleich hinter dem lieben Heiland am Himmelfahrtstag in den Himmel einzog. Das alles mag auch wohl auf diese Weise vonstatten gegangen sein, denn trotz der Sünde bleibt Adam der erste Mensch, dem deswegen größere Ehre gebührt.
Nicht minder schön als die Legende, die um Adam rankt, ist auch die, welche um Eva spielt.
Es war in der Heiligen Nacht zu Betlehem. Der Heiland ist geboren. Verklungen ist das Gloria der Engel, und die Hirten befinden sich auf dem Rückweg zu ihren Zelten. Sankt Joseph ist in einer Ecke des Stalles eingenickt. Auch das göttliche Kind schläft. Nur Maria, die hochgebenedeite Gottesmutter, kniet, in Andacht und Liebe versunken, wachend vor der Krippe.
Da öffnet sich lautlos die Stalltür. Eine Frau tritt ein, in Lumpen gehüllt, nur Haut und Knochen, uralt, mit einem zerfurchten Gesicht, das braun ist wie die Ackerscholle. Sehnsuchtsvoll ruht der Blick der Alten auf dem schlafenden Kind. Leise und behutsam nähert sie sich. Nur vier Schritte sind es von der Tür bis zur Krippe, aber nach der Art, wie die Frau die Schritte macht, sollte man meinen, sie schreite durch vier Jahrtausende.
Maria erschrickt, doch mag sie es auch nicht wehren, dass sich die Greisin über das aufwachende Kind beugt und ihm – es sieht wie eine Beichte aus – geheimnisvolle, unverständliche Worte zuflüstert, und dann langt die Frau aus ihrem Kleid einen scharlachroten Apfel hervor, der seit den Tagen des Paradieses das Sinnbild der Sünde ist, und reicht ihn dem Kind, das ihn ergreift und an die Brust drückt.
Maria zittert aus Angst um ihr Kind. Doch schon reckt die alte Frau sich hoch. Viel größer ist sie geworden. Alle Falten und Runzeln sind aus dem Antlitz verschwunden. So jung und frisch ist sie, dass man meinen sollte, Jahrtausende seien von ihr abgefallen, und in den Augen steht ein Glanz, hell wie tausend Weihnachtslichter. Tief neigt sich die Gestalt vor der Gottesmutter und spricht in demütiger Verehrung:
„Ave, Maria! Ich bin Eva.“
Sagt`s, verbeugt sich noch einmal, und mit einem letzten liebenden Blick auf das gütig lächelnde Kind schreitet die Stammmutter rücklings auf den Ausgang zu und verschwindet im anbrechenden Morgen.
Schön ist die Legende von unserer Stammmutter Eva, sinn- und lehrreich dazu, denn sie gibt uns die Anregung, heute, am Tag vor Weihnachten, falls es noch nicht geschehen ist, eine gute heilige Beichte abzulegen und dann immerfort, alle Stunden, die Ursache unseres Heils, die liebe Gottesmutter, still im Herzen zu grüßen:
Ave, Maria zart, du edler Rosengart,
Lilienweiß, ganz ohne Dornen.
Ich grüße dich zur Stund mit Gabrielis Mund:
Ave, die du bist voll der Gnaden.
Durch Evas Apfelbiss Gott uns verstoßen ließ,
Und sollten ewig sein verloren.
Da ist göttliches Wort, Jesus, dein Söhnlein zart,
Der Heilsplan Gottes für den Menschen Gott offenbart seinen „gnädigen Ratschluß“
- Notwendigkeit der guten Werke
Gib mir, heil`ger Glaube, Stärke,
Dass ich durch gerechte Werke
Meinen Schöpfer täglich ehre,
Und sein Lob dadurch vermehre:
Denn dies ist das Ziel der Zeit,
Und der Lohn der Ewigkeit.
1. Ein Jünger Jesu Christi ohne gute Werke ist eine Lampe ohne Öl, die im Begriff ist zu erlöschen, - ein unfruchtbares Erdreich, das vom Fluch des Ackermanns getroffen, ein Baum ohne Frucht, der verurteilt ist, ausgehauen und ins Feuer geworfen zu werden. Wer da glaubt, und diesem Glauben nicht gemäß lebt, spricht sich selbst das Verdammungsurteil. Wurde nicht das Talent dem trägen Knecht hinweggenommen, der es vergraben hatte, und nicht damit wirkte? Wer nicht Gutes tut, tut dadurch selbst Böses, denn Unfruchtbarkeit ist im Christentum Ungerechtigkeit, und darum auch fluchte Jesus dem unfruchtbaren Feigenbaum, der nur Blätter, aber keine Früchte hatte, denn nichts bringt der Schmuck des Glaubens ohne die Frucht der Werke.
2. Man erkennt das Leben an der Bewegung. Ein Körper, der nicht mehr lebt, bewegt sich nicht mehr, also ist auch tot die Liebe, wenn sie ohne Tätigkeit ist. Ist aber einmal die Liebe erloschen, dann wird der Glaube sie nicht lange überleben. Denn das Herz verführt den Geist, die Eigenliebe besticht das Urteil, die Leidenschaft verblendet die Erkenntniskraft, und so verliert der Mensch, der nichts Gutes wirkt, die Liebe und den Glauben, versinkt in Gleichgültigkeit, und zuletzt in gänzlichem Unglauben, was vielen aus gerechter Strafe widerfuhr.
3. Ergeben wir uns guten Werken, und tun wir sie in reichlichem Maß. Tun wir sie im Stand der Gnade, mit Eifer und in der Absicht, Gott zu gefallen. Tun wir so viel Gutes, als wir früher Böses getan haben, die verlorene Zeit zurück zu erkaufen und Gottes Gerechtigkeit genug zu tun. Wofür soll der ewige Richter uns belohnen, wenn wir mit leeren Händen vor ihm erscheinen, da er so ausdrücklich spricht, "er werde jedem nach seinen Werken vergelten?" Eilen wir also, so lange uns noch Zeit dazu gestattet ist, denn schon ist die Nacht im Anzug, wo niemand mehr wirken kann. "Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Der Glaube ohne Werke ist nutzlos." (Jakobus 2,14+20)
O führe, Herr, mich in mein Innres ein, Dass ich mich schaue, wie vor dir ich bin. Der Anblick beuge meinen stolzen Sinn Und lehre mich demütig sein.
1. "Wer bist du?" So fragten die Abgeordneten der Juden den heiligen Täufer Johannes. Was aber antwortete dieser demütige Vorläufer des Messias? Füglich konnte er sich Elias, einen Propheten, und mehr als einen Propheten, er konnte den Engel sich nennen, von dem die Schrift geweissagt hatte, er würde vor dem Herrn hergehen. Er aber nannte sich eine Stimme. Was ist aber eine Stimme? Ein Schall, der tönt und verklingt. Wie tief beschämt doch die Demut der Heiligen unseren Hochmut, die wir immer mehr scheinen wollen, uns immer für besser ausgeben, als wir sind, und über diejenigen uns erbittern, die eine eingebildete Ehre uns versagen, die uns oft nicht einmal nach menschlichen Verhältnissen gebührt.
2. "Wer bist du?" Ach, mein Gott, soll ich die Wahrheit bekennen, sagen muss ich dann: Nichts bin ich durch mich. Ein Sünder bin ich, der, wenn deine unendliche Barmherzigkeit seiner nicht geschont hätte, längst im ewigen Feuer, ein Raub der endlosen Verzweiflung, ein Gefährte der schrecklichen Gespenster der Hölle wäre. Ein elendes, ohne Unterlass zum Bösen geneigtes Geschöpf bin ich, das nichts Gutes aus sich vermag, ein wankendes Rohr, das vom Wind jeder Leidenschaft hin und her bewegt wird, ein unreiner Mensch, der vor Schande sich verbergen müsste, wenn die Werke seiner Finsternisse bekannt würden. Und dabei bin ich von Eitelkeit aufgedunsen, und fordere Ehre von den Menschen.
3. Herr, erbarme dich meiner. Siehe, barmherziger Arzt, ich habe meine Wunden dir offen bekannt. Heile sie, und lass das Opfer meiner Demütigung dir gefallen. Verleihe mir bei deiner heiligen Ankunft die Kraft, "den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen, der nach Gott erschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit." (Epheser 4,22-24) Verleihe mir den Geist der Buße, dass ich die Verachtung der Menschen ohne Murren ertrage, auf den Spuren deiner heiligen Demut gehe, mein Kreuz täglich auf mich nehme und dir nachfolge, damit ich durch deine Barmherzigkeit die Verzeihung meiner Sünden erlange und deinen Auserwählten beigezählt werde. "Überschätze dich nicht vor dem Volk; bedenke, dass der Zorn nicht ausbleibt. Demütige deinen Stolz ganz tief, denn was den Menschen erwartet, ist die Verwesung." (Jesus Sirach 7,16-17)
In der Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn gibt uns die seligste Jungfrau Maria ein passendes Beispiel für unser Verhalten, wenn der Gottmensch Jesus Christus sich würdigt, in unsere Herzen Einkehr zu nehmen. Die Kirche hatte ein eigenes Fest eingesetzt, das uns dieses Geheimnis, die Erwartung der Geburt des Heilandes von Seiten der heiligen Jungfrau, vor Augen führt.
Von welchen Gedanken war wohl Maria beseelt bei der Erwartung der Geburt des Heilandes? Wir wollen uns im Geist in ihr Kämmerlein nach Nazareth versetzen und ihre Gesinnungen zu erforschen suchen.
Die erste Gesinnung, die sie beseelte, war jedenfalls die Demut. Sie hat niemals begreifen können, dass sie Mutter Gottes werden sollte, und als der Erzengel Gabriel ihr Verkündete, dass dies Wunder an ihr geschehen sollte, da beugte sie ergeben ihr Haupt unter den Willen Gottes, ihres Herrn, und verharrte trotz der unermesslich hohen Würde in tiefster Demut. „Die Person des Gottessohnes“, so begrüßt sie der heilige Ildephons, „wird aus dir geboren werden und von dir Fleisch annehmen; es wird dieses sein der Große, der Gott aller Herren, der König aller Jahrhunderte, der Schöpfer aller Dinge. Siehe, selig bist du unter den Frauen, unversehrt unter den Müttern, Herrin unter den Mägden, Königin unter deinen Schwestern. Selig werden dich nennen alle Geschlechter, selig kennen dich die himmlischen Heerscharen, selig preisen dich alle Sänger, selig feiern dich alle Nationen.“ Maria wusste wohl, welch erhabene Würde ihr von Gott zuerkannt war, aber dennoch blieb sie die demütige Magd des Herrn. – Die erste und vorzüglichste Gesinnung unseres Herzens, wenn wir Christus aufnehmen wollen, soll ebenfalls die Demut sein. Wie kommt es, so müssen wir uns fragen, dass unser Herr und Gott zu uns kommt? – Demut ist der Mittelpunkt, um den alle anderen Tugenden sich drehen, das Fundament, auf dem sie alle aufgebaut werden; nur bei einem Demütigen kann sich die Gnade entwickeln und Frucht bringen.
Eine weitere Gesinnung, die die allerseligste Jungfrau bei der Erwartung der Geburt des göttlichen Kindes beseelte, war die Dankbarkeit. Diese wächst geradezu aus der Demut hervor. Denn da sich Maria eines so großen Glückes, wie es ihr zu Teil werden sollte, nicht für würdig hielt, fühlte sie sich zu um so größerer Dankbarkeit angetrieben. Je größer die Gabe ist, um so größer muss auch der Dank sein; wie groß muss er also bei Maria gewesen sein, da ihr der Heiligste der Heiligen, der König der Könige, der Sohn Gottes selbst geschenkt werden sollte! – Dankbarkeit soll auch uns erfüllen bei der heiligen Kommunion, wenn wir diesen Jesus in unser Herz aufnehmen, den Maria in ihrem Schoß getragen hat. Die Dankbarkeit aber besteht vornehmlich in zwei Akten: man lobt den Geber und benutzt seine Gabe. Möchten wir doch die Zeit nach der heiligen Kommunion, die man kurzweg „Danksagung“ nennt, recht benutzen, um Jesus zu loben dafür, dass er sich uns zu schenken gewürdigt hat, und um die Gnaden, die wir in Jesus, dem Quell aller Gnaden, bekommen haben, recht gut zu benutzen!
Schließlich hegte Maria ein recht sehnsüchtiges Verlangen den zu sehen, der der Welt das Heil bringen sollte. Denn Maria wusste aus der Verkündigung des Erzengels, dass das Heilige, das aus ihr würde geboren werden, Jesus, d.h. Erlöser heißen sollte. Auch zum heiligen Josef hatte der Erzengel gesprochen: „Er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.“ Maria nun brannte von dem sehnlichsten Verlangen, der Welt das Heil zu verschaffen; denn durch Jesus sollte die Menschheit aus dem Zustand der Knechtschaft des Satans wieder in den der Kindschaft Gottes versetzt werden. Ihn zu sehen und an seinem Anblick sich zu erfreuen, war ihr höchstes Verlangen, ein reines, großes, heiliges Verlangen. – Was können wir Besseres tun, so oft Jesus in unser Herz einkehren will, als uns ihm mit einem so reinen, heiligen Verlangen nähern, wie die seligste Jungfrau, und mit flehentlichen Bitten ihm unsere Heilsanliegen vorbringen. Betrachten wir es ebenfalls als ein großes Glück, wenn wir Jesus bei einer Segensandacht in der Monstranz zur Anbetung ausgestellt sehen, und bitten wir mit dem heiligen Thomas:
Jesu, den mein Auge jetzt noch sieht verhüllt,
Lass des Herzens Sehnsucht einstens sein erfüllt;
Dass die Seele schaue Dich im Glorienlicht,
Unverhüllt beglücke mich Dein Angesicht
Der Mensch ist ein Wesen der Hoffnung. Anders kann es sich bei einem Geschöpf auch nicht verhalten, das auf Wachsen und Reifen und Sichvollenden angelegt ist. Erst recht nicht, wenn es dazu noch berufen ist, einem überirdischen, ewigen Leben entgegenzueilen. Darum hat der Dichter den Menschen trefflich gekennzeichnet, wenn er von ihm sagt, dass er noch am Grab die Hoffnung aufpflanze.
Dem Menschen eignet deswegen ein feines Gespür für jene Gelegenheiten, in denen die Hoffnung zu Hochformen aufbricht. Zu ihnen gehören besonders die Stunden der erwartenden Mutter, der schwangeren Frau, wenn sie gar bald die noch verborgene Frucht ihres Schoßes dem Licht der Welt entgegentragen soll. Wie viele Gedanken und Gefühle umstürmen dann das Mutterherz. Gedanken der Sorge und Gefühle der Angst, frohe Erwartung und stille Wünsche. Hoffnung auf den wohlverdienten Lohn in der Gestalt eines schönen, eines tüchtigen, eines von Gott gesegneten Kindes.
Mütter in solcher Lage müssten sich jener Mutter zuwenden, die einst die größte Hoffnung der Menschen in ihrem Schoß barg: der Mutter Maria in den bangfrohen Wochen heiliger Erwartung. Was mag in jenen Wochen, in denen sie dazu das Aufschreibungsdekret des Kaisers traf, im Herzen der süßesten aller Mütter lebendig gewesen sein? Sorge um die nahe erwartete Geburt? Wo, wann, wie wird es sein? Sorge um das Schicksal der heiligen Leibesfrucht, von der der Engel so Großes angekündigt hatte? Sicherlich durchzitterte auch stille, süße Freude ihr zartes Herz. Aufjubeln mochte es vielleicht, da Gottes Erlösungswille dem Höhepunkt zustrebte. All das wird die heilige Mutter immer wieder dem Walten der Vorsehung anheimgegeben haben, denn wenn Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind, dann auch des Menschen Hoffnungsträume nicht Gottes Wege.
Wie fein passt dieses Fest in die Adventszeit, die Zeit der großen Menschheitserwartung, die Zeit, da jahrhundertealte Hoffnungsträume der Erfüllung entgegeneilen. Wer freilich der großen Propheten Zukunftsträume mit der göttlichen Verwirklichung in Jesu Erdenleben vergleicht, der findet es wieder bestätigt, was auch Maria immer wieder erfahren hat: Gottes Wege entsprechen nicht der Menschen Wunsch. Darum möge das Fest der Erwartung Mariens uns dazu verhelfen, all unser Hoffen einzig dem Herrn anzuvertrauen und mit der von ihm vorgesehenen Verwirklichung voll zufrieden zu sein.
Kirchengebet
Gott, Du wolltest, dass Dein Wort auf die Botschaft des Engels hin im Schoß der seligen Jungfrau Maria Fleisch annehme. So gewähre denn unsere Bitte und lass durch ihre Fürsprache bei Dir uns Hilfe finden, die wir sie gläubig als wahre Gottesmutter bekennen. Amen.
Zur Geschichte des Festes: In den frühen Jahrhunderten wurde an diesem Tag in der abendländischen Kirche „Mariä Verkündigung“ gefeiert, während man im Orient dieses Fest immer am 25. März beging. Denn in den meisten Jahren fiel das Fest in die Fastenzeit, die keine besondere Feierlichkeit gestattete. Darum bestimmte das Konzil von Toledo im Jahr 656 dafür den 18. Dezember. Dieser Brauch hielt sich aber nicht. Mit der Zeit fing man in verschiedenen Ländern (zuerst in Spanien) an, Mariä Verkündigung wieder am 25. März zu feiern. Dabei wollte man aber den 18. Dezember als Muttergottestag nicht aufgeben und setzte darum das Fest Mariä Erwartung ein. Eine besondere Bedeutung erhielt dieser Festtag durch den Sieg über die Mauren bei Granada am 18. Dezember 1499. Auf diesen Sieg hin baten Tausende von Mohammedanern um die Taufe. 1575 erhielt das Fest Mariä Erwartung endlich seine kirchliche Bestätigung, und als man es 1725 in Rom einführte, war es bereits vielerorts bekannt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde es fast in der ganzen abendländischen Kirche gefeiert.
(„So feiert dich die Kirche“, Prof. Dr. Carl Feckes, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)
Das Fest der Erwartung der Geburt des Herrn aus der allerseligsten Jungfrau
Gottes weise und geheime Vorsehung regiert oft durch Fügungen, die den Augen der Menschen ganz unbedeutend scheinen, die größten Ereignisse der Welt. Was war je wichtiger, was war so feierlich verkündet worden, was hatte die ganze Vorwelt so sehnsüchtig erwartet, als die Geburt des Heilandes zu Betlehem? Maria wusste nicht, wie dies geschehen sollte. Doch wusste sie aus den Schriften der Propheten, dass er zu Betlehem sollte geboren werden. Und sie glaubte dies fest, wiewohl sie nicht einsah, auf welche Weise sie hinkommen würde. Hocherfreut erstaunte sie, als sie sah, auf wie wunderbare Weise Gottes Vorsehung dies ordnete, ob es auch allen übrigen wie ein bloßer Zufall vorkam. Unterwerfen wir uns nach ihrem Beispiel den Ratschlüssen des Herrn, und lassen wir uns durch das blinde Urteil der Sünder nimmermehr im Glauben irre machen. Nichts ist zufällig auf Erden. Ob wir also auch Gottes verborgene Hand nicht immer erkennen, sollen wir uns dennoch in allen Ereignissen unseres Lebens mit Glauben und Vertrauen unterwerfen, nicht vor der Zeit urteilen, und willig ertragen, was Gott über uns anordnet, da wir die unfehlbare Gewissheit haben, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten sich wendet.
Kaiser Augustus erließ den Befehl, dass sich alle nach ihrem Stammort verfügen sollten, sich daselbst aufschreiben zu lassen, damit das ganze Volk gezählt würde. Maria, obwohl der Geburt nahe, gehorchte alsobald in aller Demut und Treue, weil sie in den Befehlen der Obrigkeit den Befehl Gottes erkannte. Heiliger und vollkommener Gehorsam war der Grund aller ihrer Tugenden, denn sie gehorchte aus Liebe und mit Schnelligkeit, hier so wie immer und überall, sobald es der Wille Gottes war. Heiliger Gehorsam ist der Prüfstein der echten Tugend, und das Kennzeichen wahrhaft auserwählter Seelen, denn er vereinigt in sich den Glauben, die Liebe und alle Tugenden. Noch spricht auch diese göttliche Mutter zu allen, was sie einst zu Kana sprach: "Alles, was er euch sagt, das tut!" und wer diesen einzigen Befehl nicht befolgt, schmeichelt sich umsonst, ein Kind dieser gehorsamsten Mutter des Herrn zu sein. Denn der Gehorsam ist eine Unterwerfung unter das ewige Gesetz, das Gott dem Menschen, der im Paradies ihm nicht gehorchte, nun durch Menschen gibt, und: "wer der Obrigkeit sich widersetzt, der widersetzt sich Gott selbst", der da spricht: "Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich." Trachten wir daher aus aufrichtiger Liebe zu Gott unseren Stolz zu überwinden, und auch dem Geringsten gerne zu gehorchen, der uns Befehl, Rat oder Ermahnung zu erteilen hat. Und gehorchen wir mit so großer Liebe und Schnelligkeit, als ob wir Gott selbst gehorchten, wie wir ihm denn auch wirklich in den Befehlen unserer Vorgesetzten gehorchen. Je mehr wir uns überwinden, getreu zu gehorchen, desto verdienstlicher wird unser Gehorsam sein, und desto siegreicher werden wir einst im Reich der ewigen Glorie herrschen.
Übe heute insbesondere einen Akt der vertrauensvollen Hingabe in Gottes heilige Vorsehung, und des Gehorsams gegenüber deinen Vorgesetzten. Und da das heutige stille Fest von der Kirche besonders eingesetzt ist, damit wir gleich der seligsten Jungfrau unser Herz in Andacht und festlicher Freude auf die Geburtsfeier desjenigen bereiten mögen, den sie für das Heil der Welt gebären sollte, so lass dir vom Vorabend des heutigen Festes angefangen die kirchlichen Antiphonen zur Andacht empfohlen sein.
Gebet am Fest der Erwartung der Geburt unseres Herrn
Sei gegrüßt, o gebenedeite Jungfrau, die du vor allen Töchtern Evas gewürdigt wurdest, den Sohn des Allerhöchsten durch die Mitwirkung des Heiligen Geistes in deinem reinsten Schoß zu empfangen. O Mutter meines Herrn, durch die unaussprechliche Gnade dieses göttlichen Geheimnisses bitte ich dich, erbitte mir kraft deiner mächtigen Fürsprache bei deinem eingeborenen Sohn, dass mein Herz mit deiner tiefsten Demut, deiner unbefleckten Reinheit, deinem heiligen Gehorsam und deiner seraphischen Liebe geschmückt, ein reines Lilienbettlein werde, wo bei seiner Geburt dein ewig Geliebter ruhe, damit ich durch ihn gesegnet alle Werke der Finsternis auf immer ablege, in einem neuen Leben wandle, und auf deinen heiligen Fußstapfen von Tugend zu Tugend bis nach Sion schreite, wo er, der Gott der Götter, ohne Schleier gesehen wird, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.
Das Rorateamt (Roratemesse, Rorate) gehört zu den schönsten liturgischen Traditionen in unseren Breiten, um in einer ganz besonderen Weise durch den Advent zu gehen und das Weihnachtsfest vorzubereiten. Mittlerweile werden Roratemessen weltweit gefeiert.
Was ist das Wesentliche? Es ist die spezielle Votivmesse zur Gottesmutter im Advent, wie sie in jedem Missale Romanum enthalten ist, aber eigentlich nur für die Samstage vorgesehen ist. Durch besondere Römische Privilegien genießen einzelne Diözesen oder Länder seit Jahrhunderten aber ganz besondere Privilegien. Etwa das große Rorate-Privileg der Ritenkongregation für die Diözese Linz von 1871, das die Roratemesse als Missa Cantata, oder als Missa lecta, wenn man keine Sänger hat, an allen Tagen des Advent, inklusive der Sonntage erlaubt. Nur an Mariä Empfängnis muss das eigene Messformular verwendet werden. Viele Diözese und Orden haben ähnliche Privilegien, viele stammen aus der Zeit der katholischen Erneuerung nach dem Konzil von Trient.
Tauet Himmel, den Gerechten! Ein besonderes Charakteristikum der Roratemesse ist der Eröffnungsvers aus dem Buch Jesaja 45,8: "Rorate caeli, desuper, et nubes pluant justum - Tauet ihr Himmel, von oben herab, Wolken regnet den Gerechten." Ein weiteres spezielles Merkmal ist, dass sie am frühen Morgen – und bis vor dem Konzil nur am frühen Morgen – vor dem Sonnenaufgang bei Kerzenschein zelebriert wird. Klassischerweise war die Rorate fast überall um 6 Uhr früh. Alte Priester erzählen noch von der großen Feierlichkeit selbst in kleinen Dörfern, wo täglich frühmorgens der Kirchenchor das Hochamt sang. Die Dunkelheit der Nacht und die Lichter symbolisieren in wunderbarer Weise adventliche Gedanken: Das Menschengeschlecht harrt in der Finsternis auf ihren Erlöser wie die klugen Jungfrauen beim Licht der Laternen. Man erwartet den Aufgang der Sonne, Jesus Christus. Man erwartet das hell strahlende Licht der hochheiligen Nacht.
Die Entstehung des Rorateamtes liegt mindestens im Mittelalter, könnte aber noch früher erfolgt sein. Die Roratemesse ist liturgisch eine Votivmesse zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria. Das Evangelium berichtet die Verkündigung des Herrn an Maria durch den Erzengel Gabriel. Die daher auch "Engelamt" genannte Roratemesse wurde ursprünglich an den Samstagen gefeiert, so wie es noch heute in den Rubriken des Missale Romanum angegeben ist.
Ursprung im bayerisch-österreichischen Raum In der Literatur werden als ältester Beleg wiederholt das 15. Jahrhundert und die deutschen Alpenländer genannt. In der Tat waren und sind die Rorateämter vor allem im bayerisch-österreichischen Raum, aber auch in den slawischen Ländern sehr beliebt. Die Tradition ist im deutschen Sprachraum aber wesentlich älter, wie manche Quellen berichten. Bereits im Advent 1362 wurden in Halberstadt, damals Sitz eines Bischofs, im Dom allmorgendlich Rorateämter zelebriert. Da die täglichen Zelebrationen „jüngeren“ Datums sind, und es sich in Halberstadt damals bereits um eine konsolidierte Praxis gehandelt zu haben scheint, läßt sich eine deutlich ältere Entfaltung erahnen.
Zur besonderen Tradition der Alpengegenden gehörte es bis zur Liturgiereform, das Rorateamt vor dem ausgesetzten Allerheiligsten zu zelebrieren. Entsprechende Belege lassen sich in Tirol, Salzburg und Kärnten bis vor wenigen Jahrzehnten zahlreich finden. Generell blieben die beim Volk so beliebten „Segenmessen“ in Österreich bis zur Liturgiereform nach dem Konzil erhalten, auch wenn Josephinismus und später die Liturgische Bewegung und die Hyperliturgen sie beseitigen wollten.
Mögen viele Gläubige den Advent wieder in der so wunderbaren Vorbereitung durch die Rorate tiefer und fruchtbringender erleben!
1. "Ich kenne meine Schafe", spricht der Herr, "und meine Schafe kennen mich." (Johannes 10) Kein Schaf der Herde Jesu ist, wer diesen guten Hirten nicht kennt, denn seine heilige Erkenntnis ist ein Kennzeichen seiner Schafe. Diese Erkenntnis kommt nicht vom Hörensagen, sondern sie ist die Frucht der Betrachtung seiner unendlichen Liebe und der Beherzigung seines heiligsten Lebens, seiner himmlischen Lehre, seines Leidens und seines Versöhnungstodes, wodurch wir allmählich zu einer lebendigen und fruchtbaren Anschauung seines Geistes und seines Herzens eingeführt werden. Kennen wir alles, was im Himmel und auf Erden ist, und kennen Jesus nicht, so kennen wir nichts und abermals nichts.
2. Diese Erkenntnis ist gleich einer Blüte, aus der die Frucht der Liebe hervorgeht. Die Liebe Jesu aber ist der Grund unserer Seligkeit, denn der himmlische Vater liebt uns nur darum, weil wir seinen eingeborenen Sohn lieben, wie der Herr selbst durch die Worte bezeugt: "Der Vater liebt euch, weil ihr mich geliebt habt." Denn Jesus ist der erste Gegenstand der Liebe des ewigen Vaters. Unendlich mehr liebt er ihn, als alle Wesen der Schöpfung zusammengenommen. Ja er liebt auch nichts anderes, außer um seinetwillen. Da also die Liebe uns mit Jesus vereint, liebt er uns als seine Glieder, und macht uns auch nur darum der ewigen Seligkeit teilhaft.
3. "Ich bin die Tür," spricht Jesus, "wer durch mich eingeht, der wird selig werden." (Johannes 10) Niemand kann ohne die Verdienste Jesu Christi selig werden. Niemand aber kann an diesen unendlichen Verdiensten Anteil erhalten, außer durch die liebende Nachfolge Jesu. Und niemand endlich kann Jesus nachfolgen, ohne ihn zu kennen, den der ewige Vater allen Auserwählten als Vorbild aufgestellt hat. "Denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben." (Römer 8,29) Es ist also die Erkenntnis Jesu Christi der Anfang des ewigen Lebens, und je vollkommener sie ist, um so fruchtbarer ist sie für das ewige Heil. 1. Johannes 2,3: "Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben."
O heilige Jungfrau Maria, die du um deiner Demut willen würdig befunden warst, die Mutter deines Gottes zu werden, die du aber deshalb zugleich eine Mutter, eine Zuflucht, eine Fürsprecherin der Sünder bist, bitte Gott für mich. Empfiehl mich deinem Sohn, der dich so innig liebt, der dir nichts abschlagen kann, um was du ihn bittest. Sage ihm, dass er mir verzeihe, dass er mir seine heilige Liebe verleihe und mich selig mache, damit ich ihn mit dir vereinigt eines Tages von Angesicht zu Angesicht im Himmel sehen und lieben kann. Amen.
Andenken an die seligste Jungfrau
Heute ist der achte Tag des Festes der Unbefleckten Empfängnis Mariä. Die Tagzeiten dieses letzten Tages sollen nach Verordnung der Kirche den Tagzeiten des ersten Tages gleich sein. Nur bei großen Festen wird die Feierlichkeit ganze acht Tage hindurch fortgesetzt, dergleichen viele Feste der seligsten Jungfrau, besonders ihrer Unbefleckten Empfängnis, sind. Die katholische Kirche hat in Anordnung der Oktaven bei höheren Festen dem alten Gesetz gefolgt, worin acht Tage für die Hauptfeste bestimmt waren, und der letzte ebenso feierlich, als der erste soll gehalten werden.
Für den heutigen Tag wird folgende Legende erzählt:
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde zu Genua aus der edlen Familie Strata eine Tochter geboren, die Maria Viktoria genannt, vortrefflich erzogen, und da sie erwachsen war, einem Edelmann aus dem Hause Fornari zur Ehe gegeben wurde.
Beide Gatten lebten in Glück und Frieden, in Frömmigkeit und Gottesfurcht, in Milde und Freigebigkeit gegenüber den Armen. Mehrere Jahre waren solcher Weise dahingeschwunden und der Himmel hatte ihren Ehebund mit vier Kindern gesegnet. Da geschah es, dass der Gemahl Viktorias in eine Krankheit verfiel, von der er nicht mehr genesen sollte. Seine christliche Ergebung, mit der er dem Tod entgegensah, minderte in etwas den Schmerz seiner Angehörigen und nächsten Verwandten. Am tiefsten und schwersten aber empfand Maria Viktoria diesen herben Schlag, der durch die Sorge für die Kleinen noch gemehrt wurde. Überdies war sie guter Hoffnung und das fünfte Kind hatte dermaßen, noch ehe es das Licht der Welt erblickt, schon den Vater und damit für alle Zukunft die nötige Stütze verloren.
Im Übermaß ihrer Schmerzen nun warf sich Maria Viktoria vor dem Bild der allerseligsten Jungfrau nieder und flehte sie an, ihren Kindern Mutter zu sein und mit ihnen sie die arme Witwe, in ihren gütigen Schutz zu nehmen. Die Trösterin der Betrübten konnte dieses kummervolle Herz nicht lange ohne Trost lassen. Sie würdigte sie einer Erscheinung und gab ihr die Versicherung, dass sie alle, Mutter und Kinder unter die Ihrigen aufnehme. Die Kinder würden insgesamt ihrem göttlichen Sohn im Ordensstand dienen, und Viktoria selbst würde die Stifterin eines Ordens werden, der dem Dienst der Mutter des Herrn besonders geweiht sein solle. Durch diese Erscheinung und Versicherung wurde Viktoria, die nur aus Gehorsam und gegen ihre immer gehegte Absicht, Nonne zu werden, in den Ehestand getreten war, mit einer so außerordentlichen Freude erfüllt, dass nicht bloß ihre Tränen von da an zu fließen aufhörten, sondern sie auch, noch ehe sie den Platz verließ, das Gelübde der Keuschheit machte, so wie dass sie nie Seide an ihren Kleidern tragen und allem weltlichen Umgang entsagen wolle. Sie schnitt auch ihre Haare ab, die sehr schön waren, und widmete sich ganz den frommen Übungen. Alle ihre Gedanken waren nun immer dahin gerichtet, wie sie den Orden stiften könnte, der insbesondere bestimmt sein sollte, die Mutter Gottes zu ehren. Je mehr sie diesem Ziel zuschreiten wollte, desto mehr Schwierigkeiten begegnete sie, und der Satan erregte ihr so große Hindernisse, dass sie, hätte sie nicht eine allmächtige Gnade unterstützt, unfehlbar unterlegen wäre. Zuletzt war sie Siegerin über alles, was Satan und Welt in den Weg legten, und nachdem ihre Kinder alle in verschiedene Orden getreten waren, nahm sie mit vier Gefährtinnen den Schleier aus den Händen des damaligen Erzbischofs von Genua und späteren Kardinals Spinola (am 5. August 1604). Sie nannten sich Nonnen der Verkündigung Mariä, weil sie Profess taten, die heiligste Jungfrau in allen Geheimnissen ihres Lebens und in allem, was sich auf sie bezog, zu ehren insbesondere aber im Geheimnis der Verkündigung, da sie dieses in den Besitz des vorzüglichsten aller ihrer Titel, der der Titel „Mutter Gottes“ ist, gesetzt hat. Papst Paul V. approbierte in der Folge diesen Orden. Und bereicherte ihn mit mehreren Gnaden und apostolischen Segnungen.
Verschieden von diesem Orden der Verkündigung Mariä, den Viktoria Strata gegründet hat, ist der, den Amadeus Graf von Savoyen, der grüne Ritter genannt, im Jahre 1356 gestiftet hatte, ebenfalls zwar zur Ehre und unter dem Schutz der seligsten Jungfrau, aber mit ganz anderem Endzweck. Es war ein Ritterorden, wie solche in damaliger Zeit mehrere auftauchten. Der Stifter setzte die Zahl der Ritter zum Andenken an die fünfzehn Geheimnisse aus dem Leben Mariens, die im Rosenkranz verherrlicht werden, auf fünfzehn fest. Ebenso sollten fünfzehn Priester für sein und der Ritter geistliches Wohl Sorge tragen. Die besondere Verehrung der Gottesmutter war allen Teilnehmern zur strengsten Pflicht gemacht.
In Erinnerung an die hohe Würde, die Maria dadurch gewann, dass sie die Mutter Gottes geworden und im Andenken an die Hilfe, die sie ob ihrer Mutterschaft uns zu gewähren vermag, bete in Andacht ein Ave Maria.
Der Heilige des heutigen Tages ist ein Spanier und stammte aus einer freiherrlichen Familie, dem aber von allem Besitz außer dem adeligen Namen nur noch ein Webstuhl übriggeblieben war, an dem sich nach dem frühen Tod des Vaters die Mutter abquälte, um das tägliche Brot für die Familie zu verdienen.
Die leidgeprüfte Frau tat, was sie konnte, und freute sich im stillen, das Johannes, der Älteste, ein gutherziger Junge, langsam in die Jahre kam, um ihr am Webstuhl zu helfen. Als es aber soweit war, stellte es sich heraus, dass Johannes nicht das geringste Geschick zum Weben besaß, und bei allem guten Willen, den er aufbrachte, rissen ihm immer wieder die Fäden, und das Tuch, das er herstellte, war nie glatt, sondern wie übersät von Knoten und Knubben. Nein, ein Weber saß in dem Jungen nicht.
Die Mutter überlegte, was man machen solle, und weil sie dachte, dass Holz nicht so leicht zu brechen ist wie Garn, schickte sie Johannes zu einem Schreinermeister in die Lehre. Gewiss hatte die besorgte Frau mit ihrer Ansicht recht, denn Garn ist tatsächlich leichter zu brechen als Holz, aber das Holz hat wieder den Fehler, dass man es zersägen kann, und Johannes zersägte alles, was ihm unter die Finger geriet, Balken und Bretter. Konnte er denn nicht, oder wollte er nicht? Doch, er wollte wohl, aber er konnte wirklich nicht. Es gibt solche Kinder, die zu keiner Handarbeit Geschick haben, und zu diesen gehörte Johannes. Kurzum, das Ende vom Lied bestand darin, dass der Meister den Lehrling heimschickte.
Wieder überlegte die Mutter, was sie machen solle, und weil sie dachte, dass Stein noch härter als Holz ist, tat sie den Sohn zu einem Bildhauer in die Lehre. Doch auch da versagte Johannes, indem er die Steine zerschlug. Was sollte nun aus dem Kind werden? Das war für die Mutter ein großes Fragezeichen und eine nicht geringe Sorge. Dabei war Johannes zweifelsohne gutgewillt, und niemand litt mehr unter seiner Ungeschicktheit als er selbst. Was sollte also aus dem Kind werden?
Gerade zu der Zeit, als sich die Mutter die schwere Frage vorlegte, gründete ein reicher Herr ein Spital für arme Leute, und der Mann erbot sich aus freien Stücken, Johannes als Krankenpfleger anzustellen, und da zeigte es sich, dass Johannes endlich am rechten Platz war. Holz und Stein waren für seine feinfühligen Hände zu hart gewesen, wohl aber war er der gegebene Mann, um Kranke zu pflegen, Wunden zu verbinden und bedrückte Menschenherzen zu trösten. Bald meinte der Gründer des Spitals, dass in dem Jungen nicht nur ein geschickter Wärter, sondern auch ein tüchtiger Krankenhauspfarrer stecke. Deshalb ließ er Johannes, der nichts lieber tat als das, auf seine Kosten die höhere Schule besuchen. Ist es nicht trostreich, dass der liebe Gott für jeden Menschen den rechten Platz zu finden weiß?
Johannes studierte auf Priester, aber Krankenhauspfarrer ist er nie geworden, vielmehr zog es ihn mit tausend Fäden ist Kloster, und weil er ein inniger Marienverehrer war, trat er in den Karmeliterorden ein, in dem die Mutter Gottes hoch verehrt wird. Da war der junge Mann erst recht am rechten Ort, da wurde aus ihm ein kunstvoller Webemeister, der die Fäden der Gnade zu einem Heiligenbild verknüpfte, und ein Zimmermeister wurde aus ihm, der durch Gebet und Buße den glanzvollen Rahmen zu dem Heiligenbild herstellte, und ein Bildhauer wurde aus ihm, der aus sich selbst eine Heiligenstatue verfertigte, so prachtvoll, dass sie für alle Zeiten ein Schmuck der Gotteshäuser bleiben wird. Johannes war ein Künstler hoher Heiligkeit.
Als Johannes ins Kloster ging, erhielt er nach Karmeliterbrauch einen Zunamen und hieß fortan Johannes vom Kreuz. Viel Kreuz hat er lebenslang tragen müssen, denn er wurde der Erneuerer des Ordens, der nicht ohne Widerspruch die Karmeliterklöster zur anfänglichen Strenge zurückführte. Um der guten Sache willen hat der Heilige einmal sogar neun Monate lang in einem grauenhaften Gefängnis verbringen müssen. Auch quälten ihn bis zum Tod unheilbare Wunden und Geschwüre. Die Heiligen haben es stets am schwersten, und weil sie bei allem Kreuz und Leid nie den Mut, die Geduld und die Freude verlieren, sondern Gott zulieb ausharren bis ans Ende, deshalb werden sie Heilige. Seitdem der liebe Heiland, mit dem schweren Kreuz beladen, als erster seinen Einzug in den Himmel hielt, kommt keiner mehr hinein, der nicht auch seinerseits Kreuz und Leid als Pass und Ausweis vorzeigen kann.
Das Tröstlichste, was wir aus der Legende des heiligen Johannes vom Kreuz erfahren, ist, dass der liebe Gott für jeden Menschen den rechten Platz zu finden weiß.
In einer dunklen Nacht, entflammt von Liebessehnen, o seliges Geschick!
So beginnen die Gesänge einer Seele des Hl. Johannes vom Kreuz. Johannes vom Kreuz (1542-1591) lebte in Spanien. Mit 18 Jahren trat er in den Karmeliterorden ein. Der Zustand dieses Ordens erschütterte ihn und er gründete zusammen mit Teresa von Avila mit den "Unbeschuhten Karmeliten" einen Reformzweig. Dabei hatte er mit heftigem Widerstand seitens des Ordens zu kämpfen und wurde sogar monatelang eingekerkert.
Besonders in der Zeit der Kerkerhaft wurden ihm mystische Gotteserfahrungen zu Teil. Die Gedichte und dazugehörigen Erklärungen, die er niedergeschrieben hat, zeugen von diesen Erfahrungen. 1926 wurde er zum Kirchenlehrer erhoben.
Was ist nun jene dunkle Nacht die Johannes vom Kreuz besingt? Sie ist ein Zustand, in den Gott die Seele führt, die er liebt. Ein Mensch, der nur Gutes erfährt, der gleichsam immer auf der Sonnenseite des Lebens steht, vergißt zu leicht, dass alles, was er hat, nur Geschenk ist, ihm nur vorübergehend anvertraut, vergänglich. Allzu schnell können weltlicher Besitz und weltliches Glück vergehen.
Da die Festtracht, die ihr tragt, euch veranlaßt, nicht so gering wie billig von euch zu denken, so legt sie ab, damit ihr, wenn ihr euch fortan im Werktagskleid vorfindet, einseht, dass ihr nicht mehr verdient und wer ihr überhaupt seid. Dies Beispiel führt der Seele ihre Erbärmlichkeit vor Augen, die ihr vorher verborgen war; denn als sie noch festlich einherging und viel Trost, Süßigkeit und Unterstützung bei Gott fand, war sie selbstsicherer und mit sich selbst zufriedener, und es kam ihr vor, Gott einigermaßen zu Diensten zu sein.
Die dunkle Nacht ist die Selbsterkenntnis unserer Schwachheit und Armseligkeit, die Erkenntnis, dass wir alles, was wir sind und haben, allein und ganz Gott verdanken. Diese Einsicht kann sehr schmerzhaft sein und doch ist sie der entscheidende Schritt hin zu einer tieferen Vereinigung mit Gott. Denn wenn wir erkennen, dass wir aus uns nichts haben, sondern alles als Geschenk von Gott empfangen, so werden wir auch offen und dankbar für seine Geschenke und nun kann Gott uns in noch viel größerem Maße als zuvor seine Liebe erweisen.
Hl. Johannes vom Kreuz Unsere Seele sehnt sich nach dieser Liebe Gottes. Nur Gott kann unsere tiefste Sehnsucht stillen. Wenn wir das Verlangen nach irdischen Gütern abgelegt haben, wenn wir nicht mehr falschen Trost suchen, dann kann Gott unser Verlangen stillen und uns bleibenden Trost schenken. Loslassen, um zu empfangen, nichts haben wollen, um alles zu bekommen, das ist das Geheimnis des Weges mit Gott. Davon sagt der Hl. Johannes vom Kreuz:
Um dahin zu kommen, alles zu schmecken, wolle an nichts Geschmack haben. Um dahin zu kommen, alles zu besitzen, wolle in nichts etwas besitzen. Um dahin zu kommen, alles zu wissen, wolle in nichts etwas wissen.
Loslassen von allem Irdischen, frei sein, zur Ruhe kommen. So kann die Seele dem irdischen Gefängnis entfliehen und zu ihrer wahren Heimat bei Gott gelangen. Das meint keine pessimistische Weltverachtung. Die Welt an sich ist sehr gut von Gott geschaffen. Aber es ist unsere Versuchung, uns an diese Welt zu binden und dabei den Schöpfer, an den allein wir uns binden sollen, zu vergessen. Bitten wir Gott, dass er uns Momente der Selbsterkenntnis schenken möge, wenn sie auch noch so schmerzhaft sind. Bitten wir ihn, dass er uns Kraft gebe, alles Irdische loszulassen. Bitten wir ihn, dass er uns frei mache, damit wir in Freiheit zu ihm gelangen. Haben wir Verlangen nach der Liebe Gottes, die allein unsere Sehsucht stillt und uns allein glücklich machen kann.
So blieb ich und vergaß mich selbst, neigte das Antlitz über den Geliebten. Alles erlosch, ich gab mich auf, ließ meine Sorge fahren, vergessen unter Lilien.